(Text abgedruckt im TANGRAM Nr. 6, S. 22-28, dem Bulletin der Eidgenössischen Kommission gegen Rassismus EKR, Bern)
© März 1999. Sekretariat EKR, CH-3003 Bern, Tel. 031-324 13 31; Fax: 031-322 44 37; ekr-cfr@gs-edi.admin.ch
Die tagespolitische Dimension der rechtsradikalen Herausforderung lässt sich mit einem engen Rechtsextremismusbegriff abstecken. Er erlaubt Gruppierungen und Phänomene zu isolieren: «Neonazi», «Skinhead». Mit dieser «begrifflichen Eingrenzung» wird aber die Gefahr gleichzeitig verharmlost. Die «Gefahr von rechts» ist deswegen gefährlich, weil viele junge Rechtsextreme sich als Avantgarde einer weitverbreiteten Stimmung betrachten. Will man diesem Phänomen theoretisch gerecht werden, braucht es neue Konzepte. Claus Leggewie (1993) hat vorgeschlagen, den engen Rechtsextremismusbegriff durch den einer «Bürgerbewegung» zu ersetzen. In den rechtsextremen Phänomenen sieht er analog zur Ökologie- und Friedensbewegung eine neue Bürgerbewegung in Mitteleuropa. Schliesst man sich dieser Meinung an, so muss man der Bedrohung nicht nur auf der Ebene der Tagespolitik begegnen, sie ist auch als Herausforderung ethischer Art zu betrachten, weil sie grundlegende ethische Werte unserer Gesellschaft in Frage stellt.
Der Bielefelder Sozialwissenschaftler Wilhelm Heitmeyer (1992) hat für seine empirischen Untersuchungen über rechtsextreme Haltungen bei Jugendlichen als einer der ersten den engen Begriff des Rechtsradikalismus fallen lassen und sich eher an strukturellen Momenten orientiert. «Rechtsextrem» sei - so die Minimalbeschreibung - eine Anschauung, die von der «Ideologie der Ungleichheit» getragen ist und eine «Akzeptanz von Gewalt» als Lösung von privaten und politischen Konflikten zeigt. Heitmeyer zeigte auf, dass das klassische Bild eines durch die Geschichte und Bilder verführten Jugendlichen, der den Nazi-Rattenfängern nachläuft, nicht zutrifft. Vielmehr sei die rechtsextreme Orientierung bei den betroffenen Jugendlichen ihre Form der Wirklichkeitsbewältigung. Das ethische Dilemma unserer Gesellschaft verhilft geradezu zur Entstehung der rechtsextremen Haltungen: Die Erfahrung, dass sich «der Stärkere» durchsetzt, und die in unserer Öffentlichkeit herrschende «Ideologie der Ungleichheit» ermöglichen die Umformung der Erfahrung: «Der Stärkere setzt sich durch» in die Maxime: «Der Stärkere soll sich durchsetzen».
Das, was verunsicherte Jugendliche als ihre Art von Wirklichkeitsbewältigung ausleben, wird aber auch als ausdrückliches kulturpolitisches Programm verkündet. Damit möchte ich die radikalste Form der rechtsradikalen Herausforderung bezeichnen, die ich gleichzeitig als religiöse Herausforderung qualifizieren möchte. Sie zielt nicht nur auf die Veränderung einzelner ethischer Normen hin, sondern auf die Entwicklung eines - zum christlich-abendländischen im Gegensatz stehenden - alternativen, vom Prinzip der Ungleichheit geprägten Welt- und Menschenbildes.
Ein solches alternatives Welt- und Menschenbild wurde schon immer in den vielen neuheidnischen Glaubensgemeinschaften entwickelt (vgl. Guggenberger, Scheindlenka 1993; Haack 1981, 1983). Über den Stellenwert dieser Strömungen wird gestritten. Sie können meist als relativ harmloses - weil folkloristisch geprägtes - Phänomen eingeschätzt werden, das auf theologischer und philosophischer Monotheismuskritik und dem postmodernen «Lob des Polytheismus» beruht.
Gefährlicher sind völkisch-religiöse Ideologien, Ariosophie, esoterisches Neuheidentum. Sie weisen in ihrem Glaubensbild einige Konstanten auf: Im Grunde sind sie alle dem Modell einer «rückwärtsgewandten Heilsgeschichte» verpflichtet. Das goldene Zeitalter einer germanischen Religiosität (gekennzeichnet durch eine «Völkische Harmonie», weil die Germanen in Einklang mit sich selbst, mit der Natur und mit ihren Göttern gelebt hätten) sei durch die Fremdherrschaft des Christentums beendet worden. Nun sei die Zeit gekommen den «ursprünglichen Glauben» zu befreien und zu Europas eigener Religion zurückzukehren! Die relative Harmlosigkeit solcher religiösen Ideen und theologischen Denkmuster endet spätestens beim Nachweis direkter Verbindungen zum rechtsextremen Lager. Die Gefahr die mit dem Begriff der «Neuen Heiden» angesprochen ist, wird erst dann erfasst, wenn man sie in Verbindung bringt zu den normativen Grundsätzen unseres Zusammenlebens. Die Neuen Heiden lösen das ethische Dilemma unseres Alltags durch dessen Abschaffung. Zum theoretischen Inbegriff dieser Haltung sind in den letzten Jahren die sogenannten «Neuen Rechte» geworden.
Spätestens seit der Etablierung der Neuen Rechte auf der wissenschaftlichen und kulturellen Bühne Europas wird die relative Harmlosigkeit der neuheidnischen Impulse in Frage gestellt. Der schillernde Begriff der Neuen Rechte steht für die Grauzone zwischen der wertkonservativen und rechtsradikalen Haltung, die gefährlicher sein kann als der offene Rechtsextremismus. Gerade weil dort die zerstörerischen Erscheinungsbilder fehlen, wird diese «geistige Strömung» immer noch unterschätzt. Sie zielt allerdings nichts Geringeres an, als die Rettung des «bedrohten» europäischen Bewusstseins durch die «Reinigung» desselben von den «zerstörerischen» jüdisch-christlichen Impulsen.
Die «Geburtslegende der Nouvelle Droite» wurde bereits vielfach erzählt (vgl. Rollat 1991): Ende der 60er Jahre machte sich eine Gruppe junger französischer Intellektueller das Rezept des italienischen Kommunisten Gramsci zu eigen, wonach die gesellschaftliche Macht nicht über politische Aufstände allein zu erringen ist, sondern einer langfristigen und geduldigen ideologischen Überzeugungsarbeit innerhalb der zivilen Gesellschaft bedarf (Benoist 1985, S. 39-51). Als Reaktion auf die Studentenrevolte wurde ein Verein zur Unterstützung der wissenschaftlichen Untersuchungen der europäischen Zivilisation (GRECE: Groupement de Recherche et d'Etudes pour la Civilisation Européénne) gegründet mit dem erklärten Ziel, die kulturelle Macht in Frankreich wiederzuerobern. Damit wurde eine «Denkschule» mit einem breiten Publikationsnetz aus der Taufe gehoben, deren bekanntester Vordenker und Theoretiker Alain de Benoist heisst. Die Titel seiner wichtigsten Werke lauten: Heide sein und Aus rechter Sicht (dieses Buch bekam 1977 den Preis der Academie Francaise). Seit 1990 gibt Benoist eine Buchreihe mit dem Titel Konservative Revolution heraus.
Nach zehn Jahren intensiver Forschungs- und Bildungstätigkeit trat GRECE verstärkt an die Öffentlichkeit. Als intellektuelle Modeerscheinung ist die Nouvelle Droite zwar verhältnismässig schnell abgeklungen, doch sie veränderte das konservative Lager nachhaltig. Viele - bisher als rechtsradikal qualifizierte und damit auch geächtete - Tabus sind salonfähig geworden.
Nach dem französischen Vorbild wird auch in anderen Ländern gearbeitet. So wurde 1980 in Kassel das Thule-Seminar unter dem Vorsitz von Pierre Krebs als Arbeitskreis für die Erforschung und das Studium der europäischen Kultur gegründet. Dem französischen Beispiel folgend beruht diese Strategie einerseits auf Allianzen mit traditionellen rechtsextremen kulturellen Vereinigungen und Verlagsinstituten, anderseits auf der bewussten Kontaktpflege zu einer Reihe von konservativen Intellektuellen und Zeitschriften.
Das Thule-Seminar gibt zweimal jährlich eine programmatische Schrift ELEMENTE DER METAPOLITIK ZUR EUROPÄISCHEN NEUGEBURT heraus. Sie soll den «Kulturkampf» anheizen und immer wieder die «Strategie der kulturellen Revolution» reflektieren. Programmatisch wurden in der ersten Ausgabe (Winter 1985/86) die zentralen Themen der Zeitschrift festgelegt: Fragen nach der eigenen «heidnischen Identität» Europas und der Bedeutung religiöser Ideen für politische Konzepte, sowie die Erforschung und Wiederbelebung eines modernen europäischen Rassenbewusstseins mit dem Ziel, «das Gesicht Europas und der Welt» von morgen zu verändern.
Der Vertiefung dieses kulturpolitischen Kampfes dient die wissenschaftliche Auseinandersetzung im Kontext der Biologie und anderer Naturwissenschaften. Führend dabei ist die vierteljährlich erscheinende NEUE ANTHROPOLOGIE. ERBE UND VERANTWORTUNG. Sie wird von der Gesellschaft für biologische Anthropologie, Eugenik und Verhaltensforschung e.V. in Hamburg herausgegeben, in deren wissenschaftlichem Beirat u.a. auch A. de Benoist sitzt. Das Vokabular des Blattes ist geprägt durch die Termini: «Rassenhygiene», «europid», «Bevölkerungspolitik»; die ideologische Linie ist einer radikalen Vorordnung der Biologie vor Ethik, Ästhetik und Religion verpflichtet. Das politische Konzept des Ethnopluralismus und der Politik der Rassentrennung werden als biologisch notwendig propagiert. Auf dem Gebiet der Geschichtswissenschaft leistet die vierteljährlich erscheinende ZEITSCHRIFT FÜR KULTUR-, GEISTESGESCHICHTE UND POLITIK. DEUTSCHLAND IN GESCHICHTE UND GEGENWART ähnliche Arbeit. Die biologistischen Grundannahmen werden gezielt mit den «klassischen deutschen» rechtsgerichteten Themen «Nordmensch» und «germanische Rasse» kombiniert und konsequent wird die Geschichte des deutschen Faschismus «richtiggestellt».
Auf der Ebene der popularisierenden Publizistik ist zuerst die Allianz der Vordenker der Neuen Rechte mit den in den 60er Jahren gegründeten Zeitschriften CRITICON und MUT zu nennen. Das letzte, vielleicht auch das beste Beispiel für die Strategie der Neuen Rechte stellt die JUNGE FREIHEIT dar.
Warum stellt das Programm der «Neuen Rechte» eine religiöse Herausforderung dar? Die Neuen Rechte werfen der abendländischen Rationalität vor, durch den «jüdisch-christlichen Obskurantismus» jahrhundertelang einer falschen und zerstörerischen Tradition verpflichtet gewesen zu sein. Wir haben hier eine der nuanciertesten Formen des traditionellen Antijudaismus/Antisemitismus vor uns: die jüdische Religion und der jüdische Gott werden der Zerstörung menschlicher Kulturen angeklagt.
Die tiefsten Wurzeln des kulturpolitischen «Übels» ortet Benoist (1992) in der jüdisch-christlichen Schöpfungslehre und deren Implikationen. Dabei wird die Frage nach der Schöpfung weniger in einen kosmologischen als in einen politischen Kontext gestellt. Einerseits habe die Trennung von Gott und Welt die «ewige» Welt ihrer «göttlicher» Kräfte beraubt; anderseits bilde der «jüdisch-christliche Mythos» von einem Gott und von der unmittelbaren Beziehung eines jeden Menschen zu diesem Gott, die Tatsache also, dass laut Bibel alle Menschen eines Ursprungs sind, die Grundlage eines philosophischen Universalismus. Mehr noch, wenn die Menschen glauben, dass vor Gott alle gleich sind und Gott Vater aller Menschen ist, dann habe dieser Glaube politische Konsequenzen, er fordere den Egalitarismus und die Vision der Einheit der Menschheit. Eine Vision, die zur politischen Richtschnur der Neuzeit werden konnte.
Der Angriff auf den biblischen Monotheismus geht noch einen Schritt weiter: Zugunsten der Ausrichtung auf die Universalität verschwinde die «Bodenreligion», die Verwurzelung im Land und Boden. Der biblische Mensch habe nur ein «End-Land», ein Bestimmungsland vor sich; eine solche Weltauffassung leiste der Aufhebung von Grenzen Vorschub. Hand in Hand mit der Infragestellung der Bodenreligion gehe auch die Negation der «Blutreligion». Die Tatsache, dass Jahwe keine Kinder zeugt, trotzdem aber Vater aller Menschen ist, stelle sowohl die biologisch-verwandschaftlich begründete Gemeinschaft als auch die Verpflichtung den Ahnen gegenüber in Frage. Die im jüdischen Glauben angelegte Tendenz zur Vernichtung «echter Bruderschaften», Verbände und Völker sei durch Jesus perfektioniert worden. Er habe die einzig mögliche, die Evolution der Menschen potenzierende Frömmigkeit zunichte gemacht, denn: «Es gibt nur eine echte Frömmigkeit, die des Sohnes dem Vater gegenüber und weiter den Ahnen, dem Geschlecht, dem Volk gegenüber. Jesus, der angibt, dass Joseph nicht sein wahrer Vater ist - das er Sohn eines einzigen Gottes ist und der Bruder aller Menschen -, leitet den Prozess der Väterverleugnung ein.» (Benoist Philosophie, S. 105)
Schliesslich wirke sich die biblisch-prophetische Tradition der Unterordnung der Politik unter die Moral, und die Verpflichtung der politischen Machtträger auf ethische Grundsätze «verhängnisvoll» aus. Das aus dieser Tradition abgeleitete Prinzip der Gewaltenteilung und der Unterordnung des Politischen unter die Rechtsprechung sei falsch, weil es die Eigenständigkeit des Politischen zerstöre. (Benoist 1983/1984 Bd.2, v.a. S. 7-82.)
Die jüdisch-christliche Tradition wird also als mitschuldig an der Genese der egalitären Wertesysteme angeklagt.
Eine weitere Quelle des Welt- und Menschenbildes der Denker der Neuen Rechte ist ein modernisierter Biologismus und Rassismus. (Benoist 1983/1984 Bd. 1, v.a. S. 273-386) Ausgehend von den Ergebnissen der Verhaltensforschung, für die Konrad Lorenz, Irenäus Eibl-Eibesfeld, Hans Jürgen Eysenck, Arthur Jensen u.v.a.m. Pate stehen, propagiert die Neue Rechte das «Recht auf den Unterschied» und will dieses auch «wissenschaftlich» begründen. Klingt hier nicht die alte rassistische Fragestellung an? Alain de Benoist bekannte dies indirekt, indem er als Grund des Scheiterns des Nationalsozialismus u.a. die romantische, nicht wissenschaftliche Idee des Rassismus bezeichnete. Die «Neue Rechte» will dagegen das «Problem Rassismus» ernsthaft, d.h. wissenschaftlich angehen (vgl. Benoist 1985, S. 53-68). Die Wissenschaftlichkeit dieser Bemühung steht und fällt mit dem - man müsste fast sagen - «Dogma» des Ethnopluralismus.
Was besagt die Vision des Ethnopluralismus? Es ist der Glaube daran, dass die Identität eines Volkes sich immer und nur im Kontext eines Territoriums und einer spezifisch kulturellen Prägung entwickelt und dort auch erhalten werden soll. Was auf den ersten Blick als Banalität erscheint, die Heimatverbände landauf landab propagieren, entpuppt sich beim näheren Zusehen als Neuauflage des alten Sozialdarwinismus und Rassismus, denn die Neue Rechte will die so beschriebene Volksidentität auch biologisch verankert wissen. Einfach ausgedrückt: Die «Landschaft» prägt die Menschen soweit, dass es zu ihrer Natur wird, in dieser Landschaft zu leben. Zur «Landschaft» gehören aber auch die Lebensumstände: «Wir setzen ihr (der egalitären Welt) die pluralistische Menschheit entgegen, die in den verschiedenen Teilen der Welt eine andere Hautfarbe besitzt. Ihre jeweils geistige erbmassenbedingte Erscheinungsformen reflektiert die unterschiedliche Empfindsamkeit einer Seele, die andere psychische Saiten ertönen lässt [...] Unsere Verwurzelung ist territorial, menschlich und kulturell.» (Krebs 1981, S. 23)
Konzepte der Verhaltensforschung werden unmittelbar auf das menschliche Zusammenleben angewendet: Der territoriale Instinkt drücke sich in der «Personalisierung des Raumes» aus: Abgrenzung nach aussen, Solidarität nach Innen, Absicherung und Eingewöhnung. Das Individuum fühle sich nur einer bestimmten Gruppe, in der es sich wiedererkennen kann, verpflichtet. Sprache, Bräuche und Verhaltensweisen bilden Identifikationsfaktoren. Sozialdarwinistische Vorstellung der natürlichen Auslese gekoppelt mit einem geradezu emphatischen Vertrauen in Technologie und Technik fügen sich schliesslich zu einem erschreckenden eugenischen Programm zusammen: Die «genetische Entartung der Menschheit» durch den «unnatürlichen Schutz des Schwachen» könne durch die genetische Programmierung des Menschen überwunden werden. (Morcau 1983)
Mit Ethnopluralismus als umfassenden Rahmen zur Deutung der menschlichen Geschichte und Gesellschaft ist Ausländerfeindlichkeit ein natürliches Instinktverhalten. Abzulehnen sind «Eingriffe» in den naturgegebenen Raum. Entwicklungs-, Hunger- und Katastrophenhilfe sind unnatürliche Eingriffe in die völkische Identität eines Volkes, die eine «natürliche Selbstauslese» verhindern und auf diese Weise zu «Völkermord» führen. Migration und Integration von Menschen verschiedener Rassen und Kulturen sind eine Gefahr für die Evolution, sie zerstören die naturgegebene Vielfalt der «Arten» und das «Ökosystem» der Menschheit. «Wie bei Pflanzen gelte es auch bei Menschen, eine natürliche Artenvielfalt zu erhalten. Dabei seien die 'Unterarten des Menschen' ebenso wie die von Pflanzen und Tieren einem Ökosystem eingeordnet» (nach: MUT 3/1983). Der Kampf gegen die Migration wird damit zu einer ökologischen Aufgabe. Er rettet nicht nur die Identität eines Volkes, sondern das Gleichgewicht der Erde.
Da die Annahme, alle Menschen hätten die gleiche Würde nur ein biblischer «Aberglaube» sei, werden die Menschenrechte als normative Vision der Politik abgelehnt. In den Worten des heute vor allem als Esoteriker bekannten italienischen Faschisten Julius Evola (über den v.a. GRECE umfassende Forschungen anstellt) lautet das folgendermassen: «Aus der blossen Zugehörigkeit zur biologischen Spezies Mensch lässt sich nicht auf das Vorhandensein von Individualität schliessen. [...] Nicht jedem ersten besten kann Menschenwürde zugesprochen werden, und auch wo sie vorhanden ist, erscheint sie in verschiedenen Abstufungen. [...] Eine allgemeine Achtung vor der menschlichen Person ist ein Aberglaube.» (In Christadler 1983, S. 187.)
Was haben diese Postulate mit der Theologie, dem Glauben und dem Angriff auf die jüdisch-christliche Tradition zu tun? Nach der Meinung der Theoretiker der Neuen Rechte stellen sie das legitime Erbe des Heidentums dar. Und dieses Heidentum muss heute neu belebt werden, wenn wir überleben und unsere Überlegenheit behalten wollen.
Es geht nicht um eine romantische Idee des Heidentums und die Rückkehr zur verzauberten antiken Welt: «Man braucht nicht an Jupiter oder Wotan zu 'glauben' [...], um Heide zu sein.» Vielmehr geht es um die mit dieser heidnischen Glaubensweise verbundenen «Wertesysteme» (Benoist 1982, S. 30). Theologisch setzen diese bei der Identifizierung von Gott und Welt an, ohne religiöse Verklärung der Natur oder «post-moderne» Schöpfungsmystik, sondern durch die - der biblischen entgegengesetzte - Vermittlung zwischen Biologie, Ethik und Ästhetik: «Wahr ist das, was sich in die Lage versetzt, zu existieren und fortzudauern. Das, was verdienen würde zu sein, wird sein.» (Benoist 1985, S. 31) Die «Macht» der Tatsachen begrenzt in dieser neuheidnischen Weltsicht die erkenntnistheoretische Phantasie und weist einem etwaigen religiösen Glauben seinen Platz zu: Wenn das Starke das Wahre ist, so ist das Starke auch das Gute und das Schöne. Die wahren Götter und die wahren Menschen sind diejenigen, die die Macht haben, sich durchzusetzen. Diese neuheidnische Weltkonstruktion, die Gott und Welt nicht trennen will und letztendlich nur eine Quelle des Seins - die Macht - kennt, mündet in eine «moderne Theologie» der Nation oder auch der Rasse. Nicht die Begründung des solidarischen Verhaltens steht zur Diskussion, sondern dessen Beseitigung.
Wie kann es angesichts des Angriffs auf die jüdisch-christliche Tradition zu einer Grenzverwischung zwischen den katholisch-konservativen Kreisen und den Impulsen der Neuen Rechte kommen? (Vgl. Niewiadomski 1991)
Die entscheidende Übereinstimmung liegt im Postulat der Ungleichheit, wie es sowohl von der Action Francaise wie in den kirchlichen und gesellschaftlichen Idealen katholischer faschistoider Organisationen vertreten wurde. Auf derselben Basis beruhen auch in der Gegenwart Berührungen, Allianzen und gegenseitige Unterstützung. Programmatisch und unmittelbar lässt sich das bei den Kreisen um den Erzbischof M. Lefebvre und seiner Pius-Bruderschaft beweisen. Priester von Lefebvre beteiligten sich regelmässig an der Wahlpropaganda von Le Pen in Frankreich und sind bei den Versammlungen rechtsradikaler Parteien gar liturgisch tätig gewesen . Die Weltbilder dieser Bewegungen stimmen weitgehend überein. Lefebvre bezeichnete das grösste Übel der nachkonziliaren Kirche in der Zuwendung dieser Kirche - so sein Wortlaut - zum nivellierenden Liberalismus der Französischen Revolution. Er geht noch weiter und betrachtet Menschenrechte und das Postulat der Gleichheit als satanischen Ursprungs. Anstelle der Menschenrechte gelte es, die «Rechte Jesu Christi» zu propagieren. Diese kulminieren im Bekenntnis zum konfessionellen, katholischen Staat. Die politische Vision der Welt, wie sie die Kreise von Lefebvre verfolgen, entspricht den Visionen der radikalen religiösen Fundamentalisten und strukturell dem Programm des Ethnopluralismus: der katholische Staat in Mitteleuropa, der Islamische in Afrika usw.
Bei Lefebvre bildet die Verteufelung des Vatikanischen Konzils und die Ideologie der Ungleichheit die Basis direkter Allianzen. Aber auch andere fundamentalistisch angehauchte katholische Kreise flirten mit der neu-rechten Politik. Die radikale Polemik gegen die Kirche als Volk Gottes, als Gemeinschaft aller, beruht auf derselben Vision einer Kirche als Gesellschaft von Ungleichen (societas inaequalis). Gleichheit als «tödlich» darzustellen, wird geradezu zum Unterscheidungsmerkmal zwischen katholischen Gemeinschaften. So kann die JUNGE FREIHEIT jene Zeitschriften als «wahrhaft katholisch» qualifizieren, die das Vatikanische Konzil ablehnen, oder eine Interpretation desselben bieten, die die Impulse von Mitverantwortung, Gleichheit, Demokratie zurückdrängen.
In dieser Auseinandersetzung stehen zwei Glaubenssysteme einander gegenüber. Angesichts der Grundsätzlichkeit der Herausforderung reicht es nicht aus, immer wieder nur auf die Postulate der Solidarität zu verweisen; die normative Grundlage für unsere Solidarität steht zur Diskussion. Die Kritik der Neuen Rechte an der biblischen Religiosität und ihr Lob des Heidentums unterscheidet sich frontal von der Mode gewordenen «modernen» Anklagelitanei der liberalen «Kirchenfresser», die gegen den «Anspruch» des christlich-jüdischen Monotheismus polemisieren, in diesem nur den Ursprung eines unterdrückenden Totalitarismus sehen und von einem bekömmlichen Holismus träumen. Die «Neue Rechte» prangert das genaue Gegenteil an: dass die jüdisch-christliche Tradition mitverantwortlich an der Genese der egalitären Wertesysteme ist! Diese würden unsere gegenwärtige Kultur in den Untergang führen, weil sie sich der Wahrheit, dass der Stärkere sich durchsetzt, widersetzen. Wahr ist das, was sich durchsetzt. Wenn das Starke das Wahre ist, so ist das Starke auch das Gute und das Schöne. Deswegen müsse sich Europa zu den alten «heidnischen» Religionen und Wertesystemen bekehren, zu einer «modernen Theologie» der Nation oder auch der Rasse.
Die Frage nach der «Religion» für Europa bekommt damit eine Nuance, die an den Grundlagen unserer demokratischen Kultur rüttelt: Lässt sich das Universale (zu dem auch das Schwache dazugehört) heute noch begründen und der Wert des Schwachen und Beschädigten retten? Es sind nicht nur die Glaubensgemeinschaften die aufs Neue herausgefordert sind: Es geht dabei um die Würde von uns allen.
ist Professor für Dogmatik am Institut für Systematische Theologie der Theologischen Fakultät an der Universität Innsbruck (Forschungsschwerpunkte: Selbstverständnis des Christentums im Kontext der modernen - durch Markt und Medien strukturierten - Öffentlichkeit; Zusammenhänge von Religion-Gewalt).
Dieser Beitrag ist in einer ausführlicheren Fassung erschienen in: Reinalter H., F. Petri und R. Kaufmann 1998, Das Weltbild des Rechtsextremismus. Die Strukturen der Entsolidarisierung. Innsbruck: Studien Verlag, S. 170-187.
Christadler, Marieluise, 1983. «Die 'Nouvelle Droite' in Frankreich.» In: Fetscher, Irving: Neokonservative und «Neue Rechte»: der Angriff gegen Sozialstaat und liberale Demokratie in den Vereinigten Staaten, Westeuropa und der Bundesrepublik. München: C.H. Beck.
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Gugenberger, Eduard / Roman Schweidlenka, 1993. Die Fäden der Nornen. Zur Macht der Mythen in politischen Bewegungen. Wien: Döcker.
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Rollat, A., 1991. «'Nouvelle Droite' - die 'Neue Rechte' in Frankreich.» In: Kirfel, Martina, Walter Oswalt: Die Rückkehr der Führer. Modernisierter Rechtsradikalismus in Westeuropa. Wien: Europa Verlag, S. 119-125.
Während die Öffentlichkeit die humanistischen Werte - Mitleid, Hilfsbereitschaft, Solidarität - als normativ verkündet, macht der Mensch auf der Strasse, vor allem der Jugendliche, immer wieder die Erfahrung, dass sich «der Stärkere» durchsetzt. Dieses ethische Dilemma verhilft zur Entstehung rechtsextremer Haltungen: Die Erfahrung, dass sich «der Stärkere» durchsetzt, und die in unserer Öffentlichkeit herrschende «Ideologie der Ungleichheit» ermöglichen die Umformung der Erfahrung: «Der Stärkere setzt sich durch» in die Maxime: «Der Stärkere soll sich durchsetzen». Rechtsradikale Ideologien wie sie von rechten Intellektuellen im Umfeld des Vereins zur Unterstützung der wissenschaftlichen Untersuchungen der europäischen Zivilisation (GRECE: Groupement de Recherche et d'Etudes pour la Civilisation Européénne) und des deutschen Thule-Seminar verbreitet werden, sind eine ethische, ja religiöse Herausforderung.
Die Kritik der Neuen Rechte an der biblischen Religiosität und ihr Lob des Heidentums unterscheidet sich frontal von dem Mode gewordenen bekömmlichen Holismus. Die Neue Rechte wirft der jüdisch-christlichen Tradition vor, mitverantwortlich an der Genese der egalitären Wertesysteme zu sein. Diese würden unsere gegenwärtige Kultur in den Untergang führen, weil sie sich der Wahrheit, dass der Stärkere sich durchsetzt, widersetzen. Deswegen müsse sich Europa zu den alten «heidnischen» Religionen und Wertesystemen bekehren, zu einer «modernen Theologie» der Nation oder auch der Rasse. Laut dem «wissenschaftlich» begründeten «Recht auf den Unterschied» ist die Volksidentität biologisch verankert und muss mit eugenischen Massnahmen vor «Entartung» geschützt werden. Migration und Integration von Menschen verschiedener Rassen und Kulturen sind eine Gefahr für die Evolution, sie zerstören die naturgegebene Vielfalt der «Arten» und das «Ökosystem» der Menschheit.
Die Zusammenarbeit zwischen dieser Neuen Rechte und rechtskatholischen Kreisen, wie der Pius-Brüderschaft von Erzbischof M. Lefebvre, mag paradox erscheinen, tatsächlich stimmen jedoch die Weltbilder weitgehend überein, beruhen sie doch gemeinsam auf dem Postulat der Ungleichheit. Lefebvre bezeichnete als das grösste Übel der nachkonziliaren Kirche, deren Zuwendung zum nivellierenden Liberalismus der Französischen Revolution und betrachtete Menschenrechte und das Postulat der Gleichheit als satanischen Ursprungs.
Dans l'opinion publique, des valeurs humanistes comme la compassion, l'entraide, la solidarité, sont généralement considérées comme la norme. Or, l'homme de la rue, à commencer par le jeune, fait de plus en plus souvent l'expérience de la loi du plus fort. Ce dilemme favorise l'apparition de comportements extrémistes: l'expérience vécue de la loi du plus fort conjuguée à l'idéologie largement répandue de l'inégalité raciale font que «le plus fort impose sa loi» a tendance à être reformulé ou compris comme «la loi du plus fort est la meilleure!». Les idéologies radicales de droite telles qu'elles sont propagées par des intellectuels gravitant autour du Groupement de Recherche et d'Etudes pour la Civilisation Européenne GRECE et du Thule-Seminar allemand, constituent un défi ethnique, voire religieux.
Le dénigrement de la religiosité biblique et l'éloge du paganisme par les nouvelles droites se distinguent fondamentalement d'un polythéisme de bon ton. Les nouvelles droites reprochent à la tradition judéo-chrétienne d'avoir contribué au développement d'un système de valeurs égalitaire. Elle considère que ce système, qui nie la «vérité» de la supériorité de certaines races, conduit la civilisation actuelle à sa perte. Pour survivre, l'Europe doit se reconvertir aux anciennes religions et systèmes de valeurs païens, faire sienne une «théologie moderne» de la nation ou de la race. Selon le «droit à la différence» qui serait établi scientifiquement, l'identité des peuples est inscrite dans les gènes et doit être protégée de la dégénérescence par des mesures eugéniques. Dans le même ordre d'idées, les mouvements migratoires et l'intégration d'individus de différentes races et cultures représentent un danger pour l'évolution, parce qu'ils détruisent la «diversité biologique des espèces« et l'«écosystème» de l'humanité.
Une collaboration entre les nouvelles droites et les milieux catholiques intégristes - comme la communauté de feu Monseigneur Lefebvre - peut paraître à première vue paradoxale. Mais en fait, leurs visions du monde coïncident dans une large mesure puisqu'elles reposent toutes deux sur le postulat de l'inégalité. Pour Lefebvre, le plus grand tort de l'Eglise post conciliaire est d'avoir adhéré au libéralisme égalitaire de la Révolution française; quant aux droits de l'homme et au principe de l'égalité des races, ils étaient selon lui d'origine satanique.