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Tätigkeitsbericht 1995
Rückblick 1995 und Ausblick
von Dieter Sträuli (S. 4-6)
Entwicklung der Beratungs- und Informationsstelle
Im Jahr 1995 hat sich die Zahl der beantworteten Anfragen
beim Verein infoSekta gegenüber dem Vorjahr weiter
erhöht (vgl. die infoSekta-Statistik).
Wesentlich zu dieser Leistung beigetragen haben Susanne
Schaaf und Esther Lenzin. Im ersten Halbjahr stand Philipp
Flammer wegen seinen Abschlussprüfungen an der
Universität Zürich nur begrenzt zur
Verfügung. Ab Mitte 1995 wurde die Informations- und
Beratungsstelle zu einer 100%-Stelle ausgebaut, weiterhin
betreut von Susanne Schaaf und Philipp Flammer.
Trotz weiterhin prekärer Finanzlage wurde im Herbst
beschlossen, mit dem Ausbau der Stelleninfrastruktur zu
beginnen. Wichtigste Punkte waren die Einrichtung neuer
Computerarbeitsplätze, die Entwicklung einer
teamfähigeren Software ("Projekt HellSeher") und die
Suche nach neuen Finanzierungsmöglichkeiten. Als Ziel
streben wir die Verdoppelung der Informationsdienstleistung
ab dem zweiten Halbjahr 1996 an.
Stadt und Kanton haben infoSekta die früher
zugesprochenen finanziellen Beiträge von Fr. 20'000.-
bzw. 25'000.- überwiesen. infoSekta dankt für
diese lebenswichtige Unterstützung. Insgesamt hat sich
aber die finanzielle Situation des Vereins nicht verbessert
(vgl. Bilanz und Erfolgsrechnung). Die Zahl der
Gönnerinnen und Gönner konnte nicht wesentlich
erhöht werden, und auch grössere Sponsoren konnten
noch nicht gefunden werden.
Wir danken auch Regula Spichiger, die uns 1995 in
juristischen Dingen sachkundig beraten hat, für ihre
wertvolle Hilfe.
Ereignisse im Umfeld von infoSekta
Die Berichtsperiode war - wie die letzte - geprägt
von Aufsehen erregenden Ereignissen im Zusammenhang mit
Sekten. Am 20. März 1995 wurden über viertausend
Menschen verletzt (einige tödlich) als Mitglieder der
Sekte Aum-Shinrikyo in fünf überfüllten
Tokyoter U-Bahn-Zügen das Nervengift Sarin freisetzten.
In einem Wald bei Grenoble wurden am 23. Dezember 1995 nach
mehrtägiger Suche erneut die Leichen von Mitgliedern
der Sonnentemplersekte entdeckt - sechzehn Menschen kamen
um, unter ihnen drei Kinder. In Deutschland eskalierte der
Konflikt zwischen Scientology und den Behörden.
Klagen gegen infoSekta
infoSekta war 1995 Zielscheibe zweier gerichtlicher
Klagen. Scientology reichte am 25. Januar ein Rechtsbegehren
bezüglich Datenschutzgesetz ein. Das Gericht trat auf
die Klage nicht ein, da die Kaution von Fr. 3000.- nicht
bezahlt wurde. Die zweite Klage kam von Landmark Education
AG. Die Klägerin wehrt sich - im Rahmen des
Persönlichkeitsschutzes und des Gesetzes gegen
unlauteren Wettbewerb - dagegen, durch infoSekta in das
Umfeld von Sekten gerückt zu werden und möchte
infoSekta gerichtlich verbieten, die Dokumentation zu
Landmark oder den Bericht von Susanne Schaaf über das
Landmark-Forum (siehe Tätigkeitsbericht 1991-93) zu
verbreiten. Der Prozess ist noch hängig; bisher wurde
von infoSekta die Klagebeantwortung eingereicht.
Vorträge, Tagungen, Publikationen, Medien
Unsere MitarbeiterInnen Susanne Schaaf und Philipp
Flammer hielten Vorträge beim Kindergartenkapitel, im
Seniorenheim, an der Schule für praktische
Krankenpflege, in diversen Pfarreien und Vereinen, am Real-
und OberschullehrerInnen-Seminar, beim Jugendamt des Kantons
Zürich, bei Ciba Geigy Basel und Landis & Gyr in
Zug. Es handelte sich meist um mehrstündige
Anlässe mit Weiterbildungscharakter. Ferner bestritten
sie einen Vorlesungszyklus an der Dolmetscherschule
Zürich.
Am 3./4. Februar 1995 führte infoSekta zusammen mit
der Paulus-Akademie Zürich eine Tagung durch mit dem
Titel "Zur Sache: Scientology. Manipulation, Kommerz und
Machtanspruch eines Sekten-Konzerns". Als ReferentInnen
sprachen: Liane von Billerbeck aus Berlin (Mitautorin von
"Scientology. Der Sekten-Konzern"), Ursula Caberta aus
Hamburg, Prof. Dr. med. Hans Kind (Verein infoSekta), Hugo
Stamm (Tages-Anzeiger Zürich), Dr. Urs Eschmann und
Susanne Schaaf (infoSekta), Daniel Fumagalli (ehemaliger
Scientologe), Dieter Sträuli (infoSekta) und Jürg
Stettler (Presseprecher Scientology Schweiz). Die Tagung
wurde in der Zürcher Presse kommentiert.
Susanne Schaaf und Dieter Sträuli schrieben für
die Verbandszeitschrift der Föderation der Schweizer
Psychologinnen und Psychologen FSP den Artikel "Wege
aus der Abhängigkeit. Psychotherapie und psychologische
Beratung von Sektenbetroffenen und deren
Angehörigen".
Dieter Sträuli nahm an mehreren Radio- und
Fernseh-Diskussionssendungen zu den Themen "Geistheiler",
"Ausserirdische und UFOs" sowie "Schwarze Magie" teil.
Am 16. März 1996 veranstaltete infoSekta zusammen
mit der Paulus-Akademie Zürich, der Ökumenischen
Arbeitsgruppe "Neue religiöse Bewegungen" und dem
Tagungszentrum Boldern eine Tagung mit dem Titel
"Missbrauchte Sehnsucht oder Was ist eine Sekte?".
Referenten: Dr. Volker Hesse (Neumarkttheater Zürich),
Hugo Stamm (Tages-Anzeiger), Joachim Finger und Dr. Georg
Schmid (beide "Neue religiöse Bewegungen"), Philipp
Flammer, Matthias Mettner und Dieter Sträuli (alle drei
infoSekta).
Ausblick
Das Jahr 1996 steht im Zeichen eines inneren Umbruchs.
Die Informations- und Beratungsstelle des Vereins infoSekta
stösst an ihre Grenzen sowohl räumlich als auch
personell und finanziell. Die ständig wachsende Zahl
der Anfragen und der Berg an zu verarbeitenden Informationen
lassen sich mit den gegebenen Möglichkeiten kaum mehr
bewältigen.
Einhellig ist jedoch unsere Überzeugung, dass eine
unabhängige Stelle wie die des Vereins infoSekta gerade
auch im Hinblick auf das "magische" Jahr 2000 (und
vermutlich noch lange darüber hinaus) notwendiger ist
denn je. Quasichristliche Endzeit-Propheten und esoterische
Wendezeit-Gurus predigen den Weltuntergang. In einer solchen
Zeit ist es wichtig, dass den diffusen Zukunftsängsten
nüchterne, ideologiekritische und Verständnis
schaffende Informationen gegenübergestellt werden.
In dieser Situation gilt es für infoSekta, im Jahr
1996 grundlegende Weichen zu stellen. Die Infrastruktur muss
team- und leistungsfähiger werden. Zu diesem Zweck
läuft zur Zeit das "Projekt HellSeher", die
Eigenentwicklung einer neuen EDV-Lösung. Neue
Finanzierungsquellen müssen erschlossen werden. Unter
anderem versuchen Philipp Flammer und Monika Zwimpfer
private Sponsoren für das "Projekt HellSeher" zu
gewinnen. Ebenso wichtig ist es, der Arbeit von infoSekta in
der Öffentlichkeit und in der Politik mehr Beachtung
und damit mehr finanzielle Unterstützung zu
verschaffen. Auf 1. Oktober 1996 müssen zudem neue
Räume gefunden werden. Diese zusätzlichen
Belastungen werden wohl auch 1996 noch manche Engpässe
schaffen und die Verwirklichung einiger gehegter Projektidee
verzögern.
© Mai 1996. Verein
infoSekta.
Die Informations- und Beratungsarbeit 1995
(infoSekta-Statistik)
von Philipp Flammer und Susanne Schaaf (S.
7-12)
- Häufigkeit der Anfragen
- Geografische
Verteilung der Anfragen
- Institutioneller
Hintergrund der Anfragen
- Thematisierte
Gruppen
- Beziehung
des Anfragenden zur thematisierten Drittperson
I. Häufigkeit der Anfragen
Im Beratungsjahr 1995 wurden insgesamt 1073 Anfragen
bearbeitet, wiederum etwas mehr als im Jahr zuvor (Abb.1).
667 Anfragen (62%) trafen auf dem schriftlichen Weg ein
(Brief oder Fax), 374 Personen (35%) kontaktierten uns
telefonisch. Bei 789 Anfragen (74%) handelte es sich um
reine Informationsanfragen, und bei 276 (26%) Anfragen um
klare Beratungs- oder Problemfälle.

Die telefonische Beratungszeit von infoSekta war leider
nach wie vor auf die zwei Stunden am Donnerstagvormittag
beschränkt. Die Woche hindurch wurden jedoch auch
schriftliche Anfragen beantwortet und persönliche
Beratungsgespräche geführt. Die Anzahl
Anrufversuche, die unter der Woche auf unserem
Telefonbeantworter registriert wurden, haben im Vergleich
zum Vorjahr stark zugenommen (Abb.2). Dies mag zum einen mit
dem steigenden Bekanntheitsgrad von infoSekta
zusammenhängen. Möglicherweise haben aber auch der
Giftgasanschlag der AUM-Sekte und das 1995 weiterhin
aktuelle Drama der Sonnentempler die Sektenthematik im
Bewusstsein der Öffentlichkeit besonders wach
gehalten.

II. Geografische Verteilung der Anfragen
Die Anfragen aus dem Kanton Zürich machen knapp die
Hälfte aller Anfragen aus (420 bzw. 44%; Abb.3). Die
restliche Deutschschweiz trat mit 453 der Anfragen (47%) an
infoSekta heran. 59 der Anfragen (6%) stammen aus
Deutschland. Der Anteil der Welschen und Tessiner ist
verschwindend gering. Die geografische Verteilung entspricht
etwa derjenigen des Vorjahres (Abb.4).

Betrachtet man die Anfragen aus der Deutschschweiz ohne
Kanton Zürich, so wird ersichtlich, daß im
Beratungsjahr 1995 - wie auch schon 1993 und 1994 - die drei
Kantone Aargau, Bern und St. Gallen das Mehr der Anfragen
ausmachen (242 bzw. 53%), wobei die Aargauer Anfragen im
Vergleich zum Vorjahr stark zugenommen haben.

III. Institutioneller Hintergrund der Anfragen
Drei viertel der Anfragenden (833 bzw. 78%) haben sich
aus rein persönlicher Initiative an infoSekta gewandt,
lediglich ein viertel (240 bzw. 22%) der Anfragen stammen
von institutioneller Seite d.h. von Behörden, sozialen
Diensten, Kirchgemeinden, Medien u.a. (Abb. 5) Die Anfragen
stammen zu 58% von Frauen und zu 42% von Männern.

IV. Thematisierte Gruppen
Zu welchen Gruppen die Anfragenden Informationen oder
Hilfe wünschten, verdeutlicht untenstehende Auflistung
(Abb. 6). Sie bezieht sich auf alle Anfragen zu einer
einzelnen Gruppe. Anfragen zu Sekten allgemein sowie
"Sammelbestellungen" zu mehreren Gruppen sind hier nicht
berücksichtigt. Diese Auflistung stellt keine Wertung
oder "Sekten"-Etikettierung dar, sondern eine Rangierung
nach Häufigkeit der Anfragen. Die Anfragenden bestimmen
das Profil dieser Liste.

Mit 121 Anfragen (15%) stand - wie auch bereits im
Vorjahr - das Unternehmen Landmark Education AG (Das Forum)
eindeutig an der Spitze der Organisationen, nach denen
gefragt wurde, gefolgt von Scientology mit 52 (6%) und der
Endzeitgemeinde Zeugen Jehovas mit 40 Anfragen (5%). Zu den
verschiedenen Gemeinschaften der Pfingstbewegung wandten
sich 39 (bzw. 5%), zum Verein zur Förderung der
psychologischen Menschenkenntnis VPM 22 Anfragende (3%) an
infoSekta. Wie auch schon im Vorjahr bezog sich ein
kleinerer Teil der Anfragen auch auf unsere Beratungsstelle
infoSekta selbst.
Die beiden theosophischen Gruppen "Das Fundament für
Höheres Geistiges Lernen FHGL", welches unter dem Namen
"Universale Kirche" wegen antisemitischer
Äußerungen in die Schlagzeilen geraten ist, und
"I AM" sorgten ebenso für Anfragen wie die Mormonen,
die japanische Yamagishi-Vereinigung, Osho (ehemals Bhagwan)
und die Endzeitgemeinde der Adventisten. Wenige Anfragen
trafen zu den Neuapostolen, den Hare Krishnas, Uriellas
Orden Fiat Lux, den Rosenkreuzern und dem Universellen Leben
der Gabriele Wittek ein.
Die Hälfte (!) der Anfragen bezog sich jedoch auf
ein Sammelsurium unzähliger Klein- und Kleinstgruppen
aus dem christlich-fundamentalistischen, hinduistischen,
esoterischen, psychologischen u.a. Lager oder auf in diesen
Bereichen tätige"Einzelunternehmer" (404 bzw. 50%). Das
Arbeitsfeld von infoSekta zeichnet sich also durch eine
enorme Bandbreite von Heilsangeboten und
Welterrettungsrezepten aus. Diese Pulverisierung des
Weltanschauungsmarktes erfordert einen großen Aufwand
an Informationsbeschaffung und -verarbeitung, macht die
Arbeit der Sektenberatung aber auch sehr spannend.
V. Beziehung des Anfragenden zur thematisierten
Drittperson
463 der Anfragenden (43%) wandten sich an uns, weil sie
sich um eine andere Person (hier Drittperson genannt)
sorgten, weil sie bei ihr eine (beunruhigende)
Persönlichkeitsveränderung feststellten oder kein
vertrautes Gespräch mehr führen konnten (Abb. 8).
Um welche sozialen Beziehungen geht es dabei? 23% der
Anfragen stammen aus dem engeren Familienkreis der
Drittperson (Eltern, Geschwister, Kinder), 14% der Anfragen
von LebenspartnerInnen. 34% sorgten sich um FreundInnen,
Bekannte und ArbeitskollegInnen.

© Mai 1996. Verein
infoSekta, Zürich.
Zuständigkeit für infoSekta 1995
Präsidium
Mettner Matthias, lic. phil. Theologe und
Sozialwissenschaftler, Studienleiter an der
Paulus-Akademie
Sträuli Dieter, Dr. phil. Psychologe
Vorstand
Gmür Mario, PD Dr. med. FMH Psychiater und
Psychotherapeut
Lenzin Esther, Psychotherapeutin
Zemp Niklaus, lic. phil. Psychologe und Theologe
Zingg-Zimmermann Christoph, Pfarrer
Zwimpfer Monika, lic. phil. Germanistin und
Marketingplanerin
MitarbeiterInnen
Flammer Philipp, lic. phil. Soziologe
Schaaf Susanne, lic. phil. Psychologin FSP
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