Stellungsnahme zur Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage [Mormonen] (infoSekta, 1997)
von einer freien Mitarbeiterin infoSekta
Einleitung
Eine Stellungnahme zu einer spezifischen Gruppe kann nie neutral sein, denn man nimmt dabei - wie das Wort Stellungnahme auch sagt - immer einen bestimmten Standpunkt ein, der auf bestimmte Wertvorstellungen baut. Wer sich z.B. dem christlichen Glauben sehr stark verbunden fühlt, wird zu anderen Schlüssen kommen als jemand, der Religion grundsätzlich kritisch gegenübersteht. infoSekta sieht sich der freiheitlichen Kultur unserer modernen Gesellschaft verpflichtet, die sich für Humanität einsetzt, die Autonomie des Individuums für wichtig hält und demokratisch organisierte Entscheidungsverläufe bevorzugt. D.h. bei der Einschätzung von Gruppen orientiert sich infoSekta an Werten wie Selbstentfaltung, Selbstbestimmung, Kritikfähigkeit, freie Meinungsäusserung, Gleichberechtigung der Geschlechter und soziale Verantwortung. Vor diesem Hintergrund muss die Mormonenkirche als problematische Gruppe bezeichnet werden.
Im "Leitbild" von infoSekta findet sich eine Liste von Merkmalen, die bei der Beurteilung von Gruppen berücksichtigt werden und auf die sich auch die folgenden Ausführungen beziehen. Da die Inhalte der mormonischen Lehre hier nicht separat in zusammenhängender Form dargestellt werden, sondern v.a. in ihrer Funktion als Legitimation von Strukturen Erwähnung finden, ist es sehr zu empfehlen, sich vorgängig anhand der beiliegenden Lektüre einen Ueberblick über diese Lehrinhalte zu verschaffen.
Hierarchische und patriarchale Strukturen
Die Struktur der Mormonenkirche lässt sich als Pyramide beschreiben, an deren Spitze ein Führer mit zwei Beratern steht. Ihnen sind verschiedene Gremien mit genau definierten Aufgaben zugeordnet, die ihrerseits wieder Untergruppen vorstehen. Dieses System von Führern, Beratern und zugeordneten Gremien wiederholt sich auf jeder hierarchischen Stufe und ist - je nach Hierarchieebene - für einen unterschiedlich grossen, geographischen Raum zuständig (global, kontinental, regional, lokal).
Führungsaufgaben kann nur ein Mann übernehmen, denn nur Männer erhalten das sog. "Priestertum" übertragen, das zu solchen Aufgaben befähigen soll. Vom 12. Lebensjahr an werden junge Männer mit über die Zeit wachsenden Kompetenzen zu "Trägern" dieses "Priestertums", einer geistlichen Vollmacht, kraft derer heilige Handlungen (wie z.B. Abendmahl segnen, Taufen, Tempelzeremonien ausführen usw.) ewiggültig vollzogen werden können und durch die Entscheidungen in (lokal-) kirchlichen Belangen als göttlich inspiriert gelten. Entsprechende Macht kommt dem Mann auch in der Familie zu: Er ist der Patriarch, einer alttestamentarischen Vaterfigur vergleichbar.
Die Frau dagegen erhält weder Vollmacht noch damit verknüpfte Führungsämter. Sie hat nur vermittelt durch Männer Zugang zur "Macht" dieses "Priestertums", dem ausserordentliche, ja wunderwirkende Kräfte zugeschrieben werden. Die Funktionen der Frauen beschränken sich auf die Unterstützung der Männer, auf Hilfsorganisationen und den reibungslosen Ablauf von kirchlichen Veranstaltungen. Diese krasse Ungleichbehandlung, meinen die Mormonen, sei wettgemacht durch die Aufgabe der Frau als Mutter. Es ist ihre erste und wichtigste Pflicht, Kinder zu gebären und grosszuziehen, in dieser Funktion wird die Frau verherrlicht und idealisiert. Dass sie aber auch auf diese Rolle reduziert wird, wollen die Kirchenoberen nicht wahrhaben. Die berüchtigten drei K's - Kinder, Küche, Kirche - treffen auf Mormonenfrauen in hohem Masse zu. Es ist daher sehr bezeichnend, dass die oberste Führungsspitze in den 70er Jahren in Amerika die gesetzliche Verankerung der Gleichberechtigung (das sog. ERA, Equal Rights Amendment) massiv bekämpft hatte.
Am Fusse der Pyramide steht die Familie, die für die Mormonen das zentrale Fundament darstellt, auf dem ihre Gemeinschaft aufbaut, und die gottgewollte Lebensform bedeutet, auf die sich eine Vielzahl der Ermahnungen, Belehrungen, Richtlinien, Verheissungen etc. beziehen. Die damit verbundenen, oben beschriebenen Geschlechterrollen gelten ebenfalls als gottgegeben und sollen nicht nur die irdische Lebensspanne betreffen, sondern sich auch auf die Ewigkeit vorher und nachher erstrecken.
Autoritäre Führung und Umgang mit abweichenden Meinungen
Seit Joseph Smith, Gründer und erster Führer der Mormonenkirche, trägt der Inhaber des höchsten Führungsamtes den Titel "Prophet, Seher und Offenbarer". Im Unterschied zum letzten Jahrhundert empfängt der heutige "Prophet" kaum mehr Offenbarungen, die neue Glaubenssätze begründen. Vielmehr gelten seine Entscheidungen, die die Leitung der Kirche betreffen, als göttlich inspiriert. Was die obersten Führer, die sog. "Generalautoritäten", an Belehrungen und Handlungsweisen bekanntgeben, muss von den Mitgliedern als von Gott kommend angenommen werden. Die Führer zu kritisieren, auch die regional oder lokal eingesetzten, würde bedeuten, sich dem göttlichen Willen zu widersetzen. Kirchliche Doktrin und Entscheide der Kirchenführer werden dadurch jeder möglichen Kritik entzogen und gelten als verbindliche Richtschnur, nach der Gläubige ihr Leben zu gestalten haben. Somit kann man die Mormonen zu den fundamentalistischen Glaubensgemeinschaften zählen.
Abweichende Meinungen werden zuerst als mangelndes Verständnis aufgrund geistiger Unreife ausgelegt und ziehen Belehrungen nach sich, die durchaus den Charakter von Verweisen annehmen können. Schwenkt der oder die Aufmüpfige immer noch nicht auf den gewünschten Kurs ein, wird ihnen dies als böswillige Verstocktheit bis hin zu einem arglistigen Verführen-Wollen der Treugläubigen ausgelegt. Als Strafen können z.B. verhängt werden: ein Verbot, am Abendmahl teilzunehmen, der Entzug des Tempelzulassungsscheines oder eines Amtes bis hin zur Exkommunikation. Solche Disziplinierungsmassnahmen bleiben solange wirksam, bis Schuldige "Busse tun", d.h. "reumütig" ihre Verfehlung bekennen und davon ablassen. Jegliches Abweichen vom System wird den Andersdenkenden angelastet: Wer zweifelt hat bzw. ist das Problem, nie aber das System. Das System selbst irrt nie.
Selbstentfaltung und Gruppenideal
Die Mormonen betonen zwar, wie wichtig persönliches Wachstum sei, doch sind die Art, wie dies zu geschehen hat, und die Richtung dazu klar vorgegeben. Der individuelle Fortschritt misst sich an einem Gruppenideal. Anders gesagt: Sich zu entfalten, heisst, sich zu einem 'Mustermormonen' zu entwickeln durch Gebet, Schriftenstudium, Teilnahme an vielen Versammlungen und Aktivitäten, durch Mitarbeit im Gemeindeaufbau (v.a. Missionsarbeit) und durch die Erfüllung von Kirchenaufgaben (in der Organisation, Administration, Schulung, Belehrung etc.), die nebenberuflich ausgeübt werden, aber oft sehr zeit- und arbeitsintensiv sind. Es sollen bestimmte Vorschriften eingehalten werden, wie der Verzicht auf Genussmittel (kein Alkohol, Kaffee, Tabak) oder die Abgabe des zehnten Teils des Bruttoeinkommens. Für die Mormonen drückt sich somit die geistige, spirituelle Entwicklung hauptsächlich darin aus, wie sehr man sich dem Kirchendienst widmet. Sie weisen wohl darauf hin, dass dies alles freiwillig sei, wer aber in den Tempel, das höchste Heiligtum für die Mormonen, eingelassen werden möchte, muss sich in der obigen Form aktiv beteiligen. Im Tempel finden Zeremonien statt, die man - so der Glaube der Mormonen - vollzogen haben muss, um nach dem Tod dereinst in der Gegenwart Gottes leben zu dürfen.
"Universalrezept" für sämtliche Probleme
Aehnlich eng sind die Lösungen, die die Mormonen für individuelle Probleme bereithalten. Wer im Mormonenritus getauft wird, erhält auch die sog. "Gabe des Heiligen Geistes" zugesprochen. Unter der Bedingung, dass man "würdig" genug ist, das heisst, sofern man sich in genügendem Masse an die Lehre und Lebensform der Mormonen hält, verspricht diese "Gabe" die ständige Begleitung des Heiligen Geistes, der einen befähigen soll, sich in allen Situationen so zu verhalten, dass Konflikte gar nicht erst entstehen. Wer dennoch Probleme hat, mit sich oder seinen Mitmenschen, ist noch nicht soweit, den Geist ununterbrochen bei sich zu tragen. Durch vermehrtes Fasten und Beten soll man sich wieder um die Führung des Geistes bemühen, der mittels eines "warmen Gefühls" die Richtigkeit eines Entscheides anzeigen soll. Eine Lösung, die den rigiden mormonischen Vorstellungen widersprechen würde, gilt automatisch als nicht inspiriert, ja zeugt erst recht von der bedenklichen spirituellen Verfassung des/der Suchenden, die sich von den eigenen Wünschen, bösen Geistern etc. täuschen lassen.
Diese schematische Form, Probleme anzugehen, wird mit der Zeit so verinnerlicht, dass sie innerhalb des Individuums abläuft und nur in schwerwiegenden Fällen von aussen beurteilt oder kontrolliert wird. Das hat fatale Konsequenzen: Zusätzlich zu den alltäglichen und weniger alltäglichen Konflikten, die der Lösung harren und einen belasten, ist man der eigenen inneren Gerichtsbarkeit ausgeliefert. Und weil man sehr wohl um die eigenen Schwächen und Unzulänglichkeiten weiss, wird man sich selber hinsichtlich "Würdigkeit" stets ungünstig beurteilen. Man unterwirft sich einer ständigen Eigenkontrolle und verliert so das Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten. Wieder lastet die ganze Verantwortung allein auf dem Individuum. Ist man nicht glücklich, liegt es nicht am System, das mit seinen starren Normen die Individualität zu sehr in vorgeschriebene Bahnen zwingt, sondern an der eigenen Unzulänglichkeit, sich dem 'einzig richtigen, glücklich-machenden' System anzupassen.
Zur Ideologie der Mormonen:
Glaubensinhalte sind noch viel schwieriger zu beurteilen als formelle oder informelle Organisationsstrukturen. infoSekta versteht sich nicht als Autorität, die unfehlbar über die Richtigkeit bzw. Falschheit von Glaubensinhalten urteilt. Doch erlaubt sie sich, Aussagen, für die rückhaltloser Glaube gefordert wird, kritisch zu befragen: einerseits aus der Alltagserfahrung und einem gesunden Menschenverstand heraus, aber auch unter Einbezug ihr bekannter, allgemein akzeptierter Erkenntnisse aus wissenschaftlichen Disziplinen wie der Psychologie, Soziologie, Theologie, Medizin und der Natur-, Wirtschafts- und Rechtswissenschaft. Auf dieser Basis lässt sich zur mormonischen Lehre folgendes klarstellen:
- Das "einzig wahre" Christentum? - Elitebewusstsein und Ausschliesslichkeit des Glaubens.
Die Mormonen sind der Meinung, dass Jesus Christus in Palästina und nach seinem Tod auch in Amerika die einzig wahre Kirche aufgebaut habe, deren Mitglieder aber hüben wie drüben bald vom rechten Glauben abgefallen seien. Erst mit und über Joseph Smith sei 1830 diese Kirche in ihrer ursprünglichen Form wiederhergestellt worden. Das bedeutet, dass sich die Mormonen als die einzige Gemeinschaft verstehen, die im Besitz des vollständigen Evangeliums ist; sie lehnen folglich jegliche Oekumene ab. Aussenstehende kritisieren nicht nur das Elitedenken und den Ausschliesslichkeitsanspruch, sondern sie zweifeln auch grundsätzlich die Christlichkeit des Mormonismus an. Die Mormonen lehren zwar auch die Bibel als das Wort Gottes und verwenden christliche Begriffe. Aber wieweit die Bedeutung, die sie diesen Begriffen beimessen, und v.a. wieweit ihre spezifische Interpretation bestimmter Schriftstellen, die dabei für die sonstige Tradition ungewöhnliche theologische Schlüsselpositionen erhalten, noch dem christlichen Spektrum zuzurechnen sind, ist umstritten. Das Urteil hängt von der Position des Betrachters ab: Religionswissenschaftler, die sich dem Christentum sehr verbunden fühlen, neigen eher dazu, den Mormonen die Christlichkeit ganz abzusprechen, während andere, die auch dem christlichen Glauben kritisch gegenüberstehen, sie wohl eher als halbwegs christliche Gruppe gelten lassen würden.
- Die zusätzlichen heiligen Schriften der Mormonen
Die Mormonen haben zusätzlich zur Bibel eigene heilige Schriften, die - gemäss Lehre - auf göttliche Vermittlung (Buch Mormon, Köstliche Perle) oder durch neue Offenbarungen (Lehre und Bündnisse) an den Kirchengründer Joseph Smith zustande kamen. Mit diesen Schriften hat Joseph Smith dem amerikanischen Kontinent und seinen Bewohnern eine heilsgeschichtliche Bedeutung beigemessen, die vom Anfang der Welt bis zu ihrem Ende reicht. Joseph Smith verkündet, auf Anweisung eines Engels vorübergehend in den Besitz "goldener Platten" gekommen zu sein, die die 'wirkliche' Geschichte Amerikas enthalten hätten, die er übersetzt und als Buch Mormon herausgegeben habe.
Zu Beginn des Buches Mormon werden drei Zeugen zitiert, die bestätigen, die goldenen Platten und den Engel gesehen zu haben. Die Mormonen sehen in diesen Zeugen einen Beweis für die wahrheitsgemässe Schilderung der Ereignisse wie auch für die von Gott legitimerte Autorität des Buches Mormon. In der mormonenkritischen Literatur wird auf zeitgenössische Berichte hingewiesen, in denen alle drei Zeugen ausführlich über die Qualität ihres Erlebens befragt worden sind. Im Mittelpunkt stand die Frage, ob sie Engel und Platten nun konkret mit den 'leiblichen' oder nur mit 'geistigen' Augen gesehen hätten, worauf alle drei angaben, sie hätten sie nur mit 'geistigen' Augen gesehen. Eine so bedeutsame Einschränkung entzieht diesem Zeugnis, dem die Mormonen soviel Gewicht beimessen, jegliche empirische Grundlage und Beweiskraft.
Die Mormonen betrachten die Ureinwohner Amerikas, von denen das Buch Mormon angeblich berichtet, als Abkömmlinge des Hauses Israel. Sie rechnen sich selber auch dazu und fühlen sich dem Alten Testament entsprechend verbunden. Ihre Lehre enthält denn auch Elemente und Begriffe, die ans Judentum der alten Zeit erinnern wie Tempel, Tempelrituale, Aaronisches und Melchisedekisches Priestertum, Zion-Symbolik, Abgabe des Zehnten.
- Gnostisch-okkulter Heilsweg
Die mormonische Heilsgeschichte, der "Erlösungsplan", wie sie es nennen, ähnelt esoterischen Lehren, die in den ersten Jahrhunderten des Christentums aufkamen und mit den frühen christlichen Gemeinden konkurrierten: Es handelt sich dabei um Vorstellungen von der Präexistenz des Menschen als Geistfunke, von dessen Wanderung durch die Materie (gemeint ist das irdisch-körperliche Leben) und von seiner Entwicklung und Rückkehr ins Reich des Lichts. Solche Vorstellungen werden in der heutigen Religionswissenschaft unter dem Begriff "Gnosis" zusammengefasst.
Ähnlich glauben die Mormonen, dass alle Menschen als buchstäbliche Geistkinder Gottes (und damit als Geschwister Jesu) ein vorirdisches Dasein durchlebt und hier auf Erden einen Körper bekommen hätten, mit dem Auftrag, ihren "Stand" zu bewahren und sich weiterzuentwickeln. Nur wem dies gelinge, dürfe dereinst wieder im höchsten Himmel in Gottes Gegenwart leben und später sogar wie Gott Welten schaffen und Geistkinder zeugen, die ihrerseits wieder auf einem analogen Entwicklungsweg einer Gottwerdung entgegenstreben würden. Für die Entwicklung eines Mensch-gewordenen "Geistkind Gottes" im mormonischen Sinn sind der Tempel und die darin stattfindenden Belehrungen und Rituale von zentraler Bedeutung. Zugang dazu erhalten nur Mormonen, von diesen aber auch nur jene, die sich in einer eingehenden Befragung als "würdig" erwiesen haben. Die Tempelzeremonien sind Schlüsselelemente des mormonischen Glaubens, da die Kenntnisse der dort verkündeten Lehren bzw. die dort vollzogenen sog. "Siegelungen" unabdingbar sind für den Eintritt in den höchsten Himmel, der allein ein Leben in der Gegenwart Gottes und ewige Vermehrung im oben geschilderten Sinn ermöglicht. Für alle anderen Mormonen (und Nicht-Mormonen sowieso) bleiben die im Tempel stattfindenden Zeremonien geheim, verborgen ("okkult", "esoterisch"). Obwohl Mormonen schwerwiegende Konsequenzen befürchten müssen, wenn sie zu Aussenstehenden über die Geschehnisse im Tempel sprechen, weiss man, dass gewisse Ritualgesten, Erkennungszeichen, Symbole, Kleidungsteile in sehr ähnlicher Form von den Freimaurern her bekannt sind. In mormonenkritischer Literatur wird denn auch gerne erwähnt, dass Joseph Smith Mitglied einer Freimaurerloge war. (Nach Hauth 1995, S.128, trat er einer solchen 12 Jahre nach der Kirchengründung, nämlich am 15.3.1842 in Nauvoo bei.)
Die auserwählte Elitegemeinschaft
Das unverrückbar wirkende System der mormonischen Lehre und der vermeintlich unfehlbare Weg zur Erlangung des eigenen Heils machen die Mormonenkirche für Menschen, die in der heutigen, pluralistischen Gesellschaft nach "sicheren Werten" suchen, anziehend. Die relativ nüchterne, religiöse Sprache der Mormonen, ihre grundsätzliche Einstellung, dass "Gottes Wege" für den, der wahrhaftig genug sucht, erforsch- und verstehbar sind, und das damit verbundene Fortschrittsdenken erwecken den Eindruck logischer Sachlichkeit. Diese Art zu argumentieren und zu erklären fügt sich gut ein in unsere heutige, rationalistische Gesellschaft, in der Logik und Vernunft hoch bewertet werden. Weiter wird die 'Welt ausserhalb' nicht pauschal abgewertet und als feindlich oder moralisch schlecht gemieden. Sie wird vielmehr als Acker gesehen, der politisch, gesellschaftlich, privat zu bearbeiten ist, um dem Reich Gottes zum Wachstum zu verhelfen. Mormonen sollen "in der Welt, aber nicht von der Welt sein" und als leuchtende Vorbilder ihren Mitmenschen den Weg zum Heil weisen. Dieses leistungsorientierte, dynamische Moment trifft sich mit Ansprüchen, die aus dem Berufsalltag vertraut sind als Prinzipen, deren Erfüllung Prosperität und Erfolg versprechen. Aehnlich vermitteln lokal und regional organisierte Vergnügungen wie Tanzabende, "Jekami"-Aktivitäten, Talentschuppen etc. das Bild einer starken, lebendigen, fröhlichen Gemeinschaft, die urmenschliche Sehnsüchte nach einem tragenden sozialen Netz anspricht. Dass dieser Schein auch trügen kann, lässt sich Berichten ehemaliger Mormonen entnehmen, die von zwei Leben erzählen, einem vorgezeigten, strahlenden, glücklichen und einem von Kämpfen mit sich selber beherrschten, das sich im stillen Kämmerchen der eigenen Seele abspielt.
Missionierungsmethoden
Für die Verbreitung der Lehre sorgen junge Männer und auch Frauen, die während 1 1/2 bis 2 Jahren auf eigene Kosten in einem fremden Land missionieren. In dieser Zeit leben sie 24 Stunden am Tag aufs engste mit ihrem gleichgeschlechtlichen Glaubensgeschwister zusammen, relativ abgeschottet von der Kultur des Gastlandes und ohne die Erlaubnis, Presse, TV oder Radio zu benützen. Alle paar Monate wechseln Partner und Arbeitsregion, so dass persönliche Beziehungen zum Kameraden oder zu Mitgliedern kaum entstehen, geschweige denn gepflegt werden können. Die Missionare werden intensiv auf ihre Aufgabe vorbereitet, indem sie ganze Lektionen in der jeweiligen Landessprache auswendig lernen müssen. Antworten auf bestimmte Fragen sind genau vorbereitet, ein Diskussionsablauf entwickelt sich daher keinesfalls so spontan, wie es einem unvoreingenommenen Zuhörer erscheinen mag. Unabhängig voneinander müssen die Missionare ihrem Missionspräsidenten genau über ihre Arbeit, ihre Erfolge und das Zusammenleben mit dem Partner berichten. Sie sind dabei beauftragt, auch auf die Linientreue ihres Kollegen zu achten. Verfehlungen des einen werden mit einem unehrenhaften Nachhauseschicken beider bestraft.
Der Leistungsdruck ist beachtlich: Erfolgreiche Missionare werden vor den andern öffentlich gelobt, weniger erfolgreiche geraten in den Verdacht, der zum Erfolg nötigen Begleitung des Heiligen Geistes zuwenig "würdig" zu sein. Sie werden daher angewiesen, mehr zu studieren, zu beten etc. Dass die aus einem solchen Druck entstehenden Werbestrategien zu suggestiven Beeinflussungsversuchen verleiten, liegt auf der Hand.
Die Missionare werben hauptsächlich, indem sie von Tür zu Tür gehen, Leute auf der Strasse ansprechen oder mittels eines Marktstandes, auf dem Mormonenliteratur bereit liegt und interessierte Passanten anziehen soll. Für den Gesprächsanfang gibt es keine direkten Vorschriften, er wird in der unmittelbar sichtbaren Lebenssituation gesucht. Ein alter Mensch wird vielleicht auf das Leben nach dem Tod angesprochen, ein junges Paar zum Thema Familie befragt etc. Ziel ist, die Menschen in ihrem selbstverständlichen Alltagsdasein aufzurütteln, Zweifel am Bisherigen und Sehnsüchte nach unerfüllt Gebliebenem zu wecken. Sobald das potentielle Mitglied innehält, sich von den Themen oder Fragen, die in seinen Lebenszusammenhang passen, berühren lässt und sich öffnet, setzen die Missionare mit der Belehrung ein. Die so verunsicherte Person kommt gar nicht dazu, sich eigene Gedanken zu machen, eine eigene Meinung bzw. Antwort zu finden und wird die ihr verheissungsvoll erscheinende Botschaft eher positiv aufnehmen. Schon bald erfolgt die Aufforderung, Gott im Gebet zu fragen, ob das Vermittelte richtig sei. Kommt der unterdessen beeindruckte Zuhörer dieser Aufforderung nach, ist die Wahrscheinlichkeit gross, dass er - was immer er in diesem Moment verspürt und wie immer er in einem andern Fall damit umgehen würde - das Erlebte im erwarteten Sinne deutet, es eher als Beweis für die Richtigkeit der Lehre denn als suggestive Beeinflussung wertet. Es schliessen sich ungefähr 10 Lektionen an, in denen die angeworbene Person mit den Grundzügen der Lehre vertraut gemacht wird und für deren Richtigkeit in der gleichen Weise von Gott Bestätigung erbittet werden soll. Am Ende legen die Missionare ein Datum fest, an dem eine Taufe durch Untertauchen den Eintritt in die Kirche und damit den Beginn der Mitgliedschaft markiert. Auch über dieses Datum soll der angehende Täufling beten, ein Rückzieher ist nach dem bis dahin Erlebten oft nur noch schwer möglich.
Die Mormonen sind eine stark missionierende Gruppe. Neben den oft fremdsprachigen Missionaren, die paarweise auftreten, haben auch die ortsansässigen Mitglieder einen Beitrag zur Gewinnung von Neuzugängern zu leisten, heisst doch ein Grundsatz "Jedes Mitglied ein Missionar". Die den ortsansässigen Mitgliedern empfohlende Werbestrategie ist jedoch etwas anders gelagert und lautet, Freunde zu gewinnen, um sie dann zu bekehren. Mitglieder stehen also unter dem Druck, sich bei jedem Aussenkontakt so zu verhalten, dass das Gespräch auf die mormonische Lehre kommt und die Mitgliedschaft in der Kirche in positivem Licht erscheint. Dass auf diese Weise Arbeitskollegen, Bekannte und Verwandte kaum mehr um ihrer selbst willen wahrgenommen, sondern zu potentiellen Mitgliedern reduziert werden und nur deshalb entsprechend herzliche Fürsorge und Aufnahme finden, würden die Mormonen wohl vehement bestreiten. Doch öffnet eine solche Werbemethode der Gefahr, freundschaftliche Vertrauensbeziehungen für die Missionierung neuer Mitglieder zu missbrauchen, Tür und Tor. Kaum ist das neue Mitglied gewonnen, gehört es dazu, nimmt die besondere Zuwendung ein Ende; es erhält Kirchenpflichten übertragen und soll an der eigenen "Vervollkommnung" arbeiten wie oben ausgeführt.
Mögliche Auswirkungen:
- Fremdbestimmung und Ausgrenzung
Aus der sehr starren Verteilung der Geschlechterrollen heraus ergeben sich grosse Schwierigkeiten für Paare, die aus irgendwelchen Gründen keine Kinder haben können oder wollen. Freiwillig oder unfreiwillig Alleinlebende geraten bei dieser Verherrlichung der Familie erst recht an den Rand, zumal dereinst nur in den höchsten der drei Himmel eingelassen wird, wer eine Ehe 'vorweisen' kann, die auch für die Ewigkeit gilt, d.h. nach einem Mormonenritual geschlossen wurde. Da die einzig legitime Form gelebter Sexualität sich auf die heterosexuelle, mindestens zivilrechtlich geschlossene Ehe beschränkt und ein Zuwiderhandeln mit Exkommunikation bestraft werden kann, geraten weitere Menschengruppen massiv unter moralischen Druck. Nicht zuletzt die Jugendlichen, die dadurch jede Regung ihres Körpers als schuld- oder sündhaft erfahren. Viele heiraten daher sehr früh - oft sind sie kaum 20 Jahre alt - und haben Kinder, bevor sie die Gelegenheit hatten, noch unbelastet von so grossen Verpflichtungen ihren Platz in der Welt zu suchen und zu finden.
- Verlust bisheriger sozialer Bindungen
Elitebewusstsein, Missionierungsdruck und das auf das Jenseits gerichtete Weltbild schaffen einen kaum überwindbaren Graben zwischen Mormonen und Nicht-Mormonen. Zudem ist das Mitglied zeitlich und kräftemässig derart in kirchliche Aufgaben eingebunden, dass es kaum dazu kommt, Kontakte ausserhalb zu pflegen. Bisherige soziale Beziehungen versanden, da sich die Wertsetzungen soweit verschieben, dass kaum mehr Gemeinsames übrigbleibt. Beide erhalten das Gefühl, nicht mehr zum andern vordringen zu können. Für den Mormonen scheitert es daran, dass der andere ihn nicht verstehen will oder kann, wobei für ihn "Verstehen" nur heissen kann, die Lehre vom Standpunkt eines Gläubigen aus zu sehen und sie demzufolge auch zu übernehmen. Nicht-Bekehrungswillige erhalten zunehmend den Eindruck einer unsichtbaren Wand, die sich zwischen ihnen und dem bisherigen Freund auf-richtet, der Freund wird immer fremder und unnahbarer. Da die Diskussionen von beiden je länger je mehr als fruchtlos empfunden werden, wird die Beziehung abgebrochen oder 'schläft ein'.
- Eigenwahrnehmung und unerreichbares Ideal
Die Eigenwahrnehmung beginnt sich zu ändern, indem sich das neugewonnene Mitglied nicht mehr darüber definiert, was es mit sich und andern erlebt, sondern sich zunehmend an dem idealisierten Bild eines perfekten Mormonen misst. Dieses Bild ist aber insofern unrealistisch, als ein vollkommenes Leben in absolutem Einklang mit der Lehre nicht nur menschliches Mass übersteigt, sondern auch ein Auslöschen der individuellen Persönlichkeit erfordern würde. Das Mitglied bleibt also trotz grosser Anstrengungen stets in seiner Eigenart, in seiner 'Unzulänglichkeit' wie es meint, 'gefangen'. Dabei verliert es allmählich die realistische Einschätzung seiner wirklichen Fähigkeiten und Kompetenzen und wird dadurch besonders anfällig für Manipulationen, die mit Schuld- oder Angstgefühlen operieren.
- Psychische Beeinträchtigung
Der spontane innere Dialog, die persönliche Auseinandersetzung mit sich und der Welt, wird zunehmend in engere Bahnen gelenkt, bis nur noch ein kleiner Kanal übrigbleibt, der zum angestrebten mormonischen Ideal passt. Alles andere muss ausgeblendet werden, 'versickert' sozusagen unbesehen und ungenutzt. Ein grosser Teil der eigenen Persönlichkeit bleibt somit ständig unterdrückt, zudem unterhöhlt ein hartnäckiges Gefühl der Unzulänglichkeit das Selbstwertgefühl. Dies bildet die psychische Grundlage für Depressionen, Angstzustände, aber auch für chronische, körperliche Beschwerden. Mössmer (1995, S. 220) gibt denn auch an, dass amerikanische Mormonen mehr Beruhigungs- und Aufputschmittel konsumieren als der durchschnittliche Amerikaner.
Literatur zu den Mormonen:
Hauth, Rüdiger, 1995. Die Mormonen, Sekte oder neue Kirche Jesu Christi? Taschenbuch Nr. 8830, Herderverlag.
Eine gut lesbare, sachlich richtige Darstellung der mormonischen Lehre, wobei die Glaubensinhalte im Vergleich zu den Organisations-, Macht- und Entscheidungsstrukturen im Vordergrund stehen und entsprechend des christlichen Standpunktes des Autors gewertet werden.
Laake, Deborah, 1994. Geheime Riten. Lübbe-Bastei-Verlag (engl. Originaltitel: Secret Ceremonies, erschienen 1993).
Die packend geschriebene Autobiographie einer Amerikanerin, die in der Mormonenkirche aufgewachsen ist, an den - besonders für Frauen - starren Strukturen der Kirche zerbricht und über den Aufenthalt in einer psychiatrischen Klinik allmählich zu sich selber und zu einem eigenen Leben findet.
Mössmer, Albert, 1995. Die Mormonen. Die Heiligen der Letzten Tage.Walter-Verlag.
Eine flüssig geschriebene Darstellung der Geschichte der Mormonenkirche, wobei aber unklar bleibt, ob der Autor selber Mitglied oder Kritiker ist. Kritik fördernde Informationen (z.B. das tatsächliche Ausmass der Polygamie) stehen neben unverständlich unkritischen, ja geradezu naiven Ausführungen (z.B. bezüglich Missionsstrategien oder wirtschaftliche Prosperität). Liest man das Buch sehr kritisch, d.h. über weite Strecken auch "zwischen den Zeilen", erscheint z.B. die Figur des Joseph Smiths in einer andern Weise, als in der von den Mormonen dargestellten (etwa hinsichtlich seiner politischen Fähigkeiten in der Auseinandersetzung mit Nichtmormonen).
Weitere Titel unkommentiert:
Friedrich, Hans-Martin, 1997. Die gefälschte Offenbarung. Anspruch und Wirklichkeit mormonischer Glaubenslehren. Mit Selbstzeugnissen ehemaliger Mormonen. Brunnen-Verlag : Basel, Giessen.
Raeithel, Gert, 1997. Amerikas Heilige der letzten Tage. Mormonische Lebensläufe. Eichborn Verlag : Frankfurt a.M.
Trobisch, David, 1998. Mormonen - die Heiligen der letzten Zeit? Reihe Apologetische Themen, Band 11. Friedrich Bahn Verlag : Konstanz.
Appendix
© April 1997 Verein infoSekta.