Wenn es eng wird: Braune Spuren in der Esoterik?

 

von Martin Frischknecht

(Text abgedruckt im TANGRAM Nr. 6, S. 47-49, dem Bulletin der Eidgenössischen Kommission gegen Rassismus EKR, Bern)

 

© März 1999. Sekretariat EKR, CH-3003 Bern, Tel. 031-324 13 31; Fax: 031-322 44 37; ekr-cfr@gs-edi.admin.ch


Rassismus in der Esoterik? - Nicht bei uns! Doch der Autor, Herausgeber und Chefredakteur von SPUREN, der Zeitschrift, die gemeinhin als das esoterische Blatt der Schweiz gilt, kommt nicht darum herum, die Geister zu prüfen und zu unterscheiden und aufgrund seiner Erkenntnisse einen klaren Standpunkt zu beziehen.

 

Rassismus in der Esoterik? - Nicht bei uns! Nein, damit haben wir nichts zu tun. Wir haben in dieser Sache keinen Standpunkt, wir sind weder dagegen noch dafür. Denn Esoterik bedeutet weder Rassismus noch Antirassismus. Esoterik beschäftigt sich mit Inhalten, die jenseits von Politik und Rassismus liegen. Esoterik untersucht den Zusammenhang zwischen dem Rassismus der einen und dem Antirassismus der anderen, zeigt auf, wie die eine Kraft die andere bedingt und wie sich die beiden Pole wechselweise nähren.

Doch gibt es überhaupt einen erhabenen Standpunkt über dem Spiel dieser Kräfte? Das ist der Standpunkt der Esoterik, es ist der Standpunkt von, sagen wir, Annegreth Hungerbühler. Sie ist Hausfrau in den sogenannt besten Jahren, hat bei Rüdiger Dahlke mal einen Vortrag gehört, da und dort Kurse besucht, sich nebenbei zur Astrologin gebildet und viel einschlägige Literatur studiert. Freunde von früher finden, sie sei unpolitisch geworden. Doch was zählt dieser Vorwurf im Vergleich mit dem, was Annegreth Hungerbühler im Verlaufe ihrer Beschäftigung mit Esoterik alles selber erfahren hat? Heute weiss sie, dass politisch und unpolitisch bloss die zwei Seiten der einen Medaille sind, dass sich auch hierbei die Positionen gegenseitig bedingen. Frau Hungerbühler empfindet sich anders, sie fühlt sich weder dem einen noch dem anderen Lager zugehörig, und im übrigen wundert sie sich, was die ganze Aufregung denn überhaupt soll, wo es im Leben doch so unglaublich viel wichtigere Dinge gibt als das.

 

Märtyrerschaft liegt in der Luft

Soweit die Theorie. In der Praxis sieht es ein bisschen anders aus. Da komme ich als Herausgeber und Chefredakteur einer Zeitschrift, die gemeinhin als das esoterische Blatt der Schweiz gilt, nicht darum herum, die Geister zu prüfen und zu unterscheiden und aufgrund meiner Erkenntnisse einen klaren Standpunkt zu beziehen. Als in der Öffentlichkeit aufgrund von Indiskretionen eines Mitglieds bekannt wurde, wie Peter Leach-Lewis die Anhänger seiner Universalen Kirche mit rassistischen Geschichtsklitterungen aufhetzte, kam es in den Medien zu einer Kampagne gegen einige prominente Mitglieder dieser suspekten Glaubensgemeinschaft. Im Fall eines Kantonsschullehrers in der Innerschweiz, der während Jahrzehnten ohne jegliche Beanstandung seinen Schuldienst geleistet hatte und nun mit einem Mal vor der Wahl stand, entweder seinem Glauben abzuschwören oder seine Stelle zu verlieren, wandte ich mich mit einem Leserbrief an die Öffentlichkeit. Ich erinnerte an die Religionsfreiheit und empfahl, sie höher zu gewichten als eine mögliche Gefahr, welche von der weiteren Beschäftigung des ausgewiesen guten Lehrers ausging.

In der eigenen Zeitschrift verfuhr ich gerade umgekehrt. In einem Kommentar («Endstation Löwengrube» in SPUREN Nr. 43) warnte ich vor der zunehmend enger werdenden Weltsicht der Universalen Kirche und zeigte auf, wie deren Oberpriester zwar vom Frieden sprach, in Tat und Wahrheit aber Zwietracht säte. Offensichtlich hatte es da ein selbsternannter Guru darauf angelegt, eine kleine Schar von eingeschworenen Anhängern in die selbstgerechte Isolation zu führen.

Allerdings unterliess ich es nicht, auf die Gefahren einer allzu scharfen Ausgrenzung dieser Gruppe hinzuweisen. Bereits wurde in der ZEITENSCHRIFT, dem öffentlichen Blatt der Gruppe, das Hohelied der Märtyrerschaft gesungen. Wer jetzt unter dem allseitigen Druck der Gesellschaft nicht zu seinen Überzeugungen stehe, sei es nicht wert, im kommenden Endkampf zu überleben, hiess sinngemäss die Parole.

Keinesfalls dürfen wir einer solchen Herausforderung allein mit Massnahmen der Ausgrenzung und juristischen Verfolgung begegnen. Sonst nähren wir, was wir meinen zu bekämpfen. Unversehens stehen wir vor einer neuen Gewissensfrage, die da lautet: «Glauben sie an Auschwitz oder nicht?» Jenseits aller historischen Tatsachen geht es dann nurmehr darum, sich zu bekennen. Die rechtgläubige Mehrheit fordert mit inquisitorischer Strenge ein unbedingtes «Ja», die verfolgte Minderheit hingegen traut sich, dem ein trutziges «Nein» entgegenzuschleudern, und ist bereit, für ihren Glauben durchs Feuer der Ächtung zu gehen.

 

Die Wahrheit, grossgeschrieben

Ein wichtiges Kriterium bei der Beurteilung esoterischer Wege scheint mir die auch in der Politik relevante Frage zu sein, ob eine Lehre dazu dient, die Welt und das Phänomen Leben in seiner ganzen Schönheit und Vielfalt zu erschliessen und ob sie sozusagen fortwährend darauf neugierig macht oder ob sie den Interessierten mit vorfabrizierten Erklärungsmodellen zunehmend gefangen nimmt und in ein geschlossenes Weltbild einschliesst. Nicht von vornherein ist auszumachen, welcher Weg wohin führt.

So stellte sich mir kürzlich im Urlaub ein junger Mann vor, der angab, sich seit mehr als einem Jahrzehnt mit Delphinen beschäftigt zu haben. Nun sei er dabei, ein Buchmansukript zu vollenden über die bisher nicht entschlüsselte Botschaft dieser Tiere an uns Menschen. Ein Gefühl habe ihn, den Franzosen, ebenfalls im Urlaub auf einer kanarischen Insel, geheissen, sich mir vorzustellen. Ach, wie faszinierend, mit Delphinen beschäftige ich mich auch.

Im Gespräch stellt sich heraus, dass das zu erwartende Buch noch einer deutschen Übersetzung bedarf, und für eine Weile sieht es ganz danach aus, als ob wir vor lauter gegenseitiger Sympathie und - wer weiss - höherer Fügung handelseinig würden. Die Bemerkung meines Gegenübers, ihm sei es wichtig, dass eine Zeitschrift wie die meine eine spirituell korrekte Linie vertrete, lässt mich stutzen und nachfragen. Nun, es gehe darum, dass den grossen klassischen Fragen der Esoterik nicht ausgewichen werde: Woher kommt der Mensch? Wozu ist er da und wohin geht er?

Ich behauptete, damit keine Probleme zu haben. Allerdings, so betonte ich, achte ich bei SPUREN darauf, diese Fragen bloss zu stellen, darauf aber keine fertigen Antworten zu geben. Denn die Antworten muss und kann jeder Suchende für sich selber finden. Meine Aufgabe als Zeitschriftenmacher sehe ich gerade darin, fortwährend zu dieser Suche zu ermutigen. Kaum hatte ich das gesagt, verlor mein Gesprächspartner sein Interesse an mir und wandte sich ab. Offensichtlich glaubte er die Wahrheit für sich und andere gefunden zu haben. Er suchte nach Parteigängern, die er darauf einschwören konnte, sie in der Welt zu verbreiten. Doch bin ich als junger Erwachsener nicht aus der Kirche der Eltern ausgetreten, um mich später im Leben zu einer neuen Kirche zu bekennen.

 

Untaugliches Schlagwort

Viel von dem, was heute mangels besserer Bezeichnung gemeinhin unter Esoterik segelt, hat mit der klassischen «Lehre vom inneren Wissen» eigentlich wenig zu tun. Zahlreiche neue Therapieformen, Verfahren, die Körper, Seele und Geist in gleicher Weise ansprechen, werden unter Esoterik subsumiert, ganz einfach, weil deren Wirkungsweise noch zuwenig verstanden wird. Genauso fallen uns unvertraute, fremde religiöse Traditionen heute unter diesen Oberbegriff. Ein Schamane oder ein islamischer Mystiker sind aber nicht Esoteriker, bloss weil wir sie sonst in keiner Kategorie unterbringen.

So geht es nicht an, diesen ganzen bunten, unruhigen, sich nach vielen Richtungen ausdehnenden Bereich pauschal mit einigen wenigen Schlagworten wie «neue Heiden» «Irrationalismus» oder eben «Esoterik» abzutun. Und schon gar nicht trifft zu, dass sich diese Bewegung in ihrem Kern auf die Theosophie und damit auf die bekannten rassistischen Aussagen der Helena P. Blavatsky zurückführen liesse. Wesentlich wichtiger scheinen mir neuere Impulse zu sein, etwa Fritjof Capras Wendezeit und Marylin Fergusons Sanfte Verschwörung, beides Werke, die keine bestimmte Philosophie predigen, sondern eher Dokumente eines Umbruchs sind, einer Veränderung, die jeder einigermassen wache Mensch in unserer Zeit unschwer selber feststellt.

 

Hitler ein Esoteriker?

Tiefer in der Geschichte als die meisten anderen mir bekannten Autoren forschte Harald Strohm nach den Zusammenhängen zwischen randständiger Religion und Rassismus in unserer Gesellschaft. Er legte verbindende Linien frei von der spätantiken Gnosis des Manichäismus zum deutschen Nationalsozialismus, beides Systeme mit einem akzentuiert dualen Weltbild, bei dem es keinerlei Vermittlung gibt zwischen Hell und Dunkel, mithin Gut und Böse. Als Harald Strohms Studie Die Gnosis und der Nationalsozialismus erschien, lud ich den Autor zu einem Streitgespräch auf die SPUREN-Redaktion. Mit ihm diskutierte der Berner Esoterikspezialist Hans-Dieter Leuenberger. Ich muss gestehen, dass ich als organisierender Redakteur zu Beginn des Treffens fast ein wenig enttäuscht darüber war, wie gut sich die zwei Kontrahenten verstanden. Denn im Grundsatz waren sich die beiden Forscher einig: Rassismus tritt dort auf, wo Menschen gekränkt und überfordert sind und wo sie Zuflucht zu polaren Weltbildern suchen. Der Text dieses Gespräches ist vor einem Jahr erschienen in SPUREN Nr. 47 unter dem Titel «Mythen gegen Menschen». Auf dem Umschlag jener Ausgabe prangte die Schlagzeile «War Hitler ein Esoteriker?». Das Fragezeichen ist geblieben.

 


 

Literatur

 

Capra, Fritjof, 1992. Wendezeit, Bausteine für ein neues Weltbild. München: dtv.

Ferguson, Marylin, 1985. Die sanfte Verschwörung. Basel: Sphinx Verlag. (vergriffen)

Strohm, Harald, 1997. Die Gnosis und der Nationalsozialismus. Frankfurt a.M.: Suhrkamp.

 

Die Zeitschrift SPUREN - MAGAZIN FÜR NEUES BEWUSSTSEIN erscheint vierteljährlich in Winterthur. Einzelnummern können bestellt werden bei: SPUREN, Wartstrasse 3, 8400 Winterthur, Fax 052-212 33 71; spuren@compuserve.com


 

Zusammenfassung

Esoterik, verstanden als «Lehre vom inneren Wissen», beschäftigt sich grundsätzlich nicht mit Unterschieden von Rasse und Religion. Sie ist eine Lehre von Erkenntnis und Befreiung. Dennoch gab und gibt es in ihr eine rassistische Unterströmung. Die Zeitschrift SPUREN, die gemeinhin als das esoterische Blatt der Schweiz gilt, greift wo nötig die Thematik auf und diskutiert den Sachverhalt. Der Autor ist Redaktor von SPUREN, er zeigt anhand von drei praktischen Beispielen aus dem Alltag als Zeitungsmacher, wie er sich darum bemüht, dieses schwierige, schattenhafte Thema ins Bewusstsein seiner Leser zu rücken.

 

Résumé

Compris comme l'enseignement du «savoir intérieur», l'ésotérisme ne cherche pas établir la différence entre les races et les religions, mais vise un apprentissage de la libération. Cela n'a pas empêché certains courants de pensée ésotériques d'abriter des groupes racistes. SPUREN, la revue ésotérique par excellence en Suisse, consacre de temps à autre un article à ce sujet en ouvrant un débat de fond. Rédacteur de SPUREN, l'auteur montre à l'aide de trois exemples tirés de son quotidien de journaliste sa manière de sensibiliser ses lecteurs à ce thème complexe et plein de zones d'ombre.