Ausstieg aus Sekten - Wege aus der Abhängigkeit

Beratung von Betroffenen und Angehörigen

 

von Susanne Schaaf

Vortrag gehalten an der 25. Tagung der Schweizerischen Arbeitsgruppe für Kriminologie, am Kongress in Interlaken 1996.

(abgedruckt in: Bauhofer, Stefan; Bolle, Pierre-H.; Dittmann, Volker (Hg.) 1996. Sekten und Okkultismus. Kriminologische Aspekte, S. 321 - 332. Reihe Kriminologie, Band 14, der Schweizerischen Arbeitsgruppe für Kriminologie. Verlag Rüegger : Chur, Zürich.)

 

© 1996. Verlag Rüegger.


Eine Sektenmitgliedschaft bringt oftmals viel Leid über die Betroffenen und ihre Angehörigen. Auf der Suche nach Auswegen treten verschiedene Probleme zu Tage.

Dies zeigt sich am Beispiel des Hare-Krishna-Anhängers Sandro P., der 1989 von seinen Eltern unter einem Vorwand ins Elternhaus bestellt wurde. Dort wartete ein britischer "Deprogrammierer" und drei Gehilfen, die den sich sträubenden Sandro in ein entlegenes Ferienhaus brachten mit dem Ziel, ihn vom Sekteneinfluss zu separieren und gegen seinen Willen über die Sekte aufzuklären. Auf Anzeige eines Hare-Krishna-Mitgliedes griff die Polizei ein und befreite Sandro. Gegen den Deprogrammierer, seine Gehilfen, die Eltern und Geschwister wurden ein Strafverfahren wegen Entführung eröffnet. Der Deprogrammierer erhielt 6 Monate Haft bedingt, seine Helfer je 3 bzw. 4 Monate und die Eltern 10 Tage. Ihnen wurde zugestanden, aus Liebe und einer Notlage heraus gehandelt zu haben. Sandro kehrte wieder in die Sekte zurück, das Deprogramming-Vorhaben war misslungen.

Anders sah es bei Claudia N. aus. Sie brach ihre Kindergärtner-Ausbildung ab und engagierte sich daraufhin bei der Osho-Bewegung. Die Eltern behielten stets den Kontakt zur Tochter, lasen sich in die Lehre ein, besuchten Anlässe. Die Familie kam regelmässig zu Gesprächen zu infoSekta, in denen sie sich mit der Sekte und deren Manipulationstechniken, mit der ablehnenden Reaktion der Tochter und mit der eigenen Ohnmacht auseinandersetzten. Es wurden Strategien entwickelt, das alte Beziehungsnetz zu aktivieren. Claudia liess sich auf diese Begegnungen ein. Nach drei Jahren verliess sie die Gruppe gemeinsam mit ihrem Freund. Die Ausstiegsbegleitung verlief erfolgreich.

Diese Beispiele stecken exemplarisch den Themenbereich Ausstieg und Ausstiegshilfe bzw. Ausstiegsforcierung ab. Grundsätzlich stellen sich uns folgende Fragen:

 

I. Warum Ausstieg, warum Ausstiegshilfe?

Die Diskussion über die Legitimation von Ausstiegshilfe wird teilweise sehr kontrovers geführt. Die Positionen unterscheiden sich hinsichtlich der Deutung des Sektenphänomens allgemein und des Beitritts im speziellen. Sie widerspiegeln die unterschiedlichen Menschenbilder und Weltanschauungen. Wir unterscheiden drei Sichtweisen in bezug auf die Freiwilligkeit einer Sektenmitgliedschaft:

Wird Sektenmitgliedschaft als freie Wahl und Gestaltung des religiösen Privatlebens angesehen, erübrigt sich Ausstiegsberatung. Gefordert wird "Toleranz gegenüber alternativer Spiritualität".

Wird Sektenmitgliedschaft als Folge individueller Defizite betrachtet, so wird zwar der Sektenproblematik bis zu einem gewissen Grad Rechnung getragen, die Verantwortung liegt jedoch nach wie vor beim eingetretenen Mitglied. Ausstiegshilfe wird in diesem Fall nur begrenzt als legitim betrachtet.

Wird der Sektenbeitritt mittels Einstiegstechniken forciert und die Abhängigkeit des einzelnen Mitgliedes durch systematische Einbindung in die Gruppe aufrechterhalten - so die dritte Argumentationslinie -, sind sowohl Prävention als auch Ausstiegsberatung eine wichtige Aufgabe im Sinne eines Individuumschutzes, eines Konsumentenschutzes. In diesem Zusammenhang sei auf ZGB Art. 27 verwiesen. Die Diskussion ist auch von daher interessant, dass es sich bei den meisten Sektenmitgliedern um Erwachsene und junge Erwachsene handelt, dass wir es also nicht primär mit einem Phänomen "Jugendreligionen" zu tun haben.

Grundsätzlich sind Mischformen dieser drei Argumentationsschienen möglich. Meinem Referat liegt der drittgenannte Schwerpunkt zugrunde: Viele Sekte und sektenähnliche Gruppierungen betreiben unter dem Deckmantel der Religionsfreiheit "Seelenveruntreuung", beuten ihre Mitglieder finanziell und emotional aus. An diesem Punkt setzt auch die Sektendefinition und Sektenkritik von infoSekta an.

Die Auseinandersetzung mit der Sektenthematik basiert demnach nicht auf der Bekämpfung eines "Irrglaubens" und der Verteidigung eines "richtigen" Glaubens. Die Kritik setzt vielmehr auf einer strukturellen Ebene an. Das bedeutet, dass eine Organisation danach beurteilt wird, inwiefern sie mit hierarchischer, doktrinärer Struktur unter Anwendung von Psychotechniken wie Gruppendruck, Angstmache, Abschottung, Fanatisierung, bewusstseinsverändernden Methoden u.ä. heilssuchende Menschen für die gruppeneigenen Machtinteressen einspannt.

Auch wenn nicht "Irrglaube versus wahrer Glaube" der Ansatzpunkt der Kritik ist, sondern der Fokus auf den strukturellen Merkmalen liegt, so muss die Ideologie der jeweiligen Organisation dennoch mitbetrachtet werden, denn sie trägt das Potential und die Anleitung zur Umsetzung in die Sektenpraxis in sich. So geht beispielsweise ein extremer Endzeitglaube mit der Relativierung und Distanzierung von der irdischen Welt einher, oder so führt die scientologische Übermenschideologie (in Kombination mit den angewendeten Methoden) zwangsläufig zur Bekämpfung der nicht-scientologischen, kritischen Aussenwelt.

An welche Personenkreise kann sich Ausstiegsberatung grundsätzlich richten?

infoSekta beschäftigt sich mit den ersten drei ratsuchenden Personengruppen. Für ein Gespräch mit nicht-ausstiegswilligen Mitgliedern sollte mindestens die Grundmotivation, freiwillig zu einem Gespräch zu erscheinen, vorhanden sein. Deprogramming lehnt infoSekta ab.

 

II. Grundlagen für die Förderung des Autonomie- und Ausstiegsprozesses

Die Ausstiegsthematik wurde als Forschungsobjekt - abgesehen von einigen amerikanischen Studien - sowohl theoretisch als auch empirisch bisher stiefmütterlich behandelt und ist weit entfernt von einer systematischen Aufarbeitung. Daher können Ausstiegsberater nicht auf eine spezifische Beratungstradition, wie sie in anderen Bereich der Gesundheitswesens besteht, zurückgreifen.

Für die Qualität einer Ausstiegsberatung braucht es Kenntnisse auf unterschiedlichen Ebenen.

Die Ursachen zu verstehen, die ja die Wirksamkeit der Einbindungstechniken unterstützen, kann Anhaltspunkte für die Ausstiegshilfe geben. Mögliche Ursachen:

 

III. Motive für eine beginnende Loslösung

Der Ausstieg aus einer Sekte ist keine Spontanentscheidung. Loslösung von der Gruppe und der Lehre ist ein Prozess, welcher bereits während der Mitgliedschaft beginnt und sich etappenweise vollzieht: zuerst erfolgt die Loslösung von der Organisation, der Gruppe und den Sektenmitgliedern, in einer zweiten Phase dann von der Ideologie und später auch vom Sektendenken und -fühlen.

Manche Personen lösen sich zwar von der Organisation, die sie im Nachhinein als destruktiv einstufen, nicht aber von der Ideologie, nach der sie nach wie vor leben. Manche Personen steigen z.B. bei den Zeugen Jehovas aus, um sich bei einer fundamentalistischen Freikirche zu engagieren. Auch hier muss wiederum die Diskussion geführt werden, wie weit Loslösung und Ausstiegshilfe gehen soll, gehen muss, welches das Ziel des Ausstieges, was erfolgreicher Ausstieg ist.

Verschiedene Faktoren (nach Wright1, 1987) können dahingehend wirken, dass die Plausibilitätsstruktur der Sekte ins Wanken gerät und beim Sektenmitglied eine intellektuelle und emotionale Distanzierung beginnt. In der Ausstiegsberatung wird versucht, diese Faktoren zu initieren oder zu fördern. Die nüchterne Betrachtung in Gesprächen mit Aussenstehenden als Insel des kritischen Nachdenkens lässt die Sektenwelt weniger spektakulär und fantastisch wirken, als dies im Rahmen der euphorischen Gruppenatmosphäre der Fall ist. Als mögliche Motive für eine beginnende Loslösung können genannt werden:

 

IV. Formen des Ausstiegs

In der Literatur werden folgende Prototypen, wie sich der Ausstieg vollziehen kann, diskutiert (nach Beckfort, 19852):

1. Austritt (exiting) meint einen freiwilligen, ohne wesentliche Hilfe von aussen vollzogenen Austritt, der öffentlich oder heimlich vor sich gehen kann.

2. Ausschluss (expulsion) bedeutet, dass das Mitglied aus der Gruppe ausgeschlossen wird, z.B. wegen Krankheitsfall und Leistungsunfähigkeit, oder weil es durch eine illegale Aktivität, die an die Öffentlichkeit gelangte, dem Image der Organisation schadet, und die Gruppe sich aus PR-Gründen distanziert. Widerstand gegen die Autorität kann ebenfalls ein Ausschlussgrund sein. Mit Ausschluss reagieren die Gruppen, wenn die sekteninternen Strategien zur Massregelung nicht greifen.

3. Ausstiegsbegleitung (soft extraction) meint, dass der Ausstiegsprozess von aussenstehenden Personen eingeleitet und/ oder begleitet wird. Dies geschieht oft in Zusammenarbeit mit Sektenspezialisten und ehemaligen Sektenmitgliedern, welche die Innenansicht des Sektenunternehmens, dessen Widersprüche, aber auch die Hoffnungen und Sehnsüchte kennen und so zu einem kompetenten, glaubwürdigen Gesprächspartner werden. Ein Minimum an Kontakt- und Gesprächsbereitschaft vonseiten des Sektenmitgliedes ist Voraussetzung.

Der Erfolg einer Intervention hängt u.a. von der Dauer der Zugehörigkeit ab. Fachleute empfehlen einerseits ein möglichst frühes Intervenieren (bereits in der Anwerbephase), da zu diesem Zeitpunkt die Indoktrination noch nicht umfassend greift, oder aber ein eher spätes Eingreifen, da der anfängliche Enthusiasmus das Mitglied für Argumente unzugänglich macht.

Ein zweiter wesentlicher Erfolgsfaktor ist die Qualität und Tragfähigkeit des Beziehungsnetzes des Betroffenen ausserhalb der Organisation. Es liegt daher oft im Interesse der Sekten, die Kontakte des Mitglieds zu Angehörigen und zum Freundeskreis bewusst zu unterbinden. Es gehört zum Wesen einer Sektenmitglied-schaft, dass echte Beziehungen zu Aussenstehenden nicht möglich sind. Ein einiger-massen tragfähiges soziales Netz, welches vor dem Eintritt in die Sekte existierte, kann für die Ausstiegsbegleitung wieder aktiviert werden.

4. Deprogramming (hard extraction) ist illegale Überrumplungstaktik durch plötzlichen Perspektivenwechsel und Isolierung des Sektenmitgliedes vom stabilisierenden gruppeneinbindenden Einfluss. Sektenmitglieder werden von Angehörigen in Zusammenarbeit mit sogn. Deprogrammern entführt, dies mit dem Ziel, das Mitglied aus der Sekte zu befreien. Diese Ausstiegsform kommt in der Praxis sehr selten vor. Auch wenn die Verzweiflung der Angehörigen verständlich ist: gewaltsames Deprogramming ist illegal und ethisch fragwürdig.

 

Es ist wichtig, dass zwischen der legalen Ausstiegsbegleitung und dem illegalen Deprogramming klar unterschieden wird, weil es im Interesse der Sekten ist, diese beiden Bereiche zu vermischen, damit sämtliche Bemühungen der Angehörigen und Sektenkritiker als "neue Inquisition" hingestellt werden können.

Wie ein Sektenmitglied seinen Loslösungprozess angeht, beeinflusst die Art, wie es die Gruppe im Nachhinein beurteilt. Personen, deren Ausstieg von aussen stark unterstützt wurde, beurteilen die Gruppe rückblickend kritischer als Personen, die den Austritt ohne fremde Hilfe schafften (vgl. Hupfer, Obrist, 1994).

 

V. Probleme des Sektenmitgliedes während des Ausstiegs

Weil sich das Mitglied schrittweise von Bereichen seines Sektenlebens abgrenzt - von der Gruppe, der Ideologie, vom Lebensinhalt, der Tagesstruktur, vom speziellen "Sektendenken" und "-fühlen", von der eigentlichen "Sektenidentität" -, ist der Ausstieg begleitet von einem Wechselbad der Gefühle. Neben einem immensen Befreiungsgefühl, das sich durchaus auch körperlich äussern kann ("Wie wenn eine schwere Platte von meiner Brust weggefallen wäre!") erlebt der Aussteiger auch immer wieder Zweifel, Ängste, Schuldgefühle:

Abschliessend möchte ich folgende Punkte festhalten:


Anmerkungen:

1 Wright, S. 1987. Leaving Cults: The Dynamics of Defection. Washington: Society for the Scientific Study of Religion, Monograph Series. (zurück)

2 Beckfort, J.A. 1985. Cult Controversies: The Societal Response to the New Religious Movements. London. (zurück)

 

Literatur:

Gross, W. (Hrsg). 1994. Psychomarkt - Sekten - destruktive Kulte. Bonn: deutscher Psychologen-Verlag.

Hassan, S. 1993. Ausbruch aus dem Bann der Sekten. Reinbek: Rowohlt.

Hupfer, P.; Obrist-Müller, M. 1995. Neue religiös-charismatische Gruppierungen. Ursachen und Hintergründe von Sektenbeitritten. Lizentiatsarbeit an der Philosophischen Fakultät I der Universität Zürich 1994. Köniz: Edition Soziothek.

Wiesberger, F. 1990. Bausteine einer soziologischen Theorie der Konversion: soziokulturelle, interaktive und biografische Determinanten religiöser Konversionsprozesse. Berlin: Duncker u. Humblot.

 


Die Autorin:

Susanne Schaaf

Psychologin, lic. phil. I., Mitarbeiterin bei infoSekta, einer Informations- und Beratungsstelle für Sekten- und Kultfragen in Zürich.