Gruppen unter Zeitdruck

Wie in Sekten Zeit-Bilder gemeinschaftsregulierend funktionieren

 

von Philipp Flammer

Referat gehalten am 12. November 1997 an der Tagung zum Thema "Vom Ende der Zeiten - Apokalyptische Visionen in Filmen und Sekten vor dem Jahr 2000" an der Paulus-Akademie Zürich. Abgedruck in: Finger, Joachim (Hg.), 1999. Vom Ende der Zeiten. Apokalyptische Visionen vor der Jahrtausendwende. Paulusverlag : Freiburg, Schweiz.)

 

 

© 1997. Verein infoSekta.


Mit "Zeit-Bilder" meine ich unsere Vorstellungen von Zeit, die - in bewusster oder unbewusster Weise - unser Denken und Handeln, unseren Alltags- und Lebensrhythmus prägen.1) Zeit-Bilder einer Gruppe haben ideologischen Charakter. Sie koordinieren das kollektive Denken und Handeln der Gruppenmitglieder und wirken entsprechend gruppenregulierend und -kontrollierend. Das Anliegen meiner folgenden Ausführungen ist, verständlich zu machen, welch enormen und oft unterschätzten Einfluss ideologische Zeit-Bilder auf das innere Funktionieren einer Gruppe haben können.

Ich möchte Ihnen deshalb zuerst von einer persönlichen Erfahrung mit dem Zeitverständnis einer Gruppe berichten, deren Name hier vorerst Nebensache bleiben soll. Spätestens seit Erfindung des Kalenders oder der Uhr im 16. Jahrhundert ist Zeit im Bewusstsein der Menschen zu einer Grösse geworden, die in Form von Zahlen beschrieben wird.2) Und das Spielen mit und Spekulieren über Zahlen und Jahresdaten hat mich schon immer sehr faszinieren. Entsprechend war es gerade die Zahlenmagie und Geschichtslehre, mit der mich eine Sekte in Bann zu ziehen vermochte. Denn die Vorstellung, dass in der Zeit eine Art göttlicher Schicksalsplan verwoben sein soll, beeindruckte mich tief.

 

Gottes Zeitplan als soziales Ereignis

Als ich im Frühling 1986 zum ersten Mal den Missionaren der besagten Gruppe auf den Strassen von San Francisco begegnet bin, war ich bereits rund 3 Wochen allein in den Vereinigten Staaten unterwegs und etwa 3 Stunden vorher mit dem Bus in San Francisco angekommen. Und wieder in knapp 3 Stunden, so erzählten mir die beiden Missionare, nachdem sie mich in eine angeregte Diskussion verwickelt hatten, finde ganz in der Nähe ein Internationales Studententreffen statt, zu dem sie mich einluden. Nun, am Anfang der Begegnung war mir die tiefere Bedeutung dieser drei Wochen oder drei Stunden sicher nicht bewusst. Ich schenkte ihnen auch keine besondere Beachtung und kann im Nachhinein nicht sagen, auf wieviele Tage oder Minuten genau diese Periodisierung tatsächlich stimmte. In jenem Moment jedenfalls nahm ich das zur Kenntnis und hatte nichts dagegen einzuwenden.

Jedenfalls waren es andere Gründe, die mich schliesslich veranlassten, an jenem Studententreffen teilzunehmen und gleich am anderen Tag mit einem 7tägigen Einführungskurs zu beginnen. An diesen Einführungskurs schloss sich dann aber ein 21tägiges, dh. ein 3 mal 7tägiges Grundlagenseminar an, unmittelbar gefolgt von einem 40tägigen Anwendungskurs und schliesslich einem 120tägigen, dh. 3 mal 40tägigen Fortsetzungskurs (denn ich dann, nebenbei bemerkt, aber nicht mehr absolvierte). Dass der Dauer dieser Kurse irgendeine besondere Bedeutung zukommt, wäre mir zu Beginn nicht im Traum eingefallen.

Die tiefere Bedeutung dieser Zeitperioden begannen mir erst ab Ende der zweiten Aufenthaltswoche klar zu werden. Ich war über diese Gruppe, in die ich da hineingeraten war, etwas verstimmt und stand innerlich kurz vor dem Entschluss, wieder meine eigenen Wege zu gehen. Es gelang mir am Abend, mich kurz von der Gruppe abzusondern und im Sternendunkel der Nacht an einem Fluss meinen Gedanken nachzuhängen, als ich plötzlich über etwas stolperte, dass sich zu meinem ersten Schrecken als ein am Boden sitzender Mann entpuppte. Im Gegensatz zu mir blieb der Mann ganz cool. Er hätte auf mich gewartet und könne meinen Groll verstehen, auch er habe nicht viel für die Gruppe übrig. Wir verstanden uns schnell und kamen in ein angeregtes Gespräch. Erst nach Stunden war es mir langsam nicht mehr ganz geheuer, als der Typ sich in die Behauptung verstieg, er sei eigentlich der Messias, der gemäss Ankündigung in der Bibel zum zweiten Mal auf die Erde komme, um die Menschheit zu retten. Und nach Gottes Plan sei ich als sein erster Jünger auserkoren. Ich solle doch die Gruppe verlassen und mit ihm kommen. Damit wurde mir plötzlich klar, dass ich es hier mit einem psychischen Grenzgänger zu tun hatte, und ich suchte den eleganten Abgang. Nun, ich bin mir bis heute nicht sicher, ob diese nächtliche Begegnung Zufall war oder von der Gruppe inszeniert. Der Mann war mir jedenfalls unbekannt, und ich traf ihn auch später nie wieder.

Viel interessanter als diese Frage, Zufall oder Inszenierung, ist jedoch die Art, wie die Gruppe mein Erlebnis interpretierte, als ich ihnen am anderen Morgen davon erzählte. Meine Betreuer erschraken sichtlich: Ob mir klar sei, dass dies der Leibhaftige gewesen sei. Satan habe alles Interesse daran, mich vom Weg Gottes abzubringen und das Ende der zweiten Woche sei der ideale Zeitpunkt für ihn gewesen. Denn die dritte Woche sei die Vollendungsphase meiner ersten Etappe auf dem Weg zu Gott. Überhaupt: Ob mir nicht selber schon aufgefallen sei, wie Gott mich führe. Drei Wochen nach meiner Ankunft in Amerika meine Begegnung mit den Missionaren ... nur drei Stunden, nachdem ich in San Francisco angekommen sei ... und weitere drei Stunden später dann das Studententreffen. Und jetzt, genau am Ende meiner zweiten Woche bei der Gruppe der erste Grossangriff Satans. Das könne doch nicht Zufall sein. Ich müsse doch erkennen, dass hier die Vorsehung Gottes für mich spiele. Gott habe offensichtlich grosse Pläne mit mir, aber Gott habe eben auch einen grossen Feind, Satan, der die Vollendung von Gottes Plänen umbedingt verhindern wolle. Dass nun an diesem Abend Satan mich so direkt in Versuchung geführt habe, zeige nur, welch grosse Bedeutung ich für Gott offenbar habe. Ich könne auch mit Recht stolz sein, dass ich mich für Gottes Vorsehung entschieden habe, denn schliesslich sei ich in der klassischen Adam-und-Eva-Situation gestanden, habe aber im Gegensatz zu unseren Urahnen den Verlockungen Satans widerstanden.

Nun, Sie können sich vorstellen, dass mich dieses Erlebnis und die Auslegung der Gruppe nicht gerade unberührt gelassen haben. Die Vorstellung, dass Gott offenbar grosse Pläne und einen genauen Lebensplan für jemanden wie mich hatte, der an sich kein anderes Ziel kannte, als ein halbes Jahr lang möglichst interessante Erfahrungen in Amerika zu sammeln und nachher irgendein Studium zu beginnen, diese Vorstellung hatte schon etwas Erhebendes und Verlockendes. Und gar knapp dem gigantischen Zweikampf zwischen Satan und Gott glücklich entronnen zu sein, das bekam für mich schon beinahe etwas Heroisches. Jedenfalls beschloss ich, der Gruppe und ihren Lehren eine weitere Chance zu geben.

 

Der mathematische Schlüssel zur Schöpfung

In der Folge lernte ich, dass für die Gruppe die Zahlen 3, 4 und 7 sowie ihre Vielfache 12, 21, 40 oder 120, 210 und 400 "heilige" Zahlen sind, Zahlen, denen offensichtlich zentrale Taktfunktionen im Timing der Gruppenmitglieder zukamen. Nicht nur wurden die einzelnen Lebensgeschichten der Mitglieder nach solchen Zahlenmustern durchforstet, analysiert und interpretiert oder den einzelnen Seminarblöcken entsprechende Zeitrhythmen unterlegt. Es ging viel tiefer. Diese Zahlen bilden aus der Perspektive der Gruppe den zentralen Schlüssel für das einzig wahre Verständnis der Bibel und sind damit die Eckpfeiler der "Göttlichen Prinzipien", die das gesamte Weltgeschehen über unsere aktuelle Gegenwart hinaus durchdringen und prägen. Wer dieses Zahlengeheimnis kennt und zu interpretieren weiss, versteht nicht nur die Geschichte, sondern ist auch in der Lage, das aktuelle Weltgeschehen zu durchschauen, weiss, was im Moment getan werden muss und was in Zukunft auf uns zukommen wird. Eine durchaus verlockende Perspektive.

Nach Lehre der Gruppe hat die Schöpfung Gottes eine mathematische Form.3) Danach repräsentiert die Zahl 3 nicht nur Gott selber,4) sondern steht auch für drei Entwicklungs- oder Wachstumsphasen. Ob auf der Ebene des einzelnen Menschen oder auf den Ebenen der Familie, der Nation oder der Welt, alle Einheiten oder Objekte durchlaufen in der Perspektive der Gruppe drei Stufen: Formation - Wachstum - Perfektion.5) Die Zahl 3 ist damit die "Himmelszahl" oder auch die "Zahl der Perfektion".6) Die Zahl 4 bildet die Grundlage der Schöpfung, die sogenannte "four position foundation", die sich aus der Position "Ursprung" ('origin': Gott), den beiden Positionen, die sich aus einer "Teilung" ('division') in ein weibliches (Objekt) und männliches Prinzip (Subjekt) ergeben und die sich schliesslich in der vierten Position wieder vereinen ('union').7) Dieses Grundmodell (Abbildung 1) durchzieht das ganze Denken der Gruppe, beinhaltet klare Rollenerwartungen und macht die Zahl 4 zur "Erdzahl".8) Summe und Produkt aus Erd- und Himmelszahl führen schliesslich zu den Zahlen der Schöpfung: 7 und 12. 9) Und das Produkt aus der Himmelszahl 3 und der Schöpfungszahl 7 verleiht der Zahl 21 ihre besondere Bedeutung. Bleibt noch die spirituelle Erklärung zum Faktor 10: Wenn jede der drei Entwicklungsstufen wiederum auf drei Wachstumsphasen beruht, ergeben drei mal drei Stufen die Zahl 9. Da aber der Schöpfungsprozess nach der "Teilung" von Gott erst abgeschlossen sei, wenn die Neuschöpfung wieder in Gott ruht, ergibt sich daraus die Stufe 10, die "rückkehrende Zahl".10) Soweit die Grundzüge der Zahlenmagie dieser Gruppe.

Abbildung 1: "Origin-division-union" und "Four position foundation" 11)

 

 

 

Zeit-Bilder als Schicksalsplan Gottes

Zeit-Bilder sind in manchen Gruppen oft wenig anschaulich und in ausschweifenden und mythischen Geschichten und Legenden verpackt. Umso mehr schätze ich es, Ihnen hier grafisch dargestellte Zeit-Bilder aus dem besagten "Göttlichen Prinzip", dem Grundlagenwerk dieser Gruppe, vorstellen zu können, denn sie veranschaulichen in sehr kompakter Weise, wie ideologische Zeit-Bilder aufgebaut sein können und wie sie funktionieren. Ich will es gleich vorwegnehmen: Die in diesen Grafiken dargestellten Zeitperioden zeugen vor allem von der eben dargestellten Zahlenmagie der Gruppe und halten einer fundierten, historisch-kritischen Bibelforschung nicht oder nur mit viel tolerantem Wohlwollen stand. Es geht hier auch nicht um den Wahrheitsgehalt dieses Bibel- und Geschichtsverständnisses. Vielmehr soll etwas von der Faszination und Harmonie erkennbar werden, die von solchen magischen Zahlen und epochalen Periodisierungen ausgehen können.

In Abbildung 2 verläuft die Zeitachse von links nach rechts, also von der Erschaffung der Welt zur heutigen Gegenwart und reicht darüber hinaus bis in die Zukunft. Vertikal zur Zeit sind die drei grundlegenden Wachstumsphasen eingezeichnet, und zwar von unten nach oben, von der Formation über Wachstum hin zur Perfektion.

 

Abbildung 2: Gottes Vorsehung für die Wiederherstellung der Schöpfung 12)

Gemäss der Schöpfungslehre der Gruppe befanden sich Adam und Eva als Urahnen der Menschheit präzise am Übergang von der zweiten in die dritte Entwicklungsphase, als sie der Verlockung der teuflischen Schlange erlagen und mit ihrem Sündenfall die spirituelle Glaubensbasis, die Gott für die Menschheit vorgesehen hatte, zerstörten. Diese Niederlage gegen Satan hatte Gott sehr traurig gemacht, denn nun musste er über lange Zeitepochen und im ständigen Kampf gegen Satan der Menschheit Opferpflichten und Prüfungen auferlegen, damit diese ihren Glauben, ihre spirituelle Grundlage restaurieren oder wiederherstellen konnte.

In Abbildung 2 ebenfalls eingetragen sind die wichtigsten Etappen, auf denen Gott die Menschheit ins Paradies zurückführen will. Rund 2000 Jahre nach dem Untergang von Eden hat Abraham die Grundlage für die erste Entwicklungsphase, für das Zeitalter des Alten Testaments gelegt. Wiederum rund 2000 Jahre nach Abraham ist dann Jesus gekommen und hat die Grundlage für die zweite Entwicklungsphase, für das Zeitalter des Neuen Testaments gelegt. Und erneut rund 2000 Jahre später - damit sind wir in unserer Gegenwart - ist wieder ein Gottesmann gekommen, nämlich der in der Bibel angekündigte "Lord of the Second Advent", der die Menschheit in die Phase der spirituellen Vollendung führen soll. In vielen Prüfungen und Opferleistungen ist es nun dessen Aufgabe, den Verlockungen Luzifers zu widerstehen, die satanischen Kräfte zu besiegen und so die Voraussetzung für die letzte Etappe zu erfüllen, auf der Gott seine gesegnete Familie und schliesslich die Menschheit zur spirituellen Vollendung führen wird. Falls aber der "Lord of the Second Advent" seine Mission nicht zuerfüllen vermag und seine Familie wie Adam und Eva der List Satans unterliegt, dann droht der Menschheit das selbe spirituelle Schicksal wie vor 6000 Jahren beim Sündenfall von Adam und Eva: der Absturz in die Hölle. Mit anderen Worten: Die Anhängerschaft dieser Gruppe steht unter einem enormen Leistungs- und Opferdruck in der Sorge darum, dass die Mission des "Lord of the Second Advent" erfüllt wird und der Zeitplan Gottes für die Restauration der Menschheit eingehalten werden kann. Psychisch lastet so die ganze Aufbauarbeit der biblischen Geschichte auf ihren Schultern.

Die Grafik in Abbildung 2 mag sehr abstrakt, pauschal oder schablonenhaft erscheinen und wäre so wahrscheinlich auch für viel Anhänger nur schwer zu akzeptieren. Doch dahinter steckt eine viel stärker ausdifferenzierte Geschichtstheorie, die sich einer Zahlenakrobatik bedient, die schon als solche recht eindrücklich und für historisch und biblisch weniger Versierte wohl nur schwer zu wiederlegen ist. Der Grundgedanke: Der Restaurationsplan Gottes für die Menschheit (Abbildungen 3 und 4) arbeitet ebenfalls anhand ganz bestimmter

 

Abbildung 3: Die Zeitperioden der Heilsgeschichte 13)

Zahlen, nämlich mit den Zahlen 12, 4, 21 und 40. Sie markieren Bedingungen ("conditions") für Zeitperioden, und zwar sowohl in Grössenordnungen von Tagen als auch von Jahren oder Jahrhunderten, sogenannte "periods of indemnity", Zeitperioden der Busse und Sühne, Zeitperioden, in denen die Menschen und Nationen beweisen müssen, dass sie den Verlockungen und Angriffen Satans zu wiederstehen vermögen und Gottes Vertrauen verdienen. Diese Zahlen bilden damit die Schlüssel, mit denen sich die ganze biblische Geschichte, aber auch das Weltgeschehen in bestimmte Zeit- und Bedeutungsabschnitte aufschlüsseln lässt.

So wurde die Zahl 12 zum Beispiel wiederhergestellt durch das 120jährige Wirken Noahs und das 120jährige Wirken von Moses, sowie durch die 120 Jahre, die zwischen der Berufung Abrahams und der Berufung von Jakob liegen. Oder die Zahl 4 wurde wiederum durch die zahlreichen 40-Tage Sühneperioden restauriert, die offenbar in der biblischen Geschichte auftauchen: durch die 40tägige Sintflut in der Zeit Noahs, durch die 40tägigen Fastenzeiten von Moses oder durch den 40tägigen Wüstenaufenthalt von Jesus, als er dreimal von Satan in Versuchung gebracht wurde.

Nun, es geht hier sicher nicht darum, jedes Detail dieser historischen Periodiesierung zu begreifen. Und ob nun all diese Zeitangaben mit dem übereinstimmen, was in der Bibel tatsächlich an Information zu finden ist, habe ich nicht überprüft. Wichtig ist mir nur deutlich zu machen, dass das Zeit-Bild dieser Gruppe einer in sich definierten mathematischen Logik folgt. Und dass diese Zeitmuster - 21 Tage, 40 Tage, 120 Tage oder 400 Jahre - fest im Bewusstsein der Gruppenmitglieder verankert sind und deren Wahrnehmung und Interpretation der Bibel nachhaltig prägen. Erst die Durchdringung der biblischen Geschichte anhand dieses Zahlenschlüssels macht verständlich, dass die Gruppenmitglieder die letzten rund 400 Jahre seit der Reformation als die Vorbereitungszeit für das Zweite Erscheinen des Messias verstehen und glauben, dass die Menschheit sich heute am Übergang in eine neue Zeitepoche befindet, in die Epoche der spirituellen Vollendung.

Erst dieser Zahlenschlüssel macht auch verständlich, warum die einzelnen Gruppenmitglieder oft unglaubliche Strapazen und Opfer erdulden, 7 oder 21 Tage fasten und 40tägige Gebets- oder auch Arbeitskonditionen auf sich nehmen. Sie alle tun damit nur Busse für den Sündenfall von Adam und Eva und arbeiten letztlich an der spirituellen Vollendung der Menschheit. Sie bereiten dem "Lord of the Second Advent", dem Messias, den Weg und sorgen dafür, dass in naher Zukunft das himmlische Reich Gottes wieder auf Erden installiert ist.

 

Abbildung 4: Die Geschichte aus der Sicht der göttlichen Vorsehung 14)

 

 

The Lord of the Second Advent

Der Erfinder dieses Zeit-Bildes ist der inzwischen bald 78jährige Südkoreaner Sun Myung Mun. Einen guten Teil seiner Zahlenakrobatik und Bibeltheorien benutzt Mun auch, um seiner Anhängerschaft (und der Welt) zu beweisen, dass niemand anderes als er der angekündigte Gottesmann ist, der Lord of the Second Advent. Seine Gruppe nennt sich Unification Church oder Vereinigungskirche. Das Imperium, das Mun mit seiner opferbereiten Anhängerschaft vor allem in Japan sowie in Latein- und Nordamerika aufgebaut hat, ist ein inzwischen beachtliches Netz von wirtschaftlichen und politischen Organisationen, die alle im strammen Kampf gegen die satanischen Kräfte des Kommunismus stehen bzw. gegen all das, was sie für Kommunismus halten.

 

Abschliessende Überlegungen

Erstens habe ich bewusst mit dem Namen dieser Gruppe zurückgehalten, weil die Vereinigungskirche gerne als Prototyp oder Grundmodell einer "Sekte" herangezogen wird, die sich sämtlicher Register der Manipulation ihrer Anhänger bedient, angefangen von sozialer Isolation über Gruppendruck und Gruppenkontrolle bis hin zu intensiver ideologischer Indoktrination. Es war mir ein Anliegen, solche Assoziationen für einmal etwas in den Hintergrund zu drängen, um die Aufmerksamkeit auf eine andere Möglichkeit oder Technik der sozialen Isolation und Manipulation zu lenken, die subtil versteckt im Weltbild einer Gruppe angelegt sein kann.

Zweitens hoffte ich mit dieser Zurückhaltung auch, dass so besser erkennbar geworden ist, dass die Art, wie Mun die biblische Geschichte interpretiert und analysiert, keineswegs originiell ist. Was Mun macht, ist lediglich eine weitere Variante, die aus der Vorstellung resultiert, dass in der Bibel als dem "inspirierten Wort Gottes", wie die Fundamentalisten glauben, in einem also perfekten Buch doch auch Hinweise über die weiteren Pläne Gottes für die Schöpfung und die Menschheit angelegt sein müssten. Es ist die Idee, dass bestimmte Zitate in der Bibel, eine besondere Auslegung der Bibel oder eben ein harmonischer Zahlenschlüssel mehr oder weniger eindeutige Hinweise geben, zu welchem Zeitpunkt die Wiederkunft Christi bzw. der Tag des letzten Gerichtes oder der Endschlacht Gottes ("Harmagedon") gegen die satanischen Kräfte erwartet werden kann. Seit Mitte des 19. Jahrhunderts hat diese Vorstellung zahllose Gruppen trotz allen Fehldeutungen und Prophezeiungen immer wieder von neuem fasziniert und zusammengeschmiedet, angefangen von den Milleristen über die Adventisten und die Zeugen Jehovas bis hin zu den Anhängern von David Koresh. Vergleichbare Zeitbilder prägen aber nicht nur diese klassischen Endzeitgemeinschaften, sondern auch einen Grossteil der konservativen Fundametalisten und evangelikalen Christen.

Drittens würde ich Ihnen zum Schluss gerne noch ein paar theoretische Überlegungen zum Thema Zeit-Bilder zumuten, zur Frage nämlich, warum ausgerechnet den Zeit-Bildern in den Weltanschaungen der verschiedenen Gruppen besondere gemeinschaftsregulierende Funktionen zukommen. Im Alltag nehmen wir Zeit meistens nur als eine lästige, aber entscheidende Nebensächlichkeit wahr: Entweder haben wir viel zu wenig Zeit, weil unsere Agenda chronisch überfüllt ist, oder dann wieder schleicht die Zeit vor Langeweile. Beginnen wir intensiver über Zeit nachzudenken, erkennen wir jedoch schnell, dass wir es hier mit einem sehr komplexen und grundlegenden Phänomen zu tun haben.

 

In der wissenschaftlichen Literatur lassen sich mindestens drei Ebenen erkennen, auf denen Zeit thematisiert wird. Zwei dieser Zeitebenen hat der Zürcher Psychologieprofessor Norbert Bischof sehr anschaulich in einem Modell dargestellt:

 

Abbildung 5: Das Zeitmodell von Norbert Bischof 15)

In Abbildung 5 sehen Sie auf der horizontalen Achse die sog. Phi-Zeit. D.h. auf dieser Ebene erscheint Zeit als eine objektive Grösse, als ein "physisches" Kontinuum zwischen Urknall und Ende der Zeit, zwischen Sonnenaufgang und Sonnenuntergang, zwischen Frühling, Sommer, Herbst und Winter, ein Kontinuum zwischen Werden und Vergehen, über das wir zwar spekulieren und theoretisieren können, das für uns aber letztlich unveränderlich und gegeben ist und für alle Menschen objektiv in gleichem Masse Gültigkeit hat.

Senkrecht dazu steht die sog. Psi-Zeit, die "psychische" oder "erlebte" Zeit. D.h. auf dieser Ebene erscheint Zeit als ein höchst subjektives Konstrukt, als ein Gefühl oder eine Vorstellung im Bewusstsein jedes einzelnen Menschen, zum Beispiel wenn wir uns an unsere Kindheit oder Jugendzeit erinnern oder wenn wir darüber nachdenken, welche Erwartungen wir für unseren weiteren Lebensweg hegen. Auf dieser Ebene hat jeder von uns eine höchst persönliche Zeitperspektive, die letztlich nur für ihn selbst Gültigkeit hat. Die beiden Zeitebenen der "physischen" Zeit und der "psychischen" Zeit sind miteinander unvereinbar und haben letztlich nur eine einzige Gemeinsamkeit, nämlich im Schnittpunkt der beiden Achsen den Zeitpunkt des "Jetzt".

Als Soziologe und auch im Hinblick auf unsere Frage nach der Funktion von Zeit-Bildern in Gemeinschaften möchte ich dieses psychologische Zeitmodell noch durch eine dritte Ebene ergänzen. Es gibt die Zeit auch als ein "soziales Konstrukt", als eine "soziale Tatsache" (Durkheim), die beispielsweise darin erkennbar wird, dass in unserer Gesellschaft erst seit ein paar hundert Jahren eine bestimmte Kalenderdatierung, nämlich die Zählung der Jahre seit der Geburt Christi, allgemeine gesellschaftliche Gültigkeit erlangt hat. Und auch die Dauer einer Stunde, Minute oder Sekunde sind keineswegs schon von alters her bekannte und gültige Einheiten. Zeit als "soziales Konstrukt" ist gesellschaftlich definierte Zeit, ein Zeit-Bild also, das auf gesellschaftlicher Absprache, auf Konsens beruht. Die Gültigkeit der sozial konstruierten Zeit für den einzelnen Menschen ergibt sich aus der Gefahr, dass er in grosse Probleme geraten kann, wenn er sich nicht an die gesellschaftlichen Zeitregeln und -definitionen hält. Die Wichtigkeit sozial konstruierter Zeit für die Gesellschaft wird beispielsweise erkennbar in den oft hart geführten Auseinandersetzungen, in denen es um Arbeitszeitregeln oder die Festlegung des Pensionsalters geht. Zusammengefasst: Die sozial konstruierte Zeit koordiniert die vielen subjektiven Zeitverständnisse, also die senkrechten Psi-Zeiten im Modell von Bischof, und hat damit grundlegende Bedeutung für ein einigermassen konflikt- und reibungsarmes Funktionieren unserer Gesellschaft.

Ich komme endlich zur Schlussbemerkung. Auch Zeit-Bilder von der Art der vorgestellten Vereinigungskirche sind insofern natürlich soziale Zeitkonstruktionen, als sie das Timing und die subjektiven Zeitvorstellungen der Gruppenmitglieder vereinheitlichen und koordinieren. Aber gerade in dem Masse, wie die Zeit-Bilder einer Gruppe von den gesellschaftlichen Zeit-Bildern abweichen, geraten die Mitglieder aus dem gesellschaftlichen Takt, verlieren den gesellschaftlichen Boden unter ihren Füssen. Ihr Handeln und Denken verläuft - abstrakt formuliert - asynchron zum gesellschaftlichen Rhythmus und drängt sie so in die Isolation des Gruppenrhythmus. Das kann zum Beispiel bedeuten, dass junge Menschen ihre Altersversicherungen aufgeben im Bewusstsein, dass die Endzeit nahe ist und sie als Rechtgläubige dann eine neue Zukunft im anbrechenden Reich Gottes haben werden. Oder dramatischer 1993 im texanischen Waco, als die Waffenkontrolle der amerikanischen Bundespolizei auf dem Gelände der Davidianer von der Sekte als eigentlicher Beginn der Endschlacht Gottes gegen die satanischen Kräfte interpretiert wurde.


 

Anmerkungen

1)

Berger, Peter L., Luckmann, Thomas,1990, S. 29-31. Die gesellschaftliche Konstruktion der Wirklichkeit. Eine Theorie der Wissenssoziologie. Fischer Taschenbuch Verlag : Frankfurt a.M. Buchmann, Marlies, 1989. Soziale Verwaltung von Zeit: Zeitordnung und Zeitbewusstsein. In: Schweizerische Zeitschrift für Soziologie 15 (2), S. 289-299. Friese, Heidrun, 1993. Die Konstruktionen von Zeit. Zum prekären Verhältnis von akademischer Theorie und lokaler Praxis. In: Zeitschrift für Soziologie, Jg. 22, Heft 5, S. 323-337. Knorr-Cetina, Karin, 1989. Spielarten des Konstruktivismus. Einige Notizen und Anmerkungen. In: Soziale Welt 2, S. 86-96. Meier-Dallach, Hans-Peter, 1988. Teilbilder, Welt- und Selbstbild: Zur Theorie ihres Aufbaus und Prozesses. In: Schweizerische Zeitschrift für Soziologie 14 (1), S. 3-18. (zurück)

2)

Vgl. z.B. die Ausführungen von Thompson, Damian, 1997. Das Ende der Zeiten. Apokalyptik und Jahrtausendwende. Claassen Verlag : Hildesheim. Kapitel 5: Fin de siècle, S. 140 ff. (zurück)

3)

"God's form is also mathematical." (Moon, Sun Myung, 1977, p 381. Divine Principle. Published by The Holy Spirit Association for the Unification of World Christianity : New York.) (zurück)

4)

"God, who is the subjective being with the dual essentialities combined (and perfected), is a being of the number 3." (Moon, 1977, p 384) (zurück)

5)

"Therefore, in order for any creature to be perfected, it must grow to maturity through the three orderly stages of 'formation', 'growth' and 'perfection'." (Moon, 1977, p 53) (zurück)

6)

Moon, 1977, p 384. (zurück)

7)

"When, through Universal Prime Energy, the dual essentialities of God enter into give and take action by forming a reciprocal relationship, the force of give and take action causes multiplication. This action causes the dual essentialities to separate into two substantial objects centered upon God. The substantial subject and object pair then enter into another give and take action by forming a reciprocal relationship, through Universal Prime Energy. By forming one unit they become an object to God. (...) We call this process 'origin-division-union action'. (...) Since these three objective positions are centered on the origin, four respective positions are formed altogether. This creates 'the four position foundation'. The significance of the number 4 is derived from this four position foundation. And (...) the significance of the number 3 is also found here." (Moon, 1977, p 31/32) (zurück)

8)

"According to the principle of creation, nothing can exist without establishing the four position foundation." (Moon, 1977, p 382) (zurück)

9)

"Thus, when a creature establishes the four position foundation by going through the growth period of three stages and is perfected as an existence with a nature in time and space, he becomes a substantial being who has perfected the number 7, the sum total of the heavenly number and earthly number. This is why the whole period of the creation of heaven and earth became 7 days." (Moon, 1977, p 385). (zurück)

10)

"If we divide the three stages of the period of growth into three stages each, it makes a total of nine stages. The basis in the Principle of the number 9 lies here. Incidentally, the things of creation which were divided as God's substantial object through the mathematical development of His invisible dual essentialites can fulfill the purpose of creation only when they become one body with God, by returning into the sphere of God's direct dominion, the tenth stage, after passing through the nine stages of the period of growth. Therefore, we call the number 10 the 'returning number'." (Moon, 1977, p 386) (zurück)

11)

CAUSA Institute (ed.), 1985, p 213, 235. CAUSA Lecture Manual. New York. Holy Spirit Association for the Unification of World Christianity (ed.), 1980, p 21/22. Outline of The Principle, Level 4. New York. (zurück)

12)

Moon, 1977, p 137. (zurück)

13)

Moon, 1977, p 403. (zurück)

14)

Moon, 1977, p 447. (zurück)

15)

Bischof, Norbert, 1996, S. 111. Das Kraftfeld der Mythen. Signale aus der Zeit, in der wir die Welt erschaffen haben. Piper Verlag : München, Zürich. (zurück)

 

 

Der Autor:

Philipp Flammer

Soziologe, lic. phil., Mitarbeiter beim Verein infoSekta, einer Informations- und Beratungsstelle für Sekten- und Kultfragen in Zürich.