Die Propagandamaschinerie der Jesus-Heiler

Wunderheiler Erwin Fillafer und die "Geschäftsleute des Vollen Evangeliums"

 

von Philipp Flammer

(abgedruckt in der Broschüre zum Dokumentarfilm "Christliche Sekten im Vormarsch" von Regisseur Michael Gautsch, S. 4 - 16. Der folgende Text ist die Analyse einer Evangelisationsveranstaltung, die Michael Gautsch am 5. September 1997 filmisch dokumentiert hat.)

 

Die Renaissance des christlichen Okkultismus

Der Gottesdienst mit Erwin Fillafer

Europa: Ein missionarisches Entwicklungsland

Anmerkungen

 

© 1999. Cinetop-Film Verlag, Schwag 3, A-9313 St. Georgen / Längsee; rev. 12.11.2005 / pf.


 

"Und wenn Du Depressionen hast, kannst du heute frei werden. Jesus will dich befreien, das sag ich dir. Denn wenn Jesus eingreift in dein Leben, dann kriegt der Teufel einen Fusstritt, dann muss der gehen, das sag ich dir. Denn Christus hat den Teufel besiegt. Nach Kolosser 2,15 im Triumphzug zur Schau gestellt. Und dort steht: "Völlig entwaffnet!" Hörst du? Völlig entwaffnet! Und wenn Jesus in dein Herz, in dein Leben einkehrt, dann ist was los, dann. Dann kommt Freiheit, dann kommt Sieg. Dann kommt ein erfülltes, siegreiches, triumphierendes, gesegnetes Leben. Halleluja." 1)

 

Der dies mit energischer, gehetzter, sich beinahe überschlagender Stimme am Abend des 5. Septembers 1997 in einen knapp zur Hälfte gefüllten Mehrzweckraum einer oberösterreichischen und katholischen Kirchgemeinde hineinpredigt, ist ein geschäftstüchtig aussehender, geschmeidiger End-Fünfziger: Erwin Fillafer. Das Leben erweist sich aus seiner Sicht als ein simpler Grosskrieg zwischen Gott und Teufel. Jede Krankheit hat letztlich ihre Ursache im mangelnden Glauben an Gott und im verführerischen Wirken Satans. Sein Allerheilsrezept dafür heisst Lebensübergabe an Jesus Christus.

Die Renaissance des christlichen Okkultismus

Das Weltbild, das der Bäckermeister und Prediger Fillafer im Ausgang des zwanzigsten Jahrhunderts hier skizziert, kommt einem Rückfall ins tiefste Mittelalter gleich, als der Teufelsglaube zum zentralen Motor des christlichen Glaubens und Verhaltens geworden war und so - im Namen Gottes - den Menschen über Jahrhunderte viel Leid, Repression und wahnhafte Ungerechtigkeiten bescherte.2) Mit diesem Weltbild ist Fillafer beileibe nicht allein. Seit den 1980er Jahren schiessen charismatische "Christengemeinden" seines Stils in Europa wie Pilze aus dem Boden. Im weiten Sinne sind sie der Pfingstbewegung zuzurechnen. Ihre missionarische Ideologie wird gemeinhin als "power evangelisme" oder "Dritte Welle des Heiligen Geistes" bezeichnet und setzt neben der Bekehrung zu Jesus ganz auf die "übernatürliche" Heilswirkung des "Heiligen Geistes". In ihren emotional meist stark aufgeladenen Gottesdiensten manifestiert sich dieser "Heilige Geist" jeweils als sogenanntes "Zungenreden" oder in Form von Wunderheilungen und prophetischen Weissagungen. Nicht selten entwickeln sich solche Beschwörungen des "Heiligen Geistes" zu sogenannten "Krankheiten-Austreibungen", mit anderen Worten: Sie arten aus in eigentliche Dämonenaustreibungen und exorzistische Rituale. Ein häufiges gemeinsames Merkmal aller charismatischen Prediger: Sie haben ihre Ausbildung in bestimmten Zentren der Vereinigten Staaten erhalten und betrachten Europa als Heidenland, als ein missionarisches Entwicklungsland.

Die Thesen, warum gerade heute wieder Wunderheiler und Gurus christlicher oder esoterischer Provenienz salonfähig geworden sind, warum okkulter Teufels- und andere Aberglauben in unserer aufgeklärten Zeit wieder eine Renaissance erleben, sind inzwischen zahlreich. Gerne ortet man in diesen Phänomenen die Defizite der modernen Gesellschaft, spricht im Hinblick auf den Zerfall der etablierten Kirche von Sinnleere und Wertezerfall oder macht im Hinblick auf die sozialen Pluralisierungs- und Individualisierungsprozesse brüchige Identitäten oder, allgemein, Gemeinschafts- und Orientierungsverluste geltend.

Am Beispiel des pfingstlerischen Predigers Erwin Fillafel will ich nun ergänzend das Augenmerk stärker auf die eigentlichen Akteure lenken und zeigen, welche Verantwortung diese an der religiösen "Wiederverzauberung" der Gesellschaft tragen. Eine stark vereinfachte Ideologie im Munde eines rhetorisch gewandten Mannes mit klaren Zielen und Ambitionen, getragen und unterstützt von einer gutkontrollierten Anhängerschaft und eingebunden in überregionale, gar internationale Evangelisationsstrategien zeigen, dass die Bekehrung zu Jesus nicht einfach eine individuelle, freie Entscheidung ist, sondern das wohlvorbereitete Produkt einer aufwendigen Propagandamaschinerie.

Der Gottesdienst mit Erwin Fillafer

1. Die öffentliche Werbung

Der Wunderheiler vom Fernsehen - mit dem Segen der Katholischen Kirche

Die Einladung zu vier Veranstaltungen mit dem Prediger Erwin Fillafer vom 4. bis 7. September 1997, die in die Haushalte der Region verteilt wurde, verspricht: "Bei Gott ist kein Ding unmöglich!", und im Untertitel: "Frei von • Schuldgefühlen • Depression • Krankeit durch die befreiende Kraft der frohen Botschaft von Jesus Christus!". "Komm und erlebe Gottes Kraft!". Dass es sich hier um seriöse Versprechungen handelt, lassen zwei weitere Hinweise vermuten. Erwin Fillafer wird als eine offenbar kompetente Person vorgestellt, die bereits "5x bei 'Schiejok täglich' auf ORF 2" als Gast geladen war. Und offenbar steht auch die katholische Kirche hinter Fillafer. Zumindest gewährt sie den vier Veranstaltungen mit Fillafer in der oberösterreichischen "Pfarrkirche Lindach" Gastrecht. Etwas irritierend, aber in gewisser Weise auch bestätigend wirkt hier lediglich der Hinweis auf den Veranstalter am unteren Rand des Flugblattes: "Reformierte-Kath. Gemeinschaft MARANATHA". Fillafer selber erscheint auf dem Flugblatt mit seinem Strahlegesicht, dem massgeschneiderten Geschäftsanzug und der aufgeschlagenen Bibel in der Hand wie jemand, der einzig von Gott berufen wurde und die Wahrheit, nichts als die Wahrheit spricht.

Flugblätter dieser Art sind typisch: Sie versprechen viel und verschleiern gleichzeitig mit Referenz auf öffentlich etablierte und bekannte Namen nicht weniger. Keine weiteren Hinweise, wer Fillafer wirklich ist, was er sonst so denkt und tut, wo er seine Ausbildung erhalten hat und wer tatsächlich hinter ihm steht. Wer dennoch mehr in Erfahrung bringen will, merkt schnell, dass dies keineswegs so leicht ist und akribische Nachforschungen verlangt. Hinter den ausweichenden Antworten tut sich ein verwirrendes Netzwerk von Personen und Grüppchen auf, sogenannte "Christengemeinschaften", deren Zusammenhänge von nichteingweihten BesucherInnen kaum auf Anhieb zu durchschauen sind. Die Veranstalterin selber, die "Reformierte-Kath. Gemeinschaft MARANATHA", erscheint hier nur als eine Gruppe unter anderen. Laut Einschätzung des katholischen Sektenreferenten in Linz, MMag. Andreas Girzikovsky, handelt es sich bei MARANATHA um eine innerkatholische, oft problematische Gruppe, die in ihrer Lehre mit der katholischen Kirche zumeist übereinstimmt, bei der die Praxis der Mitglieder jedoch zu einer sehr engen Sichtweise und zur Überbetonung von Teilwahrheiten tendiere.

2. Der Gottesdienst

2.1. Zeitlicher Ablauf

Die Choreographie der Bekehrung

Der von einem Filmteam live dokumentierte Gottesdienst mit Erwin Fillafer ist am Freitag, 5. September 1997 offiziell auf 19.30 Uhr angesetzt.3) Die ersten Besucher verlassen die Veranstaltung gegen 22.30 Uhr, die letzten nach 23.00 Uhr. Die Veranstaltung findet im dichtbestuhlten Mehrzweckraum der katholischen Kirche statt. Im Hintergrund des Raums ein Büchertisch mit religiösen Traktaten, Porträts von Karl Pilsl sowie Literatur u.a. von Kenneth Hagin.4) Rund fünfzig Personen sind erschienen.

Tatsächlich eröffnet der katholische Pfarrer die Veranstaltung kurz vor 20.00 Uhr mit einer Begrüssungsrede. Anschliessend folgt eine knapp viertelstündige musikalischen Einstimmung: Ein junges Paar singt mit Gitarrebegleitung religiöse Lieder. Das Publikum singt stehend mit, gelegentlich rhythmisch die Hände klatschend. Bereits geraten einige sichtbar in eine meditative Trance. Dann beginnt eine ca. 26jährige attraktive Frau, F.H.*), die eigentliche Evangelisation. Während ebenfalls knapp einer Viertelstunde bezeugt sie in eindrücklichen und persönlichen Worten ihre Bekehrung zu Gott, erzählt von ihrem spirituellen Geburtstag am im Jahr 1994 und dem damit verbundenen Wandel in ihrem Leben. Das Wort übergibt sie einer etwa 55 bis 60jährigen, kleingewachsenen, unscheinbar wirkenden Frau, Johanna Fillafer, der Gattin des Predigers. Weniger eloquent, beinahe scheu, aber nicht minder persönlich berichtet sie von ihrer schweren Ehekrise mit Erwin und bezeugt, wie sie dann, "vor 15 Jahren", zu Gott und damit aus der Krise gefunden hat.

Es dürfte inzwischen 20.30 Uhr geworden sein, als nun zum ersten Mal der Star des Abends ans Rednerpult tritt und mit seiner Erscheinung, seinem Stimmvolumen und seiner Rhetorik die Anwesenden sofort in seinen Bann schlägt. Auch Erwin Fillafer beginnt mit einem sehr persönlichen Zeugnis, mit Bemerkungen zur Ehekrise aus seiner Sicht und wie er "im Mai 1986" endlich selber zu Gott und damit zum Heil gefunden hat. Bald aber geht er in die Darstellung von Heilungsgeschichten anderer Personen über, die angeblich durch ihre Bekehrung von den unterschiedlichsten und selbst den schlimmsten Krankheiten wundersam befreit worden seien. Während einer guten Viertelstunde referiert er mindestens acht Krankengeschichten und untermalt diese mit "Vorher-"/"Nachher-"Bildern auf Folien über einen Hellraumprojektor. Manche dieser Personen seien allein durch sein Gebet geheilt worden, das er am 19. Mai 1995 über das österreichische Fernsehen sprechen durfte. Dann wird Fillafers Predigt immer dozierender, fordernder, zunehmend auch unterstützende Reaktionen aus dem Publikum provozierend, gipfelt in der Aufforderung noch nicht bekehrter Anwesender, ihr "Leben Jesus Christus zu übergeben, so wie es die Bibel sagt", und endet schliesslich in einem gemeinsamen Gebet aller Anwesenden. Insgesamt dürfte Fillafers immer emotionaler gewordene Stakkato gut und gern fünf Viertelstunden gedauert haben, als er kurz vor 22.00 Uhr schliesslich zum "Heilungsteil", dem Beschwörungsritual übergeht.

Soweit in groben Zügen der Ablauf des Gottesdienst mit Erwin Fillafer. Im folgenden gilt es nun, die einzelnen, zeitlich ineinander verzahnten Ebenen detaillierter herauszuarbeiten, um zu verstehen, welche Wirkung eine solche Veranstaltung auf die Anwesenden potentiell zu entfalten vermag. Ich untersuche die Gundbotschaft, dann das ideologische Konstrukt, auf das die Botschaft abstellt, und schliesslich die rhetorischen Mittel, mit denen Botschaft und Ideologie dem Publikum vermittelt werden.

*) F.H.: Name der Referentin im Filmdokument genannt. Frau F.H. distanziert sich heute explizit von der Gruppe.

 

2.2. Die Botschaft

Steter Tropfen höhlt den Stein

"Bei Gott ist kein Ding unmöglich!", lautet die einfache und eingängige Botschaft, die sich in den verschiedensten Varianten wie ein roter Faden durch die ganze Veranstaltung zieht. Das Grundmuster: Die jungdynamische F.H. berichtet, wie ihr Leben vor ihrem spirituellen "Geburtstag" "nicht lustig" war. Mit 19 habe sie gut zwei Jahre lang ein Lokal geführt. Dennoch sei ihr Leben perspektivenlos gewesen. Sie habe weitere gut zwei Jahre erfolgreich im Aussendienst einer grossen Firma als Führungskraft gearbeitet. Trotzdem sei sie immer tiefer in die Krise geraten, habe bald den Menschen kaum mehr in die Augen sehen können, sich zu Hause in ihrem Bett verkrochen, Selbstmordgedanken nachgehangen und unter Magersucht gelitten. Zu diesem Zeitpunkt, zur "Osterzeit", habe sie sich dann intensiv mit Jesus Christus zu befassen begonnen und einen tiefen Notschrei losgelassen: "Gott, wenn es dich wirklich gibt, (...), dann bitte hilf mir jetzt heraus." Da erhöhrte sie Gott in der Gestalt eines alten Bekannten, Josef, der ihr von einer Christengemeinde erzählte, mit ihr in der Bibel las und sie schliesslich zu Jesus führte. Seither sei sie geheilt und so tief bewegt, dass sie ihre Erfahrungen in einem kleinen Heftchen aufgeschrieben habe und gerne jedem Interessierten übergebe.

Die Wiederholungen des Grundmusters: Die zweite Rednerin, Johanna Fillafer, stürzte in die Krise, als sie ihre Familie zerfallen sah und ihr Gatte Erwin sich eine Freundin hielt. Wochenlang habe sie nicht mehr geschlafen, sei beinahe verrückt, beinahe Alkoholikerin geworden. Schliesslich erkrankte auch sie an Bulimie und magerte ab bis an den Rand des Todes. Zur Gesandtin Gottes wurde dann die Organistin in ihrer Kirche, die sie in ihren "Hauskreis" und in die "holländische Mission" trotz anfänglichem Widerstreben ("... ist das eine Sekte?") einführte und ihr in wundersamer Weise die Augen für Jesus Christus öffnete. Der Dritte, Erwin Fillafer, geriet in die Krise, nachdem er sich von seiner Freundin getrennt hatte. Zwei Jahre lang litt er unter schweren Depressionen und dachte mehrmals an Selbstmord. Zur Gesandtin Gottes wurde bei ihm die eigene Ehefrau, Johanna. Als er sie zu neuem Leben erblühen sah, wusste er: "Jesus Christus ist real." Das habe sein Leben völlig verwandelt und ihm neuen Sinn gegeben. Die Lebensübergabe an Jesus Christus führt aus jeder Krise, mag sie noch so schwer und ausweglos erscheinen, so das Grundmuster der drei authentischen Zeugnisse.

In der Folge ging Erwin Fillafer dann aber einen Schritt weiter und repetierte das selbe Grundmuster in der Darstellungen der Heilungserfahrungen anderer Menschen, denen er selber als Gesandter Gottes begegnet war. In der Schwebe bleibt der Eindruck des Authentischen und verleiht so den berichteten Beispielen suggestiv den Charakter unmittelbarer Zeugnisse. Kurz: Am Ende dieser Heilungsgeschichten kurz vor 21.00 Uhr, knapp etwa zur Halbzeit der Veranstaltung, ist Fillafers Grundbotschaft nicht nur einmal ausgeführt, sondern bereits mindestens zehnfach in den Köpfen der Anwesenden verankert worden:

"Jesu Macht kennt keine Grenzen"5) und Gott vollbringt Wunder selbst dort, wo die wissenschaftliche Medizin kläglich versagt. Angesprochen werden damit nicht latente oder manifeste Allmachtsphantasien der Zuhörerschaft, sondern oft auswegslos erscheinende Nöte und Ängste schwacher oder kranker Menschen.

2.3. Die Ideologie

"... der Weg, die Wahrheit und das Leben"

Die Ideologie, auf die Fillafer seine einfache Botschaft abstellt, ist formal gesehen fundamentalistisch ("Lest die Bibel! Lest Gottes Wort!"6)), und zwar in charismatischer Ausrichtung ("... der Herr ... ist unter uns durch seinen Heiligen Geist."7)). Das heisst, die Bibel gilt als inspiriertes Wort Gottes und dem entsprechend als absolute Wahrheit, die wie ein Gesetzeswerk im täglichen Leben umgesetzt werden will. "Charismatisch" meint, dass Fillafer im Unterschied zu anderen Fundamentalisten der Kraft des "Heiligen Geistes" eine zentrale und "heilende" Wirkung zumisst, eine Interpretation der Bibel, wie sie vor allem seit Anfang dieses Jahrhunderts von der Pfingstbewegung gelehrt wird. Im folgenden kann es nun nicht um eine "richtige" Bibelinterpretation gehen.8) Viel interessanter ist das ideologische Konstruktionsmuster, das sich aus den verschiedenen Aussagen der drei Vortragenden herausschälen lässt. Deshalb fasse ich nun Lehrelemente zusammen, die für das Selbstverständnis und die Handlungsweisen der Gläubigen bedeutsam werden können.

Ausschliessender Glaube. Das Glaubensverständnis der drei Vortragenden lässt kein Missverständnis offen: Sie sind im Besitz der einzig richtigen Wahrheit. Ihr Jesus ist der "einzige Retter und Erlöser der Welt", der "einzige "Weg" zu Gott und damit zum Heil. Wer ihr Glaubensverständnis (noch) nicht teilt, hat nur eine Chance: Bekehrung.

Schwarz-Weiss-Malerei. Mit dem ausschliessenden Glauben einher geht eine scharfe gemeinschaftliche Grenzziehung. "Wer den Sohn hat, hat das Leben. Wer den Sohn Gottes nicht hat, hat das Leben nicht. Unser Leben ist nach göttlicher Qualität", meint Fillafer, während es da draussen in Österreich "so viel verkehrtes Gedankengut" gebe.9) Mit anderen Worten: Wir, die Gemeinschaft der rechtgläubigen Jesus-Nachfolger, dort die von Satan verführte ungläubige Aussenwelt.

Verunsicherung und Bedrängung des Selbstbewusstseins. Dieses kollektiv erhebende Bewusstsein, einer gottgesegneten Elitegemeinschaft anzugehören, wird jedoch durchsetzt mit Aussagen, die umgekehrt wieder das Selbstbewusstsein der einzelnen Gläubigen radikal in Frage stellen. Denn das einzige Hindernis zu Gott und damit zum Heil liegt nach Fillafer im "realistischen und materialistischen Denken" und Unglauben jedes einzelnen. Zuerst muss der einzelne erkennen, dass niemand ohne Sünde ist. Die Schuld für die eigene Gottes- und Heilsferne liegt ausschliesslich beim einzelnen.10) Mit anderen Worten: Psychische und soziale Probleme oder körperliche Gebrechen sind immer selbstverschuldet ... verschuldet durch mangelnde Einsicht in die eigene Sündigkeit, durch den mangelnden Glauben des einzelnen an die "übernatürliche" Gotteskraft.

Entmündigung. Mündiges Handeln bedeutet, Verantwortung für sein eigenes Tun zu übernehmen. Für Fillafer ist aber gerade mündiges Handeln nicht gottgewollt. Es seien nicht die "guten Werke", die den Menschen retten, sondern einzig die Gnade Gottes, vermittelt durch den Glauben. Nicht das eigene Bemühen hilft Probleme meistern, sondern allein der Glaube, der "die Gnade Gottes freisetzt".11) Mit anderen Worten: Ein Mensch kann sich noch so bemühen, wenn er das eine nicht tut, - nämlich sich für Jesus entscheiden, radikal mit seinem alten Leben brechen und sich ganz in den Dienst der biblischen Wahrheit stellen - ist er trotzdem verloren. Trotz oder eben wegen des Entmündigungscharakters ist das Konzept der Gnade aber ein sehr attraktives ideologisches Element, weil es gerade für hoffnungslose, verzweifelte oder überforderte Menschen entlastend wirkt.

Kritikunterbindung und guruistische Ansprüche. "Zweifle an deinem Zweifel! Aber bitte, zweifle niemals am Wort Gottes!"12), mahnt Fillafer seine Zuhörerschaft laut und barsch. Und auch woher die Zweifel stammen, gibt es für ihn keine Zweifel: vom Vater der Lüge, dem Teufel, der mit Freuden und sexueller Lust, mit Götzendienst und materiellen Verlockungen sein tödlich sündiges Gift verbreitet. Wer das Glaubensverständnis von Fillafer in Frage zu stellen versucht, muss so riskieren, vom diesem als Vasall des Teufels gebrandmarkt zu werden. Gleichzeitig schiebt sich Fillafer damit und als angeblicher Gesandter Gottes, dem Gott sogar während der Predigt Eingebungen gibt13), in die Rolle eines unanfechtbaren autoritären Führers in Glaubensfragen.

Zuckerbrot ... . Fillafers Heilsversprechen für all jene, die sich für Jesus entscheiden, sind nicht bescheiden, wie schon die Einladung zu seiner Veranstaltung deutlich gemacht hat. Sein Gott ist "ein Gott, der Wunder tut", denn das "Evangelium ist eine Kraft Gottes (...) für jeden der daran glaubt." Keine Krankheit, die dieser Gott nicht heilen könnte ... "Rückenschmerzen, Hautkrankheiten, die unwahrscheinlichsten Krankheiten" wie Tumor, Angina Pectoris oder Neumakoppen. Versprechen, denen sich kranke und verzweifelte Menschen wohl nur schwer entziehen können.14) Bekehrung bringt aber nicht nur Heil, sondern auch Gemeinschaft für Einsame und "eine Freude, die nie, nie, nie aufhört. Diese sogenannten Feste - Freudenfeste, Villacher Kirchtag, Villacher Fasching oder, egal Münchner Oktoberfest - diese Feste werden einmal aufhören. Die wird es einmal nicht mehr geben. Dann gibt es nur mehr ein Freudenfest, und das ist das Freudenfest, das wir feiern. Für unseren König Jesus, der uns erlöst hat, der uns errettet hat. Halleluja!" 15)

... und Peitsche. Wem solche Heilsversprechen noch nicht reichen, dem kann Fillafer aber auch massiv drohen: "Weisst du, wenn du stirbst ohne Jesus, gibt es für dich keine Rettung mehr. Dann bist du für immer und ewig von Gott getrennt. (...) in Hebräer 9, 27 (steht): 'Und es ist Gesetz der Menschen, ein einziges Mal zu sterben.' Danach kommt das Gericht. Nichts anderes kommt danach als das Gericht. Und dann musst du vor deinem Schöpfer erscheinen. Und dann musst du Rechenschaft abgeben über alle deine Gedanken, sündigen Worte und sündigen Handlungen. Ich sag dir, eines Tages ist es zu spät."16) Solche Drohungen mit der (meist in naher Zukunft prophezeiten) Endzeit haben heute unmittelbar vor der Jahrtausendwende Hochkonjunktur.

Die Ideologiekonstruktion, die in diesen sieben Kernpunkten zum Ausdruck kommt, muss als vereinnahmend und totalitär bezeichnet werden. Vereinnahmend wirkt das Wechselbad zwischen masslos überrissenen Heilserwartungen (Wunderheilungen) und abgründigen Angstvorstellungen (Teufel, Endzeit, eigenes Versagen). Totalitär ist Fillafers Umgang mit Zweifel und Kritik, sein Machtanspruch als Gesandter Gottes und die enge Alternativlosigkeit seines Glaubensverständnisses.

2.4. Der Einbezug der Zuhörerschaft

"Gott sucht nur eins: Dass du dein Herz auch öffnest."

Den Ausführungen der drei Vortragenden gegenüber stehen die Reaktionen des Publikums. Gegen vierzig Personen waren anwesend, Männer und Frauen, ein beachtlicher Teil davon im Rentenalter, der Rest etwa gleichmässig über die verschiedenen Alterskategorien verteilt. Dem Durchschnittsalter entsprechend wirken die Reaktionen eher schwerfällig. Dennoch geht es bei Fillafer deutlich lebhafter zu als in manchen landeskirchlichen Gottesdiensten. Zu verdanken ist dies sicher dem Redestil von Fillafer, aber auch einigen jüngeren Leuten im Publikum, die offensichtlich zum engeren Team gehören und bestimmte Aussagen des Predigers mit Zwischenrufen wie "Amen", "Preis den Herrn" oder "Halleluja" quittieren und so mithelfen, das Publikum anzuheizen.

Den sachlichsten und zurückhaltendsten Stil pflegt die zweite Rednerin, die Frau des Predigers. Sie begrüsst zu Beginn das Publikum mit "Sie", vermeidet dann aber, es weiter direkt anzusprechen und berichtet vor allem von sich. F.H., welche die Veranstaltung eröffnet, versucht zu Beginn mit einer witzig-zerstreuten Art die Zuhörerschaft für sich zu gewinnen und wird etwas ernsthafter im Bericht über ihre Bekehrung. Dannach aber geht sie in einen dozierenden und belehrenden Stil über, spricht dabei das Publikum wiederholt mit "Du" an und wechselt hin und her zwischen eindringlicher Mahnung ("Bitte verpasst es heute Abend nicht! Lass es nicht an dir vorübergehen!") und schwärmerischer Beschwörung ("Es (= die Lebensübergab an Jesus: PF) ist phantastisch. Es ist schön. (...) Und es ist so herrlich. Es tut so gut. Es gibt nichts mehr, was mich stoppen kann.") Dennoch gelingt es ihr kaum, das Publikum aus der Reserve zu holen.

Fillafers fünfviertelstündige Predigt dagegen kann als rhetorisches Meisterstück der Demagogie, der Publikumsaufwiegelung bezeichnet werden. Er beginnt in einem sehr freundlichen, warmen und persönlichen Stil und erzählt, wie er zu Jesus gefunden hat und warum er nun missionierend durch die Lande zieht. Sein Stil wird spürbar lebhafter und engagierter bei der Darstellung der verschiedenen Krankengeschichten und seiner angeblichen Heilungserfolge. Die sachlich schildernden Ausführungen unterbricht er immer wieder mit energisch dozierenden, ideologischen Zwischenbemerkungen, die er in immer kürzeren Abständen mit enthusiastischen "Hallelujas" und "Preis den Herrn" unterstreicht, was vom Publikum entsprechend quittiert wird.

Eine deutliche Steigerung erhält seine Predigt nach Abschluss der Krankengeschichten, als er in immer neuen Anläufen sein Kernanliegen vorträgt: "Öffne dein Herz", bekehre dich, übergib dein Leben Gott. Seine Rede trägt er nun überwiegend energisch dozierend vor, wird nur gelegentlich etwas leiser erklärend, um dann sogleich noch energischer aufzutreten. Nach rund zehn Minuten hat er sich in ein eigentliches Feuer geredet, tritt nun mit dem Fuss heftig auf den Boden stampfend vors Publikum und brüllt in einem militärisch-barschen Befehlston in den Saal: "Tritt in eine lebendige, entschiedene Gemeinschaft mit Jesus Christus. Steh auf! Steh auf! (...) Triff eine Entscheidung!" In diesem lauten und barschen Ton gehts nun weiter, zieht er gegen den "Vater der Lüge, den Teufel" vom Leder, spricht vom Herzensglauben, der die Kraft des allmächtigen Gottes empfängt, kommt schliesslich auf das biblische Pfingstereignis zu sprechen und beginnt nun, mit gezielten Fragen laute Publikumsreaktionen zu provozieren. Dieses rhetorische Anstacheln von Zuhörerreaktionen wiederholt er mehrmals. Seine Sprache wird dabei immer schneller, euphorischer und beschwörender: "Und wenn du Jesus dein Leben lässt, dann bist du dabei, dann bist du dabei, dann bist du dabei! Aber ganz sicher! (...) Und du bist dann nie mehr alleine, nie mehr alleine, nie mehr alleine. Halleluja!"17)

2.5. Bekehrung und "Heilung"

"Im Namen Jesu raus aus diesem Körper!"

Nach rund einer Stunde nähert sich Fillafer endlich seinem Ziel, als er nun leise drängend die entscheidende Frage in den Raum spricht: "Wer möchte heute diesem Jesus Christus sein Leben übergeben, so wie es die Bibel sagt? Heben Sie Ihre Hand und ich will für Sie beten. Jetzt, gerade jetzt. Heben Sie Ihre Hand! Heben Sie Ihre Hand!"18) Nach seiner lauten Wortgewalt wirkt nun die Ruhe und Distanziertheit seiner Frage doppelt schwer im Raum und drückt sichtbar auf die Körperhaltung der eingeschüchterten Anwesenden, die er bittet, ganz für sich alleine die Entscheidung, "die wichtigste überhaupt in einem Menschleben", zu fällen. Zaghaft, nach und nach heben sich die Hände von etwa einem Drittel der Anwesenden, praktisch alle über vierzig Jahre alt. Diese bittet Fillafer nun aufzustehen und nach vorne zu treten, um im Kreis stehend mit ihm das entscheidende Gebet zu sprechen. Mit gutem Beispiel gehen der gastgebende katholische Pfarrer und der einladende Maranatha-Leiter Christoph B. nach vorne. Die übrigen Bekehrungswilligen folgen ihnen. Manche von ihnen scheinen sich sichtlich unwohl zu fühlen, vor den Augen des restlichen Publikums und dem fremden Filmteam Fillafer laut und mit erhobenen Armen ein öffentliches Bekenntnisgebet nachsprechen zu müssen.

Auf Wunsch der Organisatoren darf das Filmteam den anschliessenden sogenannten "Heilungsteil" nicht mehr filmen. Gemäss Zeugenaussagen19) eröffnete Fillafer diesen Teil mit einem viertelstündigen Fürbittegebet, einem "allgemeinen Heilungsgebet". Dabei habe er mit an- und abschwellender, mikrofonverstärkter Stimme die Dämonen beschworen, teilweise derart schreiend, dass sich die Verstärkeranlage überschlug. Im wesentlichen habe das Heilungsgebet aus einer sich wiederholenden Beschwörungsformel bestanden, in der lediglich der Name der Krankheit gewechselt wurde. Sinngemäss: Du Dämon des Fusspilzes (Hämorrhoiden, Zahnweh, Ischias, Krebs), ich befehl dir im Namen Jesu: Fahr hinaus! Oder: Hinweg mit Dir. Im Laufe seines Gebets hätten einige Anwesenden zu zittern und zu weinen begonnen.

Schliesslich geht Fillafer vom kollektiv allgemeinen zum individuellen Heilungsteil über. Die paar Sequenzen, die dem Filmteam von diesem Abschnitt gelungen sind, ergeben folgenden Eindruck: Eine bekehrte Person nach der anderen tritt auf den Prediger und sein Frau zu und schildert den beiden kurz ihr Leid. Darauf legt die Frau des Predigers ihre Hand stützend auf die Schulter und der Prediger die seine auf den Kopf der Person. Ein weiterer Mitarbeiter mit dem gut sichtbaren Signet der "Rhema Bible Church" auf der Brust stellt sich zudem in Auffangbereitschaft hinter die Person. Während im Hintergrund das musizierende Paar den Raum mit einer Serie von religiösen Liedern füllt und die übrigen Anwesenden als andächtige Zuschauer verharren, beginnt nun der Prediger sehr gehetzt, eindringlich laut und aggressiv auf die Person einzureden. In einigen Fällen bricht er seine Beschwörungen wieder ab, bevor ein sichtbares Ergebnis eintritt. In anderen Fällen bricht die Person unter der Wucht seiner Ausführungen (benommen, ohnmächtig oder in Trance) zusammen und wird so lange auf dem Boden liegen gelassen, bis sie sich selber wieder erholt hat.

Zusammenfassend zeigt der Gottesdienst mit Erwin Fillafer eindrücklich, welch sorgfältige Choreographie hinter persönlichen Bekehrungserfahrungen "wiedergeborener" Christen stehen kann: Eine vollmundige Werbekampagne, eine einfache sowie vielfach repetierte Grundbotschaft, eingebettet in eine Ideologie, die die Zuhörerschaft einem emotionalen Wechselbad zwischen extremen Heilserwartungen und abgründigen Angstvorstellungen aussetzt, vermittelt durch eine Person, die keine Skrupel im Einsatz ihrer rhetorischen Mittel kennt.

Europa: Ein missionarisches Entwicklungsland

3. Die Gemeinschaft

Mehrfach ist im dokumentierten Gottesdienst deutlich geworden, dass es nicht einfach nur um eine "Lebensübergabe an Jesus" geht, sondern auch um einen Eintritt in eine Gemeinschaft. Wie oben bereits erwähnt, ist es für Aussenstehende nicht leicht herauszufinden, welche "Gemeinschaft" nun genau hinter all dem steht. Mit den verschiedenen Personen treten auch unterschiedliche Gruppennamen in Erscheinung. Im folgenden trage ich die Spuren zusammen und versuche dann das Ganze in einen grösseren Zusammenhang zu stellen.

 

3.1. Das Netzwerk der Menschenfischer

Die Geschäftsleute des Vollen Evangeliums und die Rhema Bible Church

Wunderheiler Fillafer steht dem Verein der "Geschäftsleute des Vollen Evangeliums internationale Vereinigung Österreich" mit Sitz in Wien nahe. Gemäss §15 der Statuten handelt es sich bei diesem Verein um eine Gruppe der "Full Gospel Buisness Men's Fellowship International" (FGBMFI) in Costa Mesa, Kalifornien, USA, deren Satzung auch für die Mitglieder in Österreich gilt soweit sie nicht mit der österreichischen Satzung und dem Recht der Republik Österreich in Widerspruch steht. Die FGBMFI zählt zur breiten Pfingstbewegung und wurde 1952 von Demos Shakarian, Molkereibesitzer in Los Angeles, gegründet mit dem Ziel, das pfingstlerisch "volle" Evangelium unter Geschäftsleuten zu missionieren. Entsprechend sind in den Statuten der "Geschäftsleute des Vollen Evangeliums" folgende Vereinszwecke festgehalten: a) Gründung und Führung von kleinen örtlichen Evangelisationsgruppen ("Chapter"), b) Evangelisationsveranstaltungen, und c) Herausgabe von Publikationen. Heute soll es weltweit gegen 6'000 solcher örtlicher Gruppen geben und Schätzungen rechnen mit gegen einer Million Mitglieder. Im deutschsprachigen Raum begann die FGBMFI nach ersten Versuchen aus dem Jahre 1957 in den Jahren 1975/76 erneut zu missionieren.

Zudem hat Fillafer offensichtlich gute Kontakte zur "Christengemeinschaft in Klagenfurt", zur "Villacher Christengemeinschaft" und zur "Christengemeinschaft Loeben", die mit Fillafer eine gemeinsame"Vision für Österreich"20) teilen. Dazu später mehr.

Als Veranstalterin des Fillafer Gottesdienstes trat zu Beginn neben der bereits erwähnten "Reformiert-Kath. Gemeinschaft MARANATHA" auch eine "Christliche Glaubensgemeinde Lindach" in Erscheinung, die dann aber vom gastgebenden katholischen Pfarrer nicht weiter als offizielle Veranstalterin anerkannt worden ist.21) In der persönlichen Bekenntnisbroschüre, die die erste Referentin F.H. am Schluss ihres Vortrags der Zuhörerschaft anbot, lautet ihre Kontaktadresse "Gute Nachricht-Zentrum" in Wels, ein "Christliches Glaubenszentrum" mit "Bibelschule". Dieses "Gute Nachricht-Zentrum" im oberösterreichischen Wels wird vom 51jährigen Österreicher Karl Pilsl22) geleitet. Karl Pilsl, ein mehrfach gescheiterter Geschäftsmann, fand den Ausweg aus seiner Krise 1982 interessanterweise über eine Veranstaltung der "Geschäftsleute des Vollen Evangeliums" und lernte in der Folge, wie Jesus Christus sein Leben "zum Positiven verändern" kann.23) Das Zentrum gründete er 1994. Ko-Pastor, Direktor der Bibelschule "Gute Nachricht" und "Lobpreisleiter" der Gemeinde ist der 39jährige Amerikaner Fred Lambert.24) Karl und seine Frau Monika Pilsl ebenso wie Fred Lambert absolvierten ihre missionarische Ausbildung 1990 am "RHEMA Bible Training Center" in Tulsa, Oklahoma (USA), einem Zentrum der pfingstlerischen "RHEMA Bible Church" von Kenneth E. Hagin.

Kenneth E. Hagin gehört mit Predigern wie Kenneth Copeland, Frederick K.C. Price oder dem Koreaner Paul Yonggi Cho zu den wichtigsten Protagonisten der sogenannten "Faith Movement" bzw. der "Positive Confession Theology". Dabei handelt es sich um eine Strömung innerhalb der breiten Pfingstbewegung, die den pfingstlerischen Grundgedanken - die "übernatürliche Kraft" des Heiligen Geistes - mit Impulsen aus der sogenannten Neugeist-Bewegung des "Positiven Denkens" verbindet, wie sie etwa von der "Christlichen Wissenschaft" oder der "Unity-Bewegung" vertreten werden: mit der These, dass Realität einzig durch die Vorstellungskraft des einzelnen und seinem öffentlichen Bekenntnis geschaffen wird. Wissenschafts- oder erkenntnistheoretisch kann man dabei von einer Art "radikalem Konstruktivismus" sprechen: Selbst Krankheit und Armut haben in dieser Perspektive ihre Ursachen nicht in äusseren oder objektiven Gegebenheiten, sondern ausschliesslich im falschen Denken oder schwachen Glauben des einzelnen. 1979 haben die Vertreter der "Wort- und Glaubensbewegung" in Tulsa, Oklahoma, einen Dachverband gegründet, die "International Convention of Faith Churches". Im deutschsprachigen Raum werden die Lehren der "Faith-Movement" von Gruppen propagiert wie "Christliche Gemeinde", Köln, "Gemeinde auf dem Weg", Berlin, "Biblische Glaubens-Gemeinde", Stuttgart, "Gospel Life Center", München, "Missionswerk Lebendiges Wort", Hildesheim, "ZOE Evangelistische Vereinigung", Zürich, oder "Agape Christliche Vereinigung", Salzburg.25) Eine starke Infrastruktur mit Grundschulen, Gymnasien, einer eigenen Universität, einem Verlag und gar einem TV-Sender unterhält die Bewegung auch in Schweden.26)

Das "Gute Nachrichten-Zentrum" von Hagin-Schüler Pilsl gehört zu jenen freikirchlichen Gemeinden, die eng mit dem aufwendigen Evangelisations-Kreuzzug des Pfingstpredigers Reinhard Bonnke kooperieren. Bonnke verteilte 1995 die in einer 65 Millionen-Auflage gedruckte Broschüre "Vom Minus zum Plus"27) gratis in die Haushalte deutschsprachiger Länder. Darin malt er ein düsteres Bild vom Zustand der Welt und verspricht "die erstaunlich einfache Lösung für die Probleme der Menschheit", deren Kerngedanke schon im Namen seiner Bewegung zum Ausdruck kommt: "Christus für alle Nationen (CfaN)". Wer nähere Informationen über diesen "Lösungsweg" bei Bonnke einholt, wird an ein christliches Zentrum seiner Region weiterverwiesen. Wohl nicht zufällig prangt an der Aussenfassade von Pilsls Zentrum ein Transparent mit der Aufschrift "Vom Minus zum Plus". Bonnke, der 1967 in Südafrika zu missionieren begonnen hatte, hat seit 1986 sein Zentrum in Frankfurt am Main. Sein Evangelisationsstil brachte ihm bezeichnenderweise den Übernahme "Mähdrescher Gottes" ein.

 

3.2. Die Vision

Pioniergeist und religiöses Grenzerleben im europäischen Heidenland

Wenn auf den ersten Blick dieses Netzwerk der Menschenfischer wie ein wirrer Flickenteppich kleiner und kleinster Sekten in einer immer schwerer überblickbaren religiösen Landschaft erscheinen, so zeigt die nähere Analyse, dass viele dieser Gruppen keineswegs unkoordiniert und isoliert dastehen. Vielmehr steckt dahinter eine "Strategie der vielen Netze" (SvN), wie es Gianni Gaeta und sein Team in einem Konzeptpapier mit dem aufschlussreichen Titel "Vision + Strategie für progressiven Gemeindebau" beschreiben.28) Gaeta ist Teamleiter von "Vision für Österreich" (VfÖ), einem "Netz christlicher Gemeinschaften" mit Sitz in Wien.

Die Grundpfeiler für die SvN sind die regionalen Christengemeinden in den einzelnen Gemeinden und Städten, die sogenannten "Ortsgemeinden". Das Konzeptpapier hält fest, dass es nicht darauf ankomme, in einer Stadt eine möglichst grosse Gemeinde zu bauen. Vielmehr "sollen viele Ortsgemeinden gegründet werden, indem mehrere Netze ausgeworfen werden." Es unterscheidet drei wesentliche Formen der Gemeindegründung: Erstens die gezielte "Reproduktion einer Ortsgemeinde", die als "Muttergemeinde" neue "Tochtergemeinden" gründet; zweitens die Gründung einer Gemeinde durch ein "apostolisches" Pionierteam, das vor allem dann zum Zug kommt, wenn die nächste lokale Gemeinde geographisch zu weit weg liegt; und drittens die Gemeindegründung durch ein Ehepaar oder durch einzelne Personen aufgrund einer persönlichen Berufung.

Im Idealfall dauert die Reproduktion einer Ortsgemeinde von der Gründungphase über die Wachstums- und Stabilisierungsphase bis zum Moment, wo die Tochtergemeinde selber wieder zur Muttergemeinde wird, drei bis vier Jahre. Am Anfang einer Tochtergemeinde stehen die sogenannten "Hauskreise", kleine Zirkel von zehn bis fünfzehn Personen, die sich in Privatwohnungen regelmässig zum gemeinsamen Bibelstudium treffen. Verschiedene solcher Hauskreise beginnen dann gemeinsame Gottesdienste zu feiern, wobei sie personell und materiell von der Muttergemeinde unterstützt werden. Bereits am Ende des Gründungsjahres findet organisatorisch die Abnabelung von der Muttergemeinde statt. Die Tochtergemeinde muss nun finanziell selbständig sein und über einen "Gemeindeleiter" und einen "Lobpreisleiter" verfügen, wobei der "Gemeindeleiter" in einer starken Verbindung zu den "Ältesten" der Muttergemeinde bleibt. Abnabelung bedeutet also nicht, dass es keine Kontakte mehr gibt. Vielmehr finden zwischen beiden (oder mehreren) Gemeinden regelmässige gemeinsame Lobpreisfeste, Evangelisationen und soziale Projekte statt.

Die Vorteile eines solchen "Gemeindegründungssystems" sind vielfältig: Die kleinen Hauskreise und übersichtlichen Gemeindestrukturen mit ihren Verbindungen zu befreundeten Ortsgemeinden geben den Gläubigen das Gefühl, in einer kleinen, freien Elitegemeinschaft an einer grossen christlichen Bewegung mitzuarbeiten. Aus der Managementperspektive erweisen sich Hauskreise und Ortsgemeinden jedoch als die idealen sozialen Millieus, in denen die Glaubens- und Lebenspraxis der Gläubigen kontrolliert und beeinflusst und ein "Pioniergeist" erzeugt werden können. In diesem Sinn hält denn auch das Konzeptpapier fest, dass Gemeindegründung ohne Ausbildung von Leiterschaft undenkbar sei. Diese theologisch einschlägig ausgebildete Leiterschaft bildet die Garantie dafür, dass die "vielen Netze" organisatorisch scheinbar freier Christengemeinden im ideologischen Gleichschritt daherkommen und gemeinsam an der Vision einer christlich-fundamentalistischen Einheitskultur schmieden. Prediger wie Erwin Fillafer oder Karl Pilsl sind die zentralen Instrumente, mit denen unternehmerisch denkende Autoritätspersonen wie die Familie Shakarian oder Kenneth E. Hagin ihre transnationalen religiösen Imperien ausbauen.

Obwohl das Team von "Vision für Österreich" den "klaren Plan" für die "Strategie der vielen Netzen" direkt von Gott erhalten haben will, um "Sein Reich in JEDE gesellschaftliche Schicht zu bringen", ist nicht zu übersehen, dass sich diese Vision am Grundmodell der protestantischen Sekten des amerikanischen Wilden Westens orientiert. Bis ins 19. Jh. wurde der amerikanische Protestantismus wesentlich von einer Vielzahl kleiner Gemeinschaften getragen. Diese genossen nicht nur sämtliche Mobilisierungsvorteile kleiner Gruppen, die ihre Mitglieder mittels sozialer Anerkennung oder Ächtung wirksam zu kontrollieren vermochten, sondern erwiesen sich im sozialen und wirtschaftlichen Kontext der frühen Siedlerzeit als optimale Integrationsinstrumente, die den einzelnen Menschen existentielle Sicherheit und Geborgenheit in einer rauhen, unvertrauten und zum Teil gefährlichen Umwelt boten. Grundlegend für dieses religiöse Grenzerleben sind eine aktive Bündnispolitik mit befreundeten Kräften und die Verteufelung der Feinde. Entsprechend kooperieren die "Geschäfstsleute des Vollen Evangeliums" mit Christengemeinden der Faith-Movement von Hagin und dem "Christus für alle Nationen"-Unternehmen von Bonnke bei der Rekrutierung neuer Anhänger.

Und alle drei Gruppen sind jenen neuen Fundamentalisten nordamerikanischer Prägung zuzurechnen, über die der amerikanische Fundamentalismusspezialist Scott Appleby schreibt, dass sie trotz einer konfessionelle Grenzen überschreitenden Bündnispolitik zwischen konservativen Christen und kirchenähnlichen Organisationen sich letztlich "als Gottes spirituelle Krieger in einer kosmischen Schlacht bis zum Tod" verstehen.29) Entsprechend würden diese neuen Fundamentalisten klare Grenzen ziehen und ihre Feinde, die "falsche Religionen" verteufeln, zu denen heute der Sozialismus, der Islam, der Humanismus, der Feminismus und sogar der Katholizismus gezählt würden. Aus der Perspektive dieser Fundamentalisten wird Europa unweigerlich zum heidnischen Missionsgebiet.30)

 


Anmerkungen

(1)

Transkription, S. 13

(2)

Rueb, Franz, 1995, S. 79 ff. Hexenbrände. Die Schweizergeschichte des Teufelswahns. Weltwoche-ABC-Verlag : Zürich.

(3)

Die Analyse des Gottesdienstes stützt sich weitgehend auf dieses Filmdokument, das mir Michael Gautsch verdankenswerter Weise zur Verfügung gestellt hat.

(4)

Gruber, Herbert. Verein für Sektenaufklärung: Protokoll vom 5.9.97

(5)

Transkription, S. 8

(6)

Transkription, S. 11

(7)

Transkription, S. 7

(8)

Zumal Fundamentalisten gewöhnlich auch bestreiten, irgendwelche Interpretationen vorzunehmen, und behaupten, sie würden die Bibel als Ganzes wortgetreu befolgen.

(9)

Transkription, S. 15; 14

(10)

Transkription, S. 8; 10; 13

(11)

Transkription, S. 16; 11

(12)

Transkription, S. 11

(13)

Transkription, S. 16

(14)

Transkription, S. 9; 10

(15)

Transkription, S. 14 /15

(16)

Transkription, S. 16

(17)

Transkription, S. 15

(18)

Transkription, S. 15

(19)

Gruber, Herbert. Verein für Sektenaufklärung: Protokoll vom 5.9.97

(20)

Gaeta, Gianni u.a., 1997. Vision und Strategie für progressiven Gemeindebau. Herausgegeben von "Vision für Österreich", Netz christlicher Gemeinschaften, Wien.

(21)

Gruber, Herbert. Verein für Sektenaufklärung: Protokoll vom 5.9.97.

(22)

Pilsl ist Jahrgang 1948.

(23)

Zäuner, Günter, 1997. "Gute Nachricht - für wen? Report in: Der Kriminalbeamte, Juli / August.

(24)

Lambert ist Jahrgang 1960.

(25)

Hempelmann, Reinhard (Hg.), 1997, 191 ff. Handbuch der evangelistisch-missionarischen Werke, Einrichtungen und Gemeinden: Deutschland - Österreich - Schweiz. Eine Publikation der Evangelischen Zentralstelle für Weltanschauungsfragen, EZW. Christliches Verlagshaus : Stuttgart.

(26)

Zäuner, 1997, S. 33.

(27)

Zäuner, 1997, S. 33.

(28)

Gaeta u.a., 1997, S. 6.

(29)

Appleby, Scott, 1997. Wohlstandspredigt für die Armen. Christen aus Nordamerika verbreiten einen neuartigen Fundamentalismus. In: der überblick. Quartalsschrift der Arbeitsgemeinschaft kirchlicher Entwicklungsdienst, Jg. 33, Nr. 1, S. 36 ff.

(30)

(Anmerkung des Verlegers:) Der Autor Philipp Flammer verfasste diesen Beitrag auf der Grundlage von Filmdokumenten und Recherchematerialien aus den Jahren 1997 und davor.

 


Die Autoren:

Philipp Flammer

geboren 1961 in Zürich, Studium der Soziologie, Sozial- und Wirtschaftsgeschichte und Sozialpsychologie, 1994 Lizentiatsarbeit an der Universität Zürich zum Thema "Fundamentalistische Gruppen als soziales Phänomen und Problem". 1981-83: Erfahrungen mit evangelikalen Gruppen bis hin zu einer "Bekehrung"; 1986: USA-Aufenthalt, dabei drei Monate in der Vereinigungskirche von San Myung Mun in Kalifornien; 1989: Studienreise durch Indien; seit 1991 Mitarbeit am Aufbau der Informations- und Beratungsstelle des Vereins infoSekta in Zürich.

 

Michael Gautsch

geboren 1960 in Klagenfurt. Seit 1976 filmisch tätig: erste Versuche auf Super-8, 1978 Umstieg auf 16mm. Filmografie (Auszug):

Seit 1994 Studium der Rechtswissenschaften an der Karl Franzens Universität, Graz.


Hinweise:

"Die Propagandamaschinerie der Jesus-Heiler" ist einer von 13 Beiträgen der Broschüre "Christliche Sekten im Vormarsch. Weitere Kurzinformationen zur Broschüre mit Preisangaben und Bestelladressen finden Sie hier. Die Veröffentlichung dieses Beitrages auf der Homepage von infoSekta erfolgte mit freundlicher Genehmigung des Cinetop-Film Verlages.