Diskriminierende Äusserungen von Rudolf Steiner und ihr Einfluss auf die Anthroposophie

 

(Text abgedruckt im TANGRAM Nr. 6, S. 50-56, dem Bulletin der Eidgenössischen Kommission gegen Rassismus EKR, Bern)

In den letzten Jahren ist eine Diskussion über die Frage entbrannt, wie diskriminierende Äusserungen von Rudolf Steiner zu werten sind und inwiefern diese die anthroposophische Lehre bedingen. Publikationen und Filme warfen Steiner pauschal Rassismus vor. Der seriöse Bericht einer in den Niederlanden eingesetzten Kommission (die aber ausschliesslich aus Anthroposophen bestand) kam zu einem sehr viel differenzierteren Schluss.

Zur Darlegung der Debatte haben wir einen vehementen Vertreter der Anklage gebeten, seine Anschuldigungen zusammenzufassen, und anschliessend Anthroposophen die Gelegenheit geboten, auf diese zu reagieren.

Während ein abschliessendes Urteil einer eingehenderen Auseinandersetzung bedarf, kann man der Anthroposophischen Gesellschaft sicher nicht vorwerfen, sich nicht den Anschuldigungen zu stellen.

 

© März 1999. Sekretariat EKR, CH-3003 Bern, Tel. 031-324 13 31; Fax: 031-322 44 37; ekr-cfr@gs-edi.admin.ch


 

Petrus van der Let

Bedenkliche Ansichten Rudolf Steiners über Rassen

 

«Seit 1983 haben Zitate Rudolf Steiners in den Medien zu heftigen Debatten hinsichtlich der Frage geführt: war Steiner Rassist. 1996 sollte diese Diskussion dann zu einer dramatischen Situation führen, als ein Vorstandsmitglied der Anthroposophischen Gesellschaft der Niederlande in einer Radiosendung versuchte, einige der beanstandeten Zitate Rudolf Steiners nachvollziehbar zu machen. Ausser der Tatsache, dass dies zum Rücktritt dieses Vorstandsmitgliedes führte, war es auch Anlass zu heftigen Auseinandersetzungen innerhalb der anthroposophischen Bewegung» berichtet der Anthroposoph Jelle van der Meulen

Am 2. April 1996 war in der FRANKFURTER RUNDSCHAU zu lesen: «Die 'geistigen Europäer' seien 'die Rasse der Zukunft'. Schwarze Afrikaner stünden 'auf der Entwicklungsstufe eines siebenjährigen Kindes'. Diese und andere Äusserungen Rudolf Steiners hatten in der Anthroposophischen Vereinigung der Niederlande zu heftigen Auseinandersetzungen geführt.» Im Juni desselben Jahres wurden bei einer Tagung der IzAK (Initiative zur Anthroposophie-Kritik) in Paderborn Hefte von Waldorfschülern vorgelegt. Darunter ein Aufsatz über «Die Bantu Neger»: «Am Rande des Regenwaldes leben die Neger, wenn ein Forscher dort hingeht und einem Neger zum Beispiel eine Stereoanlage schenkt, kann er in 3 Minuten alle Knöpfe und Schalter gut bedienen.» (Vgl. auch Grandt 1997, S. 209) Am 13. November 1996 sendete der ORF die Fernsehdokumentation Erlöser, die sich mit den okkulten Wurzeln des Rassismus beschäftigt und auch erwähnt, dass Rudolf Steiner als langjähriger Generalsekretär der Theosophischen Gesellschaft die «Wurzelrassenlehre» der Helena Blavatsky in die Anthroposophie übernommen hat. Der Historiker Eduard Gugenberger sagt in diesem Film über die Wurzelrassentheorie:

«Die Wurzelrassenlehre der Theosophie ist ein rassistisches Denkgebäude, das der Menschheit aufzeigt, wie sie sich in Rassen, von niederen zu immer höheren Stadien entwickelt hat, mit der arischen Rasse als höchster Entwicklungsstufe, wobei die niederen Rassen dazu verdammt sind, nach und nach abzusterben, zum Wohle eben der höheren Rasse. Dieses Ideengebäude wurde später von der Ariosophie, von Lanz Liebenfels und Guido von List, aufgegriffen und sehr stark auf das Germanentum, auf die Ariergläubigkeit der Zeit umgemünzt.»

1997 - im Europaratsjahr gegen den Rassismus - werden die Beschwerden der Anthroposophischen Gesellschaft gegen den Film Erlöser von der österreichischen Rundfunkkommission abgewiesen, das Schwarzbuch wird aber in der Folge vom Markt geklagt.

Colin Goldner, der Leiter des Forums Kritische Psychologie, einer Informations- und Beratungsstelle für Therapiegeschädigte, meint diesbezüglich: «Die Reaktion der Anthroposophen auf vorgetragene Kritik entspricht vielfach der, die man von sektoiden Organisationen wie Scientology gewohnt ist: Protestbriefaktionen, Einstweilige Verfügungen, Klagen wegen Beleidigung, Verleumdung, Geschäftsschädigung; darüber hinaus persönliche Beschimpfung und Diffamierung der jeweiligen Kritiker.»

Anders verhielt sich die holländische Anthroposophische Gesellschaft. Noch 1996 gab sie eine Untersuchung zu Steiners Vorstellungen über Rassen in Auftrag. Die Wissenschafter waren selbst Anthroposophen und kamen 1998 zu dem Fazit, dass 62 Textstellen aus heutiger Sicht diskriminierend - ja sogar strafbar sind. Das noch vereinzelt an holländischen Waldorfschulen bestehende Fach «Rassenkunde» wurde abgeschafft und die Lehrmittel auf betreffende Aussagen hin überprüft. In Österreich und Deutschland sah man dagegen keinen Handlungsbedarf.

In einer Zeit, in der die Wissenschaft den Begriff «Rasse» beim Menschen für unhaltbar erklärt, haben offenbar viele Anthroposophen noch grosse Schwierigkeiten, sich von «Ariern, Lemuriern und Wurzelrassen» endgültig zu distanzieren. Das kritisieren auch Anthroposophen wie Jelle van der Meulen (S. 228f). So versucht Pietro Archiati in seinem 1997 erschienenen Text Die Überwindung des Rassismus durch die Geisteswissenschaft Rudolf Steiners das Schwarzbuch Anthroposophie der Brüder Grandt zu widerlegen. Dabei versinkt er allerdings nur umso tiefer im alten System der hierarchischen, rassistischen Argumentation und verteidigt ein Steinerzitat, das die niederländische Anthroposophische Gesellschaft ein Jahr später sogar für aus heutiger Sicht strafbar erklären sollte: «Soll der vollkommene Geist ebensolche Voraussetzungen haben wie der unvollkommene? Soll Goethe die gleichen Bedingungen haben wie ein beliebiger Hottentotte? So wenig wie ein Fisch die gleichen Voraussetzungen hat wie ein Affe, so wenig hat der Goethesche Geist dieselben geistigen Vorbedingungen wie der des Wilden. Der Geist in Goethe hat mehr Vorfahren als der in dem Wilden.» (S. 55f.)

Was hier deutlich wird, ist eine falsch verstandene Evolutionstheorie, die seit dem vorigen Jahrhundert durch die Anthropologie geistert, von der Wissenschaft aber schon lange abgelehnt wird: das Bild einer Entwicklungs-Pyramide, wo die Hottentotten auf der untersten Stufe auf die Affen folgen und an deren Spitze der weisse Europäer als Krönung der menschlichen Entwicklung steht. Schautafeln dieser Art hat man schon längst aus den Museen entfernt.

René Freund (1997) verweist in seiner Besprechung des Schwarzbuch Anthroposophie auf den rassistischen Zusammenhang zwischen den völkischen Denkern Lanz und Steiner: «Als nicht weniger kurios erweist sich auch Steiners frühzeitiger Blondinenwitz: 'Die blonden Haare geben eigentlich Gescheitheit. Geradeso wie sie wenig in das Auge hineinschicken, so bleiben sie im Gehirn mit ihren Nahrungssäften, geben ihrem Gehirn die Gescheitheit. Die Braunhaarigen und die Schwarzhaarigen und die Schwarzäugigen, die treiben das, was die Blonden ins Gehirn treiben, in die Augen und Haare hinein.' Diese auf den ersten Blick nur absurden Sätze von Rudolf Steiner gewinnen eine erschreckende Dimension, wenn man weiss, dass zur selben Zeit ein gewisser Lanz von Liebenfels, ein geistiger Wegbereiter Hitlers, ganze Bücher mit seinen Fantasien von der Herrschaft der Blondhaarigen und Blauäugigen füllte. Fantasien, die wenige Jahre später durch den braunhaarigen Mann aus dem Innviertel grausame Wirklichkeit werden sollten.» (WIENER ZEITUNG, 7. März 1997)

«Blavatskys Rassismen sind milder und weniger hetzerisch im Ton als die ihrer wirkmächtigen Nachfolger. Von 'heruntergekommenen Nachfahren' (Steiner) oder gar von 'Sodomsschratten' (Lanz), ist bei ihr m.W. nirgends die Rede», meint Harald Strohm und findet auch bei Rudolf Steiner in der Akasha-Chronik die Niederwesen in Tierform: «Was aber in die Tierheit hinabgestossen worden ist, das ist entweder ausgestorben, oder es lebt in den verschiedenen höheren Tieren fort... Was aber im Gebiet des Menschlichen geblieben ist, hat einen ähnlichen Prozess, nur innerhalb des Menschlichen, durchgemacht. Auch in mancher wilden Völkerschaft haben wir die heruntergekommenen Nachfahren einstmals höher stehender Menschenformen zu sehen. Sie sanken nicht bis zur Stufe der Tierheit, sondern nur bis zur Wildheit ...» (Strohm 1977, S. 82) Man beachte, dass auch hier nicht mehr nur von den Zeiten 'Lemuriens und Atlantis' die Rede ist, sondern von heute: Der zweite Satz steht im Präsens!

Lanz von Liebenfels schrieb in seiner Theozoologie, dass die Frau durch den Geschlechtsverkehr mit dem Mann «imprägniert» werde, dass sie beim Verkehr mit «Tschandalen» (für Lanz minderwertige Tiermenschen) die arische Rasse ins Tierische herunterzüchte. Ganz ähnlich die Vorstellungen der Nazis, so etwa in der populärmedizinischen Zeitschrift Deutsche Volksgesundheit zum Thema Rassenschande:

«Für den Wissenden steht ewig fest: 'Artfremdes Eiweiss' ist der Same eines Mannes von anderer Rasse. Der männliche Same wird bei der Begattung ganz oder teilweise von dem weiblichen Mutterboden aufgesaugt und geht so in das Blut über. Ein einziger Beischlaf bei einer arischen Frau genügt, um deren Blut für immer zu vergiften. Sie kann nie mehr, auch wenn sie einen arischen Mann heiratet, rein arische Kinder bekommen, sondern nur Bastarde.» (Ley 1997, S. 82)

Bei Rudolf Steiner findet sich ganz Ähnliches, nur auf einer «geistigen» Ebene:

«Neulich bin ich in Basel in eine Buchhandlung gekommen, da fand ich das neueste Programm dessen, was gedruckt wird: ein Negerroman, wie überhaupt jetzt die Neger allmählich in die Zivilisation von Europa hereinkommen! Es werden überall Negertänze aufgeführt, Negertänze gehüpft. Aber wir haben ja sogar schon diesen Negerroman. Er ist urlangweilig, greulich langweilig, aber die Leute verschlingen ihn. Aber ich bin meinerseits davon überzeugt, wenn wir noch eine Anzahl Negerromane kriegen, und wir geben diese Negerromane den schwangeren Frauen zu lesen, in der ersten Zeit der Schwangerschaft namentlich, wo sie heute ja gerade solche Gelüste manchmal entwickeln können - wir geben diese Negerromane den schwangeren Frauen zu lesen, da braucht gar nicht dafür gesorgt werden, dass Neger nach Europa kommen, damit Mulatten entstehen; da entsteht durch rein geistiges Lesen von Negerromanen eine ganze Anzahl von Kindern in Europa, die ganz grau sind, Mulattenhaare haben, die mulattenähnlich aussehen werden.» (R. Steiner, GA 348, Dornach 1983, S.188-189)

1997 versucht Stefan Leber dieses Steinerzitat als «derben Witz vor Arbeitern» darzustellen. (S. 250) In Wirklichkeit beruhen die Behauptungen von Lanz, Steiner und später der Nazis auf derselben medizinischen Unkenntnis über den weiblichen Körper. Erst in den späten 20er Jahren veröffentlichten der österreichische Gynäkologe Hermann Knaus und der Japaner Ogino Kynsaku ihre Erkenntnisse über den Zyklus der Frau und leiteten daraus die natürliche Methode der Empfängnisverhütung «Knaus-Ogino» ab. Rudolf Steiner, der bereits 1925 starb, folgte also den Theorien seiner Zeit zur Empfängnis der Frau, Theorien, die bis heute in so manchem Hundezuchtverein kursieren, wenn behauptet wird, eine Rassehündin, die Kontakt mit einem Nicht-Rasse-Rüden hatte, sei für die Rein-Rassen-Aufzucht 'verdorben'.

Auch die Reinkarnationsvorstellungen der Theosophie und Anthroposophie treiben im heutigen Boom des Irrationalismus seltsame Blüten. Wenn etwa New-Age-Führer wie David Spangler, in den frühen 60er Jahren Mitbegründer der schottischen Esoterik-Kommune Findhorn (und dort als reinkarnierter Christus verehrt), oder der Theosoph und Findhornianer George Trevelyan, Träger des Alternativen Nobelpreises und «spiritueller Berater» von Prinz Charles, über die Beseitigung alter Menschen schwadronieren, die Platz schaffe für die neue, auserwählte Lichtrasse.

Es geht hier weniger darum nachzuweisen, dass Rudolf Steiner in seiner Zeit verhaftet war und trotz später Einsichten, in denen er sich, sich aufs Individuum Mensch konzentrierend, rassistischen Pauschalisierungen widersetzte, zeitlebens einem evolutionistischen und immanent rassistischen Bild der Menschheit verhaftet blieb. Es geht darum zu fragen, welche Lehren heutige Anthroposophen aus diesen Einsichten ziehen. Und dabei reicht es nicht, ein paar bedenkliche Stellen aus den Texten Steiners zu isolieren. Im selben Masse in dem man von christlichen Gläubigen erwartet, dass sie immer wieder neu die Botschaft Christi in die aktuelle Zeit umzusetzen haben, muss man von Anthroposophen fordern können, Inhalte und implizite Wertungen aller Bereiche der steinerschen Lehre immer wieder neu zu reflektieren. Von einer Vereinigung, die Schulen betreibt und einen grossen Einfluss auf Teile der Jugend ausübt, muss mehr Diskussions- und Aufklärungsbereitschaft erwartet werden können, als dies im deutschen Sprachraum m.W. bisher der Fall war. Die Niederländer haben ein gutes Beispiel gegeben. Vielleicht bewirken die neuen Bücher der Brüder Grandt, für die die Aktion Kinder des Holocaust eine Unterstützungserklärung abgegeben hat - Erlöser und Waldorf Connection -, die längst fällige Diskussion.


 

Christoph Lindenberg

Zu der Tendenz und Technik der Ausführungen von Petrus van der Let

 

Herr van der Let eröffnet seinen Artikel mit einem Referat über eine Auseinandersetzung, die 1996 in den Niederlanden und in der Niederländischen Anthroposophischen Gesellschaft stattgefunden hat, und 1998 in einem Kommissionsbericht Anthroposophie und die Frage der Rassen ihren Niederschlag fand. Van der Let resümiert die Ergebnisse dahingehend, dass sich im Gesamtwerk Steiners 62 Textstellen befänden, die aus heutiger Sicht der niederländischen Gesetzgebung «diskriminierend - ja sogar strafbar sind.» Bereits dieses Resümee ist nicht korrekt, denn der Bericht differenziert zwischen 12 Aussagen, die in den Niederlanden strafbar sein könnten und 50 weiteren Aussagen, die eventuell als diskriminierend aufgefasst werden können. Entscheidend ist aber, dass das zentrale Untersuchungsergebnis überhaupt ausgeblendet wird. Es lautet:

«Behauptungen, Rassismus würde der Anthroposophie inhärent sein, oder Steiner hätte zu den Wegbereitern des Holocaust gehört, entbehren jeglicher Grundlage. Das anthroposophische Menschenbild Rudolf Steiners steht auf der Grundlage der Gleichwertigkeit aller menschlichen Individualitäten und nicht auf einer vermeintlichen Überlegenheit der einen Rasse gegenüber einer anderen. Nichtsdestotrotz enthält das Gesamtwerk Rudolf Steiners Aussagen, die nach heutigem Masstab einen diskriminierenden Charakter haben oder diskriminierend erlebt werden können.» (Zwischenbericht 1998)

Man kann hier kurz unterbrechen und die Frage aufwerfen: Was bedeutet das, dass in einem mehr als dreihundert publizierte Bände umfassenden Werk aus den Jahren 1900-1924 62 Textstellen nachgewiesen werden können, die nach heutigen Masstäben als diskriminierend empfunden werden können? Auf 89.000 Textseiten insgesamt 62 Äusserungen, da dürfte man bei anderen Autoren wesentlich mehr finden.

Van der Let beklagt nun, dass man in Deutschland und Österreich angesichts der Funde der niederländischen Kommission keinen Handlungsbedarf sehe. Der Grund dafür ist einfach anzugeben: In den Niederlanden war die Situation anders. In den Lehrplan der niederländischen Waldorfschulen (Vrije Schoolen) war auf Anregung des niederländischen Juristen und Pädagogen Max Stibbe ein Unterrichtsfach aufgenommen worden, das im Lehrplan der Waldorfschulen nicht vorgesehen ist und in den Lehrplänen deutscher und österreichischer Waldorfschulen dementsprechend überhaupt nicht auftaucht: «Rassenkunde/Völkerkunde». Innerhalb dieses Unterrichtsfaches waren die Probleme aufgetreten, die zu der Krise in der niederländischen Anthroposophischen Gesellschaft geführt hatten. Dieses Problem gab es weder in Österreich noch in Deutschland oder in der Schweiz. Für die Verhältnisse in Deutschland entscheidend war jedoch vor allem die Tatsache, dass Steiners - teilweise en passant - vorgetragene Ansichten zu Rassen, zu «Negern» und Japanern kaum oder gar nicht rezipiert worden waren und dass man Steiner im Rahmen der anthroposophischen Arbeit in Deutschland als Philosophen eines spirituellen Individualismus deutete, der dem menschlichen Leib - der biologisch und durch physiognomische Merkmale bestimmt sein mag - nicht die herrschende Rolle in der menschlichen Existenz zuschrieb. Das hatten schon die Nazis herausgefunden. Ihr führender Philosoph, Prof. Dr. Alfred Bäumler (Berlin) kam 1938 nach Überprüfung von immerhin 111 Werken Steiners zu dem Ergebnis:

«Die verhängnisvolle Wendung [in Steiners Entwicklung] entsteht dadurch, dass Steiner an die Stelle der Vererbungslehre eine positive andere Lehre setzt. Die biologische Wirklichkeit wird von ihm nicht nur übersehen, sondern bewusst in ihr Gegenteil verkehrt. Die Anthroposophie ist eines der konsequentesten antibiologischen Systeme, die es gibt.» (Baeumler 1938)

Als dann das Reichssicherheitshauptamt der SS das Verbot aller anthroposophischen Einrichtungen 1941 abschliessend begründete, führte es an erster Stelle an:

«[...] dass eine Verbindung von anthroposophischen Gedankengängen und germanisch-völkischer Weltanschauung unmöglich ist und die Anthroposophie letzten Endes zur Zersetzung der nationalsozialistischen Weltanschauung führen muss. [...] Die Anthroposophie steht im Widerspruch zur nationalsozialistischen Rassenlehre. Nach nationalsozialistischer Auffassung beziehen sich die rassischen Vererbungsgesetze nicht nur auf den Leib, sondern auf den ganzen Menschen, auch auf Geist und Seele. Die Anthroposophie erkennt ebenso wie die christliche Kirche im Wesentlichen nur eine leibliche Vererbungslehre an, in dem sie behauptet, dass lediglich der Leib des Menschen von den Eltern stammt, Geist und Seele aber aus dem Geisterreich in diesen Leib übersiedeln. Auf Grund dieser rein äusseren Rasseauffassung muss die Anthroposophie auch zu einer internationalen pazifistischen Einstellung kommen. Leitsatz 1 der anthroposophischen Grundsätze lautet: Es können in der Gesellschaft alle diejenigen Menschen brüderlich zusammenwirken, welche als Grundlage eines liebevollen Zusammenwirkens ein gemeinsames Geistiges in allen Menschenseelen betrachten, wie auch diese verschieden sein mögen in Bezug auf Glauben, Nation, Stand usw.» (Die Anthroposophie und ihre Zweckverbände, Bericht des Reichssicherheitshauptamtes, Berlin 1941, in: Werner 1999.)

Es darf und muss hier angemerkt werden, dass wegen dieser von den Nazis inkriminierten Überzeugung insgesamt über 100 Anthroposophen, Lehrer, Bauern, Pfarrer in Gefängnisse oder ins KZ wanderten. Als die Anthroposophen in Deutschland nach 1945 ihre Arbeit wieder begannen, hatten sie keinen Grund, sich innerhalb ihrer Kreise mit einem Rassismus zu befassen, der bei ihnen keine Rolle spielte. Die Steinerschen Äusserungen zu diesem Thema, die für die Anthroposophen keine konstitutive Bedeutung haben, wurden schlicht ignoriert. Als aber in den achtziger Jahren von einigen Seiten, die der Anthroposophie und den Waldorfschulen am Zeuge flicken wollten, die Äusserungen Steiners ausgegraben und als Argumente verwendet wurden, wurde die Angelegenheit in der Anthroposophischen Gesellschaft in Deutschland, längst bevor die Debatte in den Niederlanden in Gang kam, diskutiert und im Sommer 1995 zu einem vorläufigen Abschluss gebracht. (Vgl. MITTEILUNGEN DER ANTHROPSOPHISCHEN GESELLSCHAFT 1995)

In seinen Ausführungen referiert van der Let zwischendrin noch die Beschwerde von Colin Goldner, dass sich Anthroposophen in Protestbriefaktionen und sogar durch gerichtliche Klagen in «sektoider» Art gegen manche Darstellungen wehren. Offensichtlich haben die Anthroposophen den Mund zu halten, wenn man sie verleumdet. Dass aber diese Abwehr nicht unberechtigt ist, zeigt sich in der Tatsache, dass Verleumdungsklagen vor Gericht Erfolg haben: Es muss etwas vorliegen, wenn ein Gericht so urteilt, dass, wie van der Let schreibt, das Schwarzbuch Anthroposophie der Brüder Grandt «vom Markt» geklagt werden kann. Oder erinnert sich Goldner an die Tatsache, dass ein von ihm vor einigen Jahren in Psychologie heute veröffentlichter, mehr als fragwürdiger Aufsatz die Redaktion der Zeitschrift veranlasste, immerhin zwei ganze Seiten widersprechender Leserbriefe zu publizieren?

In der Folge teilt van der Let seine Ansicht zu einem Buch von Pietro Archiati mit. Archiati ist eine Firma für sich: Dieser ehemalige katholische Priester und Mönch ist kein Mitglied der Anthroposophischen Gesellschaft und in keiner Weise repräsentativ für das, was heute in dieser verhandelt wird.

Danach kommt eine zentrale Partie der Behauptungen van der Lets. Steiner (oder den Anthroposophen?) wird vorgeworfen, dass er die Evolutionstheorie falsch verstanden habe. «Die Wissenschaft» lehne das Bild einer Entwicklungspyramide schon lange ab. Diese Behauptung über die Ansicht «der Wissenschaft» ist angesichts der Forschungen und Debatten, die heute in der Evolutionsbiologie und Paleologie laufen, wohl kaum zu halten. Die Evolutionsbiologie kennt durchaus niedere und höhere Entwicklungsstufen. Freilich wird dieser komplexe Vorgang nicht unter dem Bild einer Pyramide vorgestellt, auch Steiner verwendet dieses Bild nicht.

Nun geht van der Let so vor, dass er unter Berufung auf einen René Freund einen Zusammenhang zwischen Lanz von Liebenfels und Steiner behauptet. Der sich «Jörg Lanz von Liebenfels» nennende Johann Lanz (1874-1954) ist nach der bekannten These von Wilfried Daim der Mann, «der Hitler die Ideen gab.» Die Frage, ob Hitler seine Weltanschauung, wie behauptet wird, aus den OSTARA-Heften von Lanz bezogen hat, wird von der heutigen Hitler-Forschung allerdings weitgehend verneint. Die Schriften von Lanz aber sind ein vorzügliches Reservoir für Zitate, durch die man die widerwärtige, rassistische Evolutionslehre, die sich Lanz ausgedacht hatte, illustrieren kann.

Das Infame der Darstellung van der Lets ist nun, dass er «einen rassistischen Zusammenhang zwischen den völkischen Denkern Lanz und Steiner», behauptet. Das ist eine aus der Luft gegriffene Behauptung, für die es keinen Beleg gibt. Dass tatsächlich kein Zusammenhang besteht, könnte an Hand der Entstehung der Steinerschen Entwicklungslehre dargestellt werden. Steiner als völkischen Denker zu bezeichnen, ist blanker Unsinn: Die Theosophische Gesellschaft, der Steiner von 1902 bis 1912 angehörte, und die Anthroposophische Gesellschaft, die er gründete, waren beide dezidiert nicht-völkische, internationale Vereinigungen. Im weiteren bezeichnet dann van der Let (völlig unzutreffend) Lanz und Steiner in einem Atemzug als «wirkmächtige Nachfolger» von Blavatsky. Damit spielt er auf die These an, dass Lanz der Mann sei, der Hitler die Ideen gab und schwuppdiwupp steht Steiner neben ihm auf dem Plateau, der, man kann's ja nicht wissen, vielleicht auch zu den Inspiratoren Hitlers gehörte. Das Wort «wirkmächtig» soll das jedenfalls suggerieren.

Festzuhalten ist, dass aber auch diese sogenannten Okkultisten keinerlei nennenswerten Einfluss hatten. In dem einzigen Buch, in dem diese Problematik genau untersucht wird, The occult roots of nazism schreibt Nicolas Goodrick-Clarke, dass diese Leute zwar zur mystischen Stimmung der Nazizeit beigetragen hätten, aber «man kann jedoch nicht behaupten, dass sie die Handlungen von Menschen, die politisch an der Macht oder verantwortlich waren, direkt beeinflusst hätten» (S. 177, Übersetzung CL). Will man wirklich den religiösen Einfluss auf die antisemitische Bewegung verfolgen, so wäre in erster Linie der niedere Klerus Wiens zu nennen, der mit Unterstützung des Vatikans den Wiener Antisemitismus der Georg von Schoenerer und Carl Lueger wirkungsvoll unterstützte. In zweiter Linie die christlich-soziale Partei des Hofpredigers Wilhelm des II, Adolf Stoecker, die in den 30er Jahren vier evangelische antisemitische Pfarrer in den Reichstag entsandte. Auch sonst lässt sich bekanntlich das religiöse Element im Zusammenhang mit der Entstehung des Rassismus und Antisemitismus leicht verfolgen, so bei Edouard Drumont, dem Verfasser von La France juive (1886), oder bei dem Pfarrersohn Cecil Rhodes in der berühmten Confession of Faith von 1877. Gegenüber all diesen Einflüssen ist aber festzuhalten, dass der moderne Rassismus, so wie er zum Genozid führte, ein Kind der Naturwissenschaft, hier des Biologismus und des auf das soziale Leben übertragenen Darwinismus ist. Dieser Sozialdarwinismus deutet den Kampf der Rassen oder Völker als natürliche Auslese. Gobineau, H. St. Chamberlain und andere reformulierten die Prinzipien der natürlichen Auslese und des Kampfes um das Dasein dergestalt, dass die Geschichte als überdimensionaler Rassenkrieg gedeutet wurde. Dieses Bild war es, das Hitler inspirierte.

Ich gehe nicht weiter darauf ein zu zeigen, wie effektiv van der Let's Äusserungen von Steiner und Lanz mixt, um so bestimmte Wirkungen zu erreichen und erspare mir, auf die Auslassungen van der Lets über David Spangler und George Trevelyan einzugehen, und komme zum Schluss.

Die Ausführungen van der Lets gipfeln gegen Ende seines Aufsatzes in der Behauptung, dass Steiner «zeitlebens einem immanent rassistischen Weltbild verhaftet blieb.» Dieser Satz zeigt, dass van der Let sich nie in irgendeiner hinreichenden Weise mit Steiner beschäftigt hat. Er braut ein Ragout aus Zitaten, die er sich aus Zeitungen und Zeitschriften zusammenklaubt. Seine Quellengrundlage ist die allereinseitigste. In seinem Hauptwerk, Die Philosophie der Freiheit (1894) schreibt Steiner, sich zum Individualismus bekennend: «Das menschliche Individuum ist Quell aller Sittlichkeit und Mittelpunkt des Erdenlebens. Der Staat, die Gesellschaft sind nur da, weil sie sich als notwendige Folge des Individuallebens ergeben.» (S. 161) Im vorletzten Kapitel dieses Werkes wirft Steiner die Frage auf, ob ein freies und selbständiges Individuum mit den sich aus der Leiblichkeit ergebenden Bedingungen existieren könne. Er behauptet, dass das Individuum sich von den Einschränkungen der Gattung befreien könne und in der Lage sei, ganz aus dem Eigenen heraus zu handeln: «Das Gattungsmässige dient ihm dabei nur als Mittel, um seine besondere Wesenheit in ihm auszudrücken. Er gebraucht die ihm von der Natur mitgegebenen Eigentümlichkeiten, und gibt ihm die einem Wesen gemässe Form. Wir suchen vergebens den Grund für eine Äusserung dieses Wesens in den Gesetzen der Gattung.» (S. 255) Steiner geht es also, kurzgesagt, um die Befreiung des menschlichen Individuums aus den äusseren Bedingtheiten, die für das Individuum jedoch zum Mittel werden, sich auszudrücken und darzuleben.

Den Tendenzen, die im Kulturleben dem Individualismus entgegenstanden, sagt Steiner in der Folge den Kampf an. Er kritisiert den Versuch, die Gesetze Darwins auf das soziale Leben zu übertragen (Steiner 1966, S. 247 ff.). Gegen die herrschende Meinung tritt er für den Hauptmann Dreyfus ein (Steiner 1966, S. 211 ff.). Im Jahr 1901 wird Steiner für kürzere Zeit Mitarbeiter der MITTEILUNGEN AUS DEM VEREIN ZUR ABWEHR DES ANTISEMITISMUS. In einem der in diesem Organ publizierten Aufsätze findet man ein markantes Urteil Steiners über den Antisemitismus:

«Der Antisemitismus ist nicht allein für die Juden eine Gefahr, er ist es auch für die Nichtjuden. Er geht aus einer Gesinnung hervor, der es mit dem gesunden, geraden Urteil nicht ernst ist. Er befördert eine solche Gesinnung. Und wer philosophisch denkt, sollte dem nicht ruhig zusehen.» (Steiner 1966, S. 413)

Die Hauptsache aber ist und bleibt für Steiner die Förderung des menschlichen Individuums. So soll die Pädagogik der 1919 gegründeten Freien Waldorfschule sich am einzelnen konkreten Kind orientieren. In einem Aufsatz heisst es dementsprechend: «Was gelehrt und erzogen werden soll, das soll nur aus der Erkenntnis des werdenden Menschen und seiner individuellen Anlagen entnommen sein.» (Steiner 1982, S. 37)

Schliesslich ist die von Steiner 1923 neubegründete Allgemeine Anthroposophische Gesellschaft für alle Menschen ohne Unterschied des Standes, der Religion, der Nation und der wissenschaftlichen und künstlerischen Überzeugung offen. Heute wirken Menschen vieler Nationen in der Anthroposophischen Gesellschaft zusammen: Koreaner, Brasilianer, Israelis, Ägypter, Farbige aus Südafrika oder aus den USA. Rassenunterschiede sind völlig unerheblich.

 


 

Literatur

 

Archiati, Pietro, 1997. Die Überwindung des Rassismus durch die Geisteswissenschaft Rudolf Steiners. Dornach: Verlag am Goetheanum

Baeumler, Alfred, 1999. «Rudolf Steiner und die Philosophie, Berlin, 1938» In: Werner, Uwe: Anthroposophie in der Zeit des Nationalsozialismus. München: Oldenbourg.

Freund, René, 1995. Braune Magie. Wien: Picus.

Goldner, Colin, 1997. Psycho. Therapien zwischen Seriosität und Scharlatanerie. Augsburg: Pattloch.

Goodrick-Clarke, Nicolas, 1992. The occult roots of nazism. New York: Universitity Press.

Grandt, Guido und Michael, 1997. Schwarzbuch Anthroposophie. Wien.

Grandt, Guido und Michael, 1998. Erlöser. Phantasten, Verführer, Vollstrecker. Aschaffenburg: Alibri.

Grandt, Guido und Michael, 1998. Waldorf Connection. Rudolf Steiner und die Anthroposophen. Aschaffenburg: Alibri.

Gugenberger, Eduard, Schweidlenka, Roman 1989. Mutter Erde - Magie und Politik. Wien.

Gugenberger, Eduard / Schweidlenka, Roman, 1992. Missbrauchte Sehnsüchte. Esoterische Wege zum Heil - Kritik und Alternativen. Wien: Döcker.

Leber, Stefan, 1997. Anthroposophie und Waldorfpädagogik in den Kulturen der Welt. Porträts aus elf Ländern und zwei grundlegende Beiträge. Stuttgart: Freies Geistesleben.

Leber, Stefan, 1998. Anthroposophie und Waldorfpädagogik in den Kulturen der Welt. Stuttgart: Freies Geistesleben.

Ley, Michael, 1997. Zum Schutze des deutschen Blutes... «Rassenschande»-Gesetze im Nationalsozialismus. Mainz: Philo.

Lindenberg, Christoph, 1992. Rudolf Steiner. Reinbek b.H.: Rowohlt (rororo-Monographie).

Lindenberg, Christoph, 1998. Rudolf Steiner, eine Biographie. Stuttgart: Freies Geistesleben.

Meulen, Jelle van der, 1997. Mittendrin. Stuttgart.

Schüller, Christian / van der Let, Petrus, 1999. Rasse Mensch - Jeder Mensch ein Mischling, Aschaffenburg: Alibri.

Steiner, Rudolf, 1966. Gesammelte Aufsätze zur Kulturgeschichte. Ausgabe Dornach.

Steiner, Rudolf, 1982. Aufsätze über die Dreigliederung. Ausgabe Dornach.

Strohm, Harald, 1997. Die Gnosis und der Nationalsozialismus. Frankfurt a.M.: Suhrkamp.

Werner, Uwe, 1999. Anthroposophen in der Zeit des Nationalsozialismus. München: Oldenbourg.

Zwischenbericht 1998. Anthroposophie und die Frage der Rassen. Zwischenbericht der niederländischen Untersuchungskommission «Anthroposophie und die Frage der Rassen». Frankfurt a.M.: Info 3 Verlag.

 

Neben anthroposophischen Zeitschriften aus Deutschland (DIE DREI, INFODREI und ERZIEHUNGSKUNST) haben auch die Schweizer Zeitschriften das Thema regelmässig aufgegriffen: DAS GOETHEANUM (zahreiche Beiträge), GEGENWART (1993/1, 1994/2-3, 1995/4, 1997/2, 1998/3-4), NOVALIS (1993/2, 4; 1995/2-3, 5; 1996/11; 1997/3, 5, 6, 11; 1998/3, 4-5, 7-8, 9)

Das Sonderheft «Individualität und Gattungswesen» der MITTEILUNGEN DER ANTHROPSOPHISCHEN GESELLSCHAFT IN DEUTSCHLAND (Herbst 1995) kann bestellt werden bei: Sekretariat der Anthroposophischen Gesellschaft in Deutschland, Rudolf Steiner Haus, Uhlandshöhe 10, D-70188 Stuttgart.

 


 

Petrus van der Let

1949 in Wien geboren, Studium der Theaterwissenschaft und Kunstgeschichte an der Uni Wien, seit über 25 Jahren als freier Regisseur und Drehbuchautor tätig.

In bisher fünf Dokumentarfilmen hat er Wurzeln des Rassismus und Nationalsozialismus dargestellt: Wurzeln in der Religion (Adolf Lanz MEIN KRAMPF / 1994, Herrn Hitlers Religion / 1995), Wurzeln in der Kunst (Wagnerdämmerung / 1996), Wurzeln im Okkultismus (Erlöser / 1996) und Wurzeln in der Wissenschaft (Rasse Mensch / 1998). Alle Filme sind europäische Koproduktionen, wurden in über 20 Ländern ausgestrahlt, erhielten Preise und wurden von der Europaratskampagne gegen Rassismus unterstützt. Sie sind als Kaufkassetten bei Komplett-Video, München, und Alibri-Verlag, Aschaffenburg, erhältlich.