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Tätigkeitsbericht 2001
Qualifizierte Beratung und Konsumentenschutz. 10 Jahre
infoSekta in Zürich
von Matthias Mettner und Philipp Flammer (S. 4-7)
infoSekta hat sich in den zehn Jahren seit Gründung
der Informations- und Beratungsstelle für Sekten- und
Kultfragen zu einer Konsumentenschutz-Organisation in den
Bereichen Lebensorientierung, persönliche Entwicklung
und Motivation, Religiosität, Weltanschauung und
extremistische Ideologien, Gesundheit und Esoterik
entwickelt. Leistungsangebote von infoSekta sind
Information, Aufklärung, Beratung und
Prävention. infoSekta konzentriert sich in ihrer
Arbeit auf Probleme im Zusammenhang mit ideologischen und
gruppendynamischen Vereinnahmungsprozessen. Dass die
Bedeutung der Arbeit von infoSekta auch in Zukunft zunehmen
wird, will die folgende Skizze zum heutigen
Lebensberatungs-, Weltanschauungs- und Gesundheitsmarkt
verdeutlichen:
Die Anbieter auf diesen Märkten versprechen "klare
Antworten" auf alle Fragen des Lebens, Motivation und Erfolg
in Beruf und Privatleben, Gemeinschaftserlebnisse und die
Begegnung mit unbekannten Seiten der eigenen
Persönlichkeit. Sie werben mit der Überwindung
eigener innerer Blockaden und der Freisetzung ungeahnter
Leistungspotentiale. Sie locken mit angeblich faszinierenden
sinnlichen oder transzendenten Erfahrungen, mit mehr
Lebensfreude und Energie, mit dem Gewinn zusätzlicher
Autonomie und Verhaltenssicherheit im Umgang mit eigenen
Affekten und Emotionen, sowohl mit sich selbst als auch mit
anderen. Persönlichkeitstrainings für
UnternehmerInnen, Fach- und Führungskräfte liegen
ebenso im Trend wie Psychokurse zur Lebenshilfe,
Lebensorientierung und Persönlichkeitsentwicklung. Die
Angebotspalette wird ergänzt durch Do it
yourself-Anleitungen in Form von Büchern, Kassetten,
Videos und CDs.
Und längst ist der Esoterik- und Psychomarkt mit den
Angeboten neureligiöser Weltanschauungen und
religiös extremistischer bzw. fundamentalistischer
Gruppen zu einem Supermarkt verschmolzen, auf dem Mystisches
und Mysteriöses, Erleuchtung und rechtsexremes
Gedankengut, Lebenssinn und Orientierung gehandelt werden.
Dieser Markt, der zur modernen "Erlebnisgesellschaft"
(Gerhard Schulze) scheinbar ebenso selbstverständlich
gehört wie Fast Food-Mentalitäten und
Börsenkurse, Handy und Internet, weist gesamthaft
Wachstumsraten scheinbar ohne Sättigungsgrenzen
auf.
Im Wetteifern um Kunden, Kosumentinnen und Menschenseelen
greifen zahlreiche Anbieter und Gruppen, so genannte Sekten,
zu vereinnahmenden und manipulativen Methoden, mit denen sie
Menschen mit ihren Überforderungen und Unsicherheiten,
Ängsten und Orientierungsfragen, ihren
körperlichen, psychosozialen und beruflichen Problemen
in ein Netz von Abhängigkeiten verstricken und die
freie Selbstbestimmung des Einzelnen bedrängen und
untergraben.
Die Folgen für die psychische Gesundheit und der
Schaden für das soziale Umfeld Betroffener sind oftmals
erheblich. Diverse Beratungsstellen sind immer häufiger
mit direkt Betroffenen und deren Angehörigen
konfrontiert, die Gemeinschaft, Lebenshilfe und
Selbstverwirklichung gesucht haben, statt dessen aber in
Abhängigkeiten von selbsternannten "Meistern",
"geistlichen Führern", "Heilerinnen", "Gurus" und
Therapeutinnen aller Schattierungen geraten sind, die Folgen
esoterisch-therapeutischer Stümperei zu verkraften
haben oder sich von fundamentalitischen
Sündenpredigern, extremistischen Ideologen und
düsteren Endzeitprophetinnen einschüchtern
liessen.
Die Nachfrage nach Angeboten, die Ich-Gewissheit und
Orientierung, Identität, Sinn und Motivation,
Leistungssteigerung und Selbstsicherheit und nicht zuletzt
Gemeinschaft versprechen, wird voraussichtlich auch in
Zukunft steigen. Nicht nur weil dem "flexiblen Menschen in
der Kultur des neuen Kapitalismus" (Richard Sennet), dem
Einzelnen allgemein ein grosses Mass an Mobilität und
Flexibilität, Entscheidungsbereitschaft und
Leistungskraft abverlangt wird, sondern weil sich in der
Erlebnisgesellschaft jene Trends und Tendenzen
verstärken werden, die den modernen Gestaltwandel des
Sozialen bestimmen. Hans-Joachim Höhn beschreibt diesen
Wandel in seinem Buch "Zerstreuungen. Religion zwischen
Sinnsuche und Erlebnismarkt" (Düsseldorf 1998, S. 58)
sozialwissenschaftlich wie folgt:
"Dazu zählen die Erosion und abnehmende
Bindungswirkung traditioneller Sozialzusammenhänge
(z.B. Klasse, Schicht, Milieu, Konfession), die
Lösung von Lebenslauf und Lebensstil aus
überkommenen Standards (Rollen,
geschlechtsspezifische Festlegungen, Weltanschauung)
sowie die Pluralisierung von Lebensformen, Moral- und
Sinnsystemen. Diese Faktoren bedingen sowohl einen
Zuwachs an Entscheidungsmöglichkeiten und subjektiv
wählbaren Optionen auf Seiten des Individuums als
auch den Verlust einer kollektiv verbindlichen und
plausiblen Sinn- und Identitätsmatrix im Raum des
Sozialen. Das Individuum wird dadurch nicht nur zum
Entwurf und zur Inszenierung der eigenen Biographie
genötigt, sondern auch zu ihrer Einbindung in
Beziehungen und soziale Netze. Alle notwendigen
Koordinations- und Integrationsfragen von der Berufs- und
Partnerwahl, der Mitgliedschaft in Vereinen über die
Auswahl der passenden Schule für die Kinder und den
Verbleib in einer Religionsgemeinschaft bis hin zur
Verfügung über die Art der Bestattung hat das
Subjekt zunehmend eigenhändig vorzunehmen."
Kurz gesagt: Das Leben hat viele seiner hergebrachten
Selbstverständlichkeiten verloren, und neue
Selbstverständlichkeiten müssen sich zuerst
entwickeln und institutionalisieren. Zunehmend mehr Menschen
sind damit quasi strukturell überfordert und
verunsichert. Eine Kehrseite der heutigen Wahlfreiheit ist
Überforderung: "Chancen, Gefahren, Unsicherheiten
der Lebensführung, die früher im Familienverbund,
in der dörflichen Gemeinschaft, im Rückgriff auf
ständische Regeln oder soziale Klassen definiert waren,
müssen nun von den einzelnen selbst wahrgenommen,
interpretiert, entschieden und bearbeitet werden."
(Ulrich Beck / Elisabeth Beck-Gernsheim, Hrsg.,1994.
Riskante Freiheiten. Individualisierung in modernen
Gesellschaften. Frankfurt). Der gesellschaftliche und
kulturelle "Nährboden" für Angebote aller Art zur
Lebensführung, Werthaltung und Sinnstiftung und damit
auch für vereinnahmende Gruppen ist dementsprechend
sehr günstig.
Seit zehn Jahren nun engagiert sich infoSekta genau in
diesem Schnittpunkt der neuen Unübersichtlichkeit und
weitverbreiteten Verunsicherung. In erster Linie sind es
recherchierte Informationen, Analysen und
Einschätzungen, mit denen infoSekta einzelnen Menschen
"von der Strasse", nicht selten aber auch politischen und
wirtschaftlichen Entscheidungsträgern klärend und
beratend beizustehen versucht. Im Mittelpunkt dieser Arbeit
steht für infoSekta der selbstbewusste und mündige
Mensch und Konsument, der kritisch, kompetent und mutig
seinen eigenen und unabhängigen Weg durchs Leben sucht
und Anspruch auf seriöse Information und faire
Behandlung hat.
Über die konkrete Informations- und Beratungsarbeit
hinaus haben sich die Vorstandsmitglieder und Mitarbeitenden
von infoSekta aber auch mit gesellschaftspolitischen Fragen
auseinandergesetzt und an öffentlichen
Meinungsbildungsprozessen (Tagungen, Kongressen,
Publikationen), und politischen Vernehmlassungsverfahren zu
Gesetzesvorlagen teilgenommen (vgl. u.a. die
Auseinandersetzung und Dokumentation in: infoSekta, Hrsg.,
2000. "Sekten", Psychogruppen und vereinnahmende Bewegungen.
Wie der einzelne sich schützen kann. Was der Staat tun
kann. NZN Buchverlag : Zürich. Der Band enthält
auch den Bericht der Geschäftsprüfungskommission
(GPK) des Nationalrates vom 1. Juli 1999 zum Thema Sekten in
der Schweiz, sowie die Stellungnahme des Bundesrates
dazu).
Gerade in den letzten Jahren hat sich infoSekta
verstärkt gegen die wachsende Tendenz einer
Verharmlosung des Sektenthemas gestellt, die etwa mit der
gern gestellten Frage "Stellen Sekten' eine Gefahr
für den demokratischen Staat dar?" einhergeht. Für
infoSekta stellt das Thema, das in einem erweiterten
Verständnis auch als Esoterisierung,
Fundamentalisierung und Totalisierung der Gesellschaft
gesehen werden kann, eine ernste Herausforderung für
ein offene, plurale und demokratische Gesellschaft dar.
So genannte Sekten, Psychogruppen, vereinnahmende
Bewegungen missachten letztlich all das, was die Zivilkultur
von Demokratie und Rechtsstaatlichkeit wesentlich
kennzeichnet: Menschenrechte wie Gewissens-, Meinungs- und
Religionsfreiheit, eine institutionalisierte Rechtskultur,
die Mündigkeit und Selbstverantwortung des einzelnen,
die Vielfalt der Lebenskulturen, Toleranz und anderes
mehr.
Für die weitere Zukunft von infoSekta wird es eine
zentrale Frage sein, welche zeitgemässen und modernen
Formen der Beratung und Aufklärung infoSekta entwickeln
kann, um dieser gesellschaftlichen Herausforderung durch
"Sekten" weiterhin angemessen und kompetent begegnen zu
können.
© Juni 2002. Verein
infoSekta, Zürich.
Die Informations- und Beratungsarbeit 2001
(infoSekta-Statistik)
von Susanne Schaaf (S. 12-17)
- Häufigkeit
der Anfragen
- Regionale
Verteilung der Anfragen
- Die
anfragende Person, ihr Hintergrund und ihre
Anliegen
- Die
thematisierten Gruppen und Themen
Der VPM hat sich - nach eigenen Angaben -
aufgelöst. Scientology hat die Filiale
Badenerstrasse aufgegeben. Uriella empfängt keine
"Offenbarungen" mehr. Sind "Sekten" passé?
Mitnichten, wie die Jahresstatistik 2001 zeigt. Im
Beratungsjahr 2001 hat infoSekta 925 Anfragen bearbeitet.
Nur knapp die Hälfte stammt aus dem Kanton
Zürich, der die Stelle zu einem Drittel
subventioniert. Ein Teil der Anfragen bezieht sich auf
Scientology, den Verein zur Förderung
psychologischer Menschenkenntnisse VPM, die Zeugen
Jehovas, verschiedene Gemeinschaften der Pfingstbewegung
sowie auf International Christian Fellowship ICF. 75% der
Anfragen beziehen sich jedoch auf unzählige weitere
Gruppen, teilweise internationale Konzerne mit
zwielichtigen Geschäftspraktiken und sektenhaftem
Umgang mit Mitarbeitenden, teilweise unbekannte
Kleingruppen oder Einzelpersonen, dubiose Therapeuten und
Heilerinnen. Im Laufe der 10 Beratungsjahre hat der
Anteil stets zugenommen, das Arbeitsfeld ist immer
heterogener und umfassender geworden. Sekten im engeren
Sinn sind natürlich weiterhin ein Thema. Jedoch
suchen immer mehr Personen Entscheidungshilfe und
Unterstützung bei Fragen zum alternativen
Gesundheitsbereich, zu verschiedenen Aus- und
Weiterbildungsanbietern, zu übersinnlichen
Phänomenen bis hin zu Mobbing und Rechtsextremismus.
Auf dem unübersichtlichen Psycho- und
Lebenshilfemarkt fehlen verbindliche Gütekriterien
zur Identifikation professioneller und seriöser
Angebote. Der Informationsbedarf der Anfragenden wird
heutzutage teilweise durch das Internet abgedeckt. Die
Arbeit von infoSekta besteht zunehmend darin, die
Informationen aus fachlicher Sicht zu gewichten und mit
den Betroffenen zusammen Lösungsstrategien zu
erarbeiten.
1. Häufigkeit der Anfragen
Für das Beratungsjahr 2001 verzeichnet infoSekta 925
Anfragen. Dies entspricht einer leichten Abnahme der
Anfragen und Erstkontakte gegenüber den Vorjahren. Hier
zeigt sich, dass sich das Internet, insbesondere die
Websites von infoSekta und anderen Sektenberatungsstellen,
als Forum für erste Informationsbeschaffung
bewährt haben. Materialanfragen für
Schulvorträge oder Abschlussarbeiten haben stark
abgenommen. Wer sich an infoSekta wendet, hat oft bereits
verschiedene, teilweise widersprüchliche Unterlagen
zusammengetragen und wünscht eine Gewichtung oder
Einordnung der Gruppe oder des Themas aus fachlicher Sicht.
Die Betroffenen möchten mit Fachpersonen über
Lösungen des Konfliktes sprechen. Auffallend ist dabei
die grosse Bereitschaft der Betroffenen, sich wirklich mit
den Hintergründen der persönlichen Geschichte zu
befassen und sie in einen grösseren Zusammenhang zu
stellen. Bei Bedarf finden mehrere Gespräche statt. Es
gibt auch Betroffene, die sich im Internet nicht orientieren
können und von der Informationsfülle
überfordert werden. Sie schätzen die Zustellung
von ausgewählten, ihrer Situation entsprechenden,
schriftlichen Unterlagen.
Zwei Drittel der Anfragen (540 bzw. 58 %) erreichten uns
telefonisch und 375 Anfragen auf dem schriftlichen Weg
(Brief, Fax, e-Mail).
Die Angaben der folgenden Auswertung beziehen sich nur
auf Erstkontakte &endash; weiterführende Beratungen
oder Therapien sind in der Auswertung nicht
berücksichtigt.
2. Regionale Verteilung der Anfragen
Das Arbeitsfeld von infoSekta konzentriert sich zu 90 %
auf die Deutschschweiz, vereinzelt entfallen Anfragen auf
die französische Schweiz und den Kanton Tessin. 6 % der
Anfragen stammen aus dem Ausland.
Konstant wie bereits in den Vorjahren bewältigt die
zu rund einem Drittel von Stadt und Kanton Zürich
mitfinanzierte Stelle infoSekta 53 % ausserkantonale
Anfragen. Lediglich 47 % stammen aus dem Kanton Zürich,
davon 21 % aus der Stadt Zürich (Abb. 1).
Abb.1: Regionale Verteilung der Anfragen (N=
925)

Die Verteilung der Anfragen auf nicht-zürcherische
Kantone hat sich im Vergleich zu den Vorjahren nicht
wesentlich verändert (Abb. 2). An der Spitze steht
immer noch der Kanton Bern, gefolgt von den Kantonen Aargau
und den Halbkantonen Basel-Stadt und Baselland sowie St.
Gallen. Diese vier Kantone decken 52 % der
nicht-zürcherischen Anfragen ab.
Abb. 2: Verteilung der Anfragen auf die Schweiz ohne
Kanton Zürich (N=417)

3. Die anfragenden Personen, ihr Hintergrund und ihre
Anliegen
75 % der Anfragen beziehen sich auf die Beratung von
Privatpersonen (695). 25 % der Anfragen stammen von Personen
im Auftrag oder Kontext einer Institution wie Behörden,
soziale Anlaufstellen, Kirchgemeinden, Medien, Schulen
(230). Zwei Drittel der Anfragenden sind Frauen.
In 40 % der Anfragen wenden sich Betroffene an infoSekta,
weil eine andere Person (Drittperson) in ein sektenhaftes
Umfeld geraten ist (368). Dabei geht es hauptsächlich
um die Frage, wie der zunehmenden gegenseitigen Entfremdung
entgegengewirkt werden kann.
In welcher Beziehung stehen die Anfragenden zu dieser
Drittperson?
Die Beziehungen lassen sich den beiden Bereichen
"Verwandtschaft" und "Freundeskreis" zuordnen (Abb. 3). 37%
der Anfragenden sind Angehörige, 19% sind Mütter.
41 % der Anfragen beziehen sich wie im Vorjahr auf Personen
aus dem Freundes- und Bekanntenkreis.
Abb. 3: Bezug der Kontaktperson zur Drittperson
(N=368). Die Kontaktperson ist (...) der thematisierten
Drittperson.

4. Die thematisierten Gruppen und Themen
71% der Anfragen beziehen auf eine konkrete Gruppe. Bei 5
% der Anfragen handelt es sich um Informationsanfragen zu
mehreren Gruppen. 6 % der Anfragen betreffen das Thema
"Sekten" allgemein, insbesondere Definitionen und
Überblick oder spezielle Aspekte wie z.B. Kinder in
Sekten oder Krankheitskonzepte in verschiedenen Gruppen. Im
Gegensatz zum Vorjahr haben Anfragen zu sektenbezogenen
Themen wie Okkultismus, Parapsychologie, esoterische
Unterrichtsmethoden, Alternativmedizin und Gesundheit etc.
zugenommen (10%). Ebenfalls zugenommen haben Anfragen mit
unklarem Sektenbezug oder diffusen Kontexten wie z.B.
Beeinflussungserlebnisse (8%) (Abb. 4). Offenbar besteht ein
Bedarf der Anfragenden nach Klärung zu
unterschiedlichen Fragen, die über das Sektenthema im
engeren Sinne hinausgehen: von esoterischen Praktiken,
über die Wirksamkeit magischer Kräfte bis hin zu
Rechtsextremismus.
Abb. 4: Thema der Anfragen (N=925)

Für die Auswertung zur folgenden Abb. 5 werden nur
Anfragen berücksichtigt, die sich auf eine
identifizierbare Gruppe beziehen (N=650). Die Tabelle stellt
nicht zwangsläufig eine Wertung oder Etikettierung als
"Sekte" dar, sondern ist in erster Linie eine Rangierung
nach Häufigkeit der Anfragen im Beratungsjahr 2001.
Die meisten gruppenbezogenen Anfragen beziehen sich auf
Scientology (8%), den Verein zur Förderung der
Psychologischen Menschenkenntnis VPM (5%), auf Zeugen
Jehovas (5%), auf verschiedene Gemeinschaften der
Pfingstbewegung (4%) und auf International Christian
Fellowship ICF (4 %). Immer wieder zu Fragen Anlass geben,
das Direktvertriebssystem Herbalife, das Psycho-Unternehmen
Landmark Education, der esoterische Kursanbieter Avatar
(Star's Edge International), das Institut für
Angewandte Kurzzeittherapie (ehemals Quadrinity Prozess),
die Neuapostolische Kirche, die römisch-katholische
Organisation Opus Dei und die UFO-gläubige
Rael-Bewegung.
Drei Viertel der Anfragen beziehen sich auf eine
Bandbreite unzähliger weiterer Gruppen, darunter
bekannte internationale Organisationen, aber auch unbekannte
Kleingruppen und Einzelpersonen, die sich als Guru,
Lebensberaterin oder Geistheiler betätigen (75 %). Das
Arbeitsfeld von infoSekta wurde aufgrund der Pulverisierung
der Szene von vereinnahmenden Gruppen und "Sekten" im Laufe
der Beratungsjahre immer heterogener, die
Problemkonstellationen der Personen bleiben jedoch
ähnlich: Unsicherheit, Orientierungslosigkeit,
seelische Abhängigkeit, emotionale und finanzielle
Ausbeutung, Extremismus.
Abb. 5: Thematisierte Gruppen (N=655)

Ordnet man das breite Spektrum an Einzelgruppen
weltanschaulichen Grobkategorien zu, so ergibt sich
folgendes Bild (Abb. 6): Zu je einem Drittel stammen die
Anfragen aus dem christlichen (36 %) und dem esoterischen
Umfeld (29 %), zu einem Fünftel aus dem säkularen
Umfeld (19 %). "Esoterisch" beinhaltet Gruppen, welche
Gedankengut aus New Age, Theosophie, Spiritismus und
Okkultismus vertreten. Unter "christlich" sind
Gemeinschaften zusammengefasst, welche sich ausschliesslich
oder grossenteils auf die Bibel berufen. Säkulare
Gruppen sind Organisationen ohne spirituellen Überbau,
mehrheitlich psychologische Angebote und
Persönlichkeitsseminare.
Abb. 6: Weltanschaulicher Hintergrund der angefragten
Gruppen (N=655)

© Juni 2002. Verein
infoSekta, Zürich.
infoSekta aus finanzieller Sicht
von Matthias Mettner und Monika Zwimpfer (S. 24-27)
Viel erreicht dank grosser Unterstützung
10 Jahre infoSekta Zürich &endash; das sind 10 Jahre
grosser ideeller und finanzieller Unterstützung durch
einen zuverlässigen Kreis von Vereinsmitgliedern und
zahlreiche GönnerInnen und SpenderInnen. Dafür
danken wir Ihnen herzlich. Unser Dank gilt aber auch der
Stadt und dem Kanton Zürich für ihre
regelmässigen Beiträge.
Dank Ihrer Unterstützung konnte infoSekta erstens
sehr vielen durch "Sekten", Psychogruppen und vereinnahmende
Bewegungen geschädigten Menschen helfen; und zweitens
ihre Kompetenz in Fragen der Prävention,
Aufklärung, Information und Beratung entwickeln. Die
langjährige Unterstützung verstehen wir auch als
Anerkennung der Qualität der Informations- und
Beratungsarbeit von infoSekta. Wie bedeutsam insbesondere
die Spenden von privater Seite tatsächlich Jahr
für Jahr sind, verdeutlicht der Blick auf die
Finanzstruktur.
Gegenwärtige Finanzstruktur und Finanzbedarf
"Wo fehlts nicht irgendwo auf dieser
Welt?
Dem dies, dem das, hier aber fehlt das
Geld."
Johann Wolfgang von Goethe: Faust II
Akt I Saal des Thrones / Mephisto Vs
4889f.
In der Tat: "Hier aber fehlt das Geld"; und zwar
chronisch. Dem Verein infoSekta, Träger der
Informations- und Beratungsstelle, fehlen auch im elften
Jahr seiner Existenz die finanziellen Mittel, die
notwendig wären, um offensiv auf den Bedarf nach
Information, Aufklärung, Beratung und Prävention
in Sachen "Sekten", Psychogruppen und vereinnahmende
Bewegungen reagieren zu können. Der chronische
Geldmangel hat seine Ursache in der gegenwärtigen
Finanzstruktur.
Bis heute beträgt der Anteil der Beiträge
seitens der Stadt und des Kantons Zürich an der
Jahresrechnung von infoSekta ca. 30 - 35 %. Der Hauptteil
von rund 100'000 Fr. muss durch andere Beiträge
bestritten werden: private SpenderInnen und GönnerInnen
und juristische Personen (Unternehmen, Kirchgemeinden).
Das Verhältnis staatlicher Beiträge
gegenüber privaten Spenden beträgt ein Drittel zu
zwei Dritteln. Da der Verein infoSekta ein
möglichst niederschwelliges Informations- und
Beratungsangebot bereitstellt, da durch vereinnahmende
Gruppen geschädigte Menschen ohnehin zumeist
wirtschaftlich ausgebeutet worden sind, fallen die selbst
erwirtschafteten Einnahmen bescheiden aus. Auf Grund der
sehr grossen Abhängigkeit von Spenden ist die
Finanzstruktur von infoSekta äusserst labil. Die im
Vergleich zu anderen gemeinnützigen Institutionen
durchaus üblichen Schwankungen bei den Spenden haben in
den letzten Jahren erhebliche Probleme in der Jahresrechnung
verursacht. Die zwar kleinen, aber in der Relation zum
Vereinsvermögen durchaus beunruhigenden Defizite in den
Jahresrechnungen der letzten Jahre haben wiederholt zu
Liquiditätsengpässen geführt.
Der Finanzbedarf von infoSekta wird in den
nächsten Jahren steigen: Kurzfristig, weil
wir infoSekta als NPO mit Hilfe einer externen
Organisations- und Unternehmensberatung entwickeln wollen
und verstärkte Anstrengungen im Fundraising unternehmen
werden; mittelfristig, weil wir das
Dienstleistungsangebot von infoSekta erweitern und
verstärken wollen, was mehr Stellenprozente notwendig
macht; langfristig, weil die Nachfrage nach
qualifizierter Beratung und Konsumentenschutz in den
Bereichen Lebensorientierung, persönliche Entwicklung,
Gesundheit, Schutz vor Vereinnahmung und Manipulation
steigen wird.
Grundsätzlich ist sich der Vorstand seiner
Verantwortung bewusst, neben erhöhten und weiteren
staatlichen Beiträgen zusätzliche
Finanzierungsquellen zu erschliessen, damit das Projekt
infoSekta nicht nur konsolidiert, sondern auch
weiterentwickelt werden kann. Es ist aber auch
selbstverständlich, dass durch diese dringenden
Massnahmen die Ressourcen der Vorstandsmitglieder stark
beansprucht werden und andere Projekte zurückgestellt
werden müssen. Der Vorstand ist deshalb dringend auf
die Unterstützung von Vereinsmitgliedern
angewiesen.
Jahresrechnung 2001
Die Jahresrechnung 2001 von infoSekta schliesst bei
Ausgaben von Fr. 161'760 (budgetiert waren Fr. 179'700)
und
Einnahmen von Fr. 148'789 (budgetiert waren Fr. 164'300)
mit einem
Defizit von Fr. 12'971 (budgetiert war ein Defizit von
Fr. 15'400).
Zur Jahresrechnung einige Bemerkungen:
- "Verfüge nie über Geld, ehe du es hast".
Dieser Lebensregel von Thomas Jefferson haben die
Vorstandsmitglieder und die MitarbeiterInnen der
Informations- und Beratungsstelle konsequent Rechnung
getragen. Wie schon in den Vorjahren wurden generell
weniger Ausgaben getätigt als budgetiert waren. Die
Ausgaben-Seite der Rechnung 2001 belegt, dass es gelungen
ist, die Kosten im Griff zu behalten. Verhindert werden
konnte so, dass das Defizit eine Höhe erreicht
hätte, die das ohnehin in den letzten Jahren stark
erodierte Vereinsvermögen völlig aufgebraucht
hätte.
- Bei den Einnahmen konnten die Budgetziele nicht
erreicht werden. Bei den Beiträgen juristischer
Personen wurden nur Fr. 38'802 statt wie budgetiert Fr.
50'000 erreicht. Die Gönnerbeiträge von
Einzelpersonen (das sind Spenden, die höher als Fr.
100 sind) verfehlten das Budgetziel allerdings nur
geringfügig.
- Die Spendensumme von juristischen Körperschaften
(Kirchgemeinden, Firmen, Organisationen) und
Privatpersonen war 2001 mit gesamthaft Fr.
75'000.&emdash; genau gleich hoch wie im Vorjahr. Die
Proportionen haben sich jedoch stark verändert:
Machten die Spenden von juristischen Körperschaften
(Fr. 50'000.--) 2000 noch das Doppelte der privaten
Spenden (Fr. 25'000.--) aus, so waren die Beiträge
2001 nahezu gleich hoch.
Fundraising
Der Vorstand von infoSekta wird im Jahr 2002
verstärkte Fundraising- Anstrengungen unternehmen.
Erstens werden wir sowohl mit der Stadt
Zürich (bisher Fr. 20'000) als auch dem Kanton
Zürich (bisher 35'000) über höhere
Beiträge verhandeln. Es freut uns, dass der
Zürcher Regierungsrat in Stellungnahmen die
Tätigkeit des Vereins infoSekta gewürdigt und die
finanzielle Situation des Vereins zutreffend
eingeschätzt hat: "Seine Arbeit darf als seriös
und wertvoll beurteilt werden. Seine personellen
Kapazitäten sind indessen eingeschränkt, und
vermehrte Aktivitäten erfordern inskünftig einen
grösseren Finanzbedarf. (...) Vor diesem Hintergrund
drängt sich im Rahmen der finanziellen
Möglichkeiten eine verstärkte finanzielle
Unterstützung des Vereins infoSekta durch den Staat
&endash; allenfalls zusammen mit anderen Kantonen &endash;
auf."
Zweitens ist es unseres Erachtens zukünftig
nicht mehr akzeptierbar, dass der Verein infoSekta
staatliche Unterstützung ausschliesslich von der Stadt
und dem Kanton Zürich erhält. Obwohl infoSekta
nationale Bedeutung hat und über die Kantonsgrenzen
hinaus in prozentual grossem Umfang Informations-,
Beratungs- und Präventionsarbeit leistet, wird die
Stelle weder von anderen Kantonen noch dem Bund finanziell
unterstützt. Die Anfragen aus
nicht-zürcherischen Kantonen, überwiegend aus der
Deutschschweiz, betragen jährlich zwischen 40 und 45 %.
An der Spitze der Anfragen steht regelmässig der Kanton
Bern, gefolgt von den Kantonen Aargau, Basel-Stadt und
Basel-Land sowie St. Gallen. Der Vorstand wird in jedem Fall
bei den verantwortlichen Stellen und RegierungsrätInnen
vorstellig werden.
Drittens werden wir mit zusätzlichen Gesuchen
an Stiftungen, Verbände, Behörden und Unternehmen
herantreten.
Viertens werden wir auch in Zukunft Privatpersonen
um Spenden und Gönnerbeiträge bitten.
Bei unseren verstärkten Anstrengungen zur
Mittelbeschaffung werden wir uns nach Bedarf von einer/einem
professionellen FundraiserIn beraten lassen. Erste
Gespräche haben aber gezeigt, dass die Arbeit
ausschliesslich von den Vorstandsmitgliedern geleistet
werden muss. Selbstverständlich werden alle Massnahmen
in den Bereichen Marketing und Fundraising im Zusammenhang
der Organisationsentwicklung von infoSekta erarbeitet.
© Juni 2002. Verein
infoSekta, Zürich.
Zuständigkeit für infoSekta 2001
Präsidium
Mettner Matthias, lic. phil., Theologe und
Sozialwissenschaftler, Studienleiter an der Paulus-Akademie
Zürich
Sträuli Dieter, Dr. phil., Psychologe
Vorstand
Deckert Bruno, lic. phil., Psychologe
Lenzin Esther, Psychotherapeutin
Schürer Samuel, Sozialarbeiter
Zwimpfer Monika, lic. phil., Germanistin und
Marketingplanerin
Mitarbeitende
Flammer Philipp, lic. phil., Soziologe
Schaaf Susanne, lic. phil., Psychologin FSP
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