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Tätigkeitsbericht 2000

 

Rückblick 2000 und Ausblick

 von Dieter Sträuli und Matthias Mettner (S. 4-10)

  1. Leistungsangebote des Vereins infoSekta: Informations- und Beratungsarbeit / Öffentlichkeitsarbeit / Publikationen / Tagung
  2. Und ausserdem
  3. Jahresrechnung 2000
  4. Ausblick 2001

 

1. Leistungsangebote des Vereins infoSekta: Information, Aufklärung, Beratung

1.1. Zur Informations- und Beratungsarbeit

infoSekta ist ein privater, parteipolitisch und konfessionell unabhängiger Verein und versteht sich als Konsumentenschutzorganisation. In dieser Ausrichtung ist infoSekta die einzige professionell arbeitende Sektenberatungsstelle in der Schweiz. Der Verein ist breit abgestützt auf Fachleute mit für die "Sekten"-Problematik relevanten Kompetenzen: Recht, Medizin, Psychologie, Psychiatrie, Soziologie, Suchtforschung, Sozial- und Jugendarbeit, Erwachsenenbildung, Religionswissenschaft und Medien. InfoSekta konzentriert sich in ihrer Arbeit auf Probleme im Zusammenhang mit ideologischen und gruppendynamischen Vereinnahmungsprozessen.

Die Leistungen von infoSekta im Rahmen zweier Teilzeitstellen und der Mitarbeit von Vorstandsmitgliedern bestanden auch im Jahr 2000 aus

  • Informieren über verschiedene einzelne "vereinnahmende Gruppen" auf Anfrage sowie allgemein über Strukturen, Ideologie, Merkmale und Methoden so genannter Sekten und Psychogruppen, über Probleme, Konfliktpotentiale und Gesundheitsrisiken im Zusammenhang mit Gruppierungen mit vereinnahmender Tendenz;
  • persönlicher Beratung von Angehörigen und Personen, die sich aus der Abhängigkeit von vereinnahmenden Gruppen lösen wollen, vor dem Eintritt in eine solche Organisation stehen oder sich bereits gelöst haben und an psychischen und sozialen Folgen der Mitgliedschaft leiden;
  • Beratung von Behörden, Unternehmen, Schulen und Kommissionen auf nationaler, kantonaler und kommunaler Ebene;
  • Dienstleistungen im Sinne einer ersten Hilfe (Orientierungshilfe) sowie Vermittlung von Ratsuchenden an fachkompetente Stellen, die umfassende Unterstützung zu leisten vermögen.

infoSekta informiert und berät sachlich und differenziert über die in Anfragen thematisierten Gruppen und Methoden. Sie orientiert sich in ihrer Beurteilung der Gruppen und Organisationen an Kriterien wie: Führungs- und Organisationsstruktur (Hierarchie, internationale Holdingstrukturen usw.), Kommunikationsstil nach aussen (Werbemethoden, Propaganda, Transparenz usw.) und nach innen (Informationsmanagement, Isolation und Abschottung, Kritikverbot), Welt- und Selbstverständnis der Gruppe (Schwarzweissmuster, Endzeitdenken usw.), kultivierte Erwartungsmuster der Gruppen, Methoden der Anwerbung neuer Mitglieder sowie Methoden der Mobilisierung und der Vereinnahmung der Mitglieder (Tarnung, Manipulation, Gruppendruck, bewusstseinsverändernde Methoden usw.).

Im Millenniumjahr 2000 hat infoSekta 1120 Anfragen bearbeitet, was gegenüber dem Vorjahr einen Rückgang bedeutet. Die Ursachen für diesen Rückgang sind vielfältig. Das differenzierte Informationsangebot der gut "besuchten" Homepage von infoSekta (http://www.infosekta.ch) filtert bereits zahlreiche Einzelanfragen heraus. Zudem verändert der starke Wandel im Bereich Internet die Nachfragestruktur einer Informations- und Beratungsstelle wie infoSekta mit einem "Nadelöhr"-Angebot von maximal zwei Stunden Telefonberatung pro Woche. Immer mehr Leute sind heute in der Lage, im schnell wachsenden und recht umfassenden Angebot des Internets jene Informationen zu finden, die sie im Augenblick benötigen - und zwar jederzeit. Damit nimmt in der Tätigkeit von infoSekta die Bedeutung der reinen Informationsvermittlung gegenüber der wesentlich zeit- und arbeitsintensiveren Beratungsarbeit tendenziell leicht ab. Eine weitere Ursache für den Rückgang ist die zunehmend stärkere Zersplitterung vereinnahmender Gruppen, Bewegungen und Organisationen. Während sich die Anfragen in früheren Jahren auf vergleichsweise wenige Gruppen konzentrierten, hat die Zahl der verschiedenen Gruppierungen und Angebote drastisch zugenommen. Man kann geradezu von einer "Pulverisierung der Sekten-Landschaft" sprechen. Für infoSekta bedeutet dies eine wesentlich höhere Recherchearbeit zu den einzelnen Klein- und Splittergruppen.

Mitverantwortlich für den Rückgang der Anfragen ist aber auch die starke Belastung der Mitarbeitenden durch zahlreiche begleitende Projektarbeiten. So konnte dank finanzieller Unterstützung durch das Migros-Kulturprozent endlich der dringend fällig gewordene Ausbau der Dokumentationsstelle an die Hand genommen werden. Eine gut organisierte und umfassende Dokumentation zum schwer überblickbaren Bereich vereinnahmender Gruppen und Bewegungen ist eine unverzichtbare Grundlage für kompetente Beratungsarbeit. Weitere wichtige Projektarbeiten waren zudem die Überarbeitung und Verbesserung der infoSekta-Homepage sowie die Publikation der Beiträge der Tagung vom 18. September 1999, an der namhafte Expertinnen und Experten aus Deutschland, Österreich und der Schweiz Fragen zur Problematik vereinnahmender Gruppen aus juristischer, politischer, psychologischer und soziologischer Sicht erörterten. Zentral war dabei die Frage: "Wie kann der Staat den Einzelnen vor ‚Sekten' schützen?".

Mehr zu den Anfragen 2000 lesen Sie anschliessend in der infoSekta-Statistik unserer Mitarbeiterin Susanne Schaaf.

1.2. Öffentlichkeitsarbeit

infoSekta ist in Sachen Medienpräsenz seit jeher eher zurückhaltend. Dies hängt einerseits mit den Qualitätsansprüchen unserer Informations- und Beratungstätigkeit zusammen, andererseits mit der ohnehin sehr grossen Arbeitsbelastung der Mitarbeitenden und der Vorstandsmitglieder. Diese haben aber dennoch zahlreiche Einzelvorträge an Schulen und Erwachsenenbildungsstätten, in Kirchgemeinden und diversen Einrichtungen gehalten; namentlich im Informationszentrum des Sozialdepartements der Stadt Zürich (IZS) und an der Schule für Berufe im Gesundheitswesen der Stadt Zürich, beim Lehrerinspektorat des Kreises Bremgarten und an der Thurgauisch-Schaffhauserischen Schule für allgemeine Krankenpflege (TSKS) und anderen. Diverse Beiträge in verschiedenen Printmedien ("Sonntagsblick" u.a.), die im Zusammenhang von Berichten über einzelne Gruppen mit vereinnahmender Tendenz auf die Dienstleistungen unserer Informations- und Beratungsstelle hingewiesen haben, und ein Stellenporträt mit Susanne Schaaf und Dieter Sträuli in der "Zürichsee-Zeitung" vom 28. Juni 2000 sorgten dafür, dass Angebot und Homepage von infoSekta in der Öffentlichkeit auf regionaler und nationaler Ebene wahrgenommen wurden.

Am 14. April 2000 erlangte die Sektenthematik zudem prominenten Raum in der Sendung "Arena" des Schweizer Fernsehens SF DRS, zu der auch infoSekta mit Dieter Sträuli, Urs Eschmann und Philipp Flammer eingeladen waren. Anlass waren der "Sekten"-Bericht der Geschäftsprüfungskommission des Nationalrates (GPK) vom Juli 1999 und die damals noch ausstehende Antwort des Bundesrates (vgl. dazu folgend auch die Abschnitte 1.3 und 2.0). Entsprechend stand der GPK-Präsident und SP-Nationalrat Alexander Tschäppät, flankiert vom "Tages-Anzeiger"-Journalisten und Sektenexperten Hugo Stamm, einer fundamentalistisch-esoterischen Allianz gegenüber. Einmal mehr zeigten Charakter und Verlauf der Sendung, dass sich eine sachlich nüchterne und differenzierte Argumentation nur schwer Gehör zu verschaffen vermag.

1.3. Publikationen

Im Jahr 2000 veröffentlichte infoSekta zwei im Buchhandel erhältliche Schriften:

Bruno Deckert und Dieter Sträuli: UFOs! Fragen, Rätsel, Erklärungen. Schweizerisches Jugendschriftenwerk, Zürich 2000. ISBN 3-7269-1001-8.

Die Broschüre "UFOs!" eröffnet eine neue Reihe des Schweizerischen Jugendschriftenwerks - "Von @ bis Zett". Sie stellt spannenden Berichten über UFO-Sichtungen und Entführungen durch Ausserirdische kommentierende Kapitel gegenüber, in denen Jugendliche lernen, aufregende Storys und Meldungen aus zweifelhafter Quelle einer kritischen Lektüre zu unterziehen. Überdies wird die Entstehung und Weiterentwicklung des UFO-Mythos im Zusammenhang mit geschichtlichen Ereignissen dargestellt.

infoSekta (Hrsg.): "Sekten", Psychogruppen und vereinnahmende Bewegungen. Wie der Einzelne sich schützen kann. Was der Staat tun kann. NZN Buchverlag, Zürich 2000. ISBN 3-85827-135-7

Mit dem von infoSekta herausgegebenen Buch tragen wir dem vielfach von TagungsteilnehmerInnen und ReferentInnen geäusserten Wunsch Rechnung, die Beiträge an öffentlichen Tagungen, Seminaren und Fachgesprächen auch schriftlich zu dokumentieren und damit für eine breitere Öffentlichkeit "greifbar" zu machen. Die Publikation unterstützt aber auch die Zusammenarbeit und den Erfahrungsaustausch mit den in verschiedenen Teilbereichen der Sektenproblematik tätigen Institutionen, Gruppierungen und Einzelpersonen. Autoren und Autorinnen des Bandes sind u. a.: Ralf B. Abel (D), François Bellanger (CH), Urs Eschmann (CH), German Müller (A), Markus Notter (CH), Bärbel Schwertfeger (D), Bernd Steinmetz (D), Alexander Tschäppät (CH). Der ausführliche Dokumentations- und Serviceteil macht das Buch zum nützlichen Arbeitsinstrument. Er enthält sowohl den Bericht der Geschäftsprüfungskommission des Nationalrates vom Juli 1999 ("Sekten" oder vereinnahmende Bewegungen in der Schweiz. Die Notwendigkeit staatlichen Handelns oder: Wege zu einer eidgenössischen "Sekten"-Politik) als auch die Antwort des Bundesrates vom 28. Juni 2000. Weiterführende Literaturempfehlungen zum Thema "Sekten", Adressen und Internet-Links erhöhen den Gebrauchswert der Publikation. Die Drucklegung des Buches wurde durch Beiträge der Stiftung Suzanne und Hans Biäsch zur Förderung der angewandten Psychologie und der TA-Media AG unterstützt. Wir danken an dieser Stelle herzlich.

1.4. Tagung: Von der Sehnsucht nach Heil und Heilung

Aktueller Bezugspunkt der viel beachteten Tagung "Von der Sehnsucht nach Heil und Heilung" vom 29./30. September 2000 war die Revision des Gesundheitsgesetzes im Kanton Zürich, zu der infoSekta 1999 eine Stellungnahme abgegeben hatte (vgl. unseren Tätigkeitsbericht 1999, S. 6). Mit dem Untertitel der Veranstaltung "Zu den Risiken und Nebenwirkungen von alternativen, esoterischen und religiösen Therapieangeboten auf dem Gesundheitsmarkt" setzte infoSekta zudem das Tagungsthema vom November 1998 fort: "Psycho. Therapien zwischen Scharlatanerie und Ausbeutung"; diesmal jedoch von noch grundsätzlicheren Fragestellungen ausgehend.

Für die Sehnsucht nach Heil und Heilung ist der heutige Trend zu "sanften Heilmethoden", zu Naturheilverfahren und alternativen Therapieangeboten der so genannten Erfahrungsbezogenen Medizin symptomatisch. Immer mehr Menschen vertrauen sich mit ihren körperlichen und psychischen Beschwerden und Krankheiten Behandlungsmethoden und Heilverfahren an, die ausserhalb der wissenschaftlich ausgerichteten Medizin angeboten werden. Umfragen haben gezeigt, dass eine Mehrheit der Bevölkerung alternative Heilmethoden für eine sinnvolle Ergänzung, bei vielen Krankheiten oftmals für den besseren Weg hält. Erhofft wird bei Therapien der "anderen Medizin" eine natürliche, sanfte, ganzheitliche Behandlung, die auch die geistig-spirituelle Dimension von Gesundheit und Krankheit mitberücksichtigt. Nur so sei den vielfältigen Erfahrungen von Krankheit, Krise und Unheil beizukommen. Aber sogar gut informierte Patientinnen und Patienten wissen über Grundlagen und Nutzen, Sinn und Unsinn, Risiken und Nebenwirkungen so genannter sanfter Verfahren meist wenig. Der Markt alternativer, esoterischer und religiöser Therapieangebote ist immer weniger überschaubar. Neben seriösen Angeboten haben sich dubiose und gefährliche "Heilungsangebote" etabliert, die nicht nur wirkungslos sind und mit Worten wie "natürlich", "biologisch" und "sanft" Etikettenschwindel betreiben, sondern Konsumentenrechte verletzen, die Gesundheit gefährden und in Abhängigkeiten von guruistischen Geist- und WunderheilerInnen oder Therapie-Sekten führen können.

Die Tagung, die infoSekta gemeinsam mit der Paulus-Akademie Zürich durchführte, wurde mit den Vorträgen des Arztes Till Bastian (1998: Krankheit auf Rezept. Die populären Irrtümer der Schulmedizin; 2000: Lebenskünstler leben länger. Gesundheit durch Eigensinn) und des Psychologen Martin Odermatt eingeleitet (1991: Der Fundamentalismus. Ein Gott - eine Wahrheit - eine Moral? Psychlogogische Reflexionen). Im Zentrum standen die Fragen: Was hält uns gesund? Was stärkt die Selbstverantwortung und die Lebenskräfte? Sind Religion und Spiritualität Gesundheitsfaktoren? Welcher Glaube macht krank?

Die Referate von Reinhard Saller, Professor für Naturheilkunde an der Medizinischen Fakultät der Universität Zürich und Vorsitzender des Beirates des ErfahrungsMedizinischen Registers EMR (http://www.emr.ch), und der Wissenschaftsjournalistin Krista Federspiel (1991: Die andere Medizin; 1996: Kursbuch Seele) führten sodann zum Kern der Diskussion: Wie lassen sich Nutzen und Risiken alternativer Behandlung abwägen? Welche Qualitätskriterien gibt es auf dem Gesundheitsmarkt? Insbesondere der Ansatz des EMR hat Interesse und kritische Einwände hervorgerufen und bedürfte einer weiterführenden Auseinandersetzung. Aus der Sicht von infoSekta bleibt fraglich, ob das EMR als Instrument der Qualitätssicherung auf dem alternativen Gesundheitsmarkt taugt.

Der Schlussteil der Veranstaltung war geprägt von Darstellungen einzelner esoterischer Heilverfahren und Therapie-"Sekten" (vgl. dazu den Beitrag von Philipp Flammer in diesem Tätigkeitsbericht) und widmete sich schliesslich dem Entwurf der Gesundheitsdirektion zur Revision des Gesundheitsgesetzes im Kanton Zürich, zu dem Martin Brunnschweiler, Chefbeamter der Gesundheitsdirektion, Stellung bezog. Urs Eschmann begründete die Notwendigkeit eines gesetzlichen Konsumentenschutzes auf dem alternativen Gesundheitsmarkt.

Die Veranstaltung wurde von der Bildungsdirektion des Kantons Zürich, Mittelschul- und Berufsbildungsamt, mit einem Beitrag aus dem Kredit zur Förderung der allgemeinen Erwachsenenbildung unterstützt. Wir danken an dieser Stelle herzlich.

 

2. Und ausserdem ...

Zur "Sekten"-Politik des Bundes

War der "Sekten"-Bericht der Geschäftsprüfungskommission des Nationalrates (GPK) der sektenpolitische Höhepunkt des Jahres 1999, der einen problembewussteren Umgang von Politik und Behörde mit der Sektenthematik erhoffen liess, so gereichte die Antwort des Bundesrates auf diesen Bericht zum sektenpolitischen Tiefpunkt des Jahres 2000. Beide Dokumente finden Sie in der neuen Publikation von infoSekta (vgl. Abschnitt 1.3).

Der Bundesrat sieht keinen Anlass, eine "Sekten"-Politik zu formulieren, und weist sämtliche Empfehlungen der GPK zurück. Definitionsprobleme (die durchaus bestehen, aber nicht unüberwindbar sind) werden vorgeschoben; Religionsfreiheit (die unbestritten wichtig ist) wird ungeachtet möglicher Verletzung anderer Grundrechte eingesetzt, um einer kritischen Auseinandersetzung mit dem Missbrauch durch vereinnahmende Organisationen aus dem Weg zu gehen; die Verantwortung für den Umgang mit der Problematik wird auf die Kantone abgeschoben und hier unter der Rubrik "Verhältnisregelung zwischen Kirche und Staat" subsumiert.

Dabei hat sich in der internationalen Fachdiskussion schon seit geraumer Zeit die Einsicht durchgesetzt, dass in der Sektenproblematik nicht Religionsfragen im Vordergrund stehen. Weder geht es um die Frage nach dem "richtigen" oder "falschen" Glauben noch um die Frage nach dem staatsrechtlichen Verhältnis zwischen Kirchen und Staat noch um die Entscheidung, ob "Kirche" oder "Sekte". Die soziale Erfahrung zeigt, dass die Sektenproblematik in den vereinnahmenden und unlauteren Methoden gründet, welche eine Organisation einsetzt, um ihre Mitglieder anzuwerben, zu mobilisieren und an sich zu binden. Eine engagierte "Sekten"-Politik hat bei diesen Methoden anzusetzen. Der Einwand des Bundesrates, Vereinnahmung als zentrales Kriterium für "Sekten" würde weit über die von der GPK behandelte Frage hinausgehen, hinkt der Wirklichkeit hintennach und ist schwer nachvollziehbar, zumal die GPK das Thema sehr klar anhand eines nichtreligiösen Kriteriums darzulegen vermochte.

Es braucht keine Parteinnahme für oder gegen bestimmte weltanschauliche Dogmen oder Praktiken, aber es braucht ein entschiedenes Einstehen des Bundes für demokratische Grundwerte, für eine Kultur von Respekt und Toleranz, welches die Sensibilität der Glaubens- und Meinungsfreiheit Einzelner gegenüber vereinnahmenden Organisationen und Glaubenskonzernen erkennt und schützt. Dazu ist der demokratische Rechtsstaat nicht nur legitimiert, sondern auch verpflichtet. Diese Verantwortung nimmt der Bundesrat mit seiner Verkennung der Sektenproblematik leider nicht wahr.

 

3. Jahresrechnung 2000

Die Jahresrechnung 2000 von infoSekta schliesst bei Ausgaben von Fr. 159460.- und Einnahmen von Fr. 147 478.- mit einem Defizit von Fr. 11881.-. Das budgetierte Defizit von Fr. 5800.- konnte nicht vemieden werden, im Gegenteil. Die Jahresrechnung zeigt Folgendes: Erstens: Die MitarbeiterInnen und Vorstandsmitglieder von infoSekta wirtschaften sehr sparsam und effizient mit den begrenzten finanziellen Mitteln. Die Ausgaben-Seite der Rechnung belegt, dass es gelungen ist, die Kosten im Griff zu behalten. Zweitens: Sehr erfreulich ist, dass das im Budget 2000 auf der Einnahmen-Seite hoch gesteckte Ziel der Beiträge juristischer Personen in Höhe von Fr. 50000.- tatsächlich erreicht werden konnte. Drittens: Hauptursache für den negativen Rechnungsabschluss ist ein Rückgang bei den Einnahmen "private Gönnerbeiträge" um knapp Fr. 15000.- auf effektiv Fr. 25299.-. Die gegenwärtige Finanzstruktur von infoSekta verkraftet einen derartigen Rückgang nur schwer. Die Jahresrechnung von infoSekta setzt sich regelmässig wie folgt zusammen: ca. ein Drittel Beiträge der Stadt und des Kantons Zürich; zwei Drittel Beiträge privater GönnerInnen und Beiträge juristischer Personen. Die im Vergleich zu anderen gemeinnützigen Institutionen durchaus üblichen Schwankungen bei den Spenden haben wiederholt erhebliche Probleme in der Jahresrechnung von infoSekta verursacht. Der Rückgang der privaten Spenden im Jahr 2000, der unseres Erachtens u. a. durch akute Katastrophen wie die Überschwemmung im Wallis (Gondo) verursacht worden ist, zeigt erneut, wie labil die Finanzstruktur von infoSekta bis heute ist.

Wir danken allen Spendenden und Behörden, Stiftungen, Gemeinden und Unternehmen für ihre ideelle und finanzielle Unterstützung der Arbeit von infoSekta:

  • dem treuen Kreis von Vereinsmitgliedern, Gönnerinnen und Spendern (rund Fr. 36000.- )
  • dem Sozialdepartement der Stadt Zürich und der Bildungsdirektion des Kantons Zürich, Amt für Jugend und Berufsberatung (Fr. 55000.-)
  • zahlreichen juristischen Körperschaften (rund Fr. 50000.-). Namhafte Spenden erhielten wir insbesondere von: Migros-Kulturprozent, TA-Media AG, Hamasil Stiftung Zürich, den politischen Gemeinden Herrliberg, Thalwil, Schlieren und Wetzikon sowie mehreren Kirchgemeinden im Kanton Zürich.

 

4. Ausblick 2001

  • Das Budget 2001 weist ein Defizit von ca. Fr. 25000.- aus. Der Vorstand von infoSekta wird deshalb kurzfristig verstärkte Anstrengungen zur Beschaffung der dringend benötigten Mittel unternehmen, um den bisherigen Umfang und die Qualität der Informations- und Beratungstätigkeit von infoSekta sicherzustellen.
  • Gleichzeitig sind mittelfristig Strategien zu entwickeln, um finanzielle Ressourcen zu mobilisieren, die eine Erweiterung des Beratungsangebots erlauben. Dies schliesst eine Weiterbildung und Beratung im Sozialmarketing für Non-Profit-Organisationen und insbesondere im Fundraising ein.
  • Im September 2001 feiert die Informations- und Beratungsstelle des Vereins infoSekta ihr 10-jähriges Bestehen. Der Vorstand plant anlässlich dieses Jubiläums die Durchführung einer kulturellen Veranstaltungsreihe zur Faszination und Problematik vereinnahmender Gruppen, so genannter Sekten und Psychogruppen. Mehr wird zurzeit nicht verraten.
  • Das zehnjährige Jubiläum von infoSekta ist aber auch Anlass zur Bedarfsanalyse betreffend kritischer Informations- und Beratungstätigkeit über vereinnahmende Gruppen, zur Neupositionierung von infoSekta als Konsumentenschutzorganisation im immer unübersichtlicher werdenden Markt von Weltanschauungen, Sinnstiftungs- und Selbstverwirklichungsangeboten und zur Überprüfung und Erweiterung des Leistungsangebotes des Vereins infoSekta.

 

 

© April 2001. Verein infoSekta, Zürich.


 

Die Informations- und Beratungsarbeit 2000 (infoSekta Statistik)

von Susanne Schaaf (S.11-18)

  1. Häufigkeit der Anfragen
  2. Regionale Verteilung der Anfragen
  3. Die anfragenden Personen, ihr Hintergrund und ihre Anliegen
  4. Die thematisierten Gruppen und Themen
  5. Zusammenfassung

 

Seit Beginn der Beratungsarbeit im Herbst 1991 werden alle Anfragen statistisch erfasst. Die systematische Erhebung dokumentiert die Arbeit von infoSekta und verschafft einen Eindruck, welche Gruppen und Probleme aktuell sind.

 

1. Häufigkeit der Anfragen

Für das Beratungsjahr 2000 verzeichnet infoSekta 1120 Anfragen (Abb. 1). Dies entspricht einer weiteren leichten Abnahme gegenüber den Vorjahren. Zwei Drittel der Anfragen (660 bzw. 60 %) kamen telefonisch und 445 Anfragen auf dem schriftlichen Weg herein (Brief, Fax). Diese Angaben beziehen sich auf Erstkontakte - weiterführende persönliche Beratungs- und therapeutische Gespräche werden in der folgenden Auswertung nicht berücksichtigt. Der Anteil an Telefonberatungen hat im Vergleich zum Vorjahr zugenommen.

Dass das Informations- und Beratungsbedürfnis um einiges höher liegt als die effektiven Anfragen, verdeutlichen die Anrufversuche, welche auf dem Anrufbeantworter der Stelle registriert wurden: durchschnittlich rund 220 Anrufversuche pro Monat.

Abb. 1: Bearbeitete Anfragen über die Zeitperiode Herbst 1991 bis Ende 2000

2. Regionale Verteilung der Anfragen

Das Arbeitsfeld von infoSekta konzentriert sich zu 90 % auf die Deutschschweiz (996), nur vereinzelt entfallen Anfragen auf die französische Schweiz und den Kanton Tessin (29). 4 % der Anfragen stammen aus dem vorwiegend deutschsprachigen Ausland (46).

Wie bereits in den Vorjahren bewältigt die zu rund einem Drittel von Stadt und Kanton Zürich mitfinanzierte Stelle infoSekta 53 % ausserkantonale Anfragen. Lediglich 47 % stammen aus dem Kanton Zürich, davon 25 % aus der Stadt Zürich (Abb. 2).

Abb.2: Regionale Verteilung der Anfragen (N= 1120)

 

Die Verteilung der Anfragen auf nichtzürcherische Kantone hat sich im Vergleich zu den Vorjahren nicht wesentlich verändert (Abb. 3). An der Spitze steht immer noch der Kanton Bern mit 95 Anfragen, gefolgt von den Kantonen Aargau (81) und den Halbkantonen Basel-Stadt und Baselland (64) sowie St. Gallen (60). Diese vier Kantone decken 59 % der nichtzürcherischen Anfragen ab.

Abb. 3: Verteilung der Anfragen auf die Schweiz ohne Kanton Zürich (N=507)

3. Die anfragenden Personen, ihr Hintergrund und ihre Anliegen

74 % der Anfragenden wenden sich aus privaten Gründen und in eigener Sache an infoSekta (831). 24 % der Anfragen stammen von Personen im Auftrag oder Kontext einer Institution wie Behörden, soziale Anlaufstellen, Kirchgemeinden, Stiftungen (265).

In 72 % der Anfragen wird um Sachinformation gebeten ohne Angabe persönlicher Betroffenheit (803). In 27 % der Anfragen handelt es sich um Beratungs- und Problemfälle, die über eine Informationsvermittlung hinausgehen (307). Die Erfahrung im Beratungsalltag zeigt, dass auch hinter reinen Informationsanfragen oft eine persönliche Konfliktgeschichte steht, die erst zu einem späteren Zeitpunkt thematisiert wird.

In 46 % der Anfragen wenden sich Betroffene an infoSekta, weil sie sich um eine andere Person (Drittperson) sorgen (520). Dabei geht es um Fragen zur Einschätzung der Gruppe und zum besseren Verständnis der Sektendynamik (beobachtete Persönlichkeits- und Verhaltensänderungen), aber auch um konkrete Hilfestellungen bei der Bewältigung der Konfliktsituation.

In welcher Beziehung stehen die Anfragenden zu der thematisierten Drittperson?

Die Beziehungen lassen sich den beiden Bereichen "Verwandtschaft" und "Freundeskreis" zuordnen (Abb. 4). Von den Angehörigen sind es hauptsächlich Mütter, welche Kontakt mit infoSekta aufnehmen (13 % bzw. 68). 17 % der Anfragen stammen von anderen Anlaufstellen (89). 45 % der Anfragen beziehen sich wie im Vorjahr auf Personen aus dem Freundes- und Bekanntenkreis (235).

Abb. 4: Bezug der Kontaktperson zur Drittperson (N=520). Die Kontaktperson ist (...) der thematisierten Drittperson.

4. Die thematisierten Gruppen und Themen

Wie bereits in den Vorjahren beziehen sich drei Viertel der Anfragen auf eine konkrete Gruppe (81 %). Bei 6 % der Anfragen handelt es sich um "Sammelbestellungen" zu mehreren Gruppen. 8 % der Anfragen betreffen das Thema "Sekten" allgemein, insbesondere Fragen zu Definitionen, Sektenmerkmalen und Sektendynamik. Weitere 2 % der Anfragen beziehen sich auf spezielle Themen wie Astrologie, Esoterik allgemein, Schamanismus, Okkultismus etc. (Abb. 5).

Abb. 5: Art der Anfragen (N=1120)

Für die Auswertung zur folgenden Abb. 6 werden nur Anfragen berücksichtigt, die sich auf eine konkrete Gruppe beziehen (N=911). Die Tabelle stellt nicht zwangsläufig eine Wertung oder Etikettierung als "Sekte" dar, sondern ist in erster Linie eine Rangierung nach Häufigkeit der Anfragen im Beratungsjahr 2000.

Gegenüber dem Vorjahr hat sich die Häufigkeitsverteilung der Gruppen leicht verschoben: die meisten Anfragen beziehen sich auf Scientology, Gemeinschaften der Pfingstbewegung und den VPM, Verein zur Förderung der Psychologischen Menschenkenntnis (je 5 %). Weitere Anfragen entfallen auf die evangelikale Gruppe International Christian Fellowship ICF (4 %) und die Endzeitgemeinde Zeugen Jehovas (4 %). Immer wieder zu Fragen Anlass gibt auch Herbalife, ein Direktvertriebssystem für Nahrungsmittelersatz (3 %). Die Anfragen zu Landmark Education sind im Vergleich zu den Vorjahren stark zurückgegangen (2 %).

Knapp drei Viertel der Anfragen beziehen sich auf eine Bandbreite unzähliger weiterer Gruppen, darunter bekannte internationale Organisationen, aber auch unbekannte Kleingruppen (71 %). Die Tendenz, dass sich Anfragen immer seltener auf eine beschränkte Anzahl Organisationen konzentrieren, sondern sich auf ein immer grösser werdendes Spektrum an Gruppen und Angeboten ausweiten, setzt sich im Beratungsjahr 2000 weiter fort. Informations- und Beratungsarbeit wird mit einem zunehmend heterogenen Arbeitsfeld konfrontiert. Es ist jedoch ein Irrtum zu glauben, unbekannte, junge oder kleine Gruppen seien zwangsläufig unproblematischer oder die Beratung der betroffenen Personen werde dadurch einfacher. Oft ist das Gegenteil der Fall: Mangels vorhandener Literatur oder Erfahrungen müssen die spärlichen Informationen zusammengetragen, die sektenhaften Strukturen herausgearbeitet werden. Das Abhängigkeitspotential kann sich dabei durchaus ähnlich gestalten wie in bekannten Gruppen.

Abb. 6: Thematisierte Gruppen (N=911)

Ordnet man das breite Spektrum an Einzelgruppen weltanschaulichen Grobkategorien zu, so ergibt sich folgendes Bild (Abb. 7): Zu je einem Drittel stammen die Anfragen aus dem christlichen (39 %) und dem esoterischen Umfeld (27 %), zu einem Fünftel aus dem säkularen Umfeld (18 %). Gegenüber dem Vorjahr ist eine leichte Zunahme von Anfragen mit christlichem Hintergrund festzustellen. "Esoterisch" beinhaltet Gruppen, welche Gedankengut aus New Age, Theosophie, Spiritismus und Okkultismus vertreten. Unter "christlich" sind Gemeinschaften zusammengefasst, welche sich ausschliesslich oder grossenteils auf die Bibel berufen. Säkulare Gruppen sind Organisationen ohne spirituellen Überbau, mehrheitlich psychologische Angebote und Persönlichkeitsseminare.

Abb. 7: Weltanschaulicher Hintergrund der angefragten Gruppen (N=911)

Zusammenfassung

  • Im Jahr 2000 wurden insgesamt 1120 Anfragen bearbeitet. Die Abnahme gegenüber dem Vorjahr kann ein Hinweis darauf sein, dass ein Teil des Informationsbedarfs über das Internet abgedeckt ist.
  • Hauptsächliche Beratungsregion von infoSekta ist die Deutschschweiz mit 90 % der Anfragen. Nur knapp die Hälfte der Anfragen stammt aus dem Kanton Zürich (47 %), davon 25 % aus der Stadt Zürich.
  • Anfragekräftige Kantone ausserhalb von Zürich sind Bern, Aargau, die beiden Halbkantone Basel-Stadt und Baselland sowie St. Gallen. Die vier Kantone decken zusammen 59 % der nichtzürcherischen Anfragen ab.
  • Bei einem Viertel der Anfragen handelt es sich um Beratungs- und Problemfälle, die über einen reinen Informationsbedarf hinausgehen (27 %). Bei Schwierigkeiten im Umgang mit einem "Sekten"-Mitglied wenden sich vor allem Personen aus dem Freundes- und Bekanntenkreis an infoSekta (45 %).
  • Ein gutes Drittel der Anfragen zu einer bestimmten Gruppe bezieht sich auf Gemeinschaften mit christlichem Hintergrund (39 %). Ein knappes Drittel ist dem Bereich Esoterik (inkl. Theosophie, Okkultismus) zuzuordnen (27 %). Ein Fünftel der Anfragen entfällt auf nichtspirituelle Organisationen mit säkularem Hintergrund (18 %).
  • Häufigster Gegenstand von Anfragen sind Scientology, Gemeinschaften der Pfingstbewegung und der VPM, Verein zur Förderung der Psychologischen Menschenkenntnis (je 5 %). Der Grossteil der Anfragen (71 %) bezieht sich auf ein breites Spektrum unzähliger weiterer Gruppen. Die Informations- und Beratungsarbeit beschränkt sich nicht auf eine beschränkte Anzahl "klassischer" Organisationen, sondern wird zunehmend mit einem heterogenen Feld von Gruppen und Angeboten konfrontiert, darunter auch viele neue, kleine und unbekannte Gruppen.

 

© April 2001. Verein infoSekta, Zürich.


 

Zuständigkeit für infoSekta 2000

 

Präsidium

Mettner Matthias, lic. phil., Theologe und Sozialwissenschaftler, Studienleiter an der Paulus-Akademie Zürich

Sträuli Dieter, Dr. phil., Psychologe

 

Vorstand

Deckert Bruno, lic. phil., Psychologe

Lenzin Esther, Psychotherapeutin

Schürer Samuel, Sozialarbeiter

Zwimpfer Monika, lic. phil., Germanistin und Marketingplanerin

 

Mitarbeitende

Flammer Philipp, lic. phil., Soziologe

Schaaf Susanne, lic. phil., Psychologin FSP