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Tätigkeitsbericht 1999

 

Rückblick 1999 und Ausblick

 von Dieter Sträuli und Matthias Mettner (S. 3-8)

  1. Information, Aufklärung, Beratung
  2. Und ausserdem
  3. Jahresrechnung 1999
  4. Ausblick 2000

 

1. Information, Aufklärung, Beratung

1.1. Zur Informations- und Beratungsarbeit

Im Zentrum der Arbeit von infoSekta stand auch 1999 die

  • Information über verschiedene vereinnahmende Gruppen auf Anfrage;
  • Persönliche Beratung von ehemaligen und austrittswilligen Mitgliedern vereinnahmender Gruppen bzw. von Angehörigen;
  • Beratung von Behörden, Unternehmen, Schulen und Kommissionen auf nationaler, kantonaler und kommunaler Ebene;
  • Vermittlung von Ratsuchenden an fachkompetente Stellen.

Eine besondere Herausforderung für die Dokumentationsstelle, der tragenden Säule der Informations- und Beratungskompetenz von infoSekta, stellt das jährlich sich erweiternde Spektrum der angefragten problematischen Gruppen bzw. die stark zunehmende Aufsplitterung vereinnahmender Gruppen, Bewegungen und Organisationen dar. Der gegenüber dem Vorjahr geringfügige Rückgang der gesamthaft 1345 bearbeiteten Anfragen ist einerseits der stark "besuchten" neuen Homepage von infoSekta zu verdanken, die durch ihr differenziertes Informationsangebot bereits zahlreiche Einzelanfragen herausfiltert; andererseits aber zeigt der Rückgang, dass nach wie vor die kurze Öffnungszeit des Beratungstelefons de facto die Funktion eines "Nadelöhrs" erfüllt. Mehrere Indizien sprechen dafür, dass der öffentliche Bedarf nach dem Informations- und Beratungsangebot von infoSekta tatsächlich erheblich grösser ist. Trotz der Konsolidierung einer effizienteren Angebotsstruktur in den letzten Jahren wäre eine Ausweitung der telefonischen Beratungszeit aber erst mit einem personellen Ausbau in der Beratung möglich. Insgesamt scheint sich aber die Leistungskapazität der Beratungsstelle bei rund 1400 Anfragen pro Jahr einzupendeln.

Mehr zu den Anfragen lesen Sie in der anschliessenden infoSekta-Statistik unserer Mitarbeiterin Susanne Schaaf. Zusammenfassend kommt sie dort zum Schluss, dass eine Verschiebung der Beratungsarbeit von bekannten und "klassischen" Gruppen hin zu eher unbekannten Angeboten festzustellen ist.

1.2. Vortragstätigkeit

Die Vortragstätigkeit von infoSekta-Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern sowie Mitgliedern des Vorstands war auch 1999 stark. Neben Einzelvorträgen an Schulen und Erwachsenenbildungsstätten, in Kirchgemeinden und diversen sozialen Einrichtungen, referierten Susanne Schaaf und Urs Eschmann auch an einer Internationale Fachtagung in Wien zum Thema: "Sekten" - von der Prävention bis zur Intervention (13./14. September 1999). Ein wichtiges Vortragsthema des Jahres 1999 war "Sekten" und Endzeit. Wie schon in früheren Jahre führten zudem Philipp Flammer, Susanne Schaaf und Dieter Sträuli im Sommersemester 1999 einen Vorlesungszyklus an der Dolmetscher Schule Zürich durch.

1.3. Publikationen

MitarbeiterInnen und Vorstandsmitglieder von infoSekta haben 1999 die folgenden Aufsätze veröffentlicht:

1.4. infoSekta-Homepage: http:// www.infosekta.ch

Seit dem 7. September 1999 ist infoSekta nun auch mit einer Homepage auf dem Internet präsent. Gemeinsam konzipiert in der Projektgruppe mit Bruno Deckert, Matthias Mettner und Dieter Sträuli hat Philipp Flammer die Homepage programmiert und die laufende Wartung übernommen. Finanziell möglich wurde das Projekt dank Unterstützung durch das Migros Kulturprozent.

Die Seite ist in fünf Rubriken aufgegliedert. In der ersten Rubrik werden der Verein infoSekta und sein Leitbild vorgestellt, die zweite Rubrik vermittelt einen Überblick über das Dienstleistungsangebot von infoSekta. Die dritte Rubrik "Aktuelles" öffnet Raum für Ankündigungen von Veranstaltungen und Hinweise auf Veröffentlichungen sowie für öffentliche Stellungnahmen von infoSekta zu ausgewählten Themen. Die Rubrik "Jahresberichte" bietet nicht nur Einsicht in sämtliche Jahresberichte des Vereins sondern auch eine Liste aller Tagungen, die infoSekta (mit-)organisiert hat inklusive der Namen aller Referentinnen und Referenten und der Programminformationen. Kernstück der Homepage ist die Rubrik "Index", die eine stichwortartige Übersicht über alle Beiträge und Informationen der Homepage bietet und auch umfangreiche Literatur- und Linklisten beinhaltet. Web-ExpertInnen haben uns bestätigt, dass die Homepage von infoSekta gelungen, reichhaltig und informativ bewertet wird.

1.5. Tagung: Wie kann der Staat den Einzelnen vor "Sekten" schützen?

Unmittelbarer Anlass unserer Tagung vom 18. September 1999, den infoSekta wieder gemeinsam mit der Paulus-Akademie Zürich durchführte, war der Bericht "'Sekten' oder vereinnahmende Bewegungen in der Schweiz. Die Notwendigkeit staatlichen Handelns, oder: Wege zu einer eidgenössischen ‚Sekten'-Politik", den die Geschäftsprüfungskommission des Nationalrates (GPK) im Juli 1999 vorlegte (siehe unten). Expertinnen und Experten aus der Schweiz, Deutschland und Österreich diskutierten staatliche Haltungen und Massnahmen gegenüber vereinnahmenden Gruppen, sogenannte Sekten und Psychogruppen. Das uns von Fachkreisen mitgeteilte Interesse an einer Dokumentation der Beiträge der Tagung sowie die Aktualität und Qualität der Beiträge haben dazu geführt, dass sich der Vorstand von infoSekta für eine Publikation der Beiträge in Buchform entschlossen hat. Der Sammelband wird bereits im August 2000 im Buchhandel erhältlich sein (vgl. auch spezielle Ankündigung in diesem Tätigkeitsbericht). Die Drucklegung dieses Buches wird durch einen Beitrag der Stiftung Suzanne und Hans Biäsch zur Förderung der Angewandten Psychologie unterstützt.

 

 

2. Und ausserdem

2.1. Auf dem Weg zu einer eidgenössischen ‚Sekten'-Politik?

Sektenpolitischer Höhepunkt war 1999 sicher der Bericht "'Sekten' oder vereinnahmende Bewegungen in der Schweiz (...)", den die Geschäftsprüfungskommission des Nationalrates (GPK) unter Federführung des Präsidenten und Nationalrates Alexander Tschäppät am 2. Juli veröffentlichte. Im Unterschied zu politischen Verlautbarungen früherer Jahre kommt der Bericht zu einer Situationseinschätzung, welche die Notwendigkeit einer schweizerischen "Sekten"-Politik als Grundlage für staatliches Handeln geltend macht:

"Eine klare Haltung der Behörden ist ein Signal an die Betroffenen, die sich so in ihren Bemühungen gestärkt sehen, sich gegen Vereinnahmung, gegen die Verletzung grundlegender Freiheitsrechte sowie gegen nicht näher begründete Heils- und Heilungsversprechen zu wehren. Eine klare Haltung des Staates ist auch für die Rechtsanwendung von grosser Bedeutung: Gerichte und Verwaltungsbehörden sollen entschieden eingreifen, wenn Rechtsgüter gefährdet bzw. verletzt werden und gleichzeitig helfen, staatliche Eingriffe über die Grenzen der Grundrechte hinaus zu verhindern." (GPK-Bericht S. 35).

infoSekta hat den GPK-Bericht grundsätzlich begrüsst und die Diskussion zu den Handlungsempfehlungen an der oben genannten Tagung fortgesetzt.

2.2. Revision des Gesundheitsgesetzes im Kanton Zürich

Von Juni bis Oktober 1999 lief die Vernehmlassung zur geplanten Revision des Zürcherischen Gesundheitsgesetzes. Der Gesundheitsbereich spielt in der Sektenproblematik eine wichtige Rolle. Bei vielen Gruppen ist die (angebliche) Heilung von Krankheiten bzw. anderen psychischen oder physischen Beeinträchtigungen des Menschen Bestandteil ihrer Lehre oder Praxis. Deshalb ist es von einem sektenkritischen Standpunkt aus gesehen nicht gleichgültig, welche Haltung der Staat gegenüber ausserwissenschaftlichen Heilmethoden einnimmt. Es hat den Anschein, dass die Sektenproblematik beim vorgeschlagenen Revisionsentwurf nicht berücksichtigt wurde. Die Stellungnahme für infoSekta (voller Wortlaut auf unserer Homepage) verfasste Rechtsanwalt Dr. Urs Eschmann. Fazit:

"Eine völlige Freigabe der ausserwissenschaftlichen Heilmethoden hätte nach Überzeugung von infoSekta im "Sektenbereich" eine verheerende Wirkung, sowohl was den Schutz der Gesundheit als auch was den Rechtsschutz in Fällen mit Gesundheitsschädigungen betrifft. Zudem würde auf diese Weise ein falsches politisches Signal gesetzt, indem beim Publikum der Eindruck entsteht, dieser ganze Bereich stelle keine Gefahr für die Gesundheit dar. Eine Richtung also, die den Präventionsbemühungen und der Gesundheitsförderung zuwider liefe. Minimale Berufs- und Sorgfaltsvorschriften müssen auf jeden Fall gesetzlich verankert werden."

2.3. Tag der totalen Sonnenfinsternis am 11. August...

...über weiten Teilen Europas, auf den sich im Vorfeld manche düstere Endzeit-Vorhersehung bezog und der zusammen mit der sogenannten Jahrtausendwende vom 31. Dezember 1999 das prägende Weltuntergangsthema des Jahres in den Buchhandlungen und Medienberichten war. Abgesehen vom spektakulären Naturereignis, das durch manche Regenwolke etwas getrübt wurde, bot die Sonnenfinsternis einen Vorgeschmack auf die Jahreswende: viel medialer Lärm um Nichts. Dennoch zeigten die beiden Tage, dass auch in unserer naturwissenschaftlich-technisch hochentwickelten Zeit spezielle Natur- und Kalenderereignisse bei manchen ZeitgenossInnen magische Faszination und Irritationen auszulösen vermögen. infoSekta nahm beide Ereignisse zum Anlass, in Vorträgen auf die grundlegende Fragen nach dem Verhältnis des Menschen zur Zeit einzugehen.

2.4. Klarstellung

Weil sich die Polemik in den Medien und im Internet gegen die Basler Grossrätin Susanne Haller im Zusammenhang mit dem Basler-Treffen vom April 1998 mit dem deutschen Verfassungsschützer immer stärker zuspitzte und zusehends auch den Verein infoSekta ins Gerede brachte, hat sich der Vorstand zu einer öffentlichen Klarstellung entschlossen (voller Wortlaut auf unserer Homepage). Der Vorstand hält insbesondere fest:

"Der Vorstand von infoSekta hat vom Basler Treffen und dessen Folgen erst im Nachhinein via Medien Kenntnis erhalten. Zur Chronologie der Ereignisse stellen wir fest: Die Basler Grossrätin Susanne Haller hat die Staatsanwaltschaft am Mittwoch, 1. April 1998, kontaktiert; das Treffen mit dem Mitarbeiter des Stuttgarter Landesamtes fand am Montag, 6. April 1998 statt. Susanne Haller wurde an der Generalversammlung des Vereins infoSekta vom Donnerstag, 2. April 1998, wegen ihrer wertvollen politischen Arbeit zur "Sektenfrage" in den Vorstand von infoSekta gewählt. Zum Zeitpunkt ihrer Wahl waren weder der Verein noch der Vorstand über das bevorstehende Treffen mit dem Mitarbeiter des deutschen Verfassungsschutzes und die vorgängige Kontaktaufnahme von Susanne Haller mit der Staatsanwaltschaft informiert. Susanne Haller hat in dieser Sache eindeutig als Basler Grossrätin gehandelt und nicht als Vorstandsmitglied von infoSekta. Der Vorstand von infoSekta hätte weder ein Treffen mit einem deutschen Verfassungsschützer, der zu nach Schweizerischem Recht illegalen Handlungen aufforderte, noch die Weitergabe von Adressdaten durch Odette Jaccard, noch Susanne Hallers Anzeige bei der Staatsanwaltschaft ohne Orientierung der Gesprächspartnerin Odette Jaccard gutgeheissen, da diese Handlungen mit der Arbeitsweise und dem Leitbild von infoSekta unvereinbar sind. Die Vorfälle und die anschliessende juristische Auseinandersetzung sind für das Interesse einer seriösen Kritik an "vereinnahmenden Gruppen", sogenannten Sekten und Psychogruppen schädlich."

 

 

3. Jahresrechnung 1999

Wie schon letztes Jahr zeigt die Jahresrechnung 1999 sowohl eine erfreuliche als auch eine nachdenklich stimmende Seite. Erfreulich ist sicher, dass es infoSekta erstmals gelungen ist, das Jahr 1999 ohne Defizit abzuschliessen. Wir verdanken dies

  • dem sparsamen Umgang mit den begrenzten finanziellen Mitteln durch die MitarbeiterInnen und Vorstandsmitglieder von infoSekta
  • einem treuen Kreis von Vereinsmitgliedern, Gönnerinnen und Spendern, die rund Fr. 58'000.- zum guten Ergebnis beitrugen
  • der Unterstützung durch Stadt und Kanton Zürich (52'000.-) und zahlreichen anderen juristischen Körperschaften (39'000.-). Namhafte Spenden erhielten wir unter anderen von Hamasil Stiftung Zürich; Migros Kulturprozent; TA-Media AG, den politischen Gemeinden Herrliberg, Illnau-Effretikon und Wetzikon sowie verschiedenen Kirchgemeinden.

Wie danken allen Spendenden und Behörden, Stiftungen und Unternehmen für ihre ideelle und finanzielle Unterstützung der Arbeit von infoSekta Zürich.

Nachdenklich stimmt dagegen, dass es auch 1999 nicht gelungen ist, die Subventionsbeiträge durch öffentlich-rechtliche Institutionen und juristische Personen gesamthaft zu erhöhen. Um die Abhängigkeit von privaten Spenden zu verringern, strebt infoSekta feste Zusagen für jährliche Beiträge an. Weil das Budgetziel 1999 nicht erreicht werden konnte, wird der Vorstand im Jahr 2000 verstärkte Anstrengungen in Sachen Fundraising unternehmen.

 

 

4. Ausblick 2000

  • Wie bereits erwähnt strebt der Vorstand für 2000 erneut prioritär das Erschliessen von zusätzlichen Finanzierungsquellen an, sowohl durch staatliche (insbesondere nicht-züricherische Kantone) als auch private Institutionen.
  • Ein dringendes Projekt für das Jahr 2000 ist der Ausbau der Dokumentationsstelle. Gerade die Vielzahl der bei infoSekta angefragten Gruppen verlangt eine breite und gut organisierte Sammlung öffentlich zugänglicher Informationen und Unterlagen. Die aktuellen Ablagemöglichkeiten werden binnen Kurzem von der Papierflut gesprengt werden.
  • Schon seit längerem auf der Traktandenliste des Vorstandes steht eine Neudiskussion und Aktualisierung des infoSekta-Leitbildes.
  • Als Thema der diesjährigen Tagung, die wir in Zusammenarbeit mit der Paulus-Akademie Zürich am 29./30. September 2000 veranstalten werden, hat der Vorstand von infoSekta gewählt: "Vom Geheimnis der Gesundheit und der Sehnsucht nach Heil und Heilung. Zu den Risiken und Nebenwirkungen von esoterischen, psychologischen und religiösen Therapieangeboten auf dem Gesundheitsmarkt" (Arbeitstitel). Aktueller Bezugspunkt zur ‚politischen Traktandenliste' ist die Revision des Gesundheitsgesetzes im Kanton Zürich.
  • Gespannt sind wir zudem auf das Erscheinen zweier infoSekta-Publikationen: Bruno Deckert und Dieter Sträuli haben in Zusammenarbeit mit dem Schweizerischen Jugendschriftenwerk ein SJW-Heft mit dem Titel "UFO" verfasst, das noch diesen Sommer veröffentlicht werden soll. Und ebenfalls für Anfang August zu erwarten ist der Sammelband zur Tagung 1999 "'Sekten', Psychogruppen und vereinnahmende Bewegungen. Wie der Einzelne sich schützen kann. Was der Staat tun kann", den Philipp Flammer und Matthias Mettner im NZN-Buchverlag herausgeben.

 

 

© Mai 2000. Verein infoSekta.


 

Die Informations- und Beratungsarbeit 1999 (infoSekta Statistik)

von Susanne Schaaf (S. 9-16)

  1. Häufigkeit der Anfragen
  2. Regionale Verteilung der Anfragen
  3. Die anfragenden Personen, ihr Hintergrund und ihre Anliegen
  4. Die thematisierten Gruppen und Themen
  5. Zusammenfassung

 

Seit Beginn der Beratungsarbeit im Herbst 1991 werden alle Anfragen und Fälle statistisch erfasst. Die systematische Erhebung dokumentiert die Arbeit von infoSekta und verschafft einen Eindruck, welche Gruppen und Probleme aktuell sind.

 

1. Häufigkeit der Anfragen

Für das Beratungsjahr 1999 verzeichnet infoSekta 1345 Anfragen (Abb. 1). Dies entspricht einer leichten Abnahme gegenüber dem Vorjahr. Knapp die Hälfte der Anfragen (46% bzw. 625) treffen auf dem schriftlichen Weg ein (Brief, Fax), 52% der Anfragen (702) werden per Telefon bearbeitet. Die Angaben beziehen sich auf Erstkontakte - weiterführende persönliche Beratungs- und therapeutische Gespräche werden in der folgenden Auswertung nicht berücksichtigt.

Dass das Informations- und Beratungsbedürfnis um einiges höher liegt als die effektiven Anfragen, verdeutlicht ein Blick auf die Anrufversuche, welche auf dem Anrufbeantworter der Stelle registriert wurden: durchschnittlich rund 270 Anrufversuche pro Monat. Eine Erweiterung des telefonischen Beratungsangebotes sowie eine stärkere Präsenz von infoSekta in der Öffentlichkeit - beides ist aus Gründen der Finanzknappheit nicht möglich - käme diesem Bedarf eindeutig entgegen.

Abb. 1: Bearbeitete Anfragen über die Zeitperiode Herbst 1991 bis Ende 1999

 

2. Regionale Verteilung der Anfragen

Das Arbeitsfeld von infoSekta konzentriert sich zu 90 % auf die Deutschschweiz (1218), nur vereinzelt entfallen Anfragen auf die französische Schweiz und den Kanton Tessin (24). 6% der Anfragen stammen aus dem deutschsprachigen Ausland (81), vorwiegend aus Deutschland.

Wie bereits in den Vorjahren bewältigt die zu rund einem Drittel von Stadt und Kanton Zürich mitgetragene Stelle infoSekta 52% ausserkantonale Anfragen, lediglich 48% stammen aus dem Kanton Zürich (Abb. 2).

Abb.2: Regionale Verteilung der Anfragen (N= 1345)

 

Die Verteilung der Anfragen auf nicht-zürcherische Kantone hat sich im Vergleich zu den Vorjahren nicht wesentlich verändert (Abb. 3). An der Spitze steht immer noch der Kanton Bern mit 96 Anfragen, gefolgt von den Kantonen Aargau (95) und den Halbkantonen Basel Stadt und Basel Land (79) sowie St. Gallen (60). Diese vier Kantone decken 56% der nicht-zürcherischen Anfragen ab. Im Vergleich zu den Vorjahren ist neu ein Anstieg von Anfragen aus der Innerschweiz zu verzeichnen.

Abb. 3: Verteilung der Anfragen auf die Schweiz ohne Kanton Zürich (N=591)

 

3. Die anfragenden Personen, ihr Hintergrund und ihre Anliegen

71% der Anfragenden wenden sich aus privaten Gründen und in eigener Sache an infoSekta (957). 24% der Anfragen stammen von Personen im Auftrag oder Kontext einer Institution wie Behörden, soziale Anlaufstellen, Kirchgemeinden, Stiftungen (328). Nur in vereinzelten Fällen wenden sich direkt Mitglieder der Problemgruppen an uns.

In 78% der Anfragen wird um Sachinformation gebeten ohne Angabe eigener Betroffenheit, oder die Konfliktsituation wird vom Anrufenden nicht als "Problemfall" eingestuft (1055). In 21% der Anfragen handelt es sich um Beratungs- und Problemfälle, die über eine Informationsvermittlung hinausgehen (285). Die Erfahrung im Beratungsalltag zeigt jedoch, dass auch hinter reinen Informationsanfragen oft eine persönliche Konfliktgeschichte steht, die erst zu einem späteren Zeitpunkt thematisiert wird.

In 43% der Anfragen wenden sich Betroffene an infoSekta, weil sie sich um eine andere Person (Drittperson) sorgen (579). Dabei geht es vor allem um Fragen zur Einschätzung der Gruppe und zum besseren Verständnis des Phänomens (beobachtete Persönlichkeits- und Verhaltensänderungen), aber auch um konkrete Hilfestellungen bei der Bewältigung der Konfliktsituation. In den Gesprächen beeindruckt mich immer wieder, wie engagiert und differenziert sich die Betroffenen mit den Problem auseinanderzusetzen bereit sind.

In welcher Beziehung stehen die Anfragenden zu der thematisierten Drittperson?

Die Beziehungen lassen sich den beiden Bereichen "Verwandtschaft" und "Freundeskreis" zuordnen (Abb. 4). Von den Angehörigen sind es hauptsächlich Mütter, welche Kontakt mit infoSekta aufnehmen (14% bzw. 80). 45% der Anfragen beziehen sich auf Personen aus dem Freundes- und Bekanntenkreis (259).

Abb. 4: Bezug der Kontaktperson zur Drittperson (N=579). Die Kontaktperson ist (...) der thematisierten Drittperson.

 

4. Die angefragten Gruppen und Themen

Wie bereits im Vorjahr beziehen sich drei Viertel der Anfragen auf eine konkrete Gruppe (76%). Bei 4% der Anfragen handelt es sich um "Sammelbestellungen" zu mehreren Gruppen. 8% der Anfragen betreffen das Thema "Sekten" allgemein, insbesondere Fragen zu Definitionen und Sektenmerkmalen. Und weitere 8% der Anfragen beziehen sich auf ein spezielles Thema im Zusammenhang mit dem Sektenphänomen, so beispielsweise zu den Bereichen Astrologie, Esoterik allgemein, Schamanismus, Okkultismus, Exorzismus, Ufologie, Endzeit, Krankheitsbegriffe von Sekten etc. (Abb. 5).

Abb. 5: Inhalt der Anfragen (N=1345)

Für die Auswertung zur folgenden Abbildung 6 werden nur Anfragen berücksichtigt, die sich auf einer konkreten Gruppe beziehen (N=1024). Die Tabelle stellt nicht zwangsläufig eine Wertung oder Etikettierung als "Sekte" dar, sondern ist in erster Linie eine Rangierung nach Häufigkeit der Anfragen im Beratungsjahr 1999.

Gegenüber dem Vorjahr hat sich die Häufigkeitsverteilung der Gruppen leicht verschoben: die meisten Anfragen beziehen sich auf Scientology und auf das Psycho-Unternehmen Landmark Education (je 6%), wobei sich die Anzahl Anfragen zu Landmark gegenüber dem Vorjahr halbiert hat. Stark zugenommen haben die Anfragen zur evangelikalen Gruppe International Christian Fellowship ICF, welche sich an Grossanlässen mit aktuellen Themen, Musik und Mission an ein eher jugendliches Publikum richtet (5%). Informations- und Beratungsbedarf besteht zunehmend auch wieder bei der Psychogruppe VPM, dem Verein zur Förderung der Psychologischen Menschenkenntnis (4%). Es handelt sich dabei hauptsächlich um Konflikte im Zusammenhang mit Lehrpersonen oder anderen im Erziehungsbereich Tätigen, die dem VPM nahestehen. Eine Reihe von Anfragen bezieht sich auch auf die Endzeitgemeinde Zeugen Jehovas (4%). Weniger Anfragen als im Vorjahr entfallen auf Gemeinschaften der Pfingstbewegung wie beispielsweise verschiedene Christliche Zentren oder die Gemeinde für Urchristentum (3%). Immer wieder zu Unsicherheiten Anlass gibt auch Herbalife, ein Direktvertriebsystem für Nahrungsmittelersatz, welches mit dem Produkt HerbaTel den Schritt in den Telekommunikationsmarkt versuchte (3%). Weitere Anfragen beziehen sich auf das esoterische Kursangebot zur Selbstverwirklichung Avatar (Star's Edge International, Zentrum für bildende Kommunikation), auf die Mormonen und auf infoSekta selber (je 1%).

Abb. 6: Die thematisierten Gruppen (N=1024)

Knapp zwei Drittel der Anfragen beziehen sich auf eine Bandbreite unzähliger und auch unbekannter Kleingruppen (61%). Die 625 Anfragen verteilen sich auf 374 verschiedene Gruppen. Es ist ein Irrtum zu glauben, unbekannte und neu entstandene Gruppen gäben zwangsläufig weniger zu tun, weil Anfragen schnell "abgehakt" werden könnten. Oft ist das Gegenteil der Fall: mangels vorhandener Literatur oder Erfahrungen müssen die spärlichen Informationen zusammengetragen, die sektenhaften Strukturen herausgearbeitet werden. Das Abhängigkeitspotential kann sich dabei durchaus ähnlich gestalten wie in bekannten Gruppen - ebenso das Leiden der Betroffenen. Der Anteil dieser "restlichen Gruppen" hat gegenüber den Vorjahren zugenommen. Es stellt sich daher die Frage, ob sich die zukünftige Beratungsarbeit immer weniger auf die bekannten Gruppen und Angebote und immer stärker auf die "restlichen Gruppen " konzentriert.

Ordnet man das breite Spektrum an Einzelgruppen weltanschaulichen Grobkategorien zu, so ergibt sich folgendes Bild (Abb. 7): zu je einem Drittel entstammen die Anfragen aus dem christlichen (34%) und dem esoterischen Umfeld (30%), zu einem Viertel aus dem säkularen Umfeld (25%). 'Esoterisch' beinhaltet Gruppen, welche Gedankengut aus New Age, Theosophie, Spiritismus und Okkultismus vertreten. Unter 'christlich' sind Gemeinschaften zusammengefasst, welche sich ausschliesslich oder grossenteils auf die Bibel berufen. Säkulare Gruppen sind Organisationen ohne spirituellen Überbau, mehrheitlich psychologische Angebote und Persönlichkeitsseminare.

Abb. 7: Weltanschaulicher Hintergrund der angefragten Gruppen (N=1024)

 

Zusammenfassung

  • 1999 wurden insgesamt 1345 Anfragen bearbeitet.
  • Hauptsächliche Beratungsregion von infoSekta ist die Deutschschweiz mit 91% der Anfragen. Nur knapp die Hälfte der Anfragen stammt aus dem Kanton Zürich (48%), der zusammen mit der Stadt Zürich infoSekta finanziell unterstützt.
  • Anfragekräftige Kantone ausserhalb von Zürich sind Bern, Aargau, die beiden Halbkantone Basel Stadt und Basel Land sowie St. Gallen. Die vier Kantone decken zusammen 56% der nicht-zürcherischen Anfragen ab.
  • In einem Fünftel der Anfragen handelt es sich um Beratungs- und Problemfälle, die über einen reinen Informationsbedarf hinausgehen. Bei Schwierigkeiten im Umgang mit einem 'Sekten'-Mitglied wenden sich vor allem Personen aus dem Freundes- und Bekanntenkreis an infoSekta (43%).
  • Ein Drittel der thematisierten Gruppen ist dem Bereich Esoterik (inkl. Theosophie, Okkultismus) zuzuordnen. Ein weiteres Drittel beinhaltet Gruppen mit christlichem Hintergrund. Ein Viertel der Anfragen entfällt auf nicht-spirituelle Organisationen mit säkularem Hintergrund.
  • Häufigster Gegenstand von Anfragen sind Scientology und Landmark Education (je 6%). Der Grossteil der Anfragen (61%) richtet sich auf ein breites Spektrum unzähliger Kleingruppen. Es ist eine Verschiebung der Beratungsarbeit von bekannten und "klassischen" Gruppen hin zu eher unbekannten Angeboten festzustellen.

 

 

© Mai 2000. Verein infoSekta.


 

Zuständigkeit für infoSekta 1999

 

Präsidium

Mettner Matthias, lic. phil., Theologe und Sozialwissenschaftler, Studienleiter an der Paulus-Akademie Zürich

Sträuli Dieter, Dr. phil., Psychologe

 

Vorstand

Deckert Bruno, lic. phil., Psychologe

Haller Susanne, Journalistin, Politikerin *)

Lenzin Esther, Psychotherapeutin

Schürer Samuel, Sozialarbeiter

Zwimpfer Monika, lic. phil., Germanistin und Marketingplanerin

 

*) Susanne Haller hat zuhanden der GV vom 23. März 2000 ihren Rücktritt erklärt.

 

Mitarbeitende

Flammer Philipp, lic. phil., Soziologe

Schaaf Susanne, lic. phil., Psychologin FSP