2002 2001 2000 1999 199819971996199519941993

Tätigkeitsbericht 1998

 

Rückblick 1998 und Ausblick

 von Matthias Mettner und Dieter Sträuli (S. 4-9)

  1. Information, Aufklärung, Beratung
  2. Prävention
  3. Finanzen
  4. Staatliche Massnahmen gegenüber vereinnahmenden Gruppen

 

1. Information, Aufklärung, Beratung

Der Verein infoSekta Zürich setzt in der Auseinandersetzung mit vereinnahmenden Gruppen und Organisationen auf Beratung und Information, Aufklärung und Prävention. Im Zentrum seiner Arbeit stand 1998 wiederum die Beantwortung der zahlreichen Anfragen zu einzelnen Gruppen. (Dazu der Bericht unserer Mitarbeiterin Susanne Schaaf in der anschliessenden infoSekta-Statistik.) Neben privaten Ratsuchenden (Betroffene, Angehörige) und Multiplikatoren (LehrerInnen, JournalistInnen, RedaktorInnen) hat infoSekta wiederum auch BehördenvertreterInnen und PolitikerInnen beraten und mit Informationen dokumentiert.

Besonders anspruchsvoll und zeitintensiv waren für die MitarbeiterInnen von infoSekta persönliche Beratungsgespräche mit austrittswilligen und ehemaligen Mitgliedern vereinnahmender Gruppen und deren Angehörigen. Zu diesen Beratungen gehört auch die Vermittlung an fachkompetente Stellen und Personen (JuristInnen, PsychotherapeutInnen, Schuldenberatung, etc.).

Wie in früheren Jahren haben die MitarbeiterInnen und Vorstandsmitglieder von infoSekta 1998 erneut zahlreiche Vorträge in Schulen, Institutionen der Erwachsenbildung, Kirchgemeinden und Verbänden gehalten. Themen waren sowohl einzelne umstrittene Gruppierungen und Unternehmen als auch die Strategien und Methoden, mit denen vereinnahmende Gruppen Menschen rekrutieren und in ein Netz von Abhängigkeiten verstricken.

Die Präsenz von MitarbeiterInnen und Vorstandsmitgliedern von infoSekta in Printmedien, Radio und Fernsehen war 1998 gut. Da jeder Medienauftritt eine erhebliche Zahl von Einzelanfragen zur Folge hat, die die Kapazität der Informations- und Beratungsstelle übersteigt, verhält sich infoSekta in Sachen Medienpräsenz eher zurückhaltend.

An der Generalversammlung vom 2. April 1998 wurden der Psychologe Bruno Deckert und die Politikerin Susanne Haller neu in den Vorstand gewählt.

 

Tagung zum Thema Psychotherapien und Managment-Training

Erneut hat infoSekta gemeinsam mit der Paulus-Akademie Zürich im November 1998 eine vielbeachtete öffentliche Tagung durchgeführt, an der mehrere Vorstands- und Vereinsmitglieder als ReferentInnen und ExpertInnen mitgewirkt haben. Der Titel der Tagung, an der auch zahlreiche ExpertInnen und BeraterInnen aus dem deutschsprachigen Ausland teilnahmen, lautete: "Psycho: Therapien zwischen Scharlatanerie und Ausbeutung. Eine Tagung über den esoterischen Psychomarkt und den Zwang 'positiven Denkens', Persönlichkeitsseminare und Psychokurse". Zwei (überarbeitete) Beiträge dieser Tagung finden Sie auch in diesem Tätigkeitsbericht: einen zum Positiven Denken von Dr. Günter Scheich und einen andern von Philipp Flammer zum Bestseller "Das LOL2A-Prinzip". Das Programm der Tagung finden Sie hier.

Der Vorstand von infoSekta hatte sich aufgrund der folgenden Überlegungen für eine kritische Auseinandersetzung mit dem Psychomarkt entschieden:

Anbieter auf dem Psychomarkt versprechen mehr Lebensfreude, mehr Energie, mehr Autonomie, mehr Erfolg in Beruf und Privatleben. Sie werben mit der Überwindung eigener innerer Blockaden und der Freisetzung ungeahnter Leistungspotentiale. Persönlichkeitstrainings für UnternehmerInnen, Fach- und Führungskräfte liegen ebenso im Trend wie Psychokurse zur Lebenshilfe, Lebensorientierung und Persönlichkeitsentwicklung. Unter dem Etikett "Psycho" hat sich ein fast unüberschaubarer Markt von psychologischen und pseudopsychologischen Angeboten entwickelt, ein Dienstleistungsbereich mit Wachstumraten scheinbar ohne Sättigungsmarken. Das Abgebot an Persönlichkeitsseminaren und Psychokursen wird dabei ergänzt durch 'Do it yourself'-Anleitungen in Form von Büchern, Kassetten, Videos und CDs.

Immer mehr Menschen vertrauen sich mit ihren körperlichen, psychischen, sozialen und beruflichen Problemen esoterischen "TherapeutInnen" an. Sie hoffen, sich mit Hilfe von (pseudo-)psychologischen Therapien und Psychotechniken von eigenen Schwächen und Fehlern befreien zu können, psychosomatische Erkrankungen heilen und akute Lebenskrisen bewältigen zu können. Es heisst, man könne mit solchen Methoden Ängste, Persönlichkeitsstörungen und Beziehungsprobleme "in den Griff bekommen", seine Persönlichkeit perfektionieren, Glück und Zufriedenheit erlangen.

Gleichzeitig wächst aber auch die Zahl der KlientInnen und KonsumentInnen aus der Esoterikszene, welche psychologische Beratungsstellen aufsuchen. Sie hatten Lebenshilfe und Autonomie bei selbsternannten "HeilerInnen" und "TherapeutInnen" gesucht, sind stattdessen aber in Abhängigkeiten vom Veranstalter geraten oder haben andere Folgen therapeutischer Stümperei zu verkraften.

Seit Sigmund Freud haben sich verschiedene psychotherapeutische Ansätze entwickelt, die Menschen in seelischer Not wirksam helfen und persönliche Entwicklungsprozesse sinnvoll unterstützen können. Im Zentrum der Diskussionen zwischen den Expertinnen und Experten während der Tagung standen die folgenden Fragen:

Wie funktionieren umstrittene Psychotrainings? Welchen Schaden richten sie in Unternehmen an? Warum kann "positives Denken" krank machen? Wie unterscheiden sich seriöse und wissenschaftliche Therapieformen von riskanten Methoden der sogenannten Psychoszene? Woran ist ein seriöser Anbieter zu erkennen? Was ist eine ‚gute' Psychotherapie? Wie ist Qualitätssicherung in der Psychotherapie möglich? Was leisten Psychotherapien? Welche Methode ist nützlich und sinnvoll? Was hilft? Was schadet? Bei welchen Psychomethoden und Techniken sollte man auf der Hut sein? Wie sind KlientInnen und KonsumentInnen vor Scharlatanerie und Ausbeutung zu schützen? Welche staatliche Haltung gegenüber dem Psychomarkt ist möglich und sinnvoll: Toleranz oder Reglementierung?

 

2. Prävention

Im Rahmen von Aufklärung, Information und Prävention hatte das Schul- und Sportdepartement der Stadt Zürich im Jahre 1997 eine Arbeitsgruppe eingesetzt, die unter Beizug von infoSekta und der Fachstelle für Suchtprävention und Gesundheitsförderung Massnahmen zur Frage der Sektenprävention im Schulbereich, zur Förderung der Gesundheit und der Autonomie erarbeitet hat. MitarbeiterInnen und Vorstandsmitglieder von infoSekta haben 1998 das Konzept und die Herstellung einer Dokumentation zum Thema "Sekten" an die Hand genommen, die der Lehrerschaft bei Bedarf abgegeben werden soll. Die Arbeit an diesem 'Sekten-Koffer', die auch die Produktion eines Videos einschliesst, wird 1999 fortgesetzt.

Erfreulich im Bereich Prävention war 1998 auch, dass das von Susanne Schaaf und Dieter Sträuli verfasste SJW-Heft "Sekten" bereits in der 2. Auflage erschienen ist. Der Verlag wünscht jetzt ein weiteres Heft von infoSekta zum Thema "UFOs". In jedem Fall will infoSekta weitere Publikationen mit der Zielgruppe 'junge Erwachsene' herausbringen.

 

3. Finanzen

3.1 Erfreuliche Jahresrechnung 1998

Das für 1998 budgetierte Defizit in Höhe von Fr. 25'100 konnte vermieden werden. Die Rechnung schliesst mit einem Ausgabenüberschuss von knapp Fr. 1'500. Lesen Sie im Detail die Erfolgsrechnung 1998 in diesem Bericht. Der Vorstand von infoSekta bewertet das Ergebnis als sehr gut. InfoSekta hat 1998 erstmals nicht mehr 'von der Substanz gelebt'. Der Schrumpfungsprozess des Vereinsvermögens konnte gestoppt werden.

Der Vorstand von infoSekta hatte 1998 der Frage der zukünftigen Finanzierung der Informations- und Beratungsstelle höchste Dringlichkeit gegeben und erhebliche Anstrengungen zur Steigerung der Einnahmen unternommen. Als Gründe für das Ergebnis der Jahresrechnung sind unter anderen zu nennen:

1. Die MitarbeiterInnen und Vorstandsmitglieder von infoSekta wirtschaften sehr sparsam und effizient mit den begrenzten finanziellen Mitteln. Es ist gelungen, die Ausgaben im Griff zu behalten. Wir danken den Mitarbeitenden Philipp Flammer und Susanne Schaaf sowie den Vorstandsmitgliedern für ihr hohes Kostenbewusstsein.

2. Der Verein InfoSekta geniesst dank seiner Kompetenz und Unabhängigkeit in Fachkreisen, bei Behörden und Institutionen wie auch in einer breiten Öffentlichkeit hohes Ansehen. Dies hat sich 1998 im wörtlichen Sinne ausgezahlt. Spendenbriefe und Finanzgesuche treffen offensichtlich immer wieder auf ein grundsätzliches Wohlwollen.

3. Besonders erfreulich ist bei den Einnahmen 1998, dass die Beiträge der juristischen Personen von budgetierten Fr. 30'000 auf über 53'000 gesteigert werden konnten. Diese Steigerung ist der Hauptgrund für das gute Ergebnis der Jahresrechnung. Wir danken herzlich den politischen Gemeinden, reformierten und katholischen Kirchgemeinden, Unternehmen, Stiftungen und anderen Institutionen, welche die Tätigkeit von infoSekta finanziell unterstützt haben. Das Spektrum der 'juristischen Personen' reicht vom Migros-Genossenschafts-Bund / Migros Kulturprozent bis zum Verband der Stadtzürcher Kirchgemeinden.

4. Erneut haben 1998 zahlreiche Privatpersonen unsere Arbeit ideell und finanziell mit Spenden und Gönnerbeiträgen unterstützt. Die Jahresrechnung 1998 weist einen Gesamtbetrag an Spenden von knapp Fr. 40'000 aus. Für diese Beiträge danken wir herzlich.

5. Nachdrücklich danken wir auch der Stadt und dem Kanton Zürich für ihre finanziellen Beiträge an infoSekta, die etwa ein Drittel der Jahresrechnung ausmachen.

 

3.2 Finanzielle Ziele des Vorstands für 1999

Der Vorstand von infoSekta hält es für notwendig und dringlich, ab 1999 zusätzliche staatliche und private Finanzierungsquellen zu erschliessen. Dies vor allem aus zwei Gründen:

Erstens: Die Informations- und Beratungsstelle wird mit relativ geringen Mitteln betrieben. Die Statistik über die Anzahl der Anfragen während der letzten Jahre zeigt, dass es infoSekta gelungen ist, eine effiziente Angebotsstruktur zu konsolidieren. Der öffentliche Bedarf nach Informationen und Beratung im Bereich wenig bekannter oder weltanschaulich schwer einschätzbarer oder problematischer Gruppen ist aber weit grösser. Allerdings ist das Team von infoSekta aus personellen Kapazitätsgründen zur Zeit nicht in der Lage mehr Anfragen nach Informationen zu bearbeiten und Einzelpersonen oder VertreterInnen von Institutionen zu beraten.

Zweitens: Bis heute beträgt der Anteil der Beiträge seitens der Stadt und des Kantons Zürich an der Jahresrechnung von infoSekta rund ein Drittel. Die anderen zwei Drittel, 1999 ein Betrag von ca. Fr. 110'000, müssen durch private Beiträge bestritten werden: Spenden und Gönnerbeiträge von juristischen Personen (Unternehmen, Kirchgemeinden) und Einzelpersonen. Diese Finanzstruktur birgt erhebliche Risiken für die zukünftige Tätigkeit von infoSekta. Als Informations- und Beratungsstelle auf freiwillige Spenden in dieser Höhe angewiesen zu sein, ist eine äusserst labile Situation. Trotz des guten Ergebnisses der Jahresrechnung 1998 kann deshalb finanziell keinesfalls Entwarnung gegeben werden.

Bei der Erschliessung neuer staatlicher Finanzquellen hofft der Vorstand auf Unterstützung durch den Zürcher Regierungsrat. Dieser hat in seiner Antwort vom 11. November 1998 auf eine Anfrage aus dem Kantonsrat (B. Egg, B. Volland, H. Fahrni) die Tätigkeit des Vereins infoSekta gewürdigt und die finanzielle Situation des Vereins zutreffend beschrieben: "Seine Arbeit darf als seriös und wertvoll beurteilt werden. Seine personellen Kapazitäten sind indessen eingeschränkt, und vermehrte Aktivitäten erfordern inskünftig einen grösseren Finanzbedarf. (...) Vor diesem Hintergrund drängt sich im Rahmen der finanziellen Möglichkeiten eine verstärkte finanzielle Unterstützung des Vereins infoSekta durch den Staat - allenfalls zusammen mit anderen Kantonen - auf."

Der Hinweis des Regierungsrates ist gerechtfertigt &endash; das zeigt die Anfragestatistik. Das Interesse am Angebot von infoSekta beschränkt sich längst nicht mehr auf den Kanton Zürich. InfoSekta ist zunehmend zu einer Anlaufstelle für die ganze deutschsprachige Schweiz geworden. Dabei zeigt sich regelmässig, dass eine grössere Anzahl von Anfragen insbesondere aus den Kantonen Bern, Aargau, St. Gallen, den beiden Basler Halbkantonen sowie aus dem Thurgau und Luzern kommen.

Der Vorstand von infoSekta wird auch 1999 der Finanzmittelbeschaffung für die Informations- und Beratungsstelle höchste Priorität geben. Für die Mitglieder des Vorstands und die Mitarbeitenden werden die anvisierten Massnahmen, Gesuche und Verhandlungen eine zusätzliche grosse Arbeitsbelastung bedeuten.

 

 

4. Staatliche Massnahmen gegenüber vereinnahmenden Gruppen

Anerkennend darf der Vorstand von infoSekta einen politischen Erfolg von Susanne Haller vermelden: 1996 reichte sie im Basler Grossen Rat eine Motion ein (vgl. infoSekta-Tätigkeitsbericht 1996, S. 16ff), aufgrund deren seit November 1998 in Basel ein Gesetz in Kraft ist, das sektiererischen Gruppen wie z.B. Scientology das Werben auf öffentlichem Grund verbietet.

Im Mai 1998 hat die Enquete-Kommission des Deutschen Bundestages "Sogenannte Sekten und Psychogruppen" ihren Endbericht veröffentlicht. Auftrag der Kommission war es, Attraktivität, Ziele und Aktivitäten von Sekten zu analysieren und dem Gesetzgeber, der Regierung und den Behörden konkrete Handlungsempfehlungen zu geben. Grundlage ihrer Arbeit waren ausschliesslich die im Zusammenhang mit vereinnahmenden Gruppen auftretenden Probleme und Konflikte. Es war nicht Aufgabe der Kommission, einzelne Gruppen oder deren Glaubensüberzeugungen bzw. Weltanschauungen auf den Prüfstand zu stellen. Die Kommission hat zahlreiche Expertinnen und Experten angehört, darunter auch eine Vertreterin von infoSekta. Die Kommission stellt fest, dass die meisten Konflikte im Zusammenhang mit vereinnahmenden Gruppen das soziale Umfeld des Einzelnen betreffen und dass es in ihnen um die Einschränkung der freien Selbstbestimmung der Involvierten geht. Deshalb ist der Staat nach Auffassung der Kommission in der Verantwortung, einzugreifen, wenn Gesetze verletzt werden, wenn gegen Grundrechte verstossen wird und wenn unter dem Deckmantel der Religiosität strafbare Handlungen begangen werden. In jedem Fall sei der Staat gefordert, die Verbreitung kritischer Informationen zu sogenannten "vereinnahmenden Gruppen" zu ermöglichen bzw. zu unterstützen. Die Spannweite staatlichen Handelns im Umgang mit neuen religiösen und ideologischen Gemeinschaften und Psychogruppen bewege sich so zwischen Aufklärung und Information einerseits sowie konkreten gesetzlichen Massnahmen andererseits. Die Kommission empfiehlt konkret die Einrichtung einer Bundesstiftung, welche die verschiedenen Aspekte des Umgangs mit vereinnahmenden Gruppen beleuchten soll, sowie die Einführung einer gesetzlichen Regelung für die staatliche Förderung privater Beratungs- und Informationsquellen. Ausserdem fordert die Kommission eine verstärkte internationale Zusammenarbeit und verstärkte Anstrengungen, um die erheblichen Forschungsdefizite in diesem Bereich zu schliessen.

Der Vorstand von infoSekta hat den Schlussbericht der Enquete-Kommission vor dem Hintergrund der Schweizer Situation gewürdigt, analysiert und diskutiert. Wir betonen, dass auch in der Schweiz vor allem die verstärkte finanzielle Unterstützung von unabhängigen Beratungs- und Informationstellen dringend ist. Mit infoSekta existiert in der Schweiz bereits heute eine derartige unabhängige Informations- und Beratungsstelle. Auch die EU hat in einer Handlungsempfehlung ihre Mitgliedstaaten aufgefordert, durch unabhängige Gremien Informations-, Aufklärungs- und Beratungsaktivitäten zu fördern, die ohne inhaltliche Parteinahme dem Einzelnen eine freie und informierte Entscheidung erleichtern sowie austrittswilligen Sektenmitgliedern und ihren Familien Hilfsstrukturen anbieten (vgl. "Bericht über die Sekten in der Europäischen Union", vom 1.12.1997, Dok. A4-0408/97, Ziff. 5, S. 8). Der Verein InfoSekta sieht in diesen Empfehlungen eine Bestätigung seiner religiösen und weltanschaulichen Unabhängigkeit, seiner Ziele, seines Arbeitskonzeptes und seiner Tätigkeit. Wir werden 1999 die Diskussion zur Frage der staatlichen Massnahmen gegenüber vereinnahmenden Gruppen in der Schweiz mit Fachleuten und im Rahmen öffentlicher Veranstaltungen fortsetzen.

 

© Mai 1999. Verein infoSekta.


 

Die Informations- und Beratungsarbeit 1998 (infoSekta Statistik)

 von Susanne Schaaf (S. 10-18)

  1. Häufigkeit der Anfragen
  2. Regionale Verteilung der Anfragen
  3. Die anfragenden Personen, ihr Hintergrund und ihre Anliegen
  4. Die thematisierten Gruppen und Themen
  5. Zusammenfassung

 

Information (Prävention), Beratung und Betreuung (Nachsorge) sind ohne Zweifel wichtige Angebote im Umgang mit der "Sekten"-Problematik. Seit Beginn der Aufklärungsarbeit hat infoSekta Grundangaben zu den eingehenden Anfragen und Fällen statistisch erfasst. Dies ermöglicht der Beratungsstelle, ein Anfrageprofil zu entwerfen und ihre Dienstleistungen auf diesen Bedarf abzustimmen. Die systematische Erhebung verschafft zudem einen Eindruck, welche Gruppen und welche Probleme zur Zeit aktuell sind.

 

1. Häufigkeit der Anfragen

Für das Beratungsjahr 1998 verzeichnet infoSekta 1444 Anfragen. Dies entspricht einem ähnlichen Ausmass wie im Beratungsjahr 1997. Wie bereits im Vorjahr treffen die Hälfte der Anfragen (49% bzw. 706) auf dem schriftlichen Weg ein (Briefpost und Fax), 48% der Anfragen (694) werden per Telefon bearbeitet. Die Angaben beziehen sich lediglich auf Erstkontakte. Weiterführende persönliche Beratungs- und therapeutische Gespräche werden in der folgenden Auswertung nicht berücksichtigt. Dass das Informations- und Beratungsbedürfnis um einiges höher liegt, zeigt ein Blick auf die Anrufversuche, welche auf dem Anrufbeantworter der Stelle registriert wurden: durchschnittlich rund 280 Anrufversuche pro Monat. Eine Erweiterung des telefonischen Beratungsangebotes sowie eine stärkere Präsenz von infoSekta in der Öffentlichkeit &endash; beides ist aus Gründen der Finanzknappheit nicht möglich &endash; würden problemlos zu einem weiteren Anstieg der Anfragen führen.

Abb. 1: Bearbeitete Anfragen und Fälle über die Zeitperiode Herbst 1991 bis Ende 1998

 

 

2. Regionale Verteilung der Anfragen

Das Arbeitsfeld von infoSekta konzentriert sich wie erwartet zu 90 % auf die Deutschschweiz, nur vereinzelt entfallen Anfragen auf die französische Schweiz und den Kanton Tessin. 4% der Anfragen stammen aus dem deutschsprachigen Ausland, vorwiegend aus Deutschland (Abb. 2).

Abb. 2: Regionale Verteilung der Anfragen I (N=1444)

Wie bereits in den Vorjahren bewältigt die zu einem Grossteil von Stadt und Kanton Zürich finanzierte Stelle infoSekta 56% ausserkantonale Anfragen (813), lediglich 44% (631) stammen aus dem Kanton Zürich (Abb. 3).

Abb.3: Regionale Verteilung der Anfragen I I (N= 1444)

Die kantonale Verteilung der Anfragen auf nichtzürcherische Kantone ist im Vergleich zu den Vorjahren unverändert geblieben. An der Spitze steht immer noch der Kanton Bern mit 134 Anfragen, gefolgt von den Kantonen Aargau (100), St. Gallen (83) und den Halbkantonen Basel Stadt und Basel Land (75). Diese vier Kantone decken 55% der nichtzürcherischen Anfragen (392) ab (Abb. 4).

Abb. 4: Verteilung der Anfragen auf die Schweiz ohne Kanton Zürich (N=713)

 

 

3. Die anfragenden Personen, ihr Hintergrund und ihre Anliegen

75% der anfragenden Personen wendet sich aus privaten Gründen und in eigener Sache an infoSekta (1081). Die Erfahrungen sind unterschiedlich: Herr M. hegt nach dem Seminarbesuch am Wochenende einen Sektenverdacht; Frau B. sorgt sich um ihren Mann, der in letzter Zeit eigenartige Literatur nach Hause bringt, und Frau S. hat soeben erfahren, dass sich ihr Bruder im Ausland einer seltsamen Gruppe angeschlossen hat. Die Fragen lauten jeweils: Wer steckt dahinter? Handelt es sich um eine "Sekte"? Und: Was kann ich tun?

Lediglich 23% der Anfragen (335) stehen im Kontext einer Institution wie Behörden, Kirche, soziale Hilfe, Stiftungen.

In 77% der Anfragen wird um Sachinformation gebeten ohne Angabe eigener Betroffenheit (1110). In 23% der Anfragen handelt es sich um Beratungs- und Problemfälle, die über eine reine Informationsvermittlung hinausgehen (334). Die Erfahrung zeigt, dass auch hinter reinen Informationsanfragen oft eine Konfliktgeschichte steht, die erst zu einem späteren Zeitpunkt thematisiert wird.

In 41% der Anfragen (587) wenden sich Betroffene an infoSekta, weil sie sich um eine Person (Drittperson) sorgen, weil sie Persönlichkeits- und Verhaltensänderungen beobachten oder im Umgang mit dem "Sekten"-Mitglied hilflos und überfordert sind.

In welcher Beziehung stehen die Anfragenden zu der thematisierten Drittperson? Der Grossteil der Anfragen (43% bzw. 254) bezieht sich auf Personen aus dem Freundes- und Bekanntenkreis sowie auf Partner oder Partnerin. Von den Angehörigen sind es vor allem Eltern, insbesondere Mütter, welche die Beratungsstelle aufsuchen (17% bzw. 98) (Abb. 5).

Abb. 5: Bezug der Kontaktperson zur Drittperson (N=587). Die Kontaktperson ist ...der thematisierten Drittperson.

 

 

4. Die thematisierten Gruppen und Themen

Wie bereits im Vorjahr bezieht sich der Hauptanteil der Anfragen (74% bzw. 1072) auf eine konkrete Gruppe. 138 Anfragen (10%) betreffen das Thema "Sekten" allgemein, insbesondere Fragen zum Sektenbegriff. Bei 90 Anfragen (6%) handelt es sich um "Sammelbestellungen" zu mehreren Gruppen. Vergleichsweise gering fällt auch der Anteil an Fragen zu ganzen Themenbereichen wie Esoterik, Okkultismus, Satanismus, Endzeit, "Sekten"-Prävention, rechtliche Fragen (5% bzw. 78) aus (Abb. 6).

Abb. 6: Art der Anfragen (N=1444)

 

Bei der folgenden Aufstellung der häufigsten angefragten Gruppen (Abb. 7) werden lediglich Anfragen zu einer konkreten Organisation berücksichtigt (N=1072). Die Tabelle stellt nicht zwangsläufig eine Wertung oder Etikettierung als 'Sekte' dar, sondern ist in erster Linie eine Rangierung nach Häufigkeit. Die Verteilung der angefragten Gruppen fällt ähnlich wie in den Vorjahren aus: Seit mehreren Jahren nun schon gehört das umstrittene Psycho-Unternehmen Landmark Education zu den meist angefragten Organisationen, 1998 waren es 101 Anfragen (9%), gefolgt von der medienpräsenten Wirtschaftssekte Scientology mit 69 (6%) Anfragen. Eine Zunahme der Anfragen ist in bezug auf diverse Pfingstgemeinschaften zu verzeichnen (60, 6%). Immer wieder zu Unsicherheit Anlass gibt auch die Endzeitgemeinschaft Zeugen Jehovas mit 44 Anfragen (4%). Informationsbedarf besteht weiterhin bezüglich der Psychogruppe VPM, dem Verein zur Förderung der Psychologischen Menschenkenntnis, um welchen es in der Medienlandschaft des vergangenen Jahres vergleichsweise ruhig geworden ist und welcher seine Aktivitäten im Ausland weiterführt. Bei AVATAR (Star's Edge International, Zentrum für bildende Kommunikation) handelt es sich um ein umstrittenes Kurssystem zur Selbstverwirklichung und zur Schaffung der eigenen Realität. Die junge evangelikale International Christian Fellowship ICF gehört zu den derzeit besonders aktiven Organisationen, die mit ihrem trendigen Konzept von Fun, Sport und Mission bei den Jugendlichen auf Interesse stösst. Verunsicherung kam auch in Zusammenhang mit Direktvertriebsystemen wie Amway oder Herbalife auf.

Wie bereits im Vorjahr bezieht sich über die Hälfte der Anfragen (55% bzw. 585) auf eine Bandbreite unzähliger Kleingruppen. Kompetente Beratung ist daher immer auch mit akribischer Archivierungsarbeit und Informationspflege verbunden.

Abb. 7: Thematisierte Gruppen (N=1072)

Ordnet man das breite Spektrum an Einzelgruppen weltanschaulichen Grobkategorien zu, so ergibt sich folgendes Bild (Abb. 8): zu je einem Drittel entstammen die Anfragen dem esoterischen (32% bzw. 341), dem christlichen (28% bzw. 302) und dem säkularen Umfeld (28% bzw. 300). 'Esoterisch' beinhaltet Gruppen, welche Gedankengut aus New Age, Theosophie, Spiritismus und Okkultismus vertreten. Unter 'christlich' sind Gemeinschaften zusammengefasst, welche sich ausschliesslich oder grossenteils auf die Bibel berufen. Säkulare Gruppen sind Organisationen ohne spirituellen Überbau, mehrheitlich psychologische Angebote und Persönlichkeitsseminare.

Abb. 8: Weltanschaulicher Hintergrund der angefragten Gruppen (N=1072)

 

 

Zusammenfassung

  • 1998 wurden 1444 Anfragen und Fälle bearbeitet.
  • Hauptsächliche Beratungsregion von infoSekta ist die Deutschschweiz. Nur knapp die Hälfte der Anfragen stammt jedoch aus dem Kanton Zürich (45%), der zusammen mit der Stadt Zürich infoSekta finanziell unterstützt.
  • Anfragekräftige Kantone ausserhalb von Zürich sind Bern, St. Gallen, Aargau und die beiden Halbkantone Basel Stadt und Basel Land. Die vier Kantone decken 55% der nichtzürcherischen Anfragen ab.
  • In einem Viertel der Anfragen handelt es sich um Beratungs- und Problemfälle, die über einen reinen Informationsbedarf hinausgehen. Bei Schwierigkeiten im Umgang mit einem 'Sekten'-Mitglied wenden sich vor allem Personen aus dem Freundes- und Bekanntenkreis an infoSekta (43%).
  • Ein Drittel der thematisierten Gruppen ist dem Bereich Esoterik (inkl. Theosophie, Okkultismus) zuzuordnen. Ein Drittel fällt auf Gruppen mit christlichem Hintergrund und ein Drittel auf nichtspirituelle Organisationen mit säkularem Hintergrund.
  • Häufigster Gegenstand von Anfragen ist nach wie vor das Psycho-Unternehmen Landmark Education (9%). Aufklärungsbedarf besteht auch weiterhin zu Scientology (6%). Das Gros der Anfragen (55%) richtet sich jedoch auf ein breites Spektrum unzähliger Kleingruppen.

 

© Mai 1999. Verein infoSekta.


 

 

Zuständigkeit für infoSekta 1998

 

Präsidium

Mettner Matthias, lic. phil., Theologe und Sozialwissenschaftler, Studienleiter an der Paulus-Akademie

Sträuli Dieter, Dr. phil., Psychologe

 

Vorstand

Deckert Bruno, lic. phil., Psychologe

Haller Susanne, Journalistin, Politikerin

Lenzin Esther, Psychotherapeutin

Schürer Samuel, Sozialarbeiter

Zwimpfer Monika, lic. phil., Germanistin und Marketingplanerin

 

Mitarbeitende

Flammer Philipp, lic. phil., Soziologe

Schaaf Susanne, lic. phil., Psychologin FSP