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Tätigkeitsbericht 1996

 

Rückblick 1996

 von Dieter Sträuli

 

An der Generalversammlung vom 20. März 1997 konnten wir noch festhalten, dass das Jahr 1996 von sogenannten Sektendramen verschont geblieben war. Inzwischen sind jedoch weitere 44 Todesopfer durch Suizid in Sekten zu beklagen: Am 22. März 1997 nahmen sich einmal mehr fünf Personen der Sonnentempler in Kanada das Leben. Am 26. März 1997 töteten sich 39 Mitglieder der UFO-Gruppe "Heaven's Gate" in Rancho Santa Fe, Kalifornien.

Aufsehen erregte auch die griechische Scientology-Niederlassung KEFE, die Ende 1996 auf Antrag des Präfekten von Athen-Piräus vom Landgericht Athen aufgelöst wurde: Die Staatspolizei hatte Pläne für die Errichtung eines "Scientology-Staates" Bulgravia und Listen von "Feinden von Scientology" in Griechenland entdeckt.

 

Politikerinnen und Politiker verlangen mehr Aufklärung über Sekten

Am 10. Januar 1996 veröffentlichte eine Untersuchungskommission des französischen Parlaments ihren Bericht über Sekten und Kulte (Assemblée nationale, "Rapport fait au nom de la Commission d'Enquête sur les Sectes", 1996). In Deutschland beschäftigen sich die Behörden einzelner Bundesländer weiterhin mit Scientology. Aber auch in der Schweiz kam auf politischer Ebene im Sommer 1996 an einigen Orten etwas in Bewegung:

  • Am 12. Juni 1996 reichte die Grossrätin Susanne Haller (SP) im Basler Grossen Rat eine Motion ein mit der Forderung, die Regierung der Stadt Basel solle ein Gesetz formulieren, das es Gruppen mit sektiererischem Verhalten verbietet, auf öffentlichem Grund neue Anhängerinnen und Anhänger zu rekrutieren (siehe ihren Beitrag Seite 16).
  • Ebenfalls im Juni antwortete der Regierungsrat des Kantons Bern auf ein Postulat von Susanne Albrecht, in welchem sie nach geeigneten Beratungsstellen für Sektenaussteiger gefragt hatte. Der Regierungsrat hielt fest, dass verschiedene solche Stellen im Kanton Bern existierten und dass zudem infoSekta in Zürich das am besten dokumentierte Informations- und Beratungsangebot vorweise. (infoSekta dankt natürlich für das Lob, möchte an dieser Stelle jedoch die Frage der "regionalen Kostenwahrheit" aufwerfen: Von den Personen, welche die Dienste von infoSekta in Anspruch nehmen - siehe Grafik Seite 9 - stammt fast die Hälfte aus deutschschweizer Kantonen ausserhalb Zürichs. Diese Kantone profitieren also von der finanziellen Unterstützung von infoSekta durch Stadt und Kanton Zürich.)
  • Am 17. Juli 1996 überwies der Gemeinderat der Stadt Zürich ein Postulat von Peter Marti und Hans-Ulrich Helfer (beide FDP) an den Stadtrat der Stadt Zürich. Es forderte Aufklärung der Bevölkerung über Scientology. infoSekta wird den Stadtrat bei der Erfüllung dieses Auftrags unterstützen.

 

Entwicklung der Beratungs- und Informationsstelle

Im September 1996 konnte infoSekta auf ein fünfjähriges Bestehen der Informations- und Beratungsstelle zurückblicken. Wir dürfen mit Befriedigung feststellen, dass in dieser Zeit alle für infoSekta Tätigen unablässig bemüht waren, die Erfüllung des in den Statuten formulierten Auftrags &endash; Information und Beratung von Betroffenen, Informationsaustausch mit Fachstellen und Behörden, präventive Aufklärung u.a.m. &endash; zu verbessern und zu erweitern. Die Professionalisierung der Beratungsarbeit wurde weiter vorangetrieben; in der Aufklärung einer breiteren Öffentlichkeit und in der Prävention bei spezifischen Zielgruppen hat infoSekta neue Akzente gesetzt (vgl. dazu den Abschnitt "Vorträge, Tagungen...").

Am 18. September 1996 überwies der Gemeinderat den Antrag von Stadträtin Monika Stocker, der Vorsteherin des Sozialdepartements, in welchem sie eine jährliche Unterstützung von infoSekta mit Fr. 20'000.&endash; für weitere vier Jahre forderte. Auch vom Kanton Zürich werden wir wie bisher mit Fr. 25'000.&endash; pro Jahr unterstützt. infoSekta möchte an dieser Stelle all jenen Personen danken, die sich für die Finanzierung unserer Beratungsstelle eingesetzt haben. Die Werbeagentur der Firma Passugger hat im August 1996 infoSekta in ihre Plakatkampagne einbezogen. Besonderer Dank gebührt allen Firmen, Kirchgemeinden, Gönnerinnen und Spendern, die infoSekta im vergangenen Jahr mit kleinen und grossen Beiträgen unterstützt haben. Ohne sie wäre es nicht möglich, die Beratungs- und Informationsarbeit auf hohem Niveau durchzuführen. infoSekta versteht die finanziellen Beiträge als Auftrag, das Informations- und Beratungsangebot auszuweiten und die Qualität der Dokumentationen über Gruppen mit vereinnahmender und totalitärer Tendenz zu differenzieren und zu verbessern.

Am 19. September 1996 bezog infoSekta neue Räume an der Birmensdorferstrasse 421. Der Umzug war nötig geworden, weil unsere bisherige Vermieterin an der Schweighofstrasse 420 ein weiteres Büro beanspruchte. Er erwies sich schliesslich als Glücksfall: Die neuen Räume sind hell, mit dem Tram leicht erreichbar und bieten doppelt so viel Platz wie die alten. Die Telefonanlage wurde ausgebaut, so dass nun zwei Beratungsgespräche gleichzeitig geführt werden können.

Philipp Flammer hat zudem die EDV für die Telefonberatung neu und effizienter gestaltet. Die erste Version von "Hellseher" konnte im März 1997 in Betrieb genommen werden. Wegen dieser Programmierarbeiten lastete die Beratungsarbeit auf Susanne Schaaf und Esther Lenzin, die &endash; wie die infoSekta-Statistik weiter hinten erläutert &endash; wiederum mehr Anfragen zu beantworten hatten als im Jahr zuvor.

An der 7. Generalversammlung vom 28. März 1996 wurde der Sozialarbeiter Samuel Schürer neu in den Vorstand gewählt. Seiner tatkräftigen Suche verdankt infoSekta unter anderem die beinahe ideal zu nennenden neuen Räume.

 

Klage gegen infoSekta

Der Prozess von Landmark Education gegen infoSekta dauert an. Gegenstand der Klage ist die infoSekta-Dokumentation zu Landmark und der Bericht von Susanne Schaaf über das "Forum" im Tätigkeitsbericht 1991&endash;1993. Intensive Vergleichsverhandlungen sind am Ende doch gescheitert. Während infoSekta den Empfehlungen des Gerichts weitgehend folgte, wollte Landmark darüber hinausgehende Konzessionen erreichen, die für infoSekta mit dem in den Statuten festgehaltenen Informationsauftrag nicht mehr vereinbar waren. Der Vorstand erwartet, dass der Prozess auch 1997 eine erhebliche Arbeitsbelastung bedeutet.

 

Vorträge, Tagungen, Publikationen, Medien

An der Tagung der "Schweizerischen Arbeitsgruppe für Kriminologie" zum Thema "Sekten und Okkultismus: Kriminologische Aspekte" (6.-; 8. März 1996 in Interlaken) hielten die infoSekta-Mitglieder Matthias Mettner und Susanne Schaaf Referate mit den Titeln "Fundamentalismus und Gewalt bei neuen und alten religiösen Bewegungen" bzw. "Ausstieg aus Sekten", welche im Publikum auf reges Interesse stiessen. Die Vorträge sind in Form eines Sammelbandes publiziert worden (Bauhofer, S.; Bolle, P.-H. & Dittmann, V., Hg. 1996. Sekten und Okkultismus. Kriminologische Aspekte. Zürich: Rüegger).

Am 16. März 1996 veranstaltete infoSekta zusammen mit der Paulus-Akademie Zürich, der Ökumenischen Arbeitsgruppe "Neue religiöse Bewegungen" (NRB) und dem Tagungszentrum Boldern eine Tagung mit dem Titel "Missbrauchte Sehnsucht oder: Was ist eine Sekte?". Referenten waren Philipp Flammer (infoSekta, Volker Hesse (Neumarkttheater), Matthias Mettner (infoSekta), Joachim Müller (NRB), Georg Schmid (NRB), Hugo Stamm (Tages-Anzeiger), Dieter Sträuli (infoSekta).

Im August 1996 erschien ein neues Heft des Schweizerischen Jugendschriften-Werkes SJW mit dem Titel "Sekten" von Susanne Schaaf und Dieter Sträuli. Es schliesst eine Lücke, da bisher wenig geeignetes Material für die Sektenaufklärung bei Jugendlichen vorhanden war. Das Heft, eine Kombination aus einer Erzählung in Tagebuchform und einem systematischen Informationsteil, ist bei Lehrern, Schülerinnen und Eltern ein grosser Erfolg.

Im Oktober begann an der Volkshochschule der Universität Zürich eine achtteilige Vortragsreihe zum Thema "Neue religiöse Bewegungen und Sekten", die zur Hälfte von infoSekta-Mitarbeitenden bestritten wurde. Die Reihe war vom Journalisten V.K. Singh in Zusammenarbeit mit infoSekta konzipiert worden. Sie stiess auf so reges Interesse, dass sie nun für den Sommer dieses Jahres von der Volkshochschule Basel übernommen wird.

Daneben hielten Philipp Flammer und Susanne Schaaf Vorträge an Schulen und Weiterbildungsveranstaltungen wie z.B. der Berufsschule für Pflege in Männedorf oder bei der Staatsanwaltschaft Basel.

 

5 Jahre infoSekta

Anlässlich des fünfjährigen Bestehens von infoSekta hat der Vorstand Rückblick auf das bisher Erreichte gehalten, Stärken und Schwächen der Betriebsstruktur und der infoSekta-Angebote analysiert sowie Schwerpunkte der künftigen Arbeit ins Auge gefasst. Wichtige Themen für die Zukunft sind die Ausweitung des Beratungsangebots, die Gewährleistung des Fortbestandes gut ausgebildeter Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter und die Frage der gesetzlichen Grundlagen für die Aufklärung im Bereich der Sekten.

 

© Mai 1997. Verein infoSekta.


 

 

Die Informations- und Beratungsarbeit 1996 (infoSekta-Statistik)

von Philipp Flammer

 

  1. Häufigkeit der Anfragen
  2. Geografische Verteilung der Anfragen
  3. Die anfragenden Personen und ihre Beweggründe
  4. Die thematisierten Gruppen
  5. Schlussbemerkung

 

1. Häufigkeit der Anfragen

Im Beratungsjahr 1996 wurden 1379 Anfragen bearbeitet, was wiederum einen deutlichen Anstieg gegenüber dem Vorjahr bedeutet (Abb. 1). Zu je etwa einem Drittel gingen die Anfragen per Briefpost (461), per Fax (431) sowie im Rahmen des wöchentlich zweistündigen Telefondienstes ein (451).

Abb. 1: Die Anfragen ab Herbst 1991 bis 1996

Die telefonische Beratungszeit blieb auch 1996 aus personellen und räumlichen Gründen auf jeweils zwei Stunden am Donnerstagvormittag beschränkt. Wegen des Umzugs an die Birmensdorferstrasse 421 mussten wir die telefonische Beratung zudem ab Mitte September für drei Wochen ganz einstellen. Die Anzahl der Anrufversuche, die unter der Woche auf unserem Telefonbeantworter registriert wurden, hat im Vergleich zum Vorjahr deutlich zugenommen. Wie der Vergleich der tatsächlich bewältigten Anfragen mit den registrierten Anrufversuchen in Abbildung 2 zudem zeigt, sind unsere Reaktionsmöglichkeiten auf die Informationsbedürfnisse der Leute leider sehr begrenzt. (Der ungewöhnlich kleine Wert im September ist auf einen defekten Telefonbeantworter zurückzuführen). Mit dem Bezug der neuen und grösseren Büroräume haben wir nun aber eine wichtige Voraussetzung in der Infrastruktur geschaffen, um unser Beratungsangebot in Zukunft weiter zu verbessern.

Abb. 2: Tel. Anrufversuche (N=3619) und bewältigte Anfragen (N=1379)

 

2. Geografische Verteilung der Anfragen

Rund 83% aller Anfragen stammten aus der Deutschschweiz, wobei knapp die Hälfte dieser Anfragen erwartungsgemäss aus dem Kanton Zürich kam (571, 41% aller Anfragen). Der Anteil der Anfragen aus der Romandie und dem Tessin ist verschwindend klein und etwa halb so gross wie der Anteil aus dem deutschsprachigen Ausland (80), vor allem aus Deutschland (Abb. 3).

Abb. 3: Regionale Verteilung der Anfragen (N=1276)

Die Verteilung der Anfragen auf die nichtzürcherischen Kantone hat sich im Vergleich zu den Vorjahren nicht wesentlich verändert: Wiederum stammte das Gros der Anfragen aus den vier Kantonen Bern, Aargau, Basel (die beiden Halbkantone zusammengefasst) und St. Gallen (insgesamt 370, 27% aller Anfragen oder 32% der Anfragen aus der Deutschschweiz).

Abb. 4: Die häufigsten Anfragen aus nichtzürcherischen Kantonen

 

3. Die anfragenden Personen und ihre Beweggründe

Mehr als die Hälfte aller anfragenden Personen waren Frauen (756, 56%). Bei 2% der Anfragen blieb das Geschlecht der Person unklar (46). Knapp drei Viertel der Anfragenden haben sich aus privaten Gründen an infoSekta gewandt (991, 72%). Die übrigen Personen kontaktierten infoSekta vor einem institutionellen Hintergrund, als Behördenmitglieder oder als Vertreterinnen bzw. Vertreter von Kirchgemeinden, Medien oder sozialen Diensten. Abbildung 5 zeigt dabei einen deutlich geschlechtsspezifischen Unterschied: Knapp zwei Drittel der privat Anfragenden waren Frauen (61% von 991), während mehr als die Hälfte der anfragenden Personen mit institutionellem Hintergrund Männer waren (53% von 388).

Abb. 5: Geschlecht und institutioneller Hintergrund

Rund zwei Drittel der Anfragenden verlangten lediglich Informationen (931), 16% wurden darüber hinaus in Entscheidungs-situationen beraten (222), und 10% schilderten eigentliche Problemsituationen (138).

Anlass, mit infoSekta Kontakt aufzunehmen, war in 38% aller Anfragen eine bestimmte Gruppe oder eine sektenspezifische Frage (534). In beinahe gleich vielen Fällen jedoch wandten sich die Anfragenden an infoSekta, weil sie sich um eine andere Person (hier Drittperson genannt) sorgten, bei welcher sie eine beunruhigende Persönlichkeitsveränderung festgestellt hatten oder mit welcher sie kein vertrautes Gespräch mehr führen konnten (505, 37%). Die Hälfte dieser thematisierten Drittpersonen waren Frauen, ein Drittel waren Männer (bei den übrigen ist das Geschlecht nicht klar geworden).

Von den Anfragenden, die eine Drittperson thematisierten, stammte ein Drittel aus dem Familienkreis der Drittperson (Eltern, Geschwister, Kinder, Verwandte: 160, 32%). Bei einem Fünftel dieser Anfragen ging es um Lebenspartner oder Freundinnen (97, 19%), und in einem weiteren knappen Drittel sprachen die Anfragenden von Bekannten oder Arbeitskolleginnen (146, 29%; Abb. 6).

Abb. 6: Bezug der Kontaktperson zur thematisierten Drittperson (N=505). Die Kontaktperson ist ... der thematisierten Drittperson:

 

4. Die thematisierten Gruppen

Abbildung 7 zeigt das Profil der bei infoSekta am häufigsten thematisierten Gruppen. Sie summiert alle Anfragen, in denen es um eine einzelne Gruppe ging (1049, 76% aller Anfragen). Ausgeschlossen sind hier die Fragen zu Sekten allgemein und die "Sammelbestellungen" zu mehreren Gruppen. Das Profil wird also von der Anzahl eingegangener Anfragen bestimmt und stellt keine infoSekta-Bewertung oder "Sekten"-Etikettierung dar.

Wie breit und komplex die Sektenthematik offenbar ist, zeigt sich eindrücklich in den drei Bündeln von Gruppen mit weniger als 10 Anfragen bei infoSekta. Sie machen 54% aller gruppenspezifischen Anfragen aus. Bei 277 Anfragen konnte uns weder unser Informationsarchiv noch die Fachliteratur weiterhelfen (27%). Um den Anfragenden hier eine seriöse Bewertungshilfe oder Einschätzung zu geben, wäre von unserer Seite also eine aufwendige Recherchierarbeit nötig geworden, die wir im Rahmen unserer Möglichkeiten jedoch in den wenigsten Fällen leisten konnten. 15% der gruppenspezifischen Anfragen konzentrieren sich auf 27 Gruppen, zu denen zwischen 4 und 9 Anfragen eingegangen sind (zusammen 160), und 12% verteilen sich auf 67 Gruppen mit 1 bis 3 Anfragen (zusammen125). Die Topnachfrage erreichte wie schon letztes Jahr die Firma Landmark Education vor Scientology und einem Bündel verschiedener Gruppen aus dem Bereich der Pfingstbewegung.

Abb. 7: Häufigkeit der thematisierten Gruppen (N=1049. Namentlich aufgeführt sind die Gruppen mit mindestens 10 Anfragen)

 

Die weltanschaulichen Hintergründe

Soweit sich die Gruppen bestimmten weltanschaulichen Diskursen zuordnen liessen, ging es bei der Hälfte der Anfragen um Gruppen aus dem Bereich der Esoterik und des New Age (429, 50% von 858) und in einem knappen Drittel um Gruppen aus dem christlichen Umfeld (248, 29%).

98 Anfragen betrafen Gruppen mit nichtreligiöser bzw. säkularer Ausrichtung (11%: der Verein zur Förderung der Psychologischen Menschenkenntnis VPM, infoSekta, Herbalife, Alfred Adler Ganzheitliche Schule, Amway u.a.), und 69 Anfragen bezogen sich auf Gruppen mit hinduistischer Weltanschauung (8%: Hare Krishna, die Sri Chinmoy-Bewegung und die Bewegung von Osho alias Bhagwan, Sathya Sai Baba, Transzendentale Meditation, Sahaja- und Siddha-Yoga, Eckankar, Ananda Marga u.a.). Lediglich 14 Anfragen betrafen Gruppen aus dem islamischen Bereich (2%: Baha'i, Sufi).

Abb. 8: Die weltanschaulichen Hintergründe der Anfragen (N=858)

 

Zu den esoterischen und christlichen Gruppen

Die beiden wichtigsten, hinsichtlich der Anfragen bei infoSekta beinahe gleich starken Strömungen im Bereich der Esoterik bilden die "gnostischen" und die "New Age"-Gruppen wie Landmark Education, Quadrinity-Prozess, Neurolinguistisches Programmieren NLP, Silva Mind Control u.a. Der Grundgedanke gnostischer Gruppen ist der, dass die Seele als ein unsterblicher, göttlicher "Geistfunke" im Laufe vieler Wiedergeburten (Reinkarnationen) durch den Einsatz der "richtigen", nur wenigen "Eingeweihten" vertrauten Methoden zur spirituellen Vollkommenheit entwickelt werden kann, dass also der Mensch eine psychotechnisch vorangetriebene Evolution zum göttlichen Übermenschen durchlaufen kann ("Methoden-Fundamentalismus"). Die wichtigsten gnostischen Gruppen sind Scientology, AVATAR, die Sonnentempler, das Universelle Leben der Gabriele Wittek, die Rosenkreuzer, die Gralsbewegung u.a. Eine wichtige gnostische Teilströmung bilden die theosophischen Gruppen in der Tradition von Helena Petrowna Blavatsky (1831-1891). Dazu gehören die wegen rassistischer Äusserungen in die Schlagzeilen geratene Universale Kirche (oder: Fundament für Höheres Geistiges Lernen), die Saint-Germain-Foundation (I AM-Bewegung), die Universelle Weisse Bruderschaft, das Agni-Yoga u.a.

Eine dritte Strömung in der Esoterik umfasst spiritistische Gruppen, die ihre Heilsenergien und -botschaften von Geistwesen aus einem kosmischen Jenseits beziehen: St. Michaelsvereinigung, Bruno Gröning Freundeskreis, Reiki, Orden Fiat Lux ("Uriella"), Geistige Loge Zürich, Ramtha Dialog, Rhea Powers; und in der Variante der Ufogläubigen: Rael-Bewegung und Asthar-Kommando.

Hauptströmung im Spektrum der thematisierten christlichen Gruppen bilden die evangelikalen ("Fischli"-)Gruppen sowohl "charismatischer" (Gruppen der Pfingstbewegung, Vineyard-Bewegung, Basileia Bern, Reithalle Winterthur u.a.) als auch "pietistischer" Ausrichtung (Boston Church of Christ, International Christian Fellowship ICF, Brüderverein, Chrischona, Freie Evangelische Gemeinden, Gideon International, Campus für Christus u.a.). Sie sind weitgehend einem fundamentalistischen Biblizismus verpflichtet.

Weitere Strömungen im christlichen Diskurs bilden die "chiliastischen" Gruppen mit apokalyptischen Endzeitvorstellungen (Jehovas Zeugen, Neuapostolen, Adventisten, Weltweite Kirche Gottes, Missionswerk Mitternachtsruf u.a.), sodann die "synkretistischen" Gruppen, bei denen neben der Bibel andere Schriften zentrale Bedeutung haben (Vereinigungskirche, Kinder Gottes bzw. Familie der Liebe, Mormonen), und schliesslich die katholikalen Gruppen (Opus Dei, Fokolar-Bewegung).

 

5. Schlussbemerkung

Die hier dargestellte Gruppenszene, wie sie sich in den Anfragen bei infoSekta widerspiegelt, zeigt zusammenfassend eine deutliche Polarisierung: Auf der einen Seite finden sich die Bekehrungsgruppen der christlich-dogmatischen Buch-Fundamentalisten, welche die "Bekehrung" des zutiefst sündigen, von Gott abgefallenen Menschen predigen und mit oft modernsten Kommunikationstechniken eine intensive Missionierung ihrer vormodernen Wahrheit betreiben. Auf der anderen Seite stehen die okkulten Initiations- oder Einwei-hungsgruppen der Esoterik, die in ihren psychospirituellen Methoden die einzig wahren Heilswege sehen, entsprechend an der "Transformation" der Menschheit arbeiten und damit postmoderne Eliten von "erleuchteten" Übermenschen heranzüchten. Auf der Strecke bleibt hüben wie drüben oft die Autonomie und Mündigkeit der einzelnen Mitglieder, wie die Berichte vieler Anfragenden bei infoSekta belegen.

 

© Mai 1997. Verein infoSekta.


 

 

Zuständigkeit für infoSekta 1996

 

Präsidium

Mettner Matthias, lic. phil., Theologe und Sozialwissenschaftler, Studienleiter an der Paulus-Akademie

Sträuli Dieter, Dr. phil., Psychologe

 

Vorstand

Gmür Mario, PD Dr. med. FMH, Psychiater und Psychotherapeut

Lenzin Esther, Psychotherapeutin

Schürer Samuel, Sozialarbeiter

Zemp Niklaus, Psychologe und Theologe

Zingg-Zimmermann Christoph, Pfarrer

Zwimpfer Monika, lic. phil., Germanistin und Marketingplanerin

 

Mitarbeitende

Flammer Philipp, lic. phil., Soziologe

Schaaf Susanne, lic. phil., Psychologin FSP