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Tätigkeitsbericht 1991-93
Die Geschichte des Vereins infoSekta von 1986 bis
1994
von Dieter Sträuli (S. 4 - 8)
Die Gründung des Vereins und die Eröffnung der
Beratungsstelle (1986-1991)
Am Anfang von infoSekta standen eine Interpellation und
ein Postulat von SP-Gemeinderat Stefan Hohler (dem
späteren Präsidenten von infoSekta bis 1993). Die
Interpellation vom 28. Mai 1986 betraf die
Anwerbungspraktiken und Heilungsversprechen von Scientology.
Der Journalist Hugo Stamm hatte im "Tages-Anzeiger" darauf
hingewiesen, dass die Scientologen radioaktive
Verstrahlungen (Tschernobyl!) mit Vitaminen und intensiven
Sauna-Sitzungen heilen wollten. Stefan Hohler fragte:
"Wie schätzt der Stadtrat die Tätigkeit der
Scientology-Kirche ein? Ist der Stadtrat auch der Meinung,
dass es sich bei dieser Organisation eher um ein
kommerzielles Unternehmen handelt als um eine religiöse
Gemeinschaft? Ist der Stadtrat gewillt, die aufdringlichen
Missionierungsversuche resp. die Köderung für
Persönlichkeitstests auf öffentlichem Boden zu
verbieten?" Weitere Fragen betrafen mögliche
Verstösse im "therapeutischen" Angebot von Scientology
gegen das Gesundheitsgesetz. Die Interpellation endete mit
der Frage: "Sieht der Stadtrat eine Möglichkeit, die
Bevölkerung und insbesondere Jugendliche und
Schüler über die Methoden der Scientology-Kirche
zu informieren?" (Gemeinderat, Protokoll-Nr.
2770/1986)
In seiner Antwort vom 22. Oktober 1986 hielt der Stadtrat
fest, die Scientology-Kirche werde als religiöse
Vereinigung betrachtet. Es könne nicht Aufgabe einer
politischen Behörde sein, zur Tätigkeit einer
solchen Institution Stellung zu nehmen, solange sie nicht
gegen die geltende Rechtsordnung verstosse. Gegen illegale
Werbeveranstaltungen der Scientology-Kirche sei der Stadtrat
übrigens immer wieder vorgegangen. Die
Gesundheitsdirektion ihrerseits wisse zu wenig über die
Praktiken der Scientologen, um entscheiden zu können,
ob und wie diese gegen das Gesundheitsgesetz verstiessen.
"In den vergangenen Jahren sind neben der
Scientology-Kirche zahlreiche andere Bewegungen
weltanschaulicher und religiöser Art immer wieder an
die Öffentlichkeit getreten. Presse, Radio und
Fernsehen haben immer wieder die Gelegenheit benützt,
auf die Praktiken solcher Einrichtungen hinzuweisen, so dass
die Bevölkerung hinreichend orientiert sein
dürfte. Es kann auch nicht die Aufgabe der Verwaltung
und der Schule sein, alle Aufgaben des Elternhauses
stellvertretend oder ergänzend zu
übernehmen."
Besser erging es dem Postulat. Der Gemeinderat
überwies es am 4. Februar 1987 mit folgendem Text:
"Der Stadtrat wird gebeten zu prüfen, ob dahin
gewirkt werden kann, eine private Organisation oder einen
Verein zu motivieren, sich der Frage der sogenannten neuen
Jugendreligionen anzunehmen." (Protokoll Nr.
514/1987)
Bruno Hohl, erster Zentralsekretär des Sozialamtes
der Stadt Zürich, sandte Stefan Hohlers Postulat Mitte
Mai 1988 an verschiedene Organisationen und Personen mit der
Einladung zur Stellungnahme. Unter anderem angefragt wurden
Rechtsanwalt Urs Eschmann vom Anwaltsbüro Eschmann
& Erni (der ehemalige Scientology-Mitglieder vertreten
hatte), das Eidgenössische Departement für
Auswärtige Angelegenheiten (F. Robert), die
Arbeitsstelle für Jugendfragen der
evangelisch-reformierten Landeskirchen (Hans-Peter Karrer),
die Katholische Jugendfürsorge (Toni Brühlmann),
die Stiftung Pro Juventute (Stefan Spring), Gemeinderat
Stefan Hohler, die Dargebotene Hand (Niklaus Zemp), die
Erziehungsdirektion des Kt. Zürich, das Institut
für Angewandte Psychologie IAP (Dr. Andreas A.
Müller), das Bundesamt für Kulturpflege, Frau U.
Binggeli ("Beobachter"), Pfarrer Oswald Eggenberger, das
Institut für Sozial- und Präventivmedizin der
Universität Zürich (Prof. Felix Gutzwiller und Dr.
Rainer Hornung), die Jugendberatung der Stadt Zürich
(Urs Abt), das Psychologische Institut der Universität
Zürich, Abt. Sozialpsychologie (Prof. Gerhard
Schmidtchen), das Dekanat der Theologischen Fakultät
der Universität Zürich (Prof. W. Mostert), die
Schweizerische Arbeitsgruppe gegen destruktive Kulte (SADK),
und der Journalist Hugo Stamm vom "Tages-Anzeiger".
Resultat dieser Bemühungen war die
Gründungsversammlung eines neuen "Vereins Informations-
und Beratungsstelle für Sekten- und Kultfragen", welche
am 18. Januar 1990 im Amtshaus Helvetiaplatz stattfand. Es
wurde eine Arbeitsgruppe gebildet, die Statuten formulieren
und den Aufbau der Beratungsstelle planen sollte. Am 15.
November 1990 wurde an einer Pressekonferenz der Verein
"Informations- und Beratungsstelle für Sekten- und
Kultfragen, infoSekta" (damals mit 28, heute mit über
40 Mitgliedern) im Volkshaus vorgestellt. Ihren Betrieb nahm
die Informations- und Beratungsstelle aber erst ein Jahr
später auf: Anfangs September 1991 wurden die
MitarbeiterInnen und die Arbeitsräume an der
Schweighofstrasse 420 der Presse vorgestellt.
Das Ringen um die Finanzierung (1990-1994)
Der Verein stellte sich folgenden Schlüssel für
die Aufteilung der Unterstützungsbeiträge vor: ein
Drittel der Kosten sollte von der Stadt und je ein weiteres
Drittel vom Kanton Zürich und von den Landeskirchen
(inkl. Spendengeldern) beigebracht werden. Deshalb ergingen
im Frühjahr 1990 Finanzierungsgesuche an den Stadtrat,
den Regierungsrat, die evangelisch-reformierte Landeskirche
und die römisch-katholische Zentralkommission des
Kantons Zürich. Die Verbände der
römisch-katholischen sowie der evangelisch-reformierten
Kirchgemeinden der Stadt Zürich lehnten am 5.11.1990
eine finanzielle Unterstützung von infoSekta ab.
Der Kirchenrat des Kantons Zürich (die Arbeitsstelle
für Jugendfragen) dagegen stellte am 11. Juni 1990
einen Antrag an die Kirchensynode, Fr. 60'000.- als Beitrag
für einen zweijährigen Versuchsbetrieb von
infoSekta zu bewilligen. Am 20. November 1990 bewilligte die
Synode zwei Raten von je Fr. 30'000.- für 1991 und 1992
unter dem Vorbehalt der Bewilligung eines entsprechenden
Kredits durch die Stadt Zürich. Die
römisch-katholische Zentralkommission unterstützte
infoSekta mit Fr. 3'000.-. Am 6. Februar 1991 bewilligte die
Finanzdirektion dem Regierungsrat Fr. 75'000.- als
Starthilfebeitrag für infoSekta. Mit regelmässigen
Subventionen könne anschliessend aber nicht gerechnet
werden. Weitere Spenden miteingerechnet waren so ca. Fr.
150'000.- zusammengekommen, mit welchen die Informations-
und Beratungsstelle aufgebaut und in Betrieb genommen werden
konnte. Verschiedene Gruppen waren damit aber nicht
einverstanden: Scientology Zürich und die
Vereinigungskirche ("Munies") gelangten im Frühjahr
1991 wegen "Verletzung der Religionsfreiheit" mit je einer
staatsrechtlichen Beschwerde gegen den Kanton Zürich
und infoSekta ans Bundesgericht. Der Starthilfebeitrag von
Fr. 75'000.- sei verfassungswidrig und deshalb zu streichen.
Auch beim Bezirksrat reichten die Scientologen Klage ein
(wegen des budgetierten Betrags von Fr. 40'000.-). In seiner
schriftliche Begründung zum Urteil vom 14.2.92
anerkannte das Bundesgericht aber den einmaligen Beitrag aus
dem Lotteriefonds als verfassungskonform, da infoSekta keine
eigenen Glaubensansichten vertrete und gemeinnützige
Ziele verfolge (BGE 118 Ia 46).
Ein Jahr nach Betriebsaufnahme machte die Beratungsstelle
im Winter 1992/93 eine finanzielle Krise durch, welche die
Weiterführung der Informations- und Beratungsstelle
ernstlich in Frage stellte. Den MitarbeiterInnen der
60%-Stelle wurde vorsorglich gekündigt; man erwog einen
Umzug in günstigere Räumlichkeiten und
verabschiedete eine Tarifliste für persönliche
Beratungen gegen Entgelt. Gleichzeitig startete infoSekta
eine intensive Kampagne, um neben der öffentlichen
Hand, privaten Vereinen und Kirchgemeinden einen Kreis von
regelmässigen GönnerInnen als solide
Finanzgrundlage aufzubauen. Spendenaufrufe gingen an
ehemalige Ratsuchende, Vereinsmitglieder und Institutionen.
Heute darf der Verein auf 150 SpenderInnen und ebenso viele
regelmässige GönnerInnen zählen.
Seither hat sich die finanzielle Situation
entschärft: Das kantonale Steueramt anerkannte den
Verein infoSekta als gemeinnützige Institution und
befreite ihn von den Steuern. Die auf ein Postulat der
Gemeinderätinnen Maya Burri und Kathy Riklin hin durch
einen Parlamentsentscheid in der Budgetdebatte 1991
bewilligten Fr. 40'000.- für infoSekta wurden im Herbst
1993 ausbezahlt. Zwei private Stiftungen haben infoSekta Fr.
10'000.- bzw. Fr. 20'000.- zugesprochen. In der Zwischenzeit
konnten finanzielle Engpässe dank weiteren Zuwendungen
vorläufig überwunden werden.
Zur Tätigkeit der Beratungsstelle
infoSekta war stets bemüht, ihre Tätigkeit auf
der Basis von klaren und expliziten Handlungskriterien
auszuüben. In diesem Zusammenhang wurden auch ein
Leitbild (1991) und ein Arbeitskonzept (1992) formuliert, in
denen der Tätigkeitsbereich und die Merkmale für
jene "Sekten" und Gruppen festgehalten werden, die
Gegenstand der Arbeit von infoSekta sind.
Haupttätigkeit der Beratungsstelle war vom ersten Tag
an die telefonische Beratung von Ratsuchenden durch die
MitarbeiterInnen Philipp Flammer, Susanne Schaaf und
Christoph Zingg. Andere Anfragen wurden schriftlich
beantwortet, oft wurden auch persönliche
Beratungsgespräche geführt (vgl.
infoSekta-Statistik).
MitarbeiterInnen und Vorstandsmitglieder informieren nach
wie vor über das Sektenthema im Rahmen einer regen
Vortragstätigkeit in Schulen, bei Behörden und
privaten Vereinen. (Schon vor der Eröffnung der
Beratungsstelle organisierte der Verein zusammen mit dem VSU
und verschiedenen studentischen Fachvereinen im
Sommersemester 1991 an der Universität Zürich eine
öffentliche Veranstaltungsreihe zum Thema Sekten und
Fundamentalismus.) Sie besuchen internationale Kongresse und
Tagungen zum Thema Sekten (Berlin 1992, Athen 1993) und
stehen in regem Erfahrungsaustausch mit in- und
ausländischen Schwesterorganisationen. Anfang Oktober
1992 half infoSekta mit, eine Veranstaltung mit dem
amerikanischen Sektenspezialisten Steven Hassan zu
organisieren. Hassan hielt einen öffentlichen Vortrag
und leitete anschliessend einen zweitägigen Workshop
zum Thema Ausstiegsberatung. Sein wichtiges Buch dazu ist
inzwischen in deutscher Sprache unter dem Titel "Ausbruch
aus dem Bann der Sekten &endash; Psychologische Beratung
für Betroffene und Angehörige" (1993) im
Rowohlt-Verlag erschienen.
Im November 1992 organisierte infoSekta einen Vortrag mit
Andreas Schlothauer zum Thema "Manipulation zur Unfreiheit".
Er hatte als ehemaliges Mitglied der Aktionsanalytischen
Organisation (AAO) des Wiener Aktionisten Otto Mühl ein
Buch über diese Psychosekte geschrieben. Als Dank
für die Gönnerinnen und Gönner lud infoSekta
im November 1993 zu einem Vortragsabend mit Beiträgen
zu folgenden Themen ein: Sekten und das Recht, der VPM und
die Schule, das UFO-Phänomen.
In den Medien sind Verein und Beratungsstelle recht
präsent. MitarbeiterInnen und Vorstandsmitglieder
werden häufig für Interviews und
Gesprächsrunden aufgeboten. Das Fachwissen des
Vorstandes und der Mitarbeiter wird von Fernsehen, Radio und
Presse häufig in Anspruch genommen. Verlautbarungen des
Vereins wurden von den Medien in den meisten Fällen
übernommen.
Parallel zur Informations- und Beratungstätigkeit
läuft der Aufbau einer Dokumentation mit ca. 700
Büchern, Broschüren und Mappen mit
Zeitschriftenartikeln zu zahlreichen Organisationen und
Themen. Kommentierte Literaturlisten werden an Interessierte
abgegeben. Zu etwa 40 Gruppen wurden spezielle
Dokumentationen zusammengestellt. Selbstverständlich
erfüllt infoSekta die Verpflichtungen des neuen
Datenschutzgesetzes, was allerdings mit beträchtlichem
Arbeitsaufwand verbunden ist.
Ausblick und Anliegen
Anliegen der Informations- und Beratungsstelle für
die Zukunft wären:
- eine Erhöhung des Umfangs der
Beratungstätigkeit, u.a. in Form der Ausweitung der
Telefonpräsenz;
- das Aufarbeiten von Materialien für das Archiv
und die Dokumentation;
- die Herausgabe einer eigenen Schriftenreihe. Ein
Anfang ist gemacht mit einer eben erschienenen
Broschüre, die Prof. Kind für infoSekta
verfasst hat. Sie basiert auf dem Studium von
umfangreichem Quellenmaterial zu Scientology (als
Vorbereitung für Hearings vor politischen Gremien
zweier deutscher Bundesländer);
- das selbständige Organisieren von
Informationsveranstaltungen für verschiedene
Zielgruppen zu verschiedenen Themen.
© Juni 1994. Verein
infoSekta.
Die Informations- und Beratungsarbeit vom 2. September
1991 bis 31. Dezember 1993 (infoSekta-Statistik)
von Philipp Flammer (S. 9 -23)
- Vorbemerkung
- Anfragedichte
- Geographische
Verteilung der Anfragen
- Institutioneller
Hintergrund und Geschlecht der Anfragenden
- Gruppenerfahrung,
Kontaktanlass und Kontaktqualität
- Thematisierte
Gruppen
- Thematisierte
Drittpersonen
- Die
Anliegen und das Angebot von infoSekta
1. Vorbemerkung
Von Beginn an bestand bei infoSekta das Bedürfnis,
die Informations- und Beratungsarbeit seriös zu
evaluieren, um die Angebote möglichst gut auf die
Anliegen der Anfragenden ausrichten zu können. Da der
eigentliche Aufbau der Stelleninfrastruktur praktisch
gleichzeitig mit der Eröffnung der Beratungsarbeit
begann, verfügte infoSekta jedoch erst seit Anfang 1993
über ein den Stellenbedürfnissen angepasstes
EDV-System. Die Nacherfassung der Anfrageprotokolle erfolgte
massgeblich in der zweiten Hälfte 93. Das Datenmaterial
ist damit weitgehend eine interpretative Nachbearbeitung von
Handschriften verschiedener Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter
sowie anderer schriftlicher Unterlagen. Die Datengrundlage
kann allerdings als gut bewertet werden.
2. Anfragedichte
Bis Ende 1993 wurden 1633 Fälle (N) registriert, 9
davon entfallen auf die Zeit vor der eigentlichen
Stelleneröffnung im September 1991. Die meisten
Kontakte zwischen den Anfragenden und infoSekta waren
einmalige Kontakte (79%). In 14% der Fälle nahm die
anfragende Person ein zweites Mal zur selben Angelegenheit
mit infoSekta Kontakt auf, und in 7% der Fälle
erfolgten gar dritte und weitere Kontaktnahmen. Personen,
die in einer weiteren Angelegenheit Kontakt aufnahmen,
wurden als neue Fälle registriert. Insgesamt
repräsentieren die 1633 Fälle also mindestens 2085
Kontaktnahmen mit der Beratungsstelle. Der erste Kontakt mit
infoSekta erfolgte nur unwesentlich häufiger
telefonisch (51%) als schriftlich (47%).
Die registrierten Fälle können jedoch
keineswegs als das gesamte Nachfragepotential für die
infoSekta-Dienstleistung angesehen werden. Aus finanziellen
Gründen konnte infoSekta nur einen zeitlich stark
begrenzten Telefondienst unterhalten. Zu Beginn waren es
jeweils vier Stunden pro Woche (Mittwoch von 9 - 13 Uhr).
Anfang Oktober 92 bis Anfang Januar 93 musste der
Telefondienst für 15 Wochen gar völlig eingestellt
werden, um die gesamte Arbeitskraft in die effizientere
Organisation der Büroinfrastruktur und in die
Finanzbeschaffung investieren zu können. Seither ist
der Telefondienst begrenzt auf lediglich zwei Stunden pro
Woche (Donnerstag von 9 - 11 Uhr).

Abbildung 2.1 zeigt, dass das restriktivere
Telefondienstangebot seit September 92 eine gewisse
Verlagerung der Erstkontakte auf den schriftlichen Weg zur
Folge hatte.

Und auch Abbildung 2.2 mit der Gegenüberstellung von
protokollierten Fällen und telefonischen
Kontaktversuchen, die auf dem in der Zwischenzeit
installierten Telefonbeantworter registriert wurden, macht
deutlich, dass die schlechte Erreichbarkeit von infoSekta
ein beachtliches Frustrationspotential verursachen
dürfte. Ob sich dieses Potential über den
schriftlichen Weg genügend abbauen konnte, ist
fraglich. Sicher leisten hier andere Personenkreise wie die
Schweizerische Arbeitsgemeinschaft gegen Destruktive Kulte
(SADK), die Aufklärungsgemeinschaft über
Scientology und Dianetik (AGSD) oder kirchliche Stellen
einen entlastenden Beitrag.
Einige Durchschnittswerte: Bis zum 31. Dezember 1993
wurden verteilt auf 122 Betriebswochen 318 Telefonstunden
angeboten. Insgesamt sind die Telefonstunden während 17
Wochen ausgefallen. Angeboten wurden durchschnittlich also
rund 3 Stunden pro Woche. Insgesamt wurden 830 Telefonate
bearbeitet. Das sind rund 2.6 Telefonate pro Telefonstunde.
Berücksichtigt man sämtliche 1478 Protokolle, also
auch Briefe und Faxe, die während den 105 Wochen mit
angebotenen Telefonstunden registriert wurden, sind das 4.6
Protokolle pro Telefonstunde oder 14 Protokolle pro
Betriebswoche mit Telefonstunden. Insgesamt wurden 3729
Anrufversuche registriert, wobei die Werte für 21
Wochen verloren oder vergessen gegangen sind. Das sind knapp
37 Anrufversuche pro registrierter Betriebswoche, oder
bezogen auf jene Wochen, in denen Telefonstunden angeboten
wurden, knapp 13 Anrufversuche pro angebotener Telefonstunde
oder gut 36 registrierte Anrufversuche pro Betriebswoche mit
Telefonstunden.
Zur Kontaktqualität
Die Kontakte mit infoSekta können inhaltlich grob
wie folgt bewertet werden: In 44% der 1633 protokollierten
Fälle äusserten die Anfragenden lediglich ein
informatives Interesse. 34% schilderten Situationen, in
denen sie sich herausgefordert oder bedroht fühlten,
jedenfalls genötigt sahen, sich eingehender mit der
Situation auseinanderzusetzen, um zu einer Entscheidung zu
gelangen. Der Kontakt nahm in diesen Fällen über
die Informationsvermittlung hinaus einen beratenden
Charakter an. Und 21% der Anfragenden formulierten gar
Situationen, in denen sie einen Verlust erlitten oder sonst
geschädigt worden waren und nun die Folgen zu
bewältigen hatten. Zwar war der Kontaktcharakter auch
in diesen Fällen vor allem ein beratender und
vermittelnder, doch können sie als eigentliche
Problemfälle gelten. Allerdings war die Unterscheidung
zwischen "beratend" und "Problemfall" nicht immer einfach
und sollte daher als fliessend betrachtet werden.

Abbildung 2.3 zeigt das Verhältnis zwischen
informativen und beratenden Kontakten pro Betriebsmonat,
wobei hier die Beratungs- und Problemfälle
zusammengefasst wurden.
3. Geographische Verteilung der Anfragen
Beinahe die Hälfte aller Anfragen (N) kam aus dem
Kanton Zürich (48%), und etwa ein Drittel verteilt sich
auf weitere Deutschschweizer Kantone, wobei der grösste
Teil auf die drei Kantone Bern, Aargau und St. Gallen
fällt (17%; vgl. Abbildung 3.4 und 3.6). Rund 13% aller
Anfragen verteilen sich auf die sieben Kantone Thurgau, Zug,
Luzern, Solothurn, die beiden Basler Halbkantone &endash;
wobei hier eine ähnliche Stadt-Land-Verteilung
auffällt wie im Kanton Zürich (vgl. unten)
&endash; sowie auf den Kanton Schwyz. Weitere 4% aller
Anfragen verteilen sich auf neun weitere Deutschschweizer
Kantone. Die 3% der Anfragen aus der Romandie und dem Tessin
verteilen sich je zu einem Viertel auf die drei Kantone
Waadt, Tessin und Genf, und zu einem Viertel auf weitere
Westschweizer Kantone.
Innerhalb des Kantons Zürich (n = 787) verteilen
sich die Anfragen praktisch gleich häufig zwischen der
Stadt Zürich (50%) und dem übrigen Kanton, wobei
hier 34% der zürcherischen Anfragen vor allem auf die
fünf Bezirke Horgen, Dietikon, Meilen, Bülach und
Uster fallen und interessanterweise nur gerade 15% auf die
sechs Bezirke Dielsdorf, Winterthur, Hinwil, Pfäffikon,
Affoltern und Andelfingen (vgl. Abbildung 3.5).



4. Institutioneller Hintergrund und Geschlecht der
Anfragenden
Gut zwei Drittel aller Anfragenden (69%) haben sich
entweder eindeutig aus einer individuellen Initiative heraus
an infoSekta gewandt oder dann keine weiteren Angaben zu
einem institutionellen Hintergrund gemacht, so dass ein
individuelles Interesse vermutet werden konnte. Bei diesen
Privatanfragen überwogen die Frauen im Verhältnis
3 : 2 (vgl. Abbildung 4.7 ). 31% der Anfragenden gaben zu
verstehen, dass ihre Kontaktnahme mit infoSekta vor einem
bestimmten institutionellen Hintergrund (Behörde,
Medien etc.) erfolgt ist. In dieser Gruppe überwiegen
die Männer beinahe im gleichen Verhältnis wie
vorher die Frauen bei den Privatanfragen. Insgesamt aber
suchten nur unwesentlich mehr Frauen (51%) als Männer
(46%) den Kontakt mit infoSekta.
Rund ein Viertel der Anfrager und Anfragerinnen mit
institutionellem Hintergrund sind im Rahmen ihrer sozialen
(Berufs-)Tätigkeit an infoSekta herangetreten, zum
Beispiel Psychologinnen und Psychiater, Sozialarbeiterinnen
und Anwälte (Abbildung 4.8 ). 33% der Anfragenden mit
institutionellem Hintergrund stammten aus dem Bildungs- und
dem Medienbereich (z.B. Lehrerinnen und Journalisten). Bei
den 12% jener Personen, die sich mit einer bestimmten Gruppe
oder "Sekte" identifizierten, ist auf das "umgekehrte
Vorzeichen" bei der Kontaktqualität aufmerksam zu
machen: Als "beratend" wurden oben jene Kontakte definiert,
in denen die anfragende Person eine Situation schilderte,
durch die sie sich herausgefordert und bedroht fühlt.
Im Normalfall wurde dann infoSekta um Unterstützung
angegangen. Umgekehrt kann natürlich von entsprechenden
Personen auch die sektenkritische Tätigkeit von
infoSekta als herausfordernd und bedrohend wahrgenommen
werden. Die "beratende" Kontaktqualität erhielt unter
diesem Vorzeichen dann den Charakter einer konfrontativen
Auseinandersetzung, wobei der Anteil jener Anfragenden, die
sich mit einer Gruppe identifizierten und die
tatsächlich Beratung und nicht die Konfrontation
suchten, sich quantitativ nicht weiter herausdifferenzieren
lässt. Er ist allerdings eher als klein
einzuschätzen.


5. Gruppenerfahrung, Kontaktanlass und
Kontaktqualität
36% aller Anfragenden schilderten keine eigene, direkte
Erfahrung mit einer Gruppe, sondern sahen sich indirekt
über eine Drittperson aus ihrem Beziehungsnetz mit
einer Gruppe konfrontiert (Abbildung 5.9 ). Typischerweise
handelt es sich in dieser Gruppe um Eltern, Partner und
Kolleginnen von Personen, die im Banne einer solche Gruppe
stehen (vgl. unter 7: "Thematisierte Drittpersonen"). 12%
berichteten von einem persönlichen ersten Kontakt ohne
weitere Mitgliedschaft oder Teilnahmebereitschaft. Es
handelt sich dabei vornehmlich um Personen, die missioniert
worden sind, entweder flüchtig auf der Strasse oder
schon über erste Einführungskurse und -seminarien.
Die direktesten Erfahrungen mit einer Gruppe machten wohl
die aktiven Gruppenmitglieder unter den Anfragenden selber
und auch die ehemaligen Gruppenmitglieder.

In der Abbildung 5.9 sind sie zusammengefasst worden (7%
aller Anfragenden). Auch hier ist zu bemerken, dass in der
Kategorie "Aktive und Ehemalige" die Bewertung "beratend"
sowohl konfrontative als auch konstruktive
Auseinandersetzungen beinhaltet. 23% gaben eine andere
Erfahrung dazu an, wie sie auf das Thema "Sekten" oder eine
Gruppe gestossen waren. Entsprechend vielfältig ist
denn auch diese Gruppe: recherchierende Medienleute, andere
sich informierende Beratungsstellen oder Schülerinnen
und Schüler, die einen Aufsatz zum Thema schreiben
müssen usw.

Wird die Gruppenerfahrung geschlechtsspezifisch
aufgeschlüsselt (Abbildung 5.10), so sticht vor allem
der annähernd doppelt so grosse Anteil von Frauen
gegenüber Männern auf, die eine indirekte
Gruppenerfahrung gemacht hatten, während in den beiden
direkteren Erfahrungskategorien das Verhältnis in etwa
ausgeglichen ist. Interessant ist denn auch der knapp um ein
Viertel kleinere Anteil Frauen als Männer bei jenen
Personen, die über eine andere Erfahrung auf das Thema
gestossen waren und sich vor allem informieren wollten.

Ein ähnliches Bild zeigt sich, wenn der eigentliche
Kontaktanlass der Anfragenden untersucht wird. Als
Kontaktanlass in Abbildung 5.11 wurde nicht einfach das
vordergründige Anliegen der Person erfasst, sondern
versucht, das gesamte Protokoll nach dem eigentlichen
Grundthema des Kontaktes zu bewerten, die Frage also: Was
war die tatsächliche Interessens- oder Besorgnislage
der anfragenden Person? Dass die indirekte Gruppenerfahrung
über eine Drittperson in Abbildung 5.10 annähernd
identisch ist mit dem Grundthema "Drittperson" in Abbildung
5.11, ist einerseits zwar auf die begrenzten
Möglichkeiten der Datenerfassung
zurückzuführen (als Gruppenerfahrung konnte nur
das erfasst werden, was von den Anfragenden geäussert
wurde), andererseits aber doch bemerkenswert: Offensichtlich
führte die indirekte Gruppenerfahrung nicht zu einem
besonderen Interesse für die Gruppe, sondern wurde
Grund zur Besorgnis um diese Drittperson und damit Anlass,
mit infoSekta Kontakt aufzunehmen. Abbildung 5.11 zeigt,
dass Männer das Interesse für einzelne Gruppen
oder gruppenbezogene Themen im Vergleich mit der Besorgnis
um eine Drittperson sehr klar in den Vordergrund stellten.
Bei den Frauen stand die Besorgnis um die Drittperson
gegenüber dem Interesse für Gruppen im
Vordergrund, doch der Unterschied ist bedeutend weniger
deutlich als bei den Männern.

Abbildung 5.12 verweist ebenfalls deutlich auf
geschlechtsspezifisch unterschiedliche Bedürfnisse, die
an die Informations- und Beratungsstelle infoSekta
herangetragen wurden: Im Vergleich zu den Frauen war der
Kontakt von seiten der Männer deutlich stärker
informativ geprägt. Sind Männer in
persönlichen Angelegenheiten zurückhaltender und
haben sie mehr Mühe, sich jemandem anzuvertrauen und
offen über ihre Probleme zu sprechen?
6. Thematisierte Gruppen
Welche Gruppen und Themen kamen nun tatsächlich und
wie häufig zur Sprache? Abbildung 6.13 gibt einen
Überblick über die Gruppen, auf die sich die
meisten Anfragen bezogen. Dazu muss betont werden, dass
diese Liste keine Wertung oder "Sekten"-Etikettierung ist,
sondern eine Rangierung nach der Häufigkeit der
Anfragen bezüglich einer Gruppe. Zudem wurden nur jene
1165 Anfragen berücksichtigt, die ausschliesslich eine
Gruppe konkret beim Namen nannten (72% aller Anfragen). Jene
7% der Anfragenden, die gleich eine "Sammelbestellung" an
Informationen zu mehreren Gruppen aufgaben, sind hier
ebensowenig berücksichtigt wie jene 12%, die sich
thematisch allgemein für "Sekten" interessierten.
Dennoch ist das damit entstandene Bild erstaunlich und
bezeichnend. Die rund 180 Gruppen, auf die sich die 1165
Anfragen verteilen, vermitteln einen deutlichen Eindruck von
der enormen Pluralisierung auf dem gegenwärtigen
Weltanschauungsmarkt. Und dass Scientology, der Verein zur
Förderung der Psychologischen Menschenkenntnis und
evangelikal-fundamentalistische Christen zu den
Spitzenreitern gehören, wird jene kaum erstaunen,
welche die Ereignisse der letzten Jahre aufmerksam
mitverfolgt haben.

Auf Scientology bezogen sich rund 14% der 1165 Anfragen.
Dieser grosse Anteil ist erstaunlich, wenn man bedenkt, dass
es in Zürich eine eigens auf Scientology und Dianetik
spezialisierte Aufklärungsgruppe gibt. Die AGSD steht
engagiert Scientology-Geschädigten mit Rat und Tat zur
Seite und dürfte damit die infoSekta-Arbeit stark
entlasten. 26% der Anfragen verteilen sich auf den VPM, auf
Landmark Education und auf die Pfingstbewegungen, wobei hier
anzumerken ist, dass unter "Pfingstbewegung" verschiedene
pfingstlerisch-evangelikale Gruppierungen zusammengefasst
werden. Mit einem 6%-Anteil folgen die apokalyptischen
Zeugen Jehovas, und weitere 8% verteilen sich auf die
Vereinigungskirche des südkoreanischen Messias San
Myung Mun, die Internationale Gesellschaft für
Krishna-Bewusstsein (oder kurz die "Hare Krishnas") und auf
den Verein infoSekta selber.
Die folgenden 7 Gruppen, angefangen von der Bewegung des
indischen Guru Sri Chinmoy bis zur Neuapostolischen Kirche,
decken mit einem Mittelwert von knapp 20 Anfragen pro Gruppe
weitere 12% ab, die letzten 7 Gruppen der Liste weitere 8%
(Mittelwert: 12 Anfragen pro Gruppe). Nicht mehr
aufgeführt sind knapp 20 weitere Gruppen mit
durchschnittlich 6 Anfragen und über 50 Gruppen mit
durchschnittlich 2 Anfragen, die zusammen die restlichen 18%
der Anfragen abdecken. Noch zurückzukommen ist auf die
an 5. Stelle aufgeführten "diversen Namen". Diese
Kategorie beinhaltet rund 90 einzelne Gruppen, die konkret
mit Namen angegeben worden sind. Viele unter diesen konnten
mangels genauerer Kenntnisse nirgends zugeordnet noch
beurteilt werden. Die "diversen Namen" symbolisieren damit
sozusagen den Pendenzenberg anstehender Recherchierarbeit.
Interessant ist die relativ geringe Zahl an Anfragen zum
Opus Dei (35. Rang) und anderen katholikalen Gruppen.
Offensichtlich vermochte die Oppositionsbewegung in der
Geschichte rund um Bischof Haas in Chur genügend
kritische innerkatholische Kräfte zu mobilisieren, so
dass sich die von solchen Gruppen Betroffenen vermutlich
direkt an die entsprechenden kirchlichen Kreise wandten und
infoSekta damit entlasteten.
So verschieden inhaltlich die einzelnenen Gruppen sein
können, gemeinsam ist ihnen praktisch durchwegs ein
stark autoritär ideologisiertes Gruppenmilieu, das
wenig bis keine Möglichkeiten für individuelle
Selbstentfaltung zulässt. Einige können durchaus
auch als Organisationen mit vereinnahmenden und
totalitären Tendenzen bezeichnet werden, wie zum
Beispiel Scientology, Jehovas Zeugen, ISKCON, die Kinder
Gottes, die Vereinigungskirche oder die Sri
Chinmoy-Bewegung.

Will man den Versuch wagen, die einzelnen Gruppen einem
bestimmten weltanschaulichen Hintergrund zuzuordnen,
lässt sich in etwa das Bild in Abbildung 6.14
herausschälen. Diese Zuordnung ist gerade im "Zeitalter
des synkretistischen New Age" natürlich nicht
unproblematisch, zu sehr verschmelzen in den einzelnen
Gruppen oft Elemente aus verschiedenen weltanschaulichen
Kulturen. Besonders schwer fällt die Zuordnung zum
esoterischen und hinduistischen (inklusiv buddhistischen)
Weltanschauungshintergrund, da hier ideologisch und
methodisch meist eine sehr enge Wechselbeziehung besteht.
Zumindest macht die Abbildung 6.14 aber deutlich, dass die
"Sektenproblematik", die etwa beschrieben werden kann als
eine Polarisierung zwischen einer orthodoxen
Fundamentalopposition und modernen offenen und lernbereiten
Kräften, praktisch in sämtlichen weltanschaulichen
Bereichen der Gesellschaft zu finden ist.
Die Angaben zu den thematisch orientierten Anfragen sind
zum gegebenen Zeitpunkt noch nicht ausgewertet. Allgemein
kann jedoch gesagt werden, dass neben dem pauschalen
Interesse für "Sekten", was immer dieser Begriff auch
für die Anfragenden bedeutete, oft die Frage im
Vordergrund stand, warum Menschen in eine Sekte gehen bzw.
wie Menschen in eine Sekte hineingezogen werden. Wachsendes
Interesse finden auch die Themen rund um Okkultismus,
Satanismus und Magie.
7. Thematisierte Drittpersonen
Wie schon aus Abbildung 5.11 ersichtlich geworden ist,
war der Kontaktanlass für einen beachtlichen Teil der
Anfragenden eine Drittperson. In den 40% der Anfragen, in
denen es um eine Drittperson ging, waren beinahe die
Hälfte dieser thematisierten Drittpersonen Frauen (47%)
und etwa ein Drittel Männer. Bei 15% der Drittpersonen
ist das Geschlecht nicht klar geworden. In 18% all dieser
Anfragen war die anfragende Person Mutter und in 6% Vater
der thematisierten Drittperson (vgl. Abbildung 7.15). In gut
7% ging es um Geschwister, wobei deutlich öfter die
Schwester infoSekta kontaktierte, und in gut 3% der
Fälle um die Eltern, war die anfragende Person also
Sohn oder Tochter der thematisierten Drittperson. 8% der
Anfragenden standen in einem etwas entfernteren
Verwandtschaftsverhältnis zur Drittperson, waren also
Grosseltern, Tanten, Cousinen oder Neffen. Bemerkenswert
hoch ist der 12%-Anteil jener Personen, bei denen es um den
Partner oder die Partnerin ging, die also Ehegatte oder
Lebensgefährtin waren. Eine ähnliche soziale
Nähe kann auch bei den 9% der Anfragenden in der
Kategorie "FreundIn" vermutet werden. Die Unterscheidung
zwischen "PartnerIn" und "FreundIn" war nicht immer
eindeutig und einfach. Zudem kann in der Kategorie
"PartnerIn" weitgehend davon ausgegangen werden, dass es
sich um heterosexuelle Beziehungen handelte, während in
der Kategorie "FreundIn" auch ein beachtlicher Anteil
gleichgeschlechtlicher Beziehungen enthalten ist.
Grösser ist die soziale Distanz der anfragenden Person
zur Drittperson, wenn es um eine Bekannte oder einen
Kollegen, auch Arbeitskollegen geht (15%). In gut 10% der
Fälle waren die Drittpersonen Klienten oder Klientinnen
einer anderen Anlaufstelle, zum Beispiel eines
Anwaltsbüros oder einer sozialen Beratungsstelle.
Generell kann festgehalten werden, dass sich die
anfragenden Personen stärker um eine weibliche
Drittperson sorgten als um eine männliche. Nur gerade
in der Kategorie "PartnerIn" bereiteten die Lebenspartner
etwas mehr Sorgen. Doch ist dies durchaus vereinbar mit der
Beobachtung in Abbildung 5.10 und 5.11, die sich nun auch in
Abbildung 7.15 im Vergleich Mutter / Vater und Schwester /
Bruder bestätigt, dass bei Frauen deutlich öfter
als bei Männern eine Drittperson zum Anlass ihrer
Anfrage geworden ist. An dieser Stelle ist noch darauf
hinzuweisen, dass aufgrund dieser Beobachtung nicht
verallgemeinert werden darf, Frauen seien
"sektenanfälliger".
Ausserdem ist vor dem voreiligen Schluss zu warnen, der
hohe 25%-Elternanteil oder der 22%-Anteil der PartnerInnen
und FreundInnen repräsentierten im Grunde
Ablösungskonflikte und Beziehungskonflikte, die auf den
Schultern der "Sekten" ausgetragen würden. Solche
Momente spielten in einzelnen Fällen zwar durchaus mit
und komplizierten die Informations- und Beratungsarbeit
entsprechend. Abbildung 7.16 zeigt, dass knapp 70% der
Drittpersonen Aktivmitglieder der thematisierten Gruppen
waren und sich damit in einem völlig anderen sozialen
Kontext bewegten als die anfragenden Personen. Und auch die
Angaben zu den verschiedenen Konfliktmomenten sprechen eine
deutlich andere Sprache. (Leider sind diese Daten zum
gegebenen Zeitpunkt noch nicht ausgewertet.) Mit Verweis auf
zahlreiche über die Literatur zugängliche
Erfahrungsberichte von Ehemaligen kann jedoch mit guten
Gründen angenommen werden, dass die Missionierungs- und
Vereinnahmungspraktiken der thematisierten Gruppen nicht nur
einzelne Menschen in eine emotionale, intellektuelle und
soziale Isolation und Abhängigkeit führen
können, sondern darüberhinaus auch deren
Beziehungsnetze nachhaltig verletzen und belasten. Aus
dieser Perspektive erscheinen "Sekten" den anfragenden
Personen als soziale Stressoren, die mit ihrem
organisierten, enorm absorbierenden Einfluss auf die
Drittpersonen die kommunikative Verständigung innerhalb
des hergebrachten Beziehungsnetzes stören oder gar
verunmöglichen.


Exkurs zu Alter und Aufenthaltsdauer in einer
Gruppe
Da die Informations- und Beratungsarbeit von infoSekta
keine systematische Befragung der Anfragenden zulässt,
sind die relativ wichtigen Angaben zu Alter und der
Aufenthaltsdauer in einer Gruppe dünn ausgefallen. Das
Alter der Anfragenden konnte in nur gerade 11% aller
Fälle erfasst werden (n = 181), davon nur ein
Fünftel mit Jahrgangsgenauigkeit. Die restlichen
Angaben sind Schätzwerte aufgrund äusserer
Lebensumstände. So wurden 43% jünger als 20 Jahre
geschätzt, der grösste Teil aufgrund ihrer Angabe,
Schülerin oder Lehrling zu sein. 38% wurden zwischen 20
und 40 Jahre geschätzt, viele davon aufgrund des
Hinweises, dass sie studierten. Ab 40 Jahren war die
Einschätzung aufgrund der Lebensumstände kaum mehr
möglich. Dennoch wurden 10% zwischen 40 und 60 Jahre
eingeschätzt und 9% gar über 60 Jahre. Mit Verweis
auf die Abbildung 7.15 muss jedoch festgehalten werden, dass
damit die höheren Alterskategorien klar untervertreten
sind.
Von den anfragenden Personen, die eine direkte
Gruppenerfahrung gemacht hatten, also Aktivmitglied oder
Ehemalige waren, konnte in 18% der Fälle (n = 21) die
ungefähre Aufenthaltsdauer in einer Gruppe festgehalten
werden. Rund 64% dieser Anfragenden waren bis zu 3 Jahre in
einer Gruppe Mitglied gewesen, 36% mehr als 6 Jahre.
Interessant ist die dreijährige Lücke dazwischen.
Möglicherweise spiegelt sich hier die These, dass
Aktivmitglieder in diesem Zeitraum die stärkste
Motivationskraft in einer Gruppe erleben. Die ersten drei
Jahre sind meist geprägt von enormen
Identifikationsproblemen mit der neuen Gruppe, so dass in
dieser Zeit auch die Absprungquote relativ hoch ist. In
späteren Jahren beginnen dann bei Aktivmitgliedern oft
Langzeitfolgen durchzuschlagen, die aufgrund jahrelanger
systematischer Bedürfnisunterdrückung in den
dogmatisch-konservativen Milieus entstehen können. Die
durchschnittliche Aufenthaltsdauer beträgt 24 Monate.
Auch diese Angaben sind zwar interessant, aber kaum
repräsentativ.
Bei den thematisierten Drittpersonen sieht die Datenlage
etwas besser aus. So konnte von diesen bei rund 24% das
Alter festgehalten werden (n = 160) und bei vier
Fünfteln sogar mit Jahrgangsgenauigkeit. 31% dieser
Drittpersonen waren jünger als 20 Jahre, 60% zwischen
20 und 40 Jahren, 6% zwischen 40 und 60 Jahren und 3%
älter als 60 Jahre.
Bei gut 14% der thematisierten Drittpersonen konnte auch
deren Aufenthaltsdauer in einer Gruppe zum Zeitpunkt der
Anfrage erfasst werden (n = 93). 63% waren bis zu 3 Jahre in
einer Gruppe, 23% zwischen 3 und 10 Jahren und 14%
länger als 10 Jahre. Der Durchschnitt beträgt 29
Monate.
8. Die Anliegen und das Angebot von infoSekta
Unabhängig von der Kontaktqualität, also der
geschilderten Hintergrundsituation, bezog sich in drei
Vierteln aller Anfragen das konkrete Anliegen auf
gruppenbezogene Information und nur in einem Drittel der
Anfragen auf Beratung. In 24% der Anfragen hat infoSekta
ausschliesslich telefonisch reagiert und in 65% der Anfragen
wurde schriftlich geantwortet. In 5% der Fälle fanden
auch face-to-face Beratungen statt. Insgesamt wurden rund
500 zusammengestellte Dokumentationen und in rund 400
Fällen spezielle Unterlagen verschickt. In knapp 200
Fällen wurden die Anfragenden an eine andere Stelle
weitervermittelt, und in 86 Fällen mussten spezielle
Abklärungen vorgenommen werden.
© Juni 1994. Verein
infoSekta.
Zuständigkeit für infoSekta 1993
Präsidium
Hohler Stefan, Journalist, Gemeindepolitiker
Vorstand
Eschmann Urs, Dr. iur.
Gmür Mario, PD Dr. med. FMH Psychiater und
Psychotherapeut
Lenzin Esther, Psychotherapeutin
Schmid Georg, Prof. Dr. theol. Pfarrer
Sträuli Dieter, Dr. phil. Psychoanalytiker
Zemp Niklaus, Die Dargebotene Hand
Zingg-Zimmermann Christoph, Pfarrer
MitarbeiterInnen
Flammer Philipp, Soziologiestudent
Schaaf Susanne, lic. phil. Psychologin FSP
(Zingg-Zimmermann Christoph, Pfarrer)
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