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Tätigkeitsbericht 1991-93

 

Die Geschichte des Vereins infoSekta von 1986 bis 1994

 von Dieter Sträuli (S. 4 - 8)

 

Die Gründung des Vereins und die Eröffnung der Beratungsstelle (1986-1991)

Am Anfang von infoSekta standen eine Interpellation und ein Postulat von SP-Gemeinderat Stefan Hohler (dem späteren Präsidenten von infoSekta bis 1993). Die Interpellation vom 28. Mai 1986 betraf die Anwerbungspraktiken und Heilungsversprechen von Scientology. Der Journalist Hugo Stamm hatte im "Tages-Anzeiger" darauf hingewiesen, dass die Scientologen radioaktive Verstrahlungen (Tschernobyl!) mit Vitaminen und intensiven Sauna-Sitzungen heilen wollten. Stefan Hohler fragte: "Wie schätzt der Stadtrat die Tätigkeit der Scientology-Kirche ein? Ist der Stadtrat auch der Meinung, dass es sich bei dieser Organisation eher um ein kommerzielles Unternehmen handelt als um eine religiöse Gemeinschaft? Ist der Stadtrat gewillt, die aufdringlichen Missionierungsversuche resp. die Köderung für Persönlichkeitstests auf öffentlichem Boden zu verbieten?" Weitere Fragen betrafen mögliche Verstösse im "therapeutischen" Angebot von Scientology gegen das Gesundheitsgesetz. Die Interpellation endete mit der Frage: "Sieht der Stadtrat eine Möglichkeit, die Bevölkerung und insbesondere Jugendliche und Schüler über die Methoden der Scientology-Kirche zu informieren?" (Gemeinderat, Protokoll-Nr. 2770/1986)

In seiner Antwort vom 22. Oktober 1986 hielt der Stadtrat fest, die Scientology-Kirche werde als religiöse Vereinigung betrachtet. Es könne nicht Aufgabe einer politischen Behörde sein, zur Tätigkeit einer solchen Institution Stellung zu nehmen, solange sie nicht gegen die geltende Rechtsordnung verstosse. Gegen illegale Werbeveranstaltungen der Scientology-Kirche sei der Stadtrat übrigens immer wieder vorgegangen. Die Gesundheitsdirektion ihrerseits wisse zu wenig über die Praktiken der Scientologen, um entscheiden zu können, ob und wie diese gegen das Gesundheitsgesetz verstiessen. "In den vergangenen Jahren sind neben der Scientology-Kirche zahlreiche andere Bewegungen weltanschaulicher und religiöser Art immer wieder an die Öffentlichkeit getreten. Presse, Radio und Fernsehen haben immer wieder die Gelegenheit benützt, auf die Praktiken solcher Einrichtungen hinzuweisen, so dass die Bevölkerung hinreichend orientiert sein dürfte. Es kann auch nicht die Aufgabe der Verwaltung und der Schule sein, alle Aufgaben des Elternhauses stellvertretend oder ergänzend zu übernehmen."

Besser erging es dem Postulat. Der Gemeinderat überwies es am 4. Februar 1987 mit folgendem Text: "Der Stadtrat wird gebeten zu prüfen, ob dahin gewirkt werden kann, eine private Organisation oder einen Verein zu motivieren, sich der Frage der sogenannten neuen Jugendreligionen anzunehmen." (Protokoll Nr. 514/1987)

Bruno Hohl, erster Zentralsekretär des Sozialamtes der Stadt Zürich, sandte Stefan Hohlers Postulat Mitte Mai 1988 an verschiedene Organisationen und Personen mit der Einladung zur Stellungnahme. Unter anderem angefragt wurden Rechtsanwalt Urs Eschmann vom Anwaltsbüro Eschmann & Erni (der ehemalige Scientology-Mitglieder vertreten hatte), das Eidgenössische Departement für Auswärtige Angelegenheiten (F. Robert), die Arbeitsstelle für Jugendfragen der evangelisch-reformierten Landeskirchen (Hans-Peter Karrer), die Katholische Jugendfürsorge (Toni Brühlmann), die Stiftung Pro Juventute (Stefan Spring), Gemeinderat Stefan Hohler, die Dargebotene Hand (Niklaus Zemp), die Erziehungsdirektion des Kt. Zürich, das Institut für Angewandte Psychologie IAP (Dr. Andreas A. Müller), das Bundesamt für Kulturpflege, Frau U. Binggeli ("Beobachter"), Pfarrer Oswald Eggenberger, das Institut für Sozial- und Präventivmedizin der Universität Zürich (Prof. Felix Gutzwiller und Dr. Rainer Hornung), die Jugendberatung der Stadt Zürich (Urs Abt), das Psychologische Institut der Universität Zürich, Abt. Sozialpsychologie (Prof. Gerhard Schmidtchen), das Dekanat der Theologischen Fakultät der Universität Zürich (Prof. W. Mostert), die Schweizerische Arbeitsgruppe gegen destruktive Kulte (SADK), und der Journalist Hugo Stamm vom "Tages-Anzeiger".

Resultat dieser Bemühungen war die Gründungsversammlung eines neuen "Vereins Informations- und Beratungsstelle für Sekten- und Kultfragen", welche am 18. Januar 1990 im Amtshaus Helvetiaplatz stattfand. Es wurde eine Arbeitsgruppe gebildet, die Statuten formulieren und den Aufbau der Beratungsstelle planen sollte. Am 15. November 1990 wurde an einer Pressekonferenz der Verein "Informations- und Beratungsstelle für Sekten- und Kultfragen, infoSekta" (damals mit 28, heute mit über 40 Mitgliedern) im Volkshaus vorgestellt. Ihren Betrieb nahm die Informations- und Beratungsstelle aber erst ein Jahr später auf: Anfangs September 1991 wurden die MitarbeiterInnen und die Arbeitsräume an der Schweighofstrasse 420 der Presse vorgestellt.

 

Das Ringen um die Finanzierung (1990-1994)

Der Verein stellte sich folgenden Schlüssel für die Aufteilung der Unterstützungsbeiträge vor: ein Drittel der Kosten sollte von der Stadt und je ein weiteres Drittel vom Kanton Zürich und von den Landeskirchen (inkl. Spendengeldern) beigebracht werden. Deshalb ergingen im Frühjahr 1990 Finanzierungsgesuche an den Stadtrat, den Regierungsrat, die evangelisch-reformierte Landeskirche und die römisch-katholische Zentralkommission des Kantons Zürich. Die Verbände der römisch-katholischen sowie der evangelisch-reformierten Kirchgemeinden der Stadt Zürich lehnten am 5.11.1990 eine finanzielle Unterstützung von infoSekta ab.

Der Kirchenrat des Kantons Zürich (die Arbeitsstelle für Jugendfragen) dagegen stellte am 11. Juni 1990 einen Antrag an die Kirchensynode, Fr. 60'000.- als Beitrag für einen zweijährigen Versuchsbetrieb von infoSekta zu bewilligen. Am 20. November 1990 bewilligte die Synode zwei Raten von je Fr. 30'000.- für 1991 und 1992 unter dem Vorbehalt der Bewilligung eines entsprechenden Kredits durch die Stadt Zürich. Die römisch-katholische Zentralkommission unterstützte infoSekta mit Fr. 3'000.-. Am 6. Februar 1991 bewilligte die Finanzdirektion dem Regierungsrat Fr. 75'000.- als Starthilfebeitrag für infoSekta. Mit regelmässigen Subventionen könne anschliessend aber nicht gerechnet werden. Weitere Spenden miteingerechnet waren so ca. Fr. 150'000.- zusammengekommen, mit welchen die Informations- und Beratungsstelle aufgebaut und in Betrieb genommen werden konnte. Verschiedene Gruppen waren damit aber nicht einverstanden: Scientology Zürich und die Vereinigungskirche ("Munies") gelangten im Frühjahr 1991 wegen "Verletzung der Religionsfreiheit" mit je einer staatsrechtlichen Beschwerde gegen den Kanton Zürich und infoSekta ans Bundesgericht. Der Starthilfebeitrag von Fr. 75'000.- sei verfassungswidrig und deshalb zu streichen. Auch beim Bezirksrat reichten die Scientologen Klage ein (wegen des budgetierten Betrags von Fr. 40'000.-). In seiner schriftliche Begründung zum Urteil vom 14.2.92 anerkannte das Bundesgericht aber den einmaligen Beitrag aus dem Lotteriefonds als verfassungskonform, da infoSekta keine eigenen Glaubensansichten vertrete und gemeinnützige Ziele verfolge (BGE 118 Ia 46).

Ein Jahr nach Betriebsaufnahme machte die Beratungsstelle im Winter 1992/93 eine finanzielle Krise durch, welche die Weiterführung der Informations- und Beratungsstelle ernstlich in Frage stellte. Den MitarbeiterInnen der 60%-Stelle wurde vorsorglich gekündigt; man erwog einen Umzug in günstigere Räumlichkeiten und verabschiedete eine Tarifliste für persönliche Beratungen gegen Entgelt. Gleichzeitig startete infoSekta eine intensive Kampagne, um neben der öffentlichen Hand, privaten Vereinen und Kirchgemeinden einen Kreis von regelmässigen GönnerInnen als solide Finanzgrundlage aufzubauen. Spendenaufrufe gingen an ehemalige Ratsuchende, Vereinsmitglieder und Institutionen. Heute darf der Verein auf 150 SpenderInnen und ebenso viele regelmässige GönnerInnen zählen.

Seither hat sich die finanzielle Situation entschärft: Das kantonale Steueramt anerkannte den Verein infoSekta als gemeinnützige Institution und befreite ihn von den Steuern. Die auf ein Postulat der Gemeinderätinnen Maya Burri und Kathy Riklin hin durch einen Parlamentsentscheid in der Budgetdebatte 1991 bewilligten Fr. 40'000.- für infoSekta wurden im Herbst 1993 ausbezahlt. Zwei private Stiftungen haben infoSekta Fr. 10'000.- bzw. Fr. 20'000.- zugesprochen. In der Zwischenzeit konnten finanzielle Engpässe dank weiteren Zuwendungen vorläufig überwunden werden.

 

Zur Tätigkeit der Beratungsstelle

infoSekta war stets bemüht, ihre Tätigkeit auf der Basis von klaren und expliziten Handlungskriterien auszuüben. In diesem Zusammenhang wurden auch ein Leitbild (1991) und ein Arbeitskonzept (1992) formuliert, in denen der Tätigkeitsbereich und die Merkmale für jene "Sekten" und Gruppen festgehalten werden, die Gegenstand der Arbeit von infoSekta sind. Haupttätigkeit der Beratungsstelle war vom ersten Tag an die telefonische Beratung von Ratsuchenden durch die MitarbeiterInnen Philipp Flammer, Susanne Schaaf und Christoph Zingg. Andere Anfragen wurden schriftlich beantwortet, oft wurden auch persönliche Beratungsgespräche geführt (vgl. infoSekta-Statistik).

MitarbeiterInnen und Vorstandsmitglieder informieren nach wie vor über das Sektenthema im Rahmen einer regen Vortragstätigkeit in Schulen, bei Behörden und privaten Vereinen. (Schon vor der Eröffnung der Beratungsstelle organisierte der Verein zusammen mit dem VSU und verschiedenen studentischen Fachvereinen im Sommersemester 1991 an der Universität Zürich eine öffentliche Veranstaltungsreihe zum Thema Sekten und Fundamentalismus.) Sie besuchen internationale Kongresse und Tagungen zum Thema Sekten (Berlin 1992, Athen 1993) und stehen in regem Erfahrungsaustausch mit in- und ausländischen Schwesterorganisationen. Anfang Oktober 1992 half infoSekta mit, eine Veranstaltung mit dem amerikanischen Sektenspezialisten Steven Hassan zu organisieren. Hassan hielt einen öffentlichen Vortrag und leitete anschliessend einen zweitägigen Workshop zum Thema Ausstiegsberatung. Sein wichtiges Buch dazu ist inzwischen in deutscher Sprache unter dem Titel "Ausbruch aus dem Bann der Sekten &endash; Psychologische Beratung für Betroffene und Angehörige" (1993) im Rowohlt-Verlag erschienen.

Im November 1992 organisierte infoSekta einen Vortrag mit Andreas Schlothauer zum Thema "Manipulation zur Unfreiheit". Er hatte als ehemaliges Mitglied der Aktionsanalytischen Organisation (AAO) des Wiener Aktionisten Otto Mühl ein Buch über diese Psychosekte geschrieben. Als Dank für die Gönnerinnen und Gönner lud infoSekta im November 1993 zu einem Vortragsabend mit Beiträgen zu folgenden Themen ein: Sekten und das Recht, der VPM und die Schule, das UFO-Phänomen.

In den Medien sind Verein und Beratungsstelle recht präsent. MitarbeiterInnen und Vorstandsmitglieder werden häufig für Interviews und Gesprächsrunden aufgeboten. Das Fachwissen des Vorstandes und der Mitarbeiter wird von Fernsehen, Radio und Presse häufig in Anspruch genommen. Verlautbarungen des Vereins wurden von den Medien in den meisten Fällen übernommen.

Parallel zur Informations- und Beratungstätigkeit läuft der Aufbau einer Dokumentation mit ca. 700 Büchern, Broschüren und Mappen mit Zeitschriftenartikeln zu zahlreichen Organisationen und Themen. Kommentierte Literaturlisten werden an Interessierte abgegeben. Zu etwa 40 Gruppen wurden spezielle Dokumentationen zusammengestellt. Selbstverständlich erfüllt infoSekta die Verpflichtungen des neuen Datenschutzgesetzes, was allerdings mit beträchtlichem Arbeitsaufwand verbunden ist.

 

Ausblick und Anliegen

Anliegen der Informations- und Beratungsstelle für die Zukunft wären:

  1. eine Erhöhung des Umfangs der Beratungstätigkeit, u.a. in Form der Ausweitung der Telefonpräsenz;
  2. das Aufarbeiten von Materialien für das Archiv und die Dokumentation;
  3. die Herausgabe einer eigenen Schriftenreihe. Ein Anfang ist gemacht mit einer eben erschienenen Broschüre, die Prof. Kind für infoSekta verfasst hat. Sie basiert auf dem Studium von umfangreichem Quellenmaterial zu Scientology (als Vorbereitung für Hearings vor politischen Gremien zweier deutscher Bundesländer);
  4. das selbständige Organisieren von Informationsveranstaltungen für verschiedene Zielgruppen zu verschiedenen Themen.

 

© Juni 1994. Verein infoSekta.


 

 

 

Die Informations- und Beratungsarbeit vom 2. September 1991 bis 31. Dezember 1993 (infoSekta-Statistik)

 von Philipp Flammer (S. 9 -23)

 

  1. Vorbemerkung
  2. Anfragedichte
  3. Geographische Verteilung der Anfragen
  4. Institutioneller Hintergrund und Geschlecht der Anfragenden
  5. Gruppenerfahrung, Kontaktanlass und Kontaktqualität
  6. Thematisierte Gruppen
  7. Thematisierte Drittpersonen
  8. Die Anliegen und das Angebot von infoSekta

 

1. Vorbemerkung

Von Beginn an bestand bei infoSekta das Bedürfnis, die Informations- und Beratungsarbeit seriös zu evaluieren, um die Angebote möglichst gut auf die Anliegen der Anfragenden ausrichten zu können. Da der eigentliche Aufbau der Stelleninfrastruktur praktisch gleichzeitig mit der Eröffnung der Beratungsarbeit begann, verfügte infoSekta jedoch erst seit Anfang 1993 über ein den Stellenbedürfnissen angepasstes EDV-System. Die Nacherfassung der Anfrageprotokolle erfolgte massgeblich in der zweiten Hälfte 93. Das Datenmaterial ist damit weitgehend eine interpretative Nachbearbeitung von Handschriften verschiedener Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sowie anderer schriftlicher Unterlagen. Die Datengrundlage kann allerdings als gut bewertet werden.

 

2. Anfragedichte

Bis Ende 1993 wurden 1633 Fälle (N) registriert, 9 davon entfallen auf die Zeit vor der eigentlichen Stelleneröffnung im September 1991. Die meisten Kontakte zwischen den Anfragenden und infoSekta waren einmalige Kontakte (79%). In 14% der Fälle nahm die anfragende Person ein zweites Mal zur selben Angelegenheit mit infoSekta Kontakt auf, und in 7% der Fälle erfolgten gar dritte und weitere Kontaktnahmen. Personen, die in einer weiteren Angelegenheit Kontakt aufnahmen, wurden als neue Fälle registriert. Insgesamt repräsentieren die 1633 Fälle also mindestens 2085 Kontaktnahmen mit der Beratungsstelle. Der erste Kontakt mit infoSekta erfolgte nur unwesentlich häufiger telefonisch (51%) als schriftlich (47%).

Die registrierten Fälle können jedoch keineswegs als das gesamte Nachfragepotential für die infoSekta-Dienstleistung angesehen werden. Aus finanziellen Gründen konnte infoSekta nur einen zeitlich stark begrenzten Telefondienst unterhalten. Zu Beginn waren es jeweils vier Stunden pro Woche (Mittwoch von 9 - 13 Uhr). Anfang Oktober 92 bis Anfang Januar 93 musste der Telefondienst für 15 Wochen gar völlig eingestellt werden, um die gesamte Arbeitskraft in die effizientere Organisation der Büroinfrastruktur und in die Finanzbeschaffung investieren zu können. Seither ist der Telefondienst begrenzt auf lediglich zwei Stunden pro Woche (Donnerstag von 9 - 11 Uhr).

Abbildung 2.1 zeigt, dass das restriktivere Telefondienstangebot seit September 92 eine gewisse Verlagerung der Erstkontakte auf den schriftlichen Weg zur Folge hatte.

Und auch Abbildung 2.2 mit der Gegenüberstellung von protokollierten Fällen und telefonischen Kontaktversuchen, die auf dem in der Zwischenzeit installierten Telefonbeantworter registriert wurden, macht deutlich, dass die schlechte Erreichbarkeit von infoSekta ein beachtliches Frustrationspotential verursachen dürfte. Ob sich dieses Potential über den schriftlichen Weg genügend abbauen konnte, ist fraglich. Sicher leisten hier andere Personenkreise wie die Schweizerische Arbeitsgemeinschaft gegen Destruktive Kulte (SADK), die Aufklärungsgemeinschaft über Scientology und Dianetik (AGSD) oder kirchliche Stellen einen entlastenden Beitrag.

Einige Durchschnittswerte: Bis zum 31. Dezember 1993 wurden verteilt auf 122 Betriebswochen 318 Telefonstunden angeboten. Insgesamt sind die Telefonstunden während 17 Wochen ausgefallen. Angeboten wurden durchschnittlich also rund 3 Stunden pro Woche. Insgesamt wurden 830 Telefonate bearbeitet. Das sind rund 2.6 Telefonate pro Telefonstunde. Berücksichtigt man sämtliche 1478 Protokolle, also auch Briefe und Faxe, die während den 105 Wochen mit angebotenen Telefonstunden registriert wurden, sind das 4.6 Protokolle pro Telefonstunde oder 14 Protokolle pro Betriebswoche mit Telefonstunden. Insgesamt wurden 3729 Anrufversuche registriert, wobei die Werte für 21 Wochen verloren oder vergessen gegangen sind. Das sind knapp 37 Anrufversuche pro registrierter Betriebswoche, oder bezogen auf jene Wochen, in denen Telefonstunden angeboten wurden, knapp 13 Anrufversuche pro angebotener Telefonstunde oder gut 36 registrierte Anrufversuche pro Betriebswoche mit Telefonstunden.

 

Zur Kontaktqualität

Die Kontakte mit infoSekta können inhaltlich grob wie folgt bewertet werden: In 44% der 1633 protokollierten Fälle äusserten die Anfragenden lediglich ein informatives Interesse. 34% schilderten Situationen, in denen sie sich herausgefordert oder bedroht fühlten, jedenfalls genötigt sahen, sich eingehender mit der Situation auseinanderzusetzen, um zu einer Entscheidung zu gelangen. Der Kontakt nahm in diesen Fällen über die Informationsvermittlung hinaus einen beratenden Charakter an. Und 21% der Anfragenden formulierten gar Situationen, in denen sie einen Verlust erlitten oder sonst geschädigt worden waren und nun die Folgen zu bewältigen hatten. Zwar war der Kontaktcharakter auch in diesen Fällen vor allem ein beratender und vermittelnder, doch können sie als eigentliche Problemfälle gelten. Allerdings war die Unterscheidung zwischen "beratend" und "Problemfall" nicht immer einfach und sollte daher als fliessend betrachtet werden.

Abbildung 2.3 zeigt das Verhältnis zwischen informativen und beratenden Kontakten pro Betriebsmonat, wobei hier die Beratungs- und Problemfälle zusammengefasst wurden.

 

3. Geographische Verteilung der Anfragen

Beinahe die Hälfte aller Anfragen (N) kam aus dem Kanton Zürich (48%), und etwa ein Drittel verteilt sich auf weitere Deutschschweizer Kantone, wobei der grösste Teil auf die drei Kantone Bern, Aargau und St. Gallen fällt (17%; vgl. Abbildung 3.4 und 3.6). Rund 13% aller Anfragen verteilen sich auf die sieben Kantone Thurgau, Zug, Luzern, Solothurn, die beiden Basler Halbkantone &endash; wobei hier eine ähnliche Stadt-Land-Verteilung auffällt wie im Kanton Zürich (vgl. unten) &endash; sowie auf den Kanton Schwyz. Weitere 4% aller Anfragen verteilen sich auf neun weitere Deutschschweizer Kantone. Die 3% der Anfragen aus der Romandie und dem Tessin verteilen sich je zu einem Viertel auf die drei Kantone Waadt, Tessin und Genf, und zu einem Viertel auf weitere Westschweizer Kantone.

Innerhalb des Kantons Zürich (n = 787) verteilen sich die Anfragen praktisch gleich häufig zwischen der Stadt Zürich (50%) und dem übrigen Kanton, wobei hier 34% der zürcherischen Anfragen vor allem auf die fünf Bezirke Horgen, Dietikon, Meilen, Bülach und Uster fallen und interessanterweise nur gerade 15% auf die sechs Bezirke Dielsdorf, Winterthur, Hinwil, Pfäffikon, Affoltern und Andelfingen (vgl. Abbildung 3.5).

 

4. Institutioneller Hintergrund und Geschlecht der Anfragenden

Gut zwei Drittel aller Anfragenden (69%) haben sich entweder eindeutig aus einer individuellen Initiative heraus an infoSekta gewandt oder dann keine weiteren Angaben zu einem institutionellen Hintergrund gemacht, so dass ein individuelles Interesse vermutet werden konnte. Bei diesen Privatanfragen überwogen die Frauen im Verhältnis 3 : 2 (vgl. Abbildung 4.7 ). 31% der Anfragenden gaben zu verstehen, dass ihre Kontaktnahme mit infoSekta vor einem bestimmten institutionellen Hintergrund (Behörde, Medien etc.) erfolgt ist. In dieser Gruppe überwiegen die Männer beinahe im gleichen Verhältnis wie vorher die Frauen bei den Privatanfragen. Insgesamt aber suchten nur unwesentlich mehr Frauen (51%) als Männer (46%) den Kontakt mit infoSekta.

 Rund ein Viertel der Anfrager und Anfragerinnen mit institutionellem Hintergrund sind im Rahmen ihrer sozialen (Berufs-)Tätigkeit an infoSekta herangetreten, zum Beispiel Psychologinnen und Psychiater, Sozialarbeiterinnen und Anwälte (Abbildung 4.8 ). 33% der Anfragenden mit institutionellem Hintergrund stammten aus dem Bildungs- und dem Medienbereich (z.B. Lehrerinnen und Journalisten). Bei den 12% jener Personen, die sich mit einer bestimmten Gruppe oder "Sekte" identifizierten, ist auf das "umgekehrte Vorzeichen" bei der Kontaktqualität aufmerksam zu machen: Als "beratend" wurden oben jene Kontakte definiert, in denen die anfragende Person eine Situation schilderte, durch die sie sich herausgefordert und bedroht fühlt. Im Normalfall wurde dann infoSekta um Unterstützung angegangen. Umgekehrt kann natürlich von entsprechenden Personen auch die sektenkritische Tätigkeit von infoSekta als herausfordernd und bedrohend wahrgenommen werden. Die "beratende" Kontaktqualität erhielt unter diesem Vorzeichen dann den Charakter einer konfrontativen Auseinandersetzung, wobei der Anteil jener Anfragenden, die sich mit einer Gruppe identifizierten und die tatsächlich Beratung und nicht die Konfrontation suchten, sich quantitativ nicht weiter herausdifferenzieren lässt. Er ist allerdings eher als klein einzuschätzen.

 

5. Gruppenerfahrung, Kontaktanlass und Kontaktqualität

36% aller Anfragenden schilderten keine eigene, direkte Erfahrung mit einer Gruppe, sondern sahen sich indirekt über eine Drittperson aus ihrem Beziehungsnetz mit einer Gruppe konfrontiert (Abbildung 5.9 ). Typischerweise handelt es sich in dieser Gruppe um Eltern, Partner und Kolleginnen von Personen, die im Banne einer solche Gruppe stehen (vgl. unter 7: "Thematisierte Drittpersonen"). 12% berichteten von einem persönlichen ersten Kontakt ohne weitere Mitgliedschaft oder Teilnahmebereitschaft. Es handelt sich dabei vornehmlich um Personen, die missioniert worden sind, entweder flüchtig auf der Strasse oder schon über erste Einführungskurse und -seminarien. Die direktesten Erfahrungen mit einer Gruppe machten wohl die aktiven Gruppenmitglieder unter den Anfragenden selber und auch die ehemaligen Gruppenmitglieder.

In der Abbildung 5.9 sind sie zusammengefasst worden (7% aller Anfragenden). Auch hier ist zu bemerken, dass in der Kategorie "Aktive und Ehemalige" die Bewertung "beratend" sowohl konfrontative als auch konstruktive Auseinandersetzungen beinhaltet. 23% gaben eine andere Erfahrung dazu an, wie sie auf das Thema "Sekten" oder eine Gruppe gestossen waren. Entsprechend vielfältig ist denn auch diese Gruppe: recherchierende Medienleute, andere sich informierende Beratungsstellen oder Schülerinnen und Schüler, die einen Aufsatz zum Thema schreiben müssen usw.

Wird die Gruppenerfahrung geschlechtsspezifisch aufgeschlüsselt (Abbildung 5.10), so sticht vor allem der annähernd doppelt so grosse Anteil von Frauen gegenüber Männern auf, die eine indirekte Gruppenerfahrung gemacht hatten, während in den beiden direkteren Erfahrungskategorien das Verhältnis in etwa ausgeglichen ist. Interessant ist denn auch der knapp um ein Viertel kleinere Anteil Frauen als Männer bei jenen Personen, die über eine andere Erfahrung auf das Thema gestossen waren und sich vor allem informieren wollten.

Ein ähnliches Bild zeigt sich, wenn der eigentliche Kontaktanlass der Anfragenden untersucht wird. Als Kontaktanlass in Abbildung 5.11 wurde nicht einfach das vordergründige Anliegen der Person erfasst, sondern versucht, das gesamte Protokoll nach dem eigentlichen Grundthema des Kontaktes zu bewerten, die Frage also: Was war die tatsächliche Interessens- oder Besorgnislage der anfragenden Person? Dass die indirekte Gruppenerfahrung über eine Drittperson in Abbildung 5.10 annähernd identisch ist mit dem Grundthema "Drittperson" in Abbildung 5.11, ist einerseits zwar auf die begrenzten Möglichkeiten der Datenerfassung zurückzuführen (als Gruppenerfahrung konnte nur das erfasst werden, was von den Anfragenden geäussert wurde), andererseits aber doch bemerkenswert: Offensichtlich führte die indirekte Gruppenerfahrung nicht zu einem besonderen Interesse für die Gruppe, sondern wurde Grund zur Besorgnis um diese Drittperson und damit Anlass, mit infoSekta Kontakt aufzunehmen. Abbildung 5.11 zeigt, dass Männer das Interesse für einzelne Gruppen oder gruppenbezogene Themen im Vergleich mit der Besorgnis um eine Drittperson sehr klar in den Vordergrund stellten. Bei den Frauen stand die Besorgnis um die Drittperson gegenüber dem Interesse für Gruppen im Vordergrund, doch der Unterschied ist bedeutend weniger deutlich als bei den Männern.

Abbildung 5.12 verweist ebenfalls deutlich auf geschlechtsspezifisch unterschiedliche Bedürfnisse, die an die Informations- und Beratungsstelle infoSekta herangetragen wurden: Im Vergleich zu den Frauen war der Kontakt von seiten der Männer deutlich stärker informativ geprägt. Sind Männer in persönlichen Angelegenheiten zurückhaltender und haben sie mehr Mühe, sich jemandem anzuvertrauen und offen über ihre Probleme zu sprechen?

 

6. Thematisierte Gruppen

Welche Gruppen und Themen kamen nun tatsächlich und wie häufig zur Sprache? Abbildung 6.13 gibt einen Überblick über die Gruppen, auf die sich die meisten Anfragen bezogen. Dazu muss betont werden, dass diese Liste keine Wertung oder "Sekten"-Etikettierung ist, sondern eine Rangierung nach der Häufigkeit der Anfragen bezüglich einer Gruppe. Zudem wurden nur jene 1165 Anfragen berücksichtigt, die ausschliesslich eine Gruppe konkret beim Namen nannten (72% aller Anfragen). Jene 7% der Anfragenden, die gleich eine "Sammelbestellung" an Informationen zu mehreren Gruppen aufgaben, sind hier ebensowenig berücksichtigt wie jene 12%, die sich thematisch allgemein für "Sekten" interessierten. Dennoch ist das damit entstandene Bild erstaunlich und bezeichnend. Die rund 180 Gruppen, auf die sich die 1165 Anfragen verteilen, vermitteln einen deutlichen Eindruck von der enormen Pluralisierung auf dem gegenwärtigen Weltanschauungsmarkt. Und dass Scientology, der Verein zur Förderung der Psychologischen Menschenkenntnis und evangelikal-fundamentalistische Christen zu den Spitzenreitern gehören, wird jene kaum erstaunen, welche die Ereignisse der letzten Jahre aufmerksam mitverfolgt haben.

Auf Scientology bezogen sich rund 14% der 1165 Anfragen. Dieser grosse Anteil ist erstaunlich, wenn man bedenkt, dass es in Zürich eine eigens auf Scientology und Dianetik spezialisierte Aufklärungsgruppe gibt. Die AGSD steht engagiert Scientology-Geschädigten mit Rat und Tat zur Seite und dürfte damit die infoSekta-Arbeit stark entlasten. 26% der Anfragen verteilen sich auf den VPM, auf Landmark Education und auf die Pfingstbewegungen, wobei hier anzumerken ist, dass unter "Pfingstbewegung" verschiedene pfingstlerisch-evangelikale Gruppierungen zusammengefasst werden. Mit einem 6%-Anteil folgen die apokalyptischen Zeugen Jehovas, und weitere 8% verteilen sich auf die Vereinigungskirche des südkoreanischen Messias San Myung Mun, die Internationale Gesellschaft für Krishna-Bewusstsein (oder kurz die "Hare Krishnas") und auf den Verein infoSekta selber.

Die folgenden 7 Gruppen, angefangen von der Bewegung des indischen Guru Sri Chinmoy bis zur Neuapostolischen Kirche, decken mit einem Mittelwert von knapp 20 Anfragen pro Gruppe weitere 12% ab, die letzten 7 Gruppen der Liste weitere 8% (Mittelwert: 12 Anfragen pro Gruppe). Nicht mehr aufgeführt sind knapp 20 weitere Gruppen mit durchschnittlich 6 Anfragen und über 50 Gruppen mit durchschnittlich 2 Anfragen, die zusammen die restlichen 18% der Anfragen abdecken. Noch zurückzukommen ist auf die an 5. Stelle aufgeführten "diversen Namen". Diese Kategorie beinhaltet rund 90 einzelne Gruppen, die konkret mit Namen angegeben worden sind. Viele unter diesen konnten mangels genauerer Kenntnisse nirgends zugeordnet noch beurteilt werden. Die "diversen Namen" symbolisieren damit sozusagen den Pendenzenberg anstehender Recherchierarbeit. Interessant ist die relativ geringe Zahl an Anfragen zum Opus Dei (35. Rang) und anderen katholikalen Gruppen. Offensichtlich vermochte die Oppositionsbewegung in der Geschichte rund um Bischof Haas in Chur genügend kritische innerkatholische Kräfte zu mobilisieren, so dass sich die von solchen Gruppen Betroffenen vermutlich direkt an die entsprechenden kirchlichen Kreise wandten und infoSekta damit entlasteten.

So verschieden inhaltlich die einzelnenen Gruppen sein können, gemeinsam ist ihnen praktisch durchwegs ein stark autoritär ideologisiertes Gruppenmilieu, das wenig bis keine Möglichkeiten für individuelle Selbstentfaltung zulässt. Einige können durchaus auch als Organisationen mit vereinnahmenden und totalitären Tendenzen bezeichnet werden, wie zum Beispiel Scientology, Jehovas Zeugen, ISKCON, die Kinder Gottes, die Vereinigungskirche oder die Sri Chinmoy-Bewegung.

Will man den Versuch wagen, die einzelnen Gruppen einem bestimmten weltanschaulichen Hintergrund zuzuordnen, lässt sich in etwa das Bild in Abbildung 6.14 herausschälen. Diese Zuordnung ist gerade im "Zeitalter des synkretistischen New Age" natürlich nicht unproblematisch, zu sehr verschmelzen in den einzelnen Gruppen oft Elemente aus verschiedenen weltanschaulichen Kulturen. Besonders schwer fällt die Zuordnung zum esoterischen und hinduistischen (inklusiv buddhistischen) Weltanschauungshintergrund, da hier ideologisch und methodisch meist eine sehr enge Wechselbeziehung besteht. Zumindest macht die Abbildung 6.14 aber deutlich, dass die "Sektenproblematik", die etwa beschrieben werden kann als eine Polarisierung zwischen einer orthodoxen Fundamentalopposition und modernen offenen und lernbereiten Kräften, praktisch in sämtlichen weltanschaulichen Bereichen der Gesellschaft zu finden ist.

Die Angaben zu den thematisch orientierten Anfragen sind zum gegebenen Zeitpunkt noch nicht ausgewertet. Allgemein kann jedoch gesagt werden, dass neben dem pauschalen Interesse für "Sekten", was immer dieser Begriff auch für die Anfragenden bedeutete, oft die Frage im Vordergrund stand, warum Menschen in eine Sekte gehen bzw. wie Menschen in eine Sekte hineingezogen werden. Wachsendes Interesse finden auch die Themen rund um Okkultismus, Satanismus und Magie.

 

7. Thematisierte Drittpersonen

Wie schon aus Abbildung 5.11 ersichtlich geworden ist, war der Kontaktanlass für einen beachtlichen Teil der Anfragenden eine Drittperson. In den 40% der Anfragen, in denen es um eine Drittperson ging, waren beinahe die Hälfte dieser thematisierten Drittpersonen Frauen (47%) und etwa ein Drittel Männer. Bei 15% der Drittpersonen ist das Geschlecht nicht klar geworden. In 18% all dieser Anfragen war die anfragende Person Mutter und in 6% Vater der thematisierten Drittperson (vgl. Abbildung 7.15). In gut 7% ging es um Geschwister, wobei deutlich öfter die Schwester infoSekta kontaktierte, und in gut 3% der Fälle um die Eltern, war die anfragende Person also Sohn oder Tochter der thematisierten Drittperson. 8% der Anfragenden standen in einem etwas entfernteren Verwandtschaftsverhältnis zur Drittperson, waren also Grosseltern, Tanten, Cousinen oder Neffen. Bemerkenswert hoch ist der 12%-Anteil jener Personen, bei denen es um den Partner oder die Partnerin ging, die also Ehegatte oder Lebensgefährtin waren. Eine ähnliche soziale Nähe kann auch bei den 9% der Anfragenden in der Kategorie "FreundIn" vermutet werden. Die Unterscheidung zwischen "PartnerIn" und "FreundIn" war nicht immer eindeutig und einfach. Zudem kann in der Kategorie "PartnerIn" weitgehend davon ausgegangen werden, dass es sich um heterosexuelle Beziehungen handelte, während in der Kategorie "FreundIn" auch ein beachtlicher Anteil gleichgeschlechtlicher Beziehungen enthalten ist. Grösser ist die soziale Distanz der anfragenden Person zur Drittperson, wenn es um eine Bekannte oder einen Kollegen, auch Arbeitskollegen geht (15%). In gut 10% der Fälle waren die Drittpersonen Klienten oder Klientinnen einer anderen Anlaufstelle, zum Beispiel eines Anwaltsbüros oder einer sozialen Beratungsstelle.

Generell kann festgehalten werden, dass sich die anfragenden Personen stärker um eine weibliche Drittperson sorgten als um eine männliche. Nur gerade in der Kategorie "PartnerIn" bereiteten die Lebenspartner etwas mehr Sorgen. Doch ist dies durchaus vereinbar mit der Beobachtung in Abbildung 5.10 und 5.11, die sich nun auch in Abbildung 7.15 im Vergleich Mutter / Vater und Schwester / Bruder bestätigt, dass bei Frauen deutlich öfter als bei Männern eine Drittperson zum Anlass ihrer Anfrage geworden ist. An dieser Stelle ist noch darauf hinzuweisen, dass aufgrund dieser Beobachtung nicht verallgemeinert werden darf, Frauen seien "sektenanfälliger".

Ausserdem ist vor dem voreiligen Schluss zu warnen, der hohe 25%-Elternanteil oder der 22%-Anteil der PartnerInnen und FreundInnen repräsentierten im Grunde Ablösungskonflikte und Beziehungskonflikte, die auf den Schultern der "Sekten" ausgetragen würden. Solche Momente spielten in einzelnen Fällen zwar durchaus mit und komplizierten die Informations- und Beratungsarbeit entsprechend. Abbildung 7.16 zeigt, dass knapp 70% der Drittpersonen Aktivmitglieder der thematisierten Gruppen waren und sich damit in einem völlig anderen sozialen Kontext bewegten als die anfragenden Personen. Und auch die Angaben zu den verschiedenen Konfliktmomenten sprechen eine deutlich andere Sprache. (Leider sind diese Daten zum gegebenen Zeitpunkt noch nicht ausgewertet.) Mit Verweis auf zahlreiche über die Literatur zugängliche Erfahrungsberichte von Ehemaligen kann jedoch mit guten Gründen angenommen werden, dass die Missionierungs- und Vereinnahmungspraktiken der thematisierten Gruppen nicht nur einzelne Menschen in eine emotionale, intellektuelle und soziale Isolation und Abhängigkeit führen können, sondern darüberhinaus auch deren Beziehungsnetze nachhaltig verletzen und belasten. Aus dieser Perspektive erscheinen "Sekten" den anfragenden Personen als soziale Stressoren, die mit ihrem organisierten, enorm absorbierenden Einfluss auf die Drittpersonen die kommunikative Verständigung innerhalb des hergebrachten Beziehungsnetzes stören oder gar verunmöglichen.

Exkurs zu Alter und Aufenthaltsdauer in einer Gruppe

Da die Informations- und Beratungsarbeit von infoSekta keine systematische Befragung der Anfragenden zulässt, sind die relativ wichtigen Angaben zu Alter und der Aufenthaltsdauer in einer Gruppe dünn ausgefallen. Das Alter der Anfragenden konnte in nur gerade 11% aller Fälle erfasst werden (n = 181), davon nur ein Fünftel mit Jahrgangsgenauigkeit. Die restlichen Angaben sind Schätzwerte aufgrund äusserer Lebensumstände. So wurden 43% jünger als 20 Jahre geschätzt, der grösste Teil aufgrund ihrer Angabe, Schülerin oder Lehrling zu sein. 38% wurden zwischen 20 und 40 Jahre geschätzt, viele davon aufgrund des Hinweises, dass sie studierten. Ab 40 Jahren war die Einschätzung aufgrund der Lebensumstände kaum mehr möglich. Dennoch wurden 10% zwischen 40 und 60 Jahre eingeschätzt und 9% gar über 60 Jahre. Mit Verweis auf die Abbildung 7.15 muss jedoch festgehalten werden, dass damit die höheren Alterskategorien klar untervertreten sind.

Von den anfragenden Personen, die eine direkte Gruppenerfahrung gemacht hatten, also Aktivmitglied oder Ehemalige waren, konnte in 18% der Fälle (n = 21) die ungefähre Aufenthaltsdauer in einer Gruppe festgehalten werden. Rund 64% dieser Anfragenden waren bis zu 3 Jahre in einer Gruppe Mitglied gewesen, 36% mehr als 6 Jahre. Interessant ist die dreijährige Lücke dazwischen. Möglicherweise spiegelt sich hier die These, dass Aktivmitglieder in diesem Zeitraum die stärkste Motivationskraft in einer Gruppe erleben. Die ersten drei Jahre sind meist geprägt von enormen Identifikationsproblemen mit der neuen Gruppe, so dass in dieser Zeit auch die Absprungquote relativ hoch ist. In späteren Jahren beginnen dann bei Aktivmitgliedern oft Langzeitfolgen durchzuschlagen, die aufgrund jahrelanger systematischer Bedürfnisunterdrückung in den dogmatisch-konservativen Milieus entstehen können. Die durchschnittliche Aufenthaltsdauer beträgt 24 Monate. Auch diese Angaben sind zwar interessant, aber kaum repräsentativ.

Bei den thematisierten Drittpersonen sieht die Datenlage etwas besser aus. So konnte von diesen bei rund 24% das Alter festgehalten werden (n = 160) und bei vier Fünfteln sogar mit Jahrgangsgenauigkeit. 31% dieser Drittpersonen waren jünger als 20 Jahre, 60% zwischen 20 und 40 Jahren, 6% zwischen 40 und 60 Jahren und 3% älter als 60 Jahre.

Bei gut 14% der thematisierten Drittpersonen konnte auch deren Aufenthaltsdauer in einer Gruppe zum Zeitpunkt der Anfrage erfasst werden (n = 93). 63% waren bis zu 3 Jahre in einer Gruppe, 23% zwischen 3 und 10 Jahren und 14% länger als 10 Jahre. Der Durchschnitt beträgt 29 Monate.

 

8. Die Anliegen und das Angebot von infoSekta

Unabhängig von der Kontaktqualität, also der geschilderten Hintergrundsituation, bezog sich in drei Vierteln aller Anfragen das konkrete Anliegen auf gruppenbezogene Information und nur in einem Drittel der Anfragen auf Beratung. In 24% der Anfragen hat infoSekta ausschliesslich telefonisch reagiert und in 65% der Anfragen wurde schriftlich geantwortet. In 5% der Fälle fanden auch face-to-face Beratungen statt. Insgesamt wurden rund 500 zusammengestellte Dokumentationen und in rund 400 Fällen spezielle Unterlagen verschickt. In knapp 200 Fällen wurden die Anfragenden an eine andere Stelle weitervermittelt, und in 86 Fällen mussten spezielle Abklärungen vorgenommen werden.

 

© Juni 1994. Verein infoSekta.


 

 

Zuständigkeit für infoSekta 1993

 

Präsidium

Hohler Stefan, Journalist, Gemeindepolitiker

 

Vorstand

Eschmann Urs, Dr. iur.

Gmür Mario, PD Dr. med. FMH Psychiater und Psychotherapeut

Lenzin Esther, Psychotherapeutin

Schmid Georg, Prof. Dr. theol. Pfarrer

Sträuli Dieter, Dr. phil. Psychoanalytiker

Zemp Niklaus, Die Dargebotene Hand

Zingg-Zimmermann Christoph, Pfarrer

 

MitarbeiterInnen

Flammer Philipp, Soziologiestudent

Schaaf Susanne, lic. phil. Psychologin FSP

(Zingg-Zimmermann Christoph, Pfarrer)