Darstellung und Stellungnahme zur Zürcher ISKCON 2009

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von Julia Stüssi


1. Kurzübersicht ISKCON (Hare-Krishna-Bewegung): 1.1. Die Gründung

Die International Society for Krishna Consciousness (ISKCON) wurde von A.C.Bhaktivedanta Swami Prabhupada (mit bürgerlichem Namen: Abhay Charan De, 1896-1977) im Jahr 1966 gegründet. Der Bengale hatte ursprünglich Volkswirtschaft und Englisch studiert und darauf ein weltliches Leben geführt. In den fünfziger Jahren kündigte er aber seine Stelle in der chemischen Industrie und verliess seine Familie, um Hindu-Mönch zu werden. 1965 schiffte er sich beinahe mittellos nach den USA ein, mit dem Vorhaben, das Krishna-Bewusstsein in der westlichen Welt zu verbreiten. Ein Jahr später gründete er in New York die ISKCON.

Prabhupads Methode der Missionierung war das tägliche Singen oder Chanten des wichtigsten Mantras Hare Krishna, Hare Krishna, Krishna, Krishna, Hare, Hare, Hare Rama, Hare Rama, Rama, Rama, Hare Hare (1)  (Mahamantra) in der Öffentlichkeit. Dieses Mantra bestimmt aber auch den Gebetsalltag der Devotees (2) (siehe weiter unten).

Bald nach der Gründung von ISKCON sandte Prabhupada einen Beauftragten nach Europa, um auch dort Tempel aufzubauen. Auf dessen Frage, wie dabei vorzugehen sei, antwortete Prabhupada, er solle sich, sobald er aus dem Flugzeug ausgestiegen sei, auf eine Wiese setzen und das Hare Krishna-Mantra chanten. Wenn sich eine Menge gebildet habe, möge er doch etwas zum Krishna-Bewusstsein sagen und um eine Spende für die Mission bitten. Und in der Tat wurde bald in Hamburg ein Tempel eröffnet, nachfolgend weitere in verschiedenen europäischen Städten.

Der erste schweizerische Tempel wurde in den siebziger Jahren in Genf bezogen, im Jahre 1981 löste diesen der Zürcher Tempel an der Bergstrasse ab. Nach der heutigen Sprecherin der ISKCON Zürich, Sacisuta Devidasi (bürgerlich Sabina Zahn), gibt es zur Zeit drei offizielle ISKCON-Projekte: Neben dem Zürcher Tempel existiert je eine aktive Gruppe in Langenthal/Bern sowie in Locarno. Daneben gebe es einige aktive „Hauskreise“, die zwar nicht offizielle Projekte der ISKCON seien, aber viele Aktivitäten unternehmen, so zum Beispiel in St.Gallen.

 

1.2. Governing Body Commission (GBC) und die Gurus

Als Prabhupada 1977 starb, übertrug er die Leitung der ISKCON einer Gruppe von elf so genannten „Successor Gurus“, die der bereits früher von ihm gebildeten zwanzigköpfigen Governing Body Commission (GBC) entstammten. Diese Nachfolge-Gurus teilten sich daraufhin ihre Einflussbereiche in geographische Zonen ein, für welche jeweils einer der Gurus zuständig war (3).

In den 80er Jahren kam es zu verschiedenen Streitigkeiten unter den Gurus, die mitunter zu gegenseitigen Ausschlüssen und Abspaltungen führten. Der Öffentlichkeit wurde bekannt, dass einige der Nachfolge-Gurus und andere Spitzenfunktionäre der ISKCON in Waffen- und Drogengeschäfte, sogar vereinzelt in Mordfälle, verwickelt waren. Es kam zu Prozessen und die ISKCON stand im Rampenlicht der Medien.
In den USA beispielsweise wurde der Amerikaner Kirtananda Swami Bhaktipada (mit bürgerlichem Namen: Keith Ham) wegen Anstiftung zum Mord an einem Krishna-Anhänger zu 30 Jahren Haft verurteilt. Kirtananda hatte auf einem grossen Farmgelände eine eigene Anhängerschaft um sich gesammelt, die die ISKCON zu spalten drohte. Erst im Jahre 1993 gelang es der GBC, die Schwierigkeiten in den USA zu überwinden und die Anhängerschaft Kirtanandas wieder in die ISCKON zu integrieren.

Noch heute ist die GBC das organisatorische Gremium der ISKCON weltweit. Seit Prabhupadas Tod ist es die Instanz, die die in der ISKCON anerkannten Gurus legitimiert. Letzteres verläuft, so Sacisuta, wie folgt: Potentielle Anwärter für den Guru-Status werden auf eine Art Liste gesetzt und warten, bis der GBC den entsprechenden Beschluss fällt. Die Anwärter seien alle Menschen, die jahrelange ISKCON-Erfahrung aufwiesen. Mit der Ernennung zum Guru wird die Erlaubnis, Schüler einzuweihen, vergeben. Seit 2009 sei es auch Frauen erlaubt, „Guru“ zu werden, wobei die weibliche Form Gurvi lautet. Die Einweihung von Mitgliedern wird derzeit von ungefähr 70 von der ISKCON anerkannten spirituellen Meistern vorgenommen (4). 

„GBC zu sein“, bedeutet nicht automatisch, auch Guru zu sein, und umgekehrt sind Gurus auch nicht notwendigerweise in der GBC. Es gibt jedoch auch Amtsträger beider Titel bzw Aufgaben. Die GBC umfasst derzeit ungefähr 35 Mitglieder, ihr Sitz befindet sich in Mayapur, Indien. Die Vorgaben der GBC werden von den nationalen und örtlichen ISKCON-Verbänden ausgestaltet. Die örtlichen Zentren verwalten sich selbst, der zuständige GBC kommt gelegentlich zu Besuch und nimmt an den Sitzungen der verschiedenen Verwaltungsgremien teil, er ist die oberste organisatorische Autorität. Nach Sacisuta sind es die Aufgaben des jeweils für eine geographische Zone zuständigen GBCs, sich einen Überblick zu verschaffen über die verschiedenen Projekte, den Tempelpräsidenten in seinen Anliegen zu unterstützen und letztlich eine gewisse Kontrolle auszuüben, ob alles im Sinne der ISKCON läuft.
Zur Frage, wie sich die Aufgaben von GBC und Guru unterscheiden, antwortet Sacisuta: „Auf der organisatorischen Ebene gilt das Wort vom GBC. Das Wort von meinem Guru entscheidet
nur auf meiner persönlichen Ebene.“ (5)

1.3. Hintergrund der ISKCON-Tradition

Die ISCKON reiht sich in eine spezifische Form der Vishnu-Verehrung innerhalb des Hinduismus ein. In dieser Tradition der Gaudyia Vaishnavas (6) wird Krishna als höchste Verkörperung Vishnus gesehen (und nicht etwa umgekehrt, wie in anderen hinduistischen Glaubensrichtungen).
Dieser Gaudyia-Vaisnavismus geht zurück auf einen hinduistischen Mönch und Ekstatiker namens Chaitanya, der im 16. Jahrhundert in Bengalen lebte. Seine besondere Form der Krishna-Verehrung war der Kirtan, also die Verehrung von Gott durch Singen und Tanzen.  Chaitanyas engste Vertraute und Nachfolger begründeten eine Traditionskette von „Heiligen Meistern“, als deren Fortsetzung sich die ISKCON sieht. Verehrt wird jedoch nicht nur Gott Krishna selbst sondern auch Chaitanya, der als Herabkunft oder Avatar Gottes begriffen wird (7).

Schrift und Lehre

Die ISKCON orientiert sich an den vedischen Offenbarungsschriften, einer Fülle verschiedener Texte des Hinduismus. Neben der Bhagavata-Purana („Srimad Bhagvatam“) ist die wichtigste heilige Schrift der ISKCON die aus dem 2. Jh. v.Chr. stammende Bhagavad-Gita, der „Gesang der Erhabenen“, ein Teil des grossen Hindu-Epos „Mahabharata“ (8) . Inhaltlich geht es um folgenden Plot: Der in die Schlacht ziehende Prinz Arjuna und sein Wagenlenker Krishna diskutieren drei Wege zum Heil, die von den Hindus allgemein anerkannt werden: Karma-marga, der Weg der Tat, Jnana-marga, der Weg der Erkenntnis, und Bhakti-marga, der Weg der liebenden Hingabe an den „Höchsten Persönlichen Gott“. Die Schrift ist verschiedentlich übersetzt und kommentiert worden, die in der ISKCON verwendete Ausgabe stammt von Praphupada und trägt den Namen „Bhagavad-Gita, wie sie ist.“.

Entsprechend allgemein-hinduistischer Vorstellung glaubt die ISKCON an einen wiederkehrenden Zyklus von vier verschiedenen Zeitaltern, die jeweils mehrere tausende Jahre lang dauern. Dabei ist das Kali Yuga, das gegenwärtige Zeitalter, das düsterste und unmoralischste von allen. Begonnen hat dieses nach hinduistischer Auffassung mit dem Tode Krishnas 3102 v.Chr. und es dauert zur Zeit noch etwa 427 000 Jahre. Nach ISKCON-Lehre hat der Mönch Chaitanya als einzige Erlösungsform aus diesem gegenwärtigen schlechten Zeitalter das Chanten angegeben und vorgelebt. Das Chanten des Mahamantras soll den Geist rein halten, denn durch seine transzendenten Lautschwingungen werde das Mantra Krishna im Bewusstsein der Menschen lebendig halten (9).  Entsprechend soll auch jeder Devotee das Mahamantra täglich 1728 mal singen, das entspricht 16 Runden auf einer rosenkranzartigen Kette, deren 108 einzelnen Kugeln zum Zählen der gesungenen Mantren dienen. Das Chanten, auch Sankirtan genannt, dauert im Schnitt eineinhalb bis zwei Stunden. Die Meditation „über dem Klang des Namens von Krishna“ ist eines der Kernstücke in der Praxis des ISKCON-Gläubigen.

Die ISKCON geht davon aus, dass durch das Singen und Durchdenken des heiligen Namen Gottes die Seele wieder mit dem ursprünglichen Gottesbewusstsein gefüllt wird und damit bereit wird zu liebender, dienender Hingabe. Dadurch soll das karmische Rad der Wiedergeburten angehalten werden und die Seele in unendliche Glückseligkeit eingehen.  Auch Prabhupada stellte Krishna als transzendenten, von der Materie nicht berührten persönlichen Gott dar. Entsprechend wird die Seele als das eigentliche Selbst verstanden, das laut dem Heilsversprechen der ISKCON durch das Krishna-Bewusstsein von der Materie befreit werden wird um im ewigen, glückseligen Gegenüber zu dem persönlichen Gott zu leben (10). Der materiellen Realität wird einen sekundären Stellenwert zugesprochen, da alle Materie letztlich Maya (Illusion) sei, die es zu überwinden gilt, da sonst nur Leiden entsteht. Der eigene Körper wird als Gefährt für das eigentliche Selbst, die Seele, verstanden. Es gilt, diesen rein und gesund zu halten, damit er den Befreiungsweg der Seele nicht stört; man soll sich aber nicht damit identifizieren.

Durch die zelebrierte ekstatische Bhakti-Frömmigkeit fällt die ISKCON aus dem Rahmen der indischen Gurubewegungen im Westen. Bhakti ist eine besondere Form hinduistischer Frömmigkeit. Es handelt sich um eine stark gefühlsbetonte (liebende) Hingabe an eine Gottheit bzw. deren Manifestationen (11). Die höchste Form der Hingabe ist die Liebe zu Krishna als dem Geliebten der Seele. Krishna-Bewusstsein ist also eine religiöse Liebesbeziehung, in der die Krishna-Anhänger „die weibliche Rolle spielen“ (12).
Auch die Verehrung von Götterbildern spielt eine grosse Rolle. Krishna, seine Gespielin Radha, sein Bruder Balarama und andere Gottheiten und Heilige werden täglich in stundenlangem Tempeldienst mit traditionellem Zeremoniell verehrt (13). Das gemeinsame und bisweilen auch öffentliche Singen und Tanzen wird als Ausdruck der liebenden Hingabe an Krishna und wichtiges Mittel der Mission verstanden.

Die ISKCON anerkennt die Ordnung der Kasten und Lebensstadien (Varnasrama Dharma). Allerdings wird die Zugehörigkeit zu einem der vier Hauptkasten durch Charakter und Verhalten bestimmt und nicht durch Geburt. Wer Krishna-Mönch werden will, muss auch Brahmane, also Angehöriger der obersten Kaste werden wollen. Die Bhagavad-Gita ordnet den Brahmanen folgende „natürlichen“ Charaktereigenschaften zu: „Friedfertigkeit, Selbstbeherrschung, Entsagung, Reinheit, Duldsamkeit, Ehrlichkeit, Wissen, Weisheit und Religiosität“ (14). Herkömmlich wurde darunter der Priester- und Gelehrtenstand verstanden.

Die vier Prinzipien

Des Weiteren sind die von Prabhupada aufgestellten vier Prinzipien Regelwerk des Alltages eines Devotee.


1. Beschränkung auf geopferte und vegetarische Nahrung: Alles, was der Devotee zu sich nimmt, soll „Krishna geweiht“ sein. Er soll ausserdem keine tierische Nahrung (kein Fleisch, kein Fisch, keine Eier) zu sich nehmen, aber auch keine Zwiebeln, keinen Koblauch und keine roten Linsen. Die vegetarische Nahrung erklärt sich mit dem Prinzip der Gewaltlosigkeit, die übrigen Grundsätze ergeben sich aus einer Legende, die letzlich besagt, dass Zwiebeln, Knoblauch und rote Linsen aus dem Leichnam einer vergrabenen getöteten Kuh und damit aus einer Sünde entstanden seien. 


2. Keine Einnahme von Drogen (mit eingeschlossen sind Stimulantien wie Alkohol, Kaffee, Tee): Von Medikamenten wird grundsätzlich schon Gebrauch gemacht, wobei unterschieden wird, ob damit der Körper geheilt wird oder ob eine Abhängigkeit entsteht, letzteres soll vermieden werden.


3. Verzicht auf Geschlechtsverkehr, ausser er dient gezielt dem Zeugen von Kindern innerhalb der Ehe: Körperliche Lust per se wird dem Bereich der Maya (Illusion) zugerechnet und versperrt den Weg zur Ananda (Glückseligkeit). Diese absolute Verdrängung von Sexualität aus dem Leben der Mitglieder wurde verschiedentlich als eine der Ursachen der Misshandlungsfälle in den achtziger Jahren postuliert und kritisiert.


4. Der Verzicht auf jegliches Glücksspiel und auf Kapitalspekulation: Hinter diesem Prinzip stehe der Grundsatz der Wahrhaftigkeit, ausserdem solle nichts unnötig aufs Spiel gesetzt werden, so Sacisuta.

Der Tagesablauf im Zürcher Tempel

Der Tagesablauf im Tempel ist vorgeschrieben. Der Devotee steht morgens ungefähr um 4 Uhr auf und reinigt seinen Körper, um darauf um halb fünf zur einstündigen, „heiligen Morgenzeremonie“ gerufen zu werden. Man singt, geht im Kreis herum, tanzt, ein Priester (Pujari) bringt Opfergaben dar. Von fünf bis sieben Uhr wird individuell das Hare Krishna-Mantra gechantet. Um acht gibt es eine Lesung inklusive Frage- und Antwortteil. Erst um neun wird das Frühstück gereicht. Nach dem Frühstück werden praktische Tätigkeiten ausgeführt, so beispielsweise das Reinigen des Tempels, Kochen, Haushaltsarbeiten, Seminare durchführen, Bücher schreiben, Seelsorge etc. Ungefähr um 14 Uhr gibt es Mittagessen. Alle Tempelbewohner sollten sich zudem mindestens zwei Stunden am Tag dem Studium heiligen Texte widmen. Um 19 Uhr findet eine kleine Abendzeremonie statt, um 19.30 Uhr eine Bhagavad-Gita-Vorlesung. Um 20.15 Uhr erfolgt das Abendessen, dann geht man früh zu Bett, je nach individuellem Schlafbedürfnis.


Wie erwähnt, wird Krishna als Person, als persönlicher Gott, verstanden. Als solcher wird er als Gott gesehen, der „wie jede Person“ Bedürfnisse hat, so Sacisuta. Die Devotees der ISKCON haben die Aufgabe, diese Bedürfnisse von Krishna wahrzunehmen und zu befriedigen. Letztlich werden alle Tätigkeiten im Tempel als Dienst an Krishna verstanden: Die Tempelbewohner singen für ihn, bringen ihm (in Form einer Statue) Essen, waschen ihn und ziehen ihn um, lassen ihn ein Schläfchen machen. Diese Verehrungsformen in den Tempeln werden von Priestern durchgeführt und erfolgen nach rituellen Abläufen. Aber auch die Arbeiten im Haushalt oder in der Küche werden als „zu Diensten Krishna gemacht“ verstanden, schliesslich, so Sacisuta, seien Gäste im Tempel Krishnas Gäste, und das Haus sollte für sie in seinem Sinne im Stande gehalten werden. Vor Krishna wird also nicht unterschieden, welche alltägliche Tätigkeit durchgeführt wird, denn alle Handlungen werden verstanden als Bemühungen für das Wohlbefinden Krishnas.
Aber auch ausserhalb des Tempels lebende Devotees weihen ihr Tun Krishna. Ein Beispiel bietet das Darbringen des Essens. Ein Devotee isst grundsätzlich nichts, was nicht vorher Krishna dargebracht worden ist. Erst, wenn es ihm geweiht wurde, darf es gegessen werden.
Im Tempel funktioniert das wie folgt: Es wird von jedem Gericht, das für eine Mahlzeit gekocht wird, ein Teil abgeschöpft und durch einen Priester in einem Ritual Krishna geweiht. Das Ritual besteht hauptsächlich im Singen bestimmter Mantren während er das Essen auf einem besonders schönen Teller Krishna darbringt, und einige rituellen Handlungen vollzieht. Danach wird dieses Essen zurück in die jeweilige Töpfe gebracht, wodurch das gesamte Essen nun Krishna-geweiht ist und genossen werden kann. Es kann aber auch direkt als sogenanntes MahaPrasadam, als besonders geweiht, verteilt werden.
Ein Devotee, der ausserhalb des Tempels lebt, kann das Ritual des Darbringens auch im Hausaltar selber vornehmen. Wichtig seien dann, so Sacisuta, vor allem die Mantren. Je nachdem, wie die Umstände seien, könne man das Ritual natürlich nicht immer ganz durchführen, manchmal sein man halt unterwegs und kaufe ein Brötchen, dann versuche man das Mantra im Geist aufzusagen.

2. Entwicklung der Bewegung und aktueller Stand in Zürich: 2.1. Entwicklung in den letzten 20 Jahren aus der Sicht von Ehemaligen

Die ISKCON organisiert sich zu einem gewissen Grad lokal. Zwar ist nach wie vor das GBC das organisatorische Gremium von ISKCON weltweit, wie genau die Vorgaben des GBCs aber umgesetzt werden, bleibt oft auf regionaler Ebene unterschiedlich.
Um sich ein wenig an die lokale Tempelkultur und ihre Geschichte heranzutasten, wurden Gespräche mit zu unterschiedlichen Zeiten im Tempel involvierten Personen geführt. Die entsprechenden Abschnitte sind von den Interviewpartnern autorisiert. Im Folgenden soll anhand dieser ausschnittsweisen Darstellungen eine grobe Skizze wesentlicher Punkte der Entwicklung der letzten zwanzig, dreissig Jahre gezeichnet werden.
Eine entscheidende Wende in der Entwicklung der Gruppe scheint, zumindest im deutschsprachigen Raum, der Austritt des damals zuständigen GBC-Mitglieds und Gurus Harikesa Vishnupad im Jahr 1998 gewesen zu sein. Als erstes wenden wir uns also den Konsequenzen von Vishnupads Austritt zu, um danach Veränderungen der nachfolgenden Jahre im Zürcher Tempel zu thematisieren.

Rolf Erharts* Perspektive

Um diesen Wendepunkt darzustellen, soll im Folgenden das ehemalige ISKCON-Mitglied Rolf Erhart*, der sich zu einem Interview zur Verfügung gestellt hat, zu Wort kommen. Erhart war in den achtziger Jahren einige Jahre lang Mitglied im Zürcher Tempel. Er hat die Entwicklung der Gruppe im Verlauf der Jahre weiterhin verfolgt.
Er sei kein typischer Aussteiger, betont Erhart gleich zu Beginn. Sein Ausstieg damals, Mitte achziger Jahre, sei problemlos verlaufen, obwohl das nicht die Regel gewesen sei. Im Gegenteil, „damals war es üblich, Druck auszuüben, um die Leute zurückzuholen“(15).
Erhart erzählt, dass man in den Jahren seiner Mitgliedschaft im Zürcher Tempel einen „Gorilla“, so Erhart, im Einsatz hatte, dessen Job es war, diejenigen einzuschüchtern, die sich distanziert hatten oder die einfach bei Nacht und Nebel abgehauen waren. Der Mann mit dieser Aufpasser-Rolle sei jeweils auf die Leute, die aus dem Tempelleben austreten wollten, angesetzt worden. Er habe die Abtrünnigen zuhause aufgespürt, im Elternhaus, oder wo auch immer, und sie mit Drohungen eingeschüchtert. Erhart schätzt, dass der „Gorilla“ bis zu zwei Drittel der Aussteiger so nachhaltig beeindrucken konnte, dass sie ihren Austritt wieder rückgängig gemacht haben und in den Tempel zurückgekehrt sind. „Und bei mir hat man das nicht probiert.“ Erhart bestätigt, dass sowohl mit den Mitteln der Lehre als auch mit „höherer Gewalt“ gedroht wurde. Mit „höherer Gewalt“ meint Erhart, dass den Aussteigewilligen gesagt wurde, dass Ihnen etwas Schlimmeres, das heisst, Schicksalsschläge wie zum Beispiel Krankheit, Unfall oder sozialer Niedergang, zustossen würde. „Vor allem Frauen wurden massiv verfolgt und aufgesucht. Das ist heute nicht mehr der Fall, die Situation hat sich stark verändert, seit Vishnupad gegangen ist. Früher war es knallhart, straff organisiert. Jetzt kann jeder machen, was er will.“

 

 

*Name geändert

Der einflussreiche Harikesha Swami Vishnupada

Der plötzliche und unvorhersehbare Ausstieg von Vishnupad im Jahr 1998 schockierte unzählige Devotees. Harikesha Vishnupad war zuständiger Guru für das deutschsprachige Gebiet und gleichzeitig der Verantwortliche für den Krishna-Verlag Bhaktivedanta Book Trust (BBT), den er erfolgreich ausbaute (16). Er war ein persönlicher Bekannter und Schüler des ISKCON-Begründers Praphupada und somit mit dem hohen Status der direkten Schülernachfolge der ISKCON-Gurus versehen. Von vielen wurde er fast dem Gründer ebenbürtig angesehen. Vishnupad, der mit bürgerlichem Namen Robert Campagnola heisst, war einer der engagiertesten und radikalsten einweihenden Gurus. Obwohl die ISKCON-Mitglieder bereits seit Ende der 80er Jahre frei waren in der Wahl ihres Gurus war der charismatische Vishnupad eine leitende Figur im Leben vieler Devotees. Sein überraschender Ausstieg 1998 riss deshalb eine Lücke in das ISKCON-System. Für seine Schüler, die ihm, wie verlangt, ganz ergeben waren, brach ein Stück des ganzen Regelsystems zusammen. 


Im Eintrag zur Person Robert Campagnola auf der englischsprachigen Wikipedia ist zu erfahren, dass er einen Zusammenbruch erlitt, sich daraufhin therapieren liess und sich aufgrund der Liebe zu seiner Therapeutin, die von der Seite ISKCONs nicht toleriert wurde, auf einen Schlag von der ISKCON und seinem Guru-Amt abwandte. In einem öffentlichen Schreiben lässt Campagnola verlauten, dass er an der Auswegslosigkeit seiner Lage verzweifelte, als die finanzielle Basis seines Reformprogrammes bei ISKCON wegen eines Börseneinbruches bedroht war. Er habe seine Verantwortungen, einschliesslich seines Postens bei der GBC, nicht mehr wahrnehmen können, weil er derart von der Last seiner Sorgen gelähmt sei und keine Lösung für alle diejenigen, die von ihm abhängten, mehr sah. Die Konsequenz dieses Zustandes beschreibt er wie folgt:
 
„My body collapsed and I ended up in the hospital. Due to my extremely weakened condition, a well-wisher sent a healer to help me. She gave me energy and assisted me to recover within a fraction of the time one would have expected under the circumstances. Being extremely grateful to her and also finding a kindred spirit, I grew to love her as a person. Although this relationship was fleeting, it assisted me to find a way to love myself and others in a personally meaningful manner. The negative reaction of those around me to my developing awareness and transformation increased the gap between us. As the leaders of ISKCON sought out a way to separate me from the movement to protect the devotees from what they felt was dangerous to their spiritual health, I internally and externally distanced myself from the fundamental value structures of the movement, from its philosophy, and especially the way in which it limited human relations, familial relations, and personal love." (17) (Hervorherbungen von JS)

Mit dieser radikalen Kritik, dass die Bewegung menschliche, familiäre Beziehungen sowie persönliche Liebe einenge, verunsicherte Vishnupad gewiss unzählige seiner Anhänger und Anhängerinnen. Rolf Erhart beschreibt die Reaktionen der Devotees und der anderen Gurus dazu:
„Als er ausgetreten war, standen alle unter Schock. Keiner wollte darüber reden und keiner wusste, was los war. Die Vishnupad-Schüler hat man einfach hängen gelassen und kein Wort gesagt. Und die Prabhupad-Schüler haben versucht, das Problem untereinander zu lösen. Sie hatten natürlich einen Erklärungsnotstand: Wie kann das passieren, dass der Top-Guru plötzlich nicht mehr will? Man hat das dann so erklärt: überlastet, Nervenzusammenbruch, dann hat ihn die Frau reingezogen. Ich würde das im Nachhinein anders formulieren: Ich würde sagen, dass er eben auch Gefühle verdrängt hatte und fanatisch war. Das hat ihn nachher wieder eingeholt. Er war es ja auch, der die Frauen schlechtgemacht hat: Die Frauen waren quasi vom Teufel und wollten nur Männer verführen, die Männer hinunterziehen und ablenken... Er war der Hardliner, er war gegen die Heirat. Heute gibt’s die Heirat, weil keiner mehr da ist, der sie verbietet.“(16) 
Erhart verzeichnet einen Einbruch der auschliesslichen Guru-Autorität von einem Tag auf den anderen:
„Das Gebiet vom Vishnupad [das deutschsprachige Gebiet], das waren sowieso die Extremen, die Hardliner. In anderen Gebieten war man von Anfang an viel lockerer. Vishnupad war die absolute Autorität früher. Alle haben gemacht, was er gesagt hat. Als er nachher weggefallen war, musste plötzlich jeder selber schauen, was er macht. Einige sind dann ausgetreten, andere sind geblieben, ohne einen neuen Guru anzunehmen. Wieder andere sind geblieben und haben einen neuen Guru gesucht. Von meinen ehemaligen gottgeweihten Kollegen leben die meisten heute ohne Guru.“(17)

Auch auf der Seite der Gurus sei eine neue Willkür ausgebrochen. Es hätten sich plötzlich neue Prabhupad-Schüler, die zuvor unbekannt gewesen seien, selber zu Gurus ernannt. Niemand habe ihnen das verbieten können, da sie ja direkte Prabhupad-Schüler waren. Erhart meint, es gäbe vielleicht noch fünf oder zehn dieser Prabhupad-Schüler, die „den Guru spielen im deutschsprachigen Raum“. Sie wohnen, so Erhart, nicht im Tempel, sondern an einem anderen Ort, manche zögen auch ohne festen Wohnsitz herum. In Zürich gäbe es keinen klaren Top-Guru mehr.

2.2. Exkurs: Der Stellenwert des Guruismus in der ISKCON

An dieser Stelle soll die Art der Beziehung des Devotees zu seinem Guru, ob er nun zugewiesen wird oder selbst gewählt, kurz angesprochen werden, denn der Guruismus ist ein wiederholt vorgebrachtes Argument in der Diskussion um die Problematik der ISKCON. Kernpunkt dabei ist die autoritäre Position des Gurus sowie die damit verbundenen Abhängigkeitsverhältnisse der Devotees. Der Gehorsam gegenüber dem Guru soll absolut sein, der Schüler begibt sich in eine bewusste und völlige Unterordnung zum Meister. Kritik oder eigenmächtige Entscheidungen werden unter Umständen nicht toleriert.
Der Gründer Prabhupada verlangte in seinen Anmerkungen zur Bhagavad-gita ausdrücklich, dass man einen sprirituellen Meister anzunehmen hat:
„Das Annehmen eines spirituellen Meisters ist unbedingt notwendig, denn ohne die Anweisungen eines echten spirituellen Meisters kann man in der spirituellen Wissenschaft keinen Fortschritt machen. Man sollte sich dem spirituellen Meister in grösster Demut nähern und ihm alle Dienste anbieten, so dass es ihm gefallen möge, dem Schüler seine Segnungen zu erteilen. Der spirituelle Meister ist der Repräsentant Krsnas, und wenn ein solcher echter spiritueller Meister seinem Schüler seine Segnungen gewährt, macht dieser Schüler sogleicht grossen Fortschritt, selbst wenn er nicht alle regulierenden Vorschriften befolgt.“(18)

Dass jemand seinen eigenen spirituellen Weg findet oder verschiedene religiöse Elemente kombiniert, lehnte Prabhupada strikte ab. Nur durch das unterwürfige Dienen an Krishna und am Guru könne man Fortschritte in der spirituellen Entwicklung machen:
„Niemand kann zu spiritueller Verwirklichung gelangen, indem er sich seinen eigenen Weg fabriziert, wie es heute bei törichten Heuchlern Mode geworden ist. [..] Der Pfad der Religion wird direkt vom Herrn festgelegt. Deshalb können einem gedankliche Spekulationen oder trockene Argumente nicht helfen, auf den richtigen Pfad zu gelangen. Ebenso kann man durch ein unabhängiges Studium von Büchern des Wissens keinen Fortschritt im spirituellen Leben mache. Man muss sich an einen echten spirituellen Meister wenden, um Wissen zu empfangen. Einen solchen spirituellen Meister sollte man annehmen, indem man sich ihm völlig ergibt, und man sollte ihm wie ein unterwürfiger Diener, ohne falschen Stolz, dienen.“ (19)

Grundsätzlich ist nicht auszuschliessen, dass man durch einen Lehrmeister für eine bestimmte Phase weiterkommen mag, und dessen Vorschlägen befolgt. Problematisch wird die Beziehung dann, wenn die Autorität des Gurus absolut und unkritisierbar wird. Diese Art von Beziehung kann ungeachtet der sichtbaren Strukturen einer Organisation entstehen und ist von aussen nur bedingt einschätzbar.

Guru-Wahl im Tempel heute

Ein weiterer Kenner der Entwicklungen der Zürcher ISKCON ist Krishna Chandra, mit bürgerlichem Namen Andreas Wolf, der dem ISKCON-Gedankengut noch immer nahe steht. Von 1990 bis 2002 hatte Krishna Chandra im Zürcher Tempel inoffiziell die Funktion des Präsidenten inne und ist dann aus der Institution ISKCON ausgetreten. Auch er hat sich zu einem Gespräch bereit erklärt. Krishna Chandra bejaht, Präsident gewesen zu sein, während die heutige Sprecherin der ISKCON, Sacisuta, die durch Krishna Chandras letzten Einführungskurs zur ISKCON kam, festhält, dass es zu dieser Zeit den offiziellen Präsidenten nicht gegeben habe. Krishna Chandra sei eindeutig der charismatische Typ des siebenköpfigen Tempelrates gewesen und auch der deutlich aktivste. Zudem habe er die Rolle des Pressesprechers übernommen – deswegen habe man ihn wohl als Präsidenten wahrgenommen. Auf die Frage hin, durch wen der Tempelpräsident in Zürich zu seiner Zeit gewählt wurde, lacht Krishna Chandra: „Ehrlich gesagt war es so: Niemand wollte die Funktion übernehmen, und dann musste sich halt jemand dafür opfern.“ (20)
Krishna Chandra war im Zürcher Tempel in der Zeit der Neudefinition nach Vishnupads Abgang um das Jahr 2000 sicher eine zentrale Figur. Von Sektenexperte Georg O. Schmid ein „kritischer Geist“ genannt, ist er in der Zeit seines „Präsidiums“ nicht nur auf Zustimmung gestossen.
Nach eigenen Aussagen hat Krishna Chandra durch Abstecher in die Bereiche anderer Glaubensrichtungen eine fundierte Auseinandersetzung mit dem eigenen Glauben gesucht. So gab es beispielsweise Exkursionen in diverse Klöster oder Buddhismus-Seminare. Krishna Chandra suchte nach eigenen Angaben interreligöse Begegnungen um den eigenen Glaubens-Standpunkt auch mal zu verlassen und zu hinterfragen. Tatsächlich wurden während des „Tempelpräsidiums“ von Krishna Chandra auch Gurus, die nicht der ISKCON angehörten, aber Gurus der Gaudiya-Bewegung waren, von ihm als einweihende, persönliche „Wahl-Gurus“ vorgeschlagen und eine zeitlang vom GBC geduldet. Mittlerweile hat er sich aber gegen Krishna Chandras Kurs ausgesprochen, dieser hat sich mitunter deshalb von der Organisation distanziert und gründete im Tessin ein unabhängiges Zentrum (21).


In einem gewissen Sinn wirkt sich Vishnupads Austritt bis heute im Zürcher Tempel aus. Obwohl jeder Devotee selber entscheiden konnte, ob er einen Guru wollte und welchen, so war Vishnupad doch eine wichtige und anziehende Autoritätsfigur. Die direkte Schülernachfolge nach Prabhupada hat also an Verbindlichkeit verloren, die ungebrochene Legitimationskette mit unhinterfragter Autorität hat einen Bruch erlitten. Dabei ergeben sich auch gruppeninterne Probleme, so Erhart, der einen ihm bekannten Fall schildert:
„Es gibt zur Zeit einen Jungen im Tempel, der hätte gerne einen Guru, aber er findet keinen, der zu ihm passt. Früher war es einfach, da hiess es: Das ist der Guru, ihm musst du dich hingeben. Und heute müssen sie sich selber einen Guru suchen, der ihnen passt, wenn sie einen wollen. [...]Der Junge war letztes Jahr in Indien, wollte einen indischen Guru suchen. Nach vier, fünf Monaten ist er zurückgekommen ohne einen Guru gefunden zu haben und ist jetzt einfach hier und schaut und hofft, dass er jemanden findet, dem er vertrauen kann.“

Das Bedürfnis nach einer einzigen spirituellen Autorität ist also zumindest in vorliegendem Fall durchaus vorhanden. Durch die freie Wahl eines Gurus scheint auch dem Zweifel an der Tauglichkeit oder der Überzeugungskraft eines spirituellen Meisters Raum gegeben zu sein. Positiv formuliert hätte das Mitglied, das keinen Guru findet, die Möglichkeit, sich auf seine Urteilskraft – worauf immer sich diese beziehen mag – zu verlassen und wäre dem Mechanismus der unangezweifelten Hingabe an einen vorgesetzten Führer nicht unbedingt untergeordnet.
Allerdings birgt diese Situation auch ein Risiko: wenn ein junger Anhänger intensiv aus eigenem Antrieb sucht, kann die Gefahr des haltlosen Vergötterns umso grösser werden, wenn denn ein Guru gefunden wird. Ganz grundsätzlich ist eine kritiklose Abhängigkeit letztlich auch von einem selbstgewählten Guru möglich. Und selbst wenn keine Abhängigkeit zum lebenden Guru entstehen sollte, so gibt es Hinweise darauf, dass die Autorität, die einem einweihenden Guru nun abhanden gekommen sein mag, zurück auf die Idolisierung der Gründerfigur des Prabhupada fällt.

„Prabhupada-Fundamentalismus“

Die Verehrung von Prabhupada innerhalb der ISKCON kann jederzeit ganz konkret dargestellt besichtig werden: Im Zürcher Tempel stehen zwei lebensgrosse Wachsfiguren von Prabhupada, die regelmässig frisch bekleidet werden. Eine davon sitzt direkt im Tempelraum in einem kleinen Schrein, die andere im Zimmer, das eigentlich ein kleines Praphupada-Museum ist. Letztere Figur sitzt an einem niedrigen Tisch und schreibt gerade einen Brief, die Dinge auf dem Tischchen sind lebensecht um ihn herum drapiert.
Zur täglichen Verehrung Krishnas kommt auch die tägliche Verehrung des Gurus hinzu, die anhand der Wachsfigur vollzogen wird: in einer Zeremonie wird die Figur Prahupadas umgezogen. Er werde aber nicht, so Sacisuta, den ganzen umsorgt wie Krishna. Es werde jeweils ganz spontan entschieden, wer die Zeremonie durchführe.


Die grundsätzliche autoritäre Struktur, die sich nach Erhart gelockert haben soll, weil Vishnupad ausgetreten ist und die Nachfolgegurus keine so einheitliche und ausschliessliche Autorität mehr erlangt haben, hat sich nicht eigentlich gelockert. Vielmehr hat sie sich auf die Verehrung des verstorbenen Prabhupada verschoben und auf die religiösen Schriften, womit sowohl die vedischen, als auch diejenigen aus der Feder des Gründers gemeint sind. Dieser Meinung ist auch der Sektenspezialist Georg O. Schmid, der in einem Schreiben an die Autorin festhält, dass die Öffnungsphase nach dem Austritt von Vishnupad heute vorbei sei. „Es zeigt sich eine Art Prabhupada-Fundamentalismus: Wurde vor wenigen Jahren noch eingeräumt, dass Prabhupad auch Fehler unterliefen, scheint das heute wieder undenkbar zu sein. Im Tempel wird meines Erachtens deutlicher auf die Einhaltung der Regeln geachtet als auch schon.“ (22) Auch Erhart meint auf die Frage, ob die Devotees nicht ebenso als eigenständige, mündige Subjekte über ihr Leben entscheiden, jetzt wo sie keine Gurus mehr haben, dass sie sehr wohl noch von aussen bestimmt würden und zwar durch „die vedischen Schriften oder durch Prabhupads Ausführungen. Er ist jetzt die Autorität.“ Krishna Chandra betont diesen Aspekt ebenfalls. Kritik an Prabhupada anzubringen sei in der ISKCON eine heikle Sache. Man gebe dem Gründer nach wie vor einen überdimensionierten Status, insbesondere die GBC propagiere diesen Umgang. Krishna Chandra hält die „Überidealisierung, das Benötigen einer hundertprozentigen Kongruenz mit allen Aussagen des Gurus“ für ein grundsätzliches Fehlverständnis eines jeglichen spritituellen Meisters.
Krishna Chandra sieht ein Problemfeld der ISKCON im Umgang mit der Schrift, der einem religiösen Fundamentalismus, wie er in verschiedenen Gemeinschaften bestehe, nahe komme, und der nicht reflektiert oder thematisiert werde. Bestimmte Schriftinhalte würden eins zu eins übernommen, insbesondere die Schriften des Gründers.  Bei ISKCON werde jeder Brief von Prabhupada als relevant befunden. Es gebe noch alte Schüler, „die meinen, jedes Wort von Praphupada sei wichtig und diese Vertreter werden vom Tempel auch mit Respekt aufgenommen und halten Vorträge.“ Allerdings glaubt Krishna Chandra, dass diese Ansichten insgeheim „out“ seien, dass man eine andere Meinung habe im Tempel, auch wenn man den Sprechern mit Respekt begegnet. Der Respekt sei Formsache gegenüber den älteren Schülern.
Sowieso ist Krishna Chandra mit der Verehrung jedes minutiösen Details von Prabhupadas Aussagen nicht einverstanden. Er ist der Ansicht, dass jede spirituelle Führerfigur den kollektiven Konditionierungen seiner Zeit erlegen sei, so auch Prabhupad. Deswegen sei er weder unfehlbar noch unhinterfragt zu zitieren.

 

Die Tendenz zum Prabhupada-Fundamentalismus zeigt sich übrigens auch in den USA in einer von der ISKCON abgespaltenen Gruppe namens IRM (ISCKON Revival Movement), die die Schriften, Entscheidungen und Aussagen des Gründers so interpretiert, dass Prabhupad nach eigener Aussage der eigentliche, ausschliessliche Guru sei und dies auch nach seinem Tod bleiben müsse. Demnach seien alle Guru-Reformen ungültig und ein Missverständnis des Anliegens des Gründers. Die Gruppe gibt eine Zeitschrift mit dem Namen „Back to Prabhupada“ heraus. Ihr Anspruch liegt darin, die ursprüngliche Hare-Krishna-Bewegung wiederherzustellen. Alle Regeln und Inhalte der ISKCON sind in den Augen der IRM auf Prabhupada zurückzuführen und seien unbeweglich für alle Zeiten von ihm festgelegt. (23)

2.3. Darstellung der aktuellen Situation des Zürcher Tempels: Das Gebäude

Das Tempelgebäude an der Bergstrasse 54 am Zürichberg ist eine ehemalige Bankiersvilla. Seit 1981 haust die ISKCON in dem vierstöckigen, geräumigen Bau, der Tempel befindet sich im Erdgeschoss. Frauen und Männer, die hier wohnen, schlafen in getrennten Räumlichkeiten, im Keller die Frauen, in den oberen Stockwerken die Männer. Der persönliche Besitz wird beim Eintritt entweder zurückgelassen oder weggesperrt, beim eventuellen Austritt kann dann wieder darauf zurückgegriffen werden.

Organisation und Tempelleitung

Während den Wirren um die Guru-Nachfolge von Vishnupad nach 1998 hatte sich vorerst ein siebenköpfiges Gremium, oben erwähnter Tempelrat, gebildet. Eine Weile lang gab es keinen verantwortlichen GBC mehr, und keinen Tempelpräsidenten, es wurde sogar darüber diskutiert, ob der Tempel verkauft werden solle. Daraufhin gründete man den Verein KGS, Krishna Gemeinschaft Schweiz. Krishna Chandra erzählt, dass er Gründungsmitglied des Vereins war, der anfänglich einen relativ ISKCON-unabhängigen Kurs fuhr. Mittlerweile sei der KGS aber wieder ganz klar ISKCON-fokussiert. Der KGS sollte sich fortan um das Wohl des Zürcher Tempels bemühen und fungiert noch heute als Förderverein der ISKCON Zürich (24). Ein Beitritt ist für jedermann möglich, die Monatsgebühr beträgt 50 Franken. Der Beitritt bleibt aber auch für Devotees freiwillig, selbst wenn man im Tempel lebt. Der Verein besteht aus fünf bis sieben Personen vom Zürcher Tempel, welche in der Vollversammlung gewählt werden. Zur Zeit gibt es keinen Jahresbericht des KGS.

Die lokale Tempelkultur ist zwar beeinflusst und überwacht durch die GBC, bis zu einem gewissen Grad ausschlaggebend für die vorherrschende Praxis der Auslegung ist jedoch die jeweilige Tempelleitung. Je nach Tempelpräsident werde eben etwas anders mit der Lehre umgegangen, so Krishna Chandra. Er selber habe gerne auch gelegentlich dem einen oder anderen Devotee beispielsweise vorgeschlagen, dass er zu Chanten aufhören solle. „Ich mache es selber [das Chanten, JS], und ich mache es sehr gerne, aber man sieht gewisse Momente in der Entwicklung von einem Wesen, da muss man einfach stoppen.“ Solche individuellen Ratschläge seien aber nicht möglich in einem System von Vorgaben, wie es die ISKCON sei. Sie markierten einen Regelbruch, obwohl der Ratschlag für das Individuum in seiner spirituellen Entwicklung möglicherweise weiterführe als die institutionalisierte Regel. Krishna Chandra war offensichtlich an die damaligen Grenzen des Spielraumes eines Tempelpräsidenten geraten.

Seit Krishna Chandras Distanzierung von der ISKCON 2002 sind die Vorgänge institutionalisiert. Der Zürcher Tempel hat seither ein neues, vereinsgerechtes Verwaltungssystem entwickelt. Es gibt einen Tempelvorstand und einen offiziellen Tempelpräsidenten. Letzterer wird jeweils vom KGS-Vorstand vorgeschlagen und anschliessend von der KGS-Vollversammlung bestätigt. Der erste Präsident nach seinem eigenen Ausstieg, so Krishna Chandra, sei konservativ gewesen. Für dessen Nachfolger und gegenwärtigen Amtsinhaber Krishna Prem (Christoph Truttmann) hingegen findet er gute Worte, dieser sei ein aufrichtiger und wacher Mensch.


Der Tempelvorstand, der im April 2009 aus drei Devotees besteht, erneuert sich, indem die bereits bestehenden Mitglieder eventuelle Neumitglieder wählen. Dieser Tempelvorstand soll, so Sacisuta, in erster Linie den Präsidenten entlasten und organisatorische Arbeiten mittragen sowie Beratung für anstehende Entscheidungen liefern. Es handle sich, so die Pressesprecherin, vor allem um praktische Entscheide im Haushaltsführung und in der Organisation des Tempels.


Der GBC, der Vertreter der ISKCON-Organisation auf internationaler Ebene, komme gelegentlich zu Besuch im Tempel und stütze den Tempelpräsidenten in seinen Entscheidungen, er nehme an den verschiedenen organisatorischen Sitzungen teil um sich einen Eindruck vom Geschehen zu machen, fungiere hier auch als Kontrollinstanz.

 

Ganz aktuell befindet sich die ISKCON Zürich gerade in einer Umbruchsphase: Erst kürzlich sei der für die letzten sieben Jahre zuständige GBC, Param Gati Swami, aus dem ISKCON-Management zurückgetreten. Die neue Zuständige sei eine Frau aus Deutschland, von deren Führungsstil man noch nicht viel wisse.

Missionierung, Einführungskurse, Einweihung

In Zürich wurde in den achziger und neunziger Jahren aktiv auf den Strassen missioniert, der Bücherverkauf wurde von einer vom Tempel eigens dafür eingesetzten Crew durchgeführt, Mantras öffentlich gemeinschaftlich gesungen. Heute sind es nur noch vereinzelte Devotees, die in ihrer Freizeit Bücher verteilen und man hält sich allgemein mit der Missionierung eher zurück. Mit ein Grund dafür sind die schwindenden Zahlen von Tempelbewohnern sowie der veränderte Lebensstil der Devotees, so Sacisuta.


Der Tempel in Zürich bietet regelmässig dreimonatige Bhakti-Yoga-Seminare an, die als eine Art Einführungskurs in die ISKCON-Grundlagen und Praxen verstanden werden können. (25) Wer sich dann ernsthaft für ein Krishna-geweihtes Leben interessiert, kann in den Tempel einziehen, und vor seinem Guru ein Gelübde ablegen. Es gibt zwei Stufen der Einweihung: beim ersten Gelübde bekommt der Devotee seinen neuen Namen und eine Gebetskette; bei der zweiten Einweihung, die als „Priesterweihe“ verstanden werden kann, bekommt der Devotee ein geheimes Mantra, das Gayatri-Mantra, das eine Voraussetzung für die Altarverehrung ist. Nicht jeder Devotee wird eine zweite Einweihung durchlaufen. Nach eigener Aussage ist die Länge des Tempellebens frei wählbar und nicht relevant für die Einweihung. Es gibt, so Sacisuta, viele eingeweihte Devotees, die nie im Tempel gelebt haben und einige, die im Tempel gelebt haben und nicht eingeweiht sind.

Ausstieg

Ganz allgemein lässt sich sagen, dass nach wie vor eine hohe Fluktuation im Zürcher Tempel besteht. Viele Interessierte leben eine zeitlang im Tempel, und verlassen ihn auch relativ bald wieder. Erhart hierzu: „Neunzig Prozent der Leute sind, wie ich, ins Krishna-Bewusstsein gegangen und wieder weg. Diejenigen, die für immer bleiben, sind eine Minderheit. Die meisten kommen und gehen wieder. Mal reinschauen, dann etwas anderes machen.“

Von Seiten des Zürcher Tempels wird betont, dass man, im Gegensatz zu den achtziger Jahren, Gläubige, die aus dem Tempelleben aussteigen wollten, in ihrem Prozess des Wiedereintrittes in die Welt begleite. Man lasse sie weiterhin im Tempel leben, bis sie eine Arbeit und einen Wohnort gefunden haben und respektiere ihre Entscheidung.
Tatsächlich scheinen die Tempelbewohner kaum mehr dauerhaft bei ihrem Entschluss zu bleiben: Die Leute, die vor sieben Jahren im letzten „Novizenkurs“ von Krishna Chandra teilgenommen hatten, sind heute bereits die Ältesten im Tempel. Die restlichen Mitglieder aus früheren Jahren haben die Affinität mit dem Tempel wieder verloren.
Krishna Chandra meint, dass es beim Ausstieg oftmals nicht an der Identifikation mit den Inhalten mangle. Das sei eine weitere Eigenart der ISKCON: die meisten der Aussteiger bleiben in irgendeiner losen Art und Weise mit der Lehre des Krishna-Bewusstseins oder des Gaudiya-Vaishnavismus verbunden. Nur selten wende sich jemand völlig von den theologischen Inhalten ab, die er in der Zeit in der ISKCON kennengelernt hat. Die Kehrseite, die ebenso typisch für ISKCON-Aussteiger ist: Auch konfliktträchtige Inhalte wie zum Beispiel der Guruismus oder auch das Karmakonzept werden durch einen Austritt oftmals nicht in Frage gestellt.
Oft bezieht sich die Kritik dieser Aussteiger auf die Institutionalisierung der Religion überhaupt oder auf die Art und Weise, wie die Organisation die Inhalte vermittle. Krishna Chandra meint dazu: „Auch die Ehemaligen, die ziemlich ausgebrannt waren vom Tempelleben, hegen nicht unbedingt einen Groll gegen die theologischen Inhalte, die sind ihnen immer noch ein Grundwert. Aber so wie die Theologie im Tempel gelebt wird, ist es offensichtlich keine Struktur, die auf lange Sicht etwas Nachhaltiges vermitteln kann.“

Tempelleben vs. grhastas

Wenn von den Tempelbewohnern gesprochen wird, so meint man heute nur mehr einen Teil den ISKCON-Mitgliedern. Denn eine bedeutende Veränderung der ISKCON im letzten Jahrzehnt besteht zweifellos darin, dass heute auch sogenannte grhastas (Aussprache: „grihastas“) oder „Haushälter“ unter den Devotees akzeptiert sind. Im Gegensatz zu der Zeit davor, in der ISKCON-Mitglieder angehalten waren, als Devotees im Tempel zu leben und  der Welt ganz zu entsagen, leben heute die meisten Gläubigen ausserhalb des Tempels und besuchen diesen nur für die Durchführung von Ritualen, an Festtagen und für Vorträge oder Seminare. Diese ausserhalb des Tempels lebenden Gläubigen werden grhastas genannt. Damit ist gemeint, dass solche Gläubige einen eigenen Haushalt besitzen, dass sie also nicht nur im Tempel leben. (26) Das krishna-bewusste Leben wird in den weltlichen Alltag integriert und individuell betrieben, so wird – nach eigenem Ermessen – auch im eigenen Zuhause das Chanten gepflegt und die vier Prinzipien eingehalten. Und tatsächlich gibt es viele ISKCON-Mitglieder, in Zürich heute die Mehrheit der Devotees, die neben ihrer Zugehörigkeit zur Ordensgemeinschaft eine Familie haben, die berufstätig sind oder eine Ausbildung absolvieren.

Die Lockerung der Bindung zur Institution soll nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Devotees ein ebenso ausschliesslich der ISKCON gewidmetes Leben annehmen mögen, wie es in einem klösterlich geführten Leben vorgeschrieben wäre. Ausserdem ist zu bemerken, dass die Verschiebung auf die Selbstkontrolle im individuellen Umgang eines Devotees mit der Lehre nicht Abhängigkeiten oder andere mögliche destruktive Tendenzen verhindert.
Dass diese Art von Lebenswandel möglich ist, ja mittlerweile vom überwiegenden Teil der Praktizierenden gewählt wird, deutet allerdings darauf hin, dass die Abgrenzung der Gruppe von der sie umgebenden Gesellschaft weniger absolut als vor noch einigen Jahren gelebt wird. Es scheint, als werden weltliche Anteile des Lebens ein Stück weit in die religiöse Anschauung integriert oder zumindest toleriert. Krishna Chandra meint zu diesem Phänomen, dass die ISKCON allgemein gesellschaftsfreundlicher geworden sei. Die Abwertung der Aussenwelt und die spirituelle Arroganz habe nachgelassen, weil man gemerkt habe, dass der isolierende Effekt ungesund sei.
Die Mitgliedschaft schreibt also nicht mehr ein Tempelleben vor, sondern ermöglicht neben der religiösen Praxis einen bis zu einem gewissen Grad weltlichen, gesellschaftskonformen Lebensstil. Trotz dieser Entwicklung kann es natürlich vorkommen, dass Devotees sich innerlich stark von ihrer Umwelt abgrenzen und ein sehr ausschliessliches und weltabgewandtes Leben führen.

Finanzen

Im Gegensatz zu noch vor einigen Jahren hat der Tempel den instituttionell organisierten Buchverkauf, der in den Anfangsjahren die sehr einträgliche Haupteinnahmequelle der ISKCON war, eingestellt. Im Eingangsbereich des Zürcher Tempels befindet sich zwar noch ein Verkaufsstand mit Büchern und Devotionalien. Der Tempel lebt aber mittlerweile von den Spenden der Devotees und von indischen Migranten und Tamilen, die die Räumlichkeiten für ihre Feiern nutzen und auch an den regelmässigen Ritualen der ISKCON teilnehmen. So hat die Tamilische Krishna Gemeinde, Swiss Tamil Krishna Society (STKS), ihren Sitz auch im Tempel an der Bergstrasse. Sonntags wird jeweils zweimal gefeiert: am Morgen auf Tamil, am Nachmittag auf Deutsch. Grössere Feiern werden gemeinsam organisiert.


Die ISKCON-Devotees ausserhalb des Tempels führen ihre eigenen Kassen und spenden, was ihnen möglich ist. Die finanzielle Lage ist eher prekär. So musste zum Beispiel für eine dringende Renovation des Tempelhausdaches ein eigener Spendenaufruf in der Krishna-Gemeinde getätigt werden, da die Arbeiten auf andere Weise nicht hätten vorgenommen werden können. Das Tempelgebäude ist Besitz der SSKB (Schweizerische Stiftung für Krishnabewusstsein). Die Stiftung ist daran, die Hypothek abzubezahlen. Die Tagesgeschäfte des Tempels und die notwendigsten Dinge der Bewohner werden aus der KGS-Kasse bezahlt. Darunter fallen Dinge wie Nahrung, Putzmittel, neue Schuhe etc.


Während also früher die Finanzierung des Tempels hauptsächlich durch den Buchverkauf zustande kam, sind es heute Spenden von Mitgliedern und Sympathisanten, die seine Existenz sichern. Es gäbe den Buchverkauf zwar schon noch, aber nur noch punktuell, zudem laufe er jetzt unabhängig vom Tempel.

Umgang mit der Öffentlichkeit

Die ISKCON bemüht sich schon seit längerem um eine offene Kommunikation. Vorab ist hier anzumerken, dass eine liberale und differenzierte Kommunikation nach Aussen nicht unbedingt mit den internen Praxen übereinstimmen muss – eine kritische Haltung ist auch hier angebracht.


So wurde zum Beispiel Sektenspezialist Georg O. Schmid mehrmals zu den jährlichen Bhakta-Kurse eingeladen, die der Einführung der Krishna-Novizen in die Lehren und Praktiken der ISKCON dienen. Dies kann als eine Öffnung und Dialogbereitschaft der ISKCON, aber auch als eine Strategie des integrativen Umgangs mit potentiellen Kritikern gedeutet werden, mit dem Zweck, diese für sich einzunehmen. Schmid ist der Einladung gefolgt und bescheinigt, dass er bei dieser Gelegenheit mit den Teilnehmern jeweils die Frage der Sektenhaftigkeit der ISKCON diskutiere. „Wir erwogen, welche Merkmale [der Merkmalliste „Gefährliche Gemeinschaften“] in welchem Mass auf die ISKCON zutreffen. Dass sich der Hare Krishna Tempel in Zürich dieser Diskussion stellt, ist aus sektenkundlicher Sicht sicher ein gutes Zeichen.“ Ob die ISKCON sich hierbei der von Schmid eingebrachten Diskussion ernsthaft stellt oder ob es nur Lippenbekenntnisse der Gruppe sind, kann schwer ermittelt werden.


Aber auch in ungekehrter Richtung wird die ISKCON an die Öffentlichkeit gebeten und folgt dem Ruf: Das Zürcher Forum der Religionen lud im Rahmen der „Woche der Religionen“ 2008 sowohl zum Besuch des im Umland der Stadt liegenden Hindu-Tempel als auch in den ISKCON-Tempel ein. Auch von der Universität Zürich wurde die ISKCON im Rahmen einer religionswissenschaftlichen Tagung  zu „Neuen Religiösen Bewegungen“ 2008 neben anderen Gruppierungen behandelt und die ganze Tagungsgruppe wurde anschliessend durch den Tempel am Zürichberg geführt und bekocht.
Das Forum der Religionen betrachtet die ISKCON als eine Religionsgemeinschaft unter anderen. Auch im religionswissenschaftlichen Diskurs wird die ISKCON nicht mehr als Sekte gehandelt, sondern als neue religiöse Bewegung. Allerdings unterliegt dieser Definition nicht eine interreligiöse Annäherungsabsicht, sondern vielmehr die Meinung, dass der Begriff des Fundamentalismus den Sektenbegriff als diskursive Alterität abgelöst habe. Die Frage in diesem Sinne lautete also nicht mehr: Ist die ISKCON eine Sekte? Sondern: In welchen Bereichen verhält sich die ISKCON fundamentalistisch? (27)

Interne Diskussionskultur

Auf die Frage nach der internen Diskussionskultur bezüglich beispielsweise den praktizierten Ritualen, antwortet man im Tempel, es bestehe eigentlich kein Bedürfnis danach, die Rituale zu diskutieren oder zu hinterfragen. Sie seien so konzipiert, dass jeder auf seine Art und Weise daran partizipieren könne. Grundsätzlich stellt sich also die Frage, ob die interne Diskussionskultur Kritik erlaubt oder ob die Lehre und die Praxis unhinterfragt angenommen werden.
Gewisse Themen, wie zum Beispiel der Umgang mit den vier Prinzipien, wird offenbar im Tempel immer wieder diskutiert. Nach eigener Aussage sind Ghrastas nicht unbedingt verpflichtet, diese einzuhalten. Die Prinzipien werden in diesem Bereich offenbar nicht als strenges Regelwerk sondern vielmehr als Empfehlung aufgefasst. Für die Devotees, die hingegen im Tempel leben, gelten die Prinzipien.
Krishna Chandra macht in der Gruppe ganz grundsätzlich, ob im Umgang mit ihren heiligen Schriften oder mit der Lehre selber einen Mangel an Reflektion aus. Man reflektiert seiner Meinung nach häufig nicht, dass man eine von verschiedenen möglichen Interpretationen vornimmt, wenn man einen Text liest oder ein Ritual ausführt. Zu begreifen, dass diese Vorgänge Interpretationen sind, heisst, zu verstehen, dass ihre Bedeutung auch anders lauten könnte, die Handlungen auch reflektiert und kritisiert werden können.


Zum Bereich der kritischen Kommunikation innerhalb der Gruppe gehören auch diverse Internetforen, die heikle Punkte der Lehre thematisieren und politische Entscheide der GBC hinterfragen. Es ist allerdings schwer auszumachen, wer hinter diesen Seiten steht, und ob diese Stimmen auch im Tempelalltag Relevanz haben. Ein Beispiel der Selbstdarstellung der Betreiber eines Forums namens Chakra; „We, the editors, consider ourselves ISKCON-friendly, but Chakra, as an open forum for variegated ideas and opinions, is not formally or directly affiliated with either ISKCON or the GBC“. (28) Da jedoch nicht auszumachen ist, wie stark die Forumbetreiber mit ISKCON affiliiert sind, sind diese Diskursplattformen nicht eindeutig zur internen Diskussionskultur zu zählen.

Fazit

Insgesamt kann man von einer strukturellen Öffnung der Kommunikation ausgehen. Im letzten Jahrzehnt hat sich die Guru-Autorität gelockert und Mitglieder der ISKCON können eine alltagskompatiblere Form der Religiosität leben, da in der Gruppe nun auch ghrastas akzeptiert sind. Frauen haben die Möglichkeit, gurvi zu werden, und der Dialog von Seiten der ISKCON wird gegenüber der Öffentlichkeit gesucht, die Schwelle zum Ausstieg ist niedriger geworden, nach eigenen Aussagen der Gruppe werden Ausstiegswillige in ihrem Vorhaben unterstützt.


Vorbehalte bezüglich der ISKCON betreffen aber die Stellung Prabupadas und seiner Schriften in der religiösen Praxis. Beobachter warnen vor einem potentiell vorhandenen Prabhupada-Fundamentalismus, der die Mitglieder in eine unkritische und abhängige Position versetzen würde. Die strukturellen Lockerungen weisen also nicht selbstredend auf einen kritikfähigen Umgang mit der Lehre Prabhupadas hin, geistige Unmündigkeit der Mitglieder ist hier eine Gefahr.

3. Die Perspektive der Angehörigen

Wie oben dargelegt, führen gewisse Veränderungen in der ISKCON zu offeneren Strukturen und zu mehr Freiheiten für die Mitglieder. Trotzdem können Elemente wie beispielsweise der „Prabhupada-Fundamentalismus“ oder das Prinzip der absoluten Hingabe zu Konflikten in Familie oder Freundeskreis führen. Das Ausgeschlossensein der Angehörigen scheint  immer noch häufig zur Realität der ISKCON-Thematik zu gehören.


Die Kommunikation zwischen ISKCON und der Aussenwelt ist nicht nur in Bezug auf die Religionswissenschaft oder Theologie relevant, vielmehr möchten wir hier der Perspektive der Angehörigen Raum geben. So wie Mitgliederzahlen der ISKCON Zürich niedrig sind, so waren auch auf der Betroffenenseite wenig Ansprechpartner ausfindig zu machen. Zwei Angehörige von ISKCON-Mitgliedern haben schliesslich ihre Sicht der Dinge im Gespräch dargelegt. In gekürzter Fassung möchten wir sie zu Worte kommen lassen.

Frau Seger*: Vorgeschichte und Bezug zu ISKCON

Frau Segers Tochter, heute 50-jährig, ist seit 1981/82 bei der ISKCON. Sie ist über ihren damaligen Freund mit der Gruppe in Kontakt gekommen. Zuerst blieb es bei von der Familie unbemerkten Besuchen im Zürcher Tempel. Als sich das Paar jedoch während einer längeren Weltreise in einem Tempel in Neuseeland einquartierte, wurde die Tochter Mitglied. Frau Seger berichtet, dass der Einstieg, den die Tochter in einem Brief kommuniziert hatte, für alle Angehörigen sehr unerwartet kam. Bis zur Weltreise sei der Kontakt immer problemlos gelaufen. Die Tochter wohnte nach ihrer Rückkehr von der Reise für eine kurze Zeit bei den Eltern. Die Situation entpuppte sich aber für beide Seiten als sehr schwierig. Sie zog bald in den Zürcher Tempel, dort hielt sie es aber nach einiger Zeit auch nicht mehr aus und bat die Eltern, sie nach Hause zu holen. Psychisch sehr labil wurde sie zwei Wochen später in die geschlossene Abteilung einer psychiatrischen Klinik eingeliefert, später wieder entlassen, um bei einer ISKCON-Familie zu leben. Seither lebt sie in verschiedenen Tempeln der ISKCON. Mittlerweile ist auch die Enkelin von Frau Seger in der Gruppe aufgewachsen. Sie lebt in Indien und erzieht wiederum Frau Segers Urenkelin, zweijährig, im Sinne der ISKCON.

Frau Segers Erfahrung

Sowohl die Tochter als auch die Enkelin sind kaum zu kontaktieren, meist ist deren Aufenthaltsort Frau Seger nicht bekannt. Wenn beispielsweise die Enkelin einen Besuch in der Schweiz ankündige, müsse sie sich nach der Ankunft immer erst von der Reise erholen, das dauere zwei, drei Wochen. Diese Zeit versucht Frau Seger trotz Vorfreude auf das Treffen zu respektieren. Jedoch kommt es vor, dass die Tochter, wenn Frau Seger sich dann meldet, bereits wieder abgereist ist. Frau Seger ist sehr enttäuscht über die grundsätzliche Unzugänglichkeit der Tochter und der Enkelin, und dass es jedes Mal erneut unmöglich sei, sich auf eine Begegnung einzulassen.
Die Enkelin bleibe jeweils nur kurz in der Schweiz. Sie sage, sie könne diese Welt hier nicht mehr verstehen, diese Realität gar nicht verkraften. Die Herkunftsfamilie sei in den Augen der ISKCON-Mitglieder inexistent, so Frau Seger.
Als die Tochter in den 80ern nach der Weltreise nach Hause gekommen sei, sei sie seltsam gewesen. Frau Seger und ihr Mann hatten erwartet, nun endlich mit ihr über ihren neuen Glauben reden zu können, stattdessen habe sie bereits in den ersten Minuten nach ihrer Ankunft am Flughafen versucht, die Eltern zu missionieren. Dies war eine sehr schwierige Situation für die Eltern, die sich überfordert fühlten.
Es sei unmöglich, mit der Tochter in Beziehung zu treten, ein wirkliches Gespräch zu führen, nur noch über ganz belanglose Dinge könne man reden, zum Beispiel über das Wetter. Sobald andere Themen angesprochen werden, wende sich die Tochter ab oder es komme zu Streitigkeiten. Für die Eltern ist es schwierig, dass die Beziehung so festgefahren ist.
Die Tochter ass plötzlich nichts mehr, von dem, was üblicherweise zuhause gekocht würde. Selbst vegetarisches Essen, das die Mutter zubereitete, wurde abgeleht, da es nicht Krishna-geweiht war. Selbst im Restaurant habe sie sich stets verweigert, vehement auf ihren Grundsätzen beharrt.
Nach dem Aufenthalt der Tochter in der psychiatrischen Klinik seien Mutter und Tochter erstmals wieder spazieren gegangen, die Tochter habe im Restaurant einen Kaffee bestellt. Frau Seger war voller Hoffnung wegen des Details, denn Kaffee dürften die Devotees nicht trinken. Als die Mutter die Tochter dann auf die Zukunft ansprach, darauf, wie sie ihren Bezug zur ISKCON sehe, da habe die Tochter auf einen Schlag ganz heftig erwidert „Wenn du noch einmal etwas sagst, steche ich dir ein Messer ins Herz“ – Frau Seger erschrak zutiefst. Noch heute sagt sie, dass sie von diesem Moment an vorsichtig geblieben sei, im Grunde habe sie vor ihrer eigenen Tochter Angst.
Frau Seger findet, die ISKCON betreibe eine Art Gehirnwäsche. Man lebe ausschliesslich für Krishna, es sei ein Fanatismus. Bei einem Besuch in Indien auf dem Gelände der Gruppe habe sie eindrücklich miterlebt, wie morgens um vier Musik über dem Gelände ertönte und wie der Tagesablauf vonstatten ging. Das Mantra gehe nicht mehr aus den Ohren. Sie könne den Sog der Gruppe nachvollziehen.
Damals, als die Tochter beitrat, sei man kaum für das Thema sensibilisiert gewesen, es habe kaum Sekten-Literatur gegeben. Frau Seger und ihr Mann waren völlig auf sich gestellt im Umgang mit der Situation. Frau Seger ist entsetzt darüber, dass es der ISKCON-Bewegung gelinge, sich als Weltreligion zu positionieren. Der Fokus auf den religiösen Aspekt verdecke, dass sich durch die Mitgliedschaft eine Dynamik entwickelt, die auch problematische Auswirkungen auf das soziale Umfeld haben kann.

Hier bleibt anzumerken, dass Personen oftmals in einer Gruppe Halt suchen, um ihre schwierige Situation zu stabilisieren. Die Gruppendynamik kann den Zustand aber verschlimmern.

Frau Maiberger*: Vorgeschichte und Bezug zu ISKCON

Frau Maiberger ist Mutter eines ISKCON-Mitgliedes. Sie möchte anonym bleiben, weil sie fürchtet, dass der Kontakt zu ihrem Sohn sonst ganz abbricht. Der Sohn ist seit mehreren Jahren bei der ISKCON und hat während dieser Zeit in Tempeln unterschiedlicher Ländern gelebt. Er war auch ein halbes Jahr in Indien, dort habe er beim Kochen geholfen und „sah nichts vom Land, kam krank aus Indien zurück“. Alles habe ganz harmlos und schleichend angefangen, so Frau Maiberger, ihr Sohn habe die Kochkurse der ISKCON besucht, dann habe er zunehmend den Kontakt mit der Welt verloren.

Frau Maibergers Erfahrung

Ihr Sohn sei bei der ISKCON eine andere Persönlichkeit geworden. Während manche sagen, er sehe friedlich aus, findet Frau Maiberger, dass er leblos wirke. Sie habe den Eindruck, er sei nicht glücklich, sei blass, habe keine Ausstrahlung.
Nur alle drei Monate spreche man miteinander, meist auf Initiative der Eltern. Die Treffen sehr unbefriedigend. Er wolle gar nicht reden, über gar nichts. Er werde immer weniger gesellschaftsfähig: Durch seine ISKCON-Frisur werde er sofort dieser Gruppe zugeordnet. Er komme immer seltener zu Verwandtschaftstreffen und zeige kein Interesse an Diskussionen. Er wirke freudlos und einseitig, das Interesse am Allgemeinen, an der Welt, habe er verloren: Kein Kino, kein Sport, keine Nachrichten, keine Zeitungen. Vor fünf Jahren habe er noch Zeitung gelesen.
Der Sohn verhalte sich wie ein Süchtiger: Wenn er am Bahnhof auf den Zug zum Tempel warte, könne er es kaum erwarten, er sei übermässig ungeduldig. Wenn er im Tempel nicht arbeite, habe er ein schlechtes Gewissen, weil er dort lebe und esse. Die Mitglieder würden zu Sklaven gemacht, sie funktionierten nur noch. Ihr Sohn tue ihr leid, weil er sich in solche Abhängigkeit begebe.

Schlussfolgerung

Aus Sicht von Angehörigen kann eine ISKCON-Mitgliedschaft nach wie vor sehr problematisch empfunden werden. Phänomene wie völlige Abgrenzung gegenüber der Familie sowie eine sehr ausschliessliche Ausrichtung auf die Gruppe werden von Frau Seger und Frau Maiberger als schmerzhaft und schwierig geschildert.

Glossar einiger Sanskrit-Begriffe

Bhagavad-Gita: „Gesang des Herrn“ (Krishna); Teil des altindischen Epos Mahabharata (ca. 4./3. Jh. v. Chr.); wichtigste Schrift der Bhakti-Tradition.
Bhakti: von „bhaj“ = teilen, teilhaben; eine besondere Form hinduistischer Frömmigkeit; stark gefühlsbetonte (liebende) Hingabe an eine Gottheit bzw. deren Manifestationen.
Chanten: Im Hinduismus Bezeichnung für rituelle Gesänge (sowohl in Tempeln als auch in der Öffentlichkeit) zur Verehrung einer Gottheit.
Guru: Herkunft des Wortes nicht geklärt; evtl. von „gur“ = würdig sein; sprititueller Führer und Lehrer, der in besondere Meditationstechniken einweiht und den Weg zur „Erlösung“ zeigt; von Anhängern häufig als „göttlich“ verehrt.
Kirtan: Rhythmisches Singen (Chanten) eines „heiligen Gottesnamens“.
Sanskrit: Wörtl.: „perfekt konstruierte, kultivierte Rede“; Sprache der vedischen Literatur; religiöse Gelehrtensprache Indiens, etwa der Rolle des Kirchenlateins vergleichbar.
Swami: Wörtl. „Gebieter“, „geistlicher Herr“; geistlicher Würdentitel.
Veda (auch Veden): Wörtl. „Wissen“; altindische heilige Schriften; im engeren Sinne die vier Sammlungen; Rigveda, Samaveda, Yajurveda und Atharvaveda; im weiteren Sinne auch die Brahmanas, Aranyakas und Upanishaden.

 

(Glossar gestützt auf Krech/Kleiminger: Handbuch Religiöse Gemeinschaften und Weltanschauungen.)

Fussnoten

∗ Name geändert.

 

1) "Krishna“ = der Allanziehende und „Rama“ = der Quell der Freude als Anredeformen und „Hare“ als Anrufung der göttlichen Energie. (Nach Rühle/Kunst 1997).
2) Devotee (Engl: Hingegebener): Gläubiger des Krishna-Bewusstseins bei ISKCON.
3) Hier die Einsicht in die aktuellen Zonenzuständigen der GBC: http://www.eurogbc.com/index.php?option=content&task=view&id=6&Itemid=35 (Stand 5. 5. 2009).

4) Krech/Kleiminger: Handbuch Religiöse Gemeinschaften und Weltanschauungen S. 869.
5) Alle Aussagen von Sacisuta entnommen aus dem Gespräch mit ihr am 29.4.2009.
6) Sanksrit für bengalische Vaishnavas.
7) Vgl. Krech/Kleiminger: Handbuch Religiöse Gemeinschaften und Weltanschauungen, sowie Schmid/Schmid: Handbuch Kirchen, Sekten, Religionen.  
8) Vgl. Krech/Kleiminger: Handbuch Religiöse Gemeinschaften und Weltanschauungen, S. 1006.
9) Vgl. Krech/Kleiminger: Handbuch Religiöse Gemeinschaften und Weltanschauungen, S. 854.
10) Vgl. Krech/Kleiminger: Handbuch Religiöse Gemeinschaften und Weltanschauungen, S. 855.
11) Krech/Kleiminger: Handbuch Religiöse Gemeinschaften und Weltanschauungen, S. 1066.

12) Hummel: ISKCON, S. 362.
13) Vgl. Hummel: ISKCON S. 361.
14) Bhagavad-Gita, Übersetzung/Kommentar von A.C. Bhaktivedanta Swami Prabhupada, 1987, 18.44.
15) Alle Aussagen von Rolf Erhart entnommen aus dem Gespräch mit ihm 5.11. 2008.

16) Harikesa Swami ist auch der Verfasser des „Varnashrama Manifest der sozialen Vernunft“, in dem er eine gesamtgesellschaftliche soziale Theorie auf Basis des Kastensystems entwickelt und behauptet. Der gedankliche Versuch, das Varnashramasystem in eine moderne Gesellschaft einzufügen, „führte in eine unfehlbare Theokratie, in der staatliche Gewalt allein religiös legitimiert ist, gestützt durch ein undurchlässiges Kastensystem, das bereits im Klassenzimmer trennt, zu Pressezensur und Gewaltanwendung zur Durchsetzung religiöser Prinzipien.“ (Rühle/Kunst: „Sekten“,1997, S.48.).
Das Manifest fand innerhalb der IKSCON Zustimmung und Widerspruch: Die ISKCON veröffentlichte eine Erklärung Harikesha Swamis, in der er das Manifest als seine persönliche Meinung deklariert, die nicht den offiziellen Standpunkt der ISKCON vertrete. 
So wird im Manifest unter anderem die Todesstrafe legitimiert, mit der Begründung, dass der Mensch, der beispielsweise einen Mord begeht, „aufgrund des karmischen Gesetzes nach seinem Tod Leid ertragen [muss], das noch viel grausamer ist, als eine Hinrichtung von Seiten des Staates. Wenn ein Mörder in Übereinstimmung mit dem religiösen Gesetz hingerichtet wird, wird er gemäss den Gesetzen des Karmas von der Bestrafung nach dem Tode freigesprochen.“(S.176).

17) Zitat aus http://en.wikipedia.org/wiki/Robert_Campagnola (Stand 20. Mai 2009).
18) Alle Aussagen von Rolf Erhart entnommen aus dem Gespräch mit ihm am 15.11. 2008. 
19) Bhagavad-Gita, Übersetzung/Kommentar von A.C. Bhaktivedanta Swami Prabhupada, 1987, 13, 12.
20) Bhagavad-Gita, Übersetzung/Kommentar von A.C. Bhaktivedanta Swami Prabhupada, 1987,  4, 34.
21) http://www.ananda-dham.com.
22) In einem Email an infoSekta, 10.10.2008.
23) Website der IRM: http://www.iskconirm.com/ (Stand Mai2009).

24) Offiziell gibt es keine „ISKCON Zürich“, die Bezeichnung werde aber in Abgrenzung anderer Schweizer Projekte (in Langenthal oder Locarno) zunehmend gebraucht, so Sacisuta.

25) Mehr zum Inhalt des Kurses auf der ISKCON-Webseite: http://krishna.ch/bhakti-yoga-seminar.html (Stand Mai 2009)

26) Die Bezeichnung ghrastas stammt aus einer allgemein-hinduistischen Teilung der Lebensabschnitte oder Ashramas in vier Phasen. Diese Lebensabschnitte lauten: Schüler/Mönch, Haushälter (Ghrasta), Einsiedler und Mönch mit dem Gelübde für ewiges Mönchstum (Sanyasa).

27) In diesem Sinne wurde in der religionswissenschaftlichen Tagung zu „Neuen Religiösen Bewegungen“ an der Universität Zürich 2008 in der Plenumsdiskussion argumentiert.

28) z.B. http://www.chakra.org/contactus/mission.html (Stand Mai 2009).

Quellennachweise

Sekundärquellen

 

Haack, Friedrich-Wilhelm: Guruismus und Guru-Bewegungen. EVP 1982.

 

Hummel, Reinhart: ISKCON. In: Panorama der neuen Religiosität. Hrsg: Hempelmann et al. Gütersloher Verlagshaus 2001.

Krech, Hans und Kleiminger, Matthias: Handbuch Religiöse Gemeinschaften und Weltanschauungen. Gütersloher Verlagshaus, 2006(6) (1978).

Schmid, Georg: Bei allem, was man tut, sich vom Guru führen lassen. In: Berliner Dialog, 3 (1998).

Schmid, Georg und Schmid Georg Otto: Handbuch Kirchen, Sekten, Religionen. TVZ, 2003(7) (1969). 

Rühle, Anne/Kunst, Ina: „Sekten“ – Risiken und Nebenwirkungen. Hrsg: Senatsverwaltung für Schule, Jugend und Sport Berlin,  1997.

 

 

Primärquellen

 

Email von Georg O. Schmid 10.10.2008.

Gespräche mit ehemaligen und aktuellen Mitgliedern sowie Angehörigen von Mitgliedern:
Rolf Erhart (5.11.2008)
Krishna Chandra (21.11.2008)
Sacisuta (29.4.2009)
Frau Seger (23.10.2008)
Frau Maiberger (11.11.2008)

Bhagavad-Gita, Übersetzung/Kommentar von A.C. Bhaktivedanta Swami Prabhupada, Bhaktivedanta Book Trust, 1987.

Appendix

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